Hausbesuch

(Visita en casa / Visite à domicile / Ospiti a casa / Huisbezoek / Visita em Casa)
 
 
Frohmann (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 28. Februar 2017
  • |
  • 252 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-947047-07-9 (ISBN)
 
Über sieben Monate hinweg brachte das vom Goethe-Institut initiierte Projekt zehn bekannte Autorinnen und Autoren aus den Ländern Portugal, Spanien, Frankreich, Luxemburg, Belgien, Italien und Deutschland mit Privatleuten ins Gespräch. So sind zehn literarische Miniaturen entstanden: David Wagner lernt in Barcelona, dass Oliven gut für Träume sind. Und trotzt in Mannheimer Gärten den Widrigkeiten des Wetters.


A lo largo de siete meses, el proyecto impulsado por el Goethe-Institut ha invitado a diez escritores reconocidos de Portugal, España, Francia, Luxemburgo, Bélgica, Italia y Alemania a encontrarse con ciudadanos de estos países. El resultado fueron diez miniaturas literarias: David Wagner aprendió en Barcelona que las aceitunas también sirven para soñar. Y en los jardines de Mannheim tuvo que soportar los inconvenientes del tiempo.

Pendant plus de sept mois, ce projet du Goethe-Institut a mis en contact dix écrivains connus, de sept pays différents (Allemagne, Belgique, Espagne, France, Italie, Luxembourg, Portugal) avec des personnes, dans l'intimité de leur foyer. Il revenait ensuite aux écrivains de raconter par l'écriture les expériences qu'ils avaient vécues. C'est ainsi que dix miniatures littéraires ont vu le jour : A Barcelone, David Wagner apprend que les olives sont bonnes pour les rêves. Dans les jardins de Mannheim, il brave les contrariétés du temps.

Per sette mesi, il progetto avviato dal Goethe-Institut ha permesso a dieci autrici e autori noti - provenienti dal Portogallo, dalla Spagna, dalla Francia, dal Lussemburgo, dal Belgio, dall'Italia e dalla Germania - di incontrare e parlare con molti privati cittadini. Così si sono delineate dieci miniature letterarie: David Wagner ha capito a Barcellona che le olive promuovono i sogni. E nei giardini di Mannheim ha contrastato le avversità meteorologiche.

Dit project, een initiatief van het Goethe-Institut, bracht over een periode van zeven maanden tien bekende schrijfsters en schrijvers uit Portugal, Spanje, Frankrijk, Luxemburg, België, Italië en Duitsland met mensen in gesprek. Op die manier ontstonden tien literaire miniaturen: David Wagner komt in Barcelona te weten dat olijven goed zijn voor dromen, en trotseert het onaangename weer in tuinen in Mannheim.

Durante sete meses, o projecto da iniciativa do Goethe-Institut levou dez autoras e autores conhecidos, vindos de Portugal, Espanha, França, Luxemburgo, Bélgica, Itália e Alemanha, para encontros com pessoas comuns. Surgiram assim dez miniaturas literárias: David Wagner aprende em Barcelona que as azeitonas são boas para os sonhos. E desafia, nos jardins de Mannheim, as contrariedades do tempo.
E-Book-Originalausgabe
  • Französisch
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  • Deutsch
  • Berlin
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  • Deutschland
  • An Europa, an Literatur, an Mehrsprachigkeit interessierte Menschen
Foto des Autors von A. Janetzko
  • 0,28 MB
978-3-947047-07-9 (9783947047079)

David Wagner
Hausbesuch


1


Nein, natürlich habe ich nichts dagegen, zu Fuß zu gehen, im Gegenteil, sage ich zu Albert, der mich im Hotel abholt. Albert ist Katalane, Anfang dreißig, hat dunkle Haare, braune Augen, trägt ein Jackett und einen Fünf-Tage-Bart. An zwei Tagen in der Woche arbeitet er für das Goethe-Institut Barcelona, wir sehen uns zum ersten Mal.

Wir spazieren, es ist ein warmer Abend im Mai, am neo-maurischen Arc de Triomf vorbei, durch Sant Pere und das Barri Gòtic bis zur Rambla Sant Josep. Ja, unsere Gastgeber Montse und Dietrich wohnen tatsächlich auf der Rambla, der berühmtesten Straße Barcelonas. Wir sind uns nie zuvor begegnet, - trotzdem bitten sie uns, vermittelt durch das Goethe-Institut, zu sich nach Hause. Es wird etwas zu essen geben. Ob sie nett sind? Wer wildfremde Menschen aus einem anderen Land zu sich nach Hause einlädt, kann kein böser Mensch sein, oder? Montse, so viel weiß ich, hat hier in der Stadt einmal ein kleines Theater geführt, ihr Mann Dietrich lebt seit 1979 in Barcelona und war früher Tänzer, heute hat er mit Opernproduktionen zu tun. Sie haben einen Sohn, er lebt in Berlin.

Die beiden empfangen uns oben an der Wohnungstür im vierten Stock - und ich weiß sofort, wir sind bei den freundlichsten Menschen zu Gast. Montse strahlt, Dietrich bringt die Konversation in Gang. Und obwohl wir uns solche Mühe gegeben haben, nicht zu pünktlich zu kommen, sind Albert und ich nun doch die ersten Gäste. Durch den Wohnraum werden wir auf die riesige Terrasse geführt, die sich bis vor an die Rambla erstreckt. Staunen. Ist das großartig! Es gehe sogar noch eine Etage höher, sagt Dietrich, der ursprünglich aus Ludwigshafen stammt, im Laufe des Abends aber nur ein einziges Mal, viel später, einige Sätze auf Deutsch mit mir spricht. Durchs Treppenhaus steigt er mit uns auf das Gemeinschaftsdach hinauf, früher, sagt er, sei hier die Wäsche gewaschen und getrocknet worden. Die paar Höhenmeter mehr ermöglichen die Aussicht über die Dächer der ganzen Stadt - und wie dicht bebaut sie daliegt, eingeklemmt zwischen den Bergen, dem Montjuïc und dem Meer. Dietrich, in dessen geschmeidigen Bewegungen ich nun den früheren Tänzer erkennen möchte, erzählt von einer gar nicht kleinen Hanf-Plantage, die ein Nachbar einmal auf dem Dach nebenan angelegt und von der aus es ziemlich süßlich bis in ihr Schlafzimmer hinein gerochen habe. Heute sei hier das Reich der Möwen und der Klimaanlagen. Große weiße Kästen stehen herum.

 

Als wir wieder unten auf der Terrasse sind, stellt Montse mich Manuela Aznar vor, einer sehr freundlichen älteren Dame, die einst ihre Französischlehrerin war. Und dann, viel später, lustigerweise auch die Lehrerin von Marta, einer 24-jährigen Filmproduzentin, die mittlerweile ebenfalls eingetroffen ist. Montse erklärt den Hinzugekommenen, dass wir heute Castellano (die Sprache, die im Deutschen Spanisch genannt wird) und nicht Català sprechen. - Wäre ich nicht da, fände dieser Abend selbstverständlich auf Katalanisch statt. Mir ist das nun fast ein wenig peinlich. Hätte ich doch mal Katalanisch gelernt...

 

Ich probiere von den schwarzen Oliven und den Sardellen, die auf einem kleinen Tisch bereitstehen. Weingläser werden gefüllt. Oliven sind gut für gute Träume, sagt die ehemalige Französischlehrerin. Und die Sardelle sei die Cousine der Sardine. Ich lerne, dass schwarze Oliven in Spanien auch olivas muertas, also tote Oliven heißen. Und dass Oliven in Spanien einst als Dessert gereicht wurden, daher, sagt Montse, heiße es im Don Quijote über jemanden, der zu spät zum Essen komme, »er komme erst zu den Oliven«. Na, dann sind wir wohl ein wenig zu spät, sage ich und stecke mir eine weitere tote Olive in den Mund. Sie schmecken köstlich. Erst jetzt fällt mir auf, wie viele Pflanzen auf dieser Terrasse blühen und duften, es ist ein kleiner Topf- und Kletterpflanzenwald. Und sehe ich nun tatsächlich einen Kolibri zu einer Blüte fliegen? Einen Kolibri? Über den Dächern von Barcelona? Oder träume ich schon, vom Wein oder von den Oliven? Nein, sagt Dietrich, es stimme schon, ein Kolibri.

 

Nach und nach tröpfeln weitere Gäste ein, die Terrasse füllt sich. Victoria Bermejo, Schriftstellerin und Filmemacherin, trifft ein, dann Toni Rumbau, ein Puppenspieler und Puppenspielforscher, auch er hat einmal ein Theater geleitet. Und alle sprechen Castellano, mir zuliebe. Der Wein ist kühl und gut, und ich erzähle, und das gleich einige Male, wie sehr ich mich freue, nach 17 Jahren endlich wieder hier zu sein. So lange, viel zu lange bin ich nicht in Barcelona gewesen. 1995, 1998 und 1999 habe ich jeweils ein oder zwei Monate hier verbracht und bin sicher hundert Mal an diesem Haus vorbeigekommen - ohne überhaupt zu bemerken, dass es hier oben, verborgen hinter einer Brüstungsmauer, eine fast tennisplatzgroße Dachterrasse gibt. Und tennisplatzgroß ist nur ein bisschen übertrieben.

 

Toni und ich stehen nun vorne an dieser Brüstung und schauen hinunter auf die Rambla, die immer belebte Schneise, Barcelonas Grand Boulevard. Die Festungsmauer, die einst dort stand, wurde erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts geschleift. Toni, Jahrgang 1949, ist ein Freund meiner Gastgeber und wohnt nur ein paar Häuser weiter, in der Wohnung, in der er schon aufgewachsen ist. Am nächsten Tag, ich besuche ihn zuhause, wird er mir sein Buch über das europäische Puppentheater schenken, Rutas de Polichinela heißt es; um es zu schreiben, hat er Puppenspieler und Archive in ganz Europa besucht.

 

Ich könnte für immer hier stehenbleiben und hinunterschauen, unten geht die Welt vorbei. Montse sagt, ich frage sie, wie lange sie hier schon wohnen, sie habe in ihrem Leben überhaupt nur in zwei Wohnungen gewohnt, beide in Barcelona: in der ihrer Eltern und in dieser. Nein halt, unterbricht sie sich, zwischendurch auch in Berlin, vier Jahre lang, Anfang der Neunziger, in einer immer kalten Wohnung in der Ackerstraße. Die Winter seien zu lang gewesen, sagt sie, und Berlin habe anders ausgesehen als heute. Dietrich studierte damals Kulturmanagement an der Hochschule für Musik Hanns Eisler und arbeitete für die Komische Oper.

 

Barcelona hat sich allerdings ebenfalls verändert: 1987, als ich zum ersten Mal hier war, stand noch eine Mauer um den Hafen herum, die Stadt wirkte düsterer. Oder kam mir westdeutschem Neubaukind das damals nur so vor? Die Olympischen Spiele 1992 brachten eine erste große Veränderung, der Boom der Nullerjahre eine weitere. Und jetzt? Immer noch Krise?

 

Als wir uns, die Glocke schlägt zehn, zum Essen setzen - wo sind die zwei Stunden hin? Mit wem habe ich mich eigentlich schon worüber unterhalten? Kann ich mir das alles merken? Bin ich vielleicht schon ein bisschen betrunken? Und wie heißt der Weißwein, der so gut schmeckt; müsste in dem Text, den ich über diesen Abend schreiben soll, nicht auch der Name des Weins, den ich trinke, genannt werden? Leider vergesse ich aufs Etikett zu schauen.

-Was wirst du denn über uns schreiben? fragt Victoria, die Schriftstellerin und Filmemacherin. Und ich antworte: Ich werde mich betrinken, und alles, was hier vorfällt, gesagt und getan wird vergessen und morgen oder übermorgen oder in fünf Wochen einen ganz anderen Abend erfinden.

-Werde ich in diesem Text dann nackt auf dem Tisch tanzen? Wird es heißen, eine 50-Jährige riss sich die Kleider vom Leib?

-So ungefähr habe ich mir das vorgestellt, sage ich. Eine katalanische Orgie über der Rambla de Sant Josep, das große Fressen im Freien ...

 

Wir sind nun zu zwölft, zwei Schauspielerinnen, eine Malerin und eine Expertin für antiken Schmuck sind noch eingetroffen. Vor uns steht Rote-Beete-Suppe, ich sitze zwischen Montse und der Schauspielerin Lluïsa Castell, mir gegenüber sehe ich die Malerin Francesca Llopis. Mir fällt nun auf, dass fast alle am Tisch in Barcelona geboren und aufgewachsen sind. Toni wohnt 100 Meter weiter, Victoria in der Nähe meines Hotels. Nur Mònica López, die zweite Schauspielerin, stammt von den Kanarischen Inseln. Sie sei auf Gran Canaria geboren, spreche jedoch absolut akzentfrei Katalanisch, sagt Toni, er ist ein Fan. Und sie sei eine sehr, sehr große Theaterschauspielerin. Ja, das bin ich, sagt sie, porque soy alta, weil ich groß bin. Und lacht. Toni freut sich, zwischen ihr und Lluïsa Castell zu sitzen.

 

Unser Tisch unter freiem Himmel ist fast quadratisch, an jeder Seite sitzen drei Personen, was dazu führt, dass ein gemeinsames Gespräch geführt wird. Niemand muss denken, er sitze am falschen, langweiligeren Ende der Tafel.

Victoria möchte mich ein bisschen aus der Reserve locken, sie sagt: Guapo, los, frag uns doch was! Was möchtest du wissen? Mir gefällt wieder, das habe ich vermisst, dass man sich auf Spanisch so leicht mit Guapa oder Guapo, Hübsche oder Hübscher anredet.

-Victoria weiß mehr über Barcelona als wir alle, sagt Montse, sie habe Bücher über die Stadt geschrieben und eines, dessen Titel vielversprechenderweise Me acabo de separar lautet (auf Deutsch: Ich habe mich gerade scheiden lassen). Bekannt sei sie vor allem für einen Dokumentarfilm über die während der Krise gestrandeten Intellektuellen Spaniens - den möchte ich jetzt natürlich sehen.

Victoria ist tatsächlich Barcelona-Fanatikerin, das merke ich auch in den Wochen nach diesem Abend an ihren Facebook-Postings, immer ist es die Stadt,...

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