HÜHNCHENHERZ

Jugoslawien 1932 bis 1942
 
 
neobooks Self-Publishing
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 6. Februar 2020
  • |
  • 396 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7502-2394-3 (ISBN)
 
HÜHNCHENHERZ Jugoslawien 1932 bis 1942 Ein Land taumelt dem Überfall durch Adolf Hitlers Schreckensregime entgegen. Eine bedrohliche Zeit, akribisch notiert in den Tagebüchern einer jungen Adligen, die den holprigen Weg des Erwachsenwerdens durchlebt; mit einer strengen Mutter, dem Vater, einem österreichischen Offizier und ihrem geliebten Großvater, dem Opapa. Unterstützung erhält sie durch viele aufrichtige Freunde und Vertraute; Trost bei ihren Tieren, dem arabischen Zuchthengst, Gidran, einem Äffchen und dem roten Hühnchen, Martha. Bewegende Bilder eines abenteuerlichen Lebens, voll Humor, Freude, und Liebe, oft durchbrochen von Trauer und dem Schmerz, dem sich jeder stellen muss, der in das wahre Gesicht des Krieges blickt, mit Tod und Vertreibung konfrontiert wird und gegen alle Widerstände kämpfen muss. Aus der Reihe: Menschen und Pferde
  • Deutsch
  • 0,87 MB
978-3-7502-2394-3 (9783750223943)
Keine Angaben

Die Gräfin




Pünktlich zum Mittagessen, erreichte die österreichische Gräfin, Sophia von Herrenau, mit ihrer Entourage, dem illustren Gefolge der prunkvollen Nizza Exkursion, das Stammschloss der Familie in Slowenien. Der Innenhof stand voll von teuren Luxuskarossen, deren Besitzer den beschwerlichen Weg über die verschneiten Straßen nicht gescheut hatten; viel zu viele fühlten sich durch die Einladung der schönen Gräfin angesprochen; dieses großzügige Angebot wollte man natürlich sofort, im wahrsten Sinne des Wortes, auskosten und die einstigen Zeiten, im Glanz des früheren Herzogtums Steiermark, wieder aufleben lassen. Der Speisesaal mit den herrlichen Wandmalereien und wertvollen Gobelins an den Wänden, war erfüllt vom lauten Geplapper, Gelächter und Gläserklirren; ein Grammophon spielte wilde Rhythmen und animierte zu ausgelassenen Tänzen. Französischer Champagner floss zur Feier des Tages in Strömen; die Speisekammern wurden rücksichtslos geplündert; einheimische Gaumenfreuden und teuer importierte Delikatessen musste das Küchenpersonal verschwenderisch auftischen; Gästezimmer wurden für Adel, Geldadel und hübsche, junge Männer vorbereitet, mit Unmengen an Brennholz beheizt und auf angenehm wohlige Temperaturen gebracht. Im Schloss verbreitete sich ein ungewöhnliches und nur selten mit diesen Ausschweifungen erlebtes Luxusleben; der Prunk der vergangenen Donaumonarchie schien aus dem Grab der Geschichte auferstanden zu sein.


Lotti musste auf Anordnung der Gräfin in der Küche beim Gesinde essen, was ihr aber keinerlei Probleme bereitete, ganz im Gegenteil, hier gefiel es ihr immer besonders gut. Jeder war freundlich zu ihr, sie durfte dicht am Ofen sitzen, bekam die allerbesten Stücke vom Fleisch, zartes Gemüse, das man von den Tellern der noblen Herrschaften, für das Kind abzweigte. Aber eigentlich bevorzugte Lotte mehr die einfache Küche, Polentaauflauf, Kaiserschmarrn, Kartoffelgulasch, Kuttelsuppe, Szegedinergulasch, einfache Einbrennsuppe mit gerösteten Brotstücken und einem großen Löffel Grammeln. Für Lotte begannen herrliche Tage; in der liebevollen Obhut und Fürsorge von Maria, der Köchin, blühte das Mädchen regelrecht auf. Benimmregeln wurden beachtet, jedoch weitaus lockerer ausgelegt, als es die Frau Mama je erlaubt hätte.


Möglichst unauffällig war Graf Bernhard von Herrenau verschwunden, ohne lange zu zögern, in die Weinberge geflüchtet, um diesem unerträglichen Trubel zu entgehen, die nötige Ruhe und Abgeschiedenheit zu finden. Lotte wusste er bei Maria sicher aufgehoben und versorgt; zudem hatte die Gräfin jetzt absolut keine Zeit, sich um ihre kleine Tochter, eingehender zu kümmern; denn ein so großes Kind machte eine Frau unnötig alt, störte daher nur, also versteckte sie Lotte bei den Bediensteten. Sophia von Herrenau genoss es, im Mittelpunkt ihrer anspruchsvollen Freunde und Bekannten, zu brillieren, und sonnte sich in deren Bewunderung. Lotte sah die Mutter nur zuweilen aus der Ferne, mehr per Zufall, wenn die Frau Mama in den allerbesten Kleidern, mit sündhaft tiefem Ausschnitt, einer Nerzstola um die gepuderten Schultern, und sorgfältig ondulierter Frisur, durch die Flure schwebte, einen Schwall von schwerem, orientalischen Parfüm hinterließ, oder im kostbaren, bodenlangen Rotfuchsmantel, mit ihren Gästen im nächtlichen Hof flanierte und die Gesellschaft sich in der klirrend kalten Luft die vom Champagner erhitzten Gemüter und Sinne abkühlte.


Wie eine unsichtbare Beobachterin, blieb das schmächtige Mädchen, gleich einem schemenhaften Hausgeist, zwischen den Mauern des riesigen Schlosses verborgen; in der Weitläufigkeit des Bauwerkes war es leicht, unliebsamen Gästen, aus dem Wege zu gehen. In den Pferdestall verirrte sich niemand, dort war es für verwöhnte Außenstehende schmutzig, es roch unangenehm für die feinen Nasen der Großstädter, obwohl dies für Liselotte der herrlichste Duft der Welt war; der einzige Stallbewohner, der treue Junak, hatte Opapa sicher in die Weinberge gebracht. Mit ihrer gefiederten Freundin, Martha, waren das Kind allein, hatte viel Platz für Spiele und Abenteuer und genoss wunderbare Freiheiten; Lotte war Old Shatterhand, der Freund aller Indianer, und Martha durfte als Winnetou auf dem alten Reitsattel sitzen, in die Ferne spähen und laut warnend gackern, wenn sich ein Feind näherte. Der brennende Wunsch, diese heitere Zeit würde nie zu Ende gehen, wuchs übermächtig. An jedem Abend konnte Old Shatterhand viele wundersame Abenteuer der kindlichen Fantasie, in dem geheimen Tagebuch vermerken.


Leider endete diese unbeschwerte Zeit allzu schnell. Die Bediensteten setzten sich eines nachts in der Küche zusammen, und beratschlagten voll berechtigter Sorge, denn Brennholz und Kohle gingen der Neige zu; Champagner wurde nicht mehr geliefert, auch kein Marillenlikör und französischer Cognac, da keine Rechnungen bezahlt werden konnten; Fisch, Fleisch, Schinken, Speck, sogar Polenta, Mehl, Zucker, Salz, Eier, Kaffee und Tee wurden knapp.


"Diese Blutsauger."


"Schmarotzerpack."


"Ausländische Heuschrecken."


"Schamlose Nichtstuer."


"Halbseidenes Gesocks."


Waren noch die harmlosesten Bezeichnungen, die man für die aufdringlichen Fremden übrig hatte.


"Kaviar, Austern und Langusten werden frisch per Boten angeliefert."


"Das ist eine Sünde in dieser schwierigen Zeit"


"Wer soll das bezahlen?"


"Die Gräfin vertröstet die Lieferanten."


"Wir haben kein Geld mehr zum Einkaufen."


"Die Vorräte gehen zu Ende."


"Und keiner gibt uns mehr Kredit."


"Es muss war geschehen."


"Graf Herrenau muss her."


"Ja, und das ganz schnell."


"Wir müssen einen Plan schmieden."


"Für eine geheime Mission."


Also wurde Joseph, der Stallbursche, in die Weinberge geschickt, denn dort gab es noch keinen Telefonanschluss. Er war der Jüngste, war kräftig und ausdauernd; ihm würde der lange Gewaltmarsch, bei Schneesturm und ohne ausreichende Sicht, weniger ausmachen. Ausgestattet mit Schmalzbroten, Sliwowitz, einer Isolierkanne mit heißem Kaffee unter der dicken Winterjacke und genügend Fackeln im Rucksack, schlich Joseph aus dem Schloss, stapfte unverdrossen in die Nacht hinaus. Man musste äußerst diskret und geschickt vorgehen, denn die Herrin durfte nicht einmal ahnen, welche Ungeheuerlichkeit das niedrige Dienstvolk plante.


Maria stand an der Küchentür, blickte dem Jungen sorgenvoll hinterher und bekreuzigte sich.


"Gott mit dir, Joseph. Der Allmächtige möge seine schützende Hand über dir ausstrecken, jedes Ungemach von dir fernhalten. ..Hoffentlich sieht es uns der Herr Graf nach, dass wir so eigenmächtig handeln, es ist fast eine Rebellion. Das ist es, ein Aufstand. Aber Joseph wird es schon richten. Der Herr Graf möge ihn und uns verstehen, dass wir keine andere Wahl haben."


Dann drückte sie Lotte fest an ihren weiten Rock mit den vielen Unterröcken, dass die zierliche Mädchengestalt fast darin verschwand:


"Lotte, geh in die Küche. Bete den Rosenkranz. Der arme Joseph, der gute Bub. ..Ich mach dir einen Kakao, mein Püppchen, sollst nicht darben und leiden, nur weil die Frau Gräfin nicht Maß halten kann."


Der nächste Tag war ein Sonntag, Lotte musste nicht zur Schule, hätte durchaus ausschlafen können, doch sie wurde von unüberhörbarem Poltern, Lärmen und wütendem Stimmengewirr aufgeweckt. Schnell sprang sie aus dem warmen Bett, warf sich den Morgenmantel über und lief zum Fenster, wo sie mit dem Finger ein Guckloch in die Eisblumen kratzte und sich neugierig die Nase an der Scheibe plattdrückte.


Im Hof stand Graf Bernhard von Herrenau, er hatte die Pferdepeitsche hoch erhoben und trieb die angetrunkenen Gäste seiner Schwiegertochter, mit dem scharfen Knall der Kutscherpeitsche vor sich her, ins Haus zurück. Zwei aufgeregte, junge Gigolos wollten sich wütend ereifern, weil Großvater rücksichtslos den Pferdeschlitten zwischen die ausländischen Limousinen gelenkt hatte, und aus Platzmangel, ohne dass er sich dabei auch nur die geringste Rücksichtnahme auferlegte, zwei Autos zerschrammt wurden. Das interessierte den wütenden Hausherren wenig, er griff nach seiner doppelläufigen Jagdflinte, die unter einer schützenden Decke auf dem Kutschbock lag, ließ den Hahn knacken, und Absicht oder nicht, ein donnernder Schuss löste sich, hallte bedrohlich zwischen dem alten Gemäuer.


Lotte erschrak, duckte sich blitzschnell, doch dann musste sie unbedingt wieder aus dem Fenster schauen.


"So ihr Spitzbuben, nutzloses Volk, ich kann auch anders. Hier habe ich die Gewalt und befehle euch, dass ihr jetzt schleunigst den Rückzug antretet. Ich war im Ersten Weltkrieg an vorderster Front und scheue mich nicht, die Mündung meiner Waffe auf einen entbehrlichen Menschen zu richten. Wer mich nicht verstehen sollte, ich kann diese Anordnung auch noch in Italienisch, Französisch, Englisch, Griechisch, Slowenisch und Kroatisch geben. Muss ich das? Was meint ihr?"


Die frechen Burschen wurden blass, gaben unverzüglich Fersengeld. Auch Lotte war wieder furchtsam vom Fenster zurückgewichen, legte einige trockene Holzscheite in den...

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