Couragiert gegen den Strom

Über Goethe, die Macht und die Zukunft
 
 
Westend (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 26. August 2017
  • |
  • 224 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-86489-685-9 (ISBN)
 
Mit Mut gegen den Strom

Ohne jeden Zweifel ist Sahra Wagenknecht eine Ausnahmepolitikerin. Zuweilen wird sie heftig kritisiert, nicht selten auch aus den eigenen Reihen, oft genug auch persönlich angegriffen - und trotz allem bleibt Sahra Wagenknecht unbeirrt auf ihrer politischen Linie. Bei kaum einem anderen Politiker ist dieser unbedingte Wille zu spüren, dieses Land zu verändern. Immer im Zentrum: die Soziale Frage und die Wirtschaftspolitik. Dabei bleibt Sahra Wagenknecht ganz nah an den Wählern, der Bevölkerung, vor allem aber bei den Schwachen und Schwächsten dieser Gesellschaft. In Diskussionen weicht sie nicht aus, sondern beantwortet Fragen gewissenhaft und inhaltlich konkret. Was befähigt diese Frau, so hochengagiert diesen Job zu machen? Was genau sind ihre politischen Vorstellungen? Wie und unter welchen Umständen fand sie in den politischen Betrieb? Woher bekommt sie Anregungen und was nährt ihr politisches Verständnis? Davon berichtet sie in ihrem bislang persönlichsten Buch. Eines ist klar: Sahra Wagenknecht will anders Politik machen.
  • Deutsch
  • Frankfurt am Main
  • |
  • Deutschland
  • 2,51 MB
978-3-86489-685-9 (9783864896859)
3864896851 (3864896851)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Sahra Wagenknecht studierte Philosophie und Neuere Deutsche Literatur in Jena, Berlin und Groningen mit einer Abschlussarbeit über Hegel und Marx (1996); 2012 Promotion zum Dr. rer. pol. in Wirtschaftswissenschaften mit einer Arbeit zum Thema "The Limits of Choice. Saving Decisions and Basic Needs in Developed Countries". Sie war Mitglied der Programmkommission der Partei Die Linke und von 2010 bis 2014 stellvertretende Parteivorsitzende. Von 2004 bis 2009 war sie Mitglied des Europaparlaments. Sie ist seit 2009 Mitglied des Bundestages und seit Oktober 2015 Vorsitzende der Fraktion Die Linke.

Florian Rötzer, geboren 1953, hat nach dem Studium der Philosophie als freier Autor und Publizist mit dem Schwerpunkt Medientheorie und -ästhetik in München und als Organisator zahlreicher internationaler Symposien gearbeitet. Seit 1996 ist er Chefredakteur des Online-Magazins Telepolis und Herausgeber der Telepolis-Buch- und eBook-Reihe. Von ihm erschienen sind u.a. "Die Telepolis. Urbanität im digitalen Zeitalter" (1995) und "Vom Wildwerden der Städte" (Birkhäuser 2006).
Inhalt

I. Anders Politik machen 7
- Soziale Gerechtigkeit 8
- IS-Terror 10
- Rüstungsexporte und Krieg 16
- Der politische Trott 20

II. Biographie: Eine Philosophin in der Politik 23
- Kindheit 25
- Goethe als Gesellschaftskritiker 33
- Der Wert des Buches 37
- Kunst 47
- Vor dem Studium 51
- Lernen von den Meistern 56
- Der Beginn des politischen Lebens 63
- Die Wende 66
- Politik im Westen 68

III. Politik: Was ich erreichen möchte 79
- Die Überwindung des Kapitalismus 81
- Können Algorithmen den Menschen ersetzen? 91
- Bedingungsloses Grundeinkommen oder weniger Arbeit für alle? 102
- Umwelt- & Datenschutz 108
- Die linke Bewegung in Deutschland 112
- Das gute Leben 114
- Gleichberechtigung 117
- Innerparteiliches 119
- Die LINKE und die SPD 125
- Politik aus Überzeugung 131
- Außen- und Verteidigungspolitik 137
- Einwanderungspolitik 143
- Medien 148
- Die Europäische Union 150
- Globalisierung 161

IV. Ausgewählte Reden 169
- Rede auf dem Hannoveraner Parteitag 169
- "Sie machen die Autobahn zur Melkkuh für private Profite" 184
- "Die Menschen wollen kein >Weiter so< mehr" 195
- Erbschaftssteuerreform ist eine Kapitulation vor der Macht steinreicher Firmenerben 215

II. Biographie: Eine Philosophin in der Politik


Rötzer: Sie sind ja insofern eine Ausnahmepolitikerin, als Sie von der Philosophie in die Politik kamen. Gibt es noch einen anderen Philosophen oder eine Philosophin im Bundestag? Wahrscheinlich nicht, oder?

Wagenknecht: Es gibt sicher einige, die Philosophie studiert haben. Leider gibt es nur wenige Politiker mit dem Anspruch, Bücher mit einer eigenständigen intellektuellen Qualität zu schreiben, obwohl das die öffentliche Debatte interessanter machen würde.

Rötzer: Wenn man das jetzt einfach mal nur beruflich sieht, ist es doch schon etwas Außergewöhnliches, dass eine Philosophin Spitzenpolitikerin einer Partei im Deutschen Bundestag ist. Was ist eigentlich der Grund dafür, dass so wenige von außen in die Politik hineinkommen? Politiker scheint ein Berufsstand für bestimmte Professionen zu sein, also vor allem von Juristen oder Beamten. Sind die Parteien zu wenig dafür offen, Quereinsteiger hineinzulassen? Das würde die Kreativität oder die kreative Unruhe ein bisschen befördern, scheint aber den Trott oder das Gefüge zu stören.

Wagenknecht: Die normale Politikerkarriere ist eine Ochsentour von unten nach oben. Das fängt damit an, dass man sich zunächst einmal im Orts- oder Kreisverband Rückhalt verschafft - entweder weil man besonders engagiert und besonders fähig ist oder weil man sich besonders darauf versteht, sich mit anderen zu verbünden, mit einflussreichen Leuten abends ein Bier zu trinken und die, die einen stützen sollen, zum Essen einzuladen. Damit fängt die Laufbahn meistens an, und das muss man oft ziemlich lange machen, ehe irgendwann der nächste Karriereschritt kommt. Später, oftmals viel später, winkt irgendwann vielleicht auch der Bundestag.

Rötzer: Mussten Sie das auch tun? Wie begann denn Ihre Laufbahn?

Wagenknecht: So etwas musste ich nie machen, ich hätte das auch nicht gekonnt. Ich hatte das Glück, dass die PDS 1990 eine Partei im Umbruch war. Sie hatte ihre alte Führung abgelöst, und es gab daher nicht nur eine Offenheit für, sondern auch einen Bedarf an frischen, jungen Gesichtern. Ich habe im Alter von 21 und noch völlig unbekannt auf einem Parteitag eine Rede gehalten, die offenbar die Delegierten überzeugt hat, und bin direkt in den Parteivorstand gewählt worden. Allerdings habe ich mich damals nicht um ein Parlamentsmandat bemüht, weil ich das nicht wollte. Ich wollte keine Berufspolitikerin werden, eben weil ich die Sorge hatte, dass ich dann kein selbstbestimmtes Leben mehr führen kann.

Ich habe nur einmal kandidiert, 1998 für ein Direktmandat in Dortmund. Es war allerdings klar, dass die PDS das natürlich nicht erhalten wird. Das habe ich gemacht, um mal auszutesten, ob mir Wahlkampf überhaupt liegt. Es war eine spannende Erfahrung, in jeder Hinsicht. Aber mehr auch nicht. Der erste ernsthafte Versuch, wirklich in ein Parlament zu kommen, war meine Kandidatur für das Europaparlament 2004. Ich hatte mich damals in einer Kampfkandidatur durchgesetzt. Aber auch da war unklar, ob es überhaupt für einen Einzug ins Europaparlament reichen würde, denn die PDS war ja 2002 bei der Bundestagswahl an der Fünfprozenthürde gescheitert. Damals war die Rechtslage noch so, dass man auch bei der Europawahl mindestens fünf Prozent braucht. Es war also offen.

Kindheit


Rötzer: Ich möchte eigentlich noch etwas weiter zurückgehen: Sie sagten, Sie hätten viel Zeit gehabt zu lesen, dass Ihnen das jetzt fehle und Sie versuchen würden, wieder solche Freiräume für sich zu schaffen. Sie sind auf dem Land aufgewachsen, bei Ihrer Großmutter. Gab es da in Ihrer unmittelbaren Umgebung Bücher?

Wagenknecht: Bei meinen Großeltern selbst nur wenige, aber in Jena gab es wie überall damals Kinderbibliotheken. Meine Großeltern mussten arbeiten, meine Oma war Verkäuferin, mein Opa Meister bei Carl Zeiss Jena, das heißt, ich war relativ viel alleine. Meine Großmutter war zwar die ersten drei Jahre überwiegend zu Hause, aber sie musste dann wieder arbeiten, weil meine Großeltern einfach das Geld brauchten. Dadurch hatte sie weniger Zeit, mir vorzulesen, und ich habe dann mit vier Jahren gelernt, selbst zu lesen.

Rötzer: Mit vier Jahren bereits lesen zu können ist ungewöhnlich. Hat Ihnen das jemand beigebracht?

Wagenknecht: Lesen kann man ohne Anleitung nicht lernen. Lesen und Schreiben hat mir vor allem meine Oma beigebracht. Bücher waren für mich das Tor zur Welt. In Büchern habe ich Dinge erfahren, die mein Leben reicher machten, die ich spannend fand. Ich war wissbegierig, wollte einfach immer etwas Neues erfahren. Natürlich habe ich als Kind auch im Sandkasten gespielt. Aber das war nicht aufregend. Deshalb habe ich meine Großeltern gedrängt, mir Lesen beizubringen. Ich bin von da an in die Bibliothek in Jena gegangen und habe mir Stapel von Büchern geholt. Bibliotheken waren für mich damals so etwas wie für andere Kinder die Süßwarenabteilung im Supermarkt: ein Ort, an dem es unheimlich viel Schönes zu entdecken gibt.

Rötzer: Welche Lektüre hat Sie denn als kleines Kind am meisten fasziniert?

Wagenknecht: Hauptsächlich Märchen.

Rötzer: So wie die Brüder Grimm?

Wagenknecht: Ja, Grimms Märchen, aber auch andere. Ich weiß noch, ich hatte auch persische Märchen und dann Tausendundeine Nacht. Und überhaupt alles, was es so an Kinderbüchern gab.

Rötzer: Radio oder Fernsehen sind ja auch Türen zur Welt. Gab es denn bei Ihren Großeltern einen Fernsehapparat?

Wagenknecht: Ja, klar, wir reden hier ja schließlich über die 70er-Jahre.

Rötzer: War das Fernsehen für Sie weniger interessant als Bücher?

Wagenknecht: Ich habe ab und an auch mal Verfilmungen von Märchen gesehen und andere Kindersendungen, aber eigentlich wenig. Fernzusehen hat mich irgendwie nicht so fasziniert. Beim Lesen konnte man sich so viel vorstellen und träumen. Beim Fernsehen wurden dagegen die Bilder gleich mitgeliefert. Tagsüber gab es damals, glaube ich, im Fernsehen auch noch nicht viel. Das war tatsächlich anders als heute, wo man sich den ganzen Tag vom Fernseher berieseln lassen kann. Ich habe abends das Sandmännchen geguckt, das weiß ich noch, aber ansonsten nur sehr wenig.

Rötzer: Zu meiner Zeit waren Comics wie Fix und Foxi oder Micky Maus sehr begehrt, die man mitunter auch Büchern vorzog. Diese stärker visuelle Populärkultur war für Sie nicht verlockend? Gab es die überhaupt?

Wagenknecht: Doch, das gab es auch. Das MOSAIK war so ein Comic, der für Kinder gemacht war. Das war gar nicht so schlecht. Ich hatte die ganzen alten Hefte noch von meiner Mutter aus den 60er-Jahren. Die waren wirklich lehrreich und haben auf sehr einfache Weise die Evolution oder die Weltgeschichte für Kinder verständlich illustriert. Sie hatten einen echten Unterhaltungs- und Bildungswert. Ich kann mich noch ganz gut erinnern, dass ich diese Hefte verschlungen habe, sie waren richtig spannend.

Rötzer: Und haben Sie damals auch die Populärkultur aus dem Westen mitbekommen?

Wagenknecht: Na ja, was ist denn Populärkultur aus dem Westen?

Rötzer: Dinge wie Popmusik, Comics oder Filme. In den 1970er Jahren gab es dann nach 1968 auch die Alternativ- und die Hippiebewegung.

Wagenknecht: Ehrlich gesagt, als Kind interessiert man sich dafür nicht besonders. Comics aus dem Westen gab es in der DDR natürlich nicht. Als Jugendliche bin ich so im Alter von dreizehn, vierzehn Jahren in Diskotheken gegangen, da wurde überwiegend Popmusik aus dem Westen gespielt. Es gab ja nicht so viele DDR-Bands. Damals hatte ich eine Punkfrisur und habe meine ersten Alkoholerfahrungen gemacht. Das war aber eher so eine Rebellion gegen alles und hatte mit der eigentlichen Punkkultur wenig zu tun.

Rötzer: Sie sind mit sieben Jahren zur Einschulung nach Berlin zu Ihrer Mutter gekommen. Hat sich durch den Umzug in die Großstadt und mit dem Beginn der Schule für Sie etwas grundlegend geändert? Auch in Bezug zum Lesen oder zur Kultur?

Wagenknecht: Na ja, ich wollte nie in den Kindergarten, in die Schule wollte ich immer, ich wollte ja etwas lernen. Ich wäre wahrscheinlich mit Begeisterung in einen Kindergarten gegangen, wo ich eine Sprache hätte lernen können, so etwas gab es leider nicht, oder irgendetwas anderes, aber die Kindergärten, die sie mit mir ausprobiert haben .

Rötzer: Sie waren in einigen?

Wagenknecht: Ja, aber immer nur für eine Woche oder so, weil ich dann Terror gemacht habe, dass ich nicht mehr hinwill. Da wurde man den ganzen Tag auf einen Spielplatz gesetzt oder musste andere Sachen machen, die ich als langweilig empfand. Und natürlich war ich als Einzelkind auch den Umgang mit anderen Kindern nicht gewohnt. Das fiel mir schwer, und ich habe irgendwie auch nie richtig Anschluss gefunden. Ich hatte im Vorschulalter eigentlich nur eine wirkliche Freundin, sie wohnte in der Straße meiner Großeltern und war vier Jahre älter als ich. Mit ihr war ich gern zusammen. Aber plötzlich in einer Gruppe mit zehn oder fünfzehn Kindern, damit kam ich nicht klar. Und oft wurde ich dann noch wegen meines fremdländischen Aussehens gehänselt. Das waren alles Gründe, warum man mich nicht für einen Kindergarten begeistern konnte. Dann war ich lieber allein zu Hause und habe mich selbst beschäftigt. Dabei ist es mir eigentlich nie langweilig geworden.

Rötzer: Heute gibt es ja viele Eltern, die ihre Kinder zum Optimieren von klein auf mit Bildung traktieren, sie müssen Fremdsprachen und Instrumente lernen. Die Muße des zwecklosen Spielens geht dabei eher verloren. Finden Sie das denn...

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