Grünauge sieht dich

Roman
 
 
Picus Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 28. August 2019
  • |
  • 254 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7117-5402-8 (ISBN)
 
Mitten in der Zeitenwende entflammt eine leidenschaftliche deutsch-deutsche Affäre, in der Iris erwachsen wird, Henry sich seiner Midlifekrise stellen und Leo die Grenzen seiner Kontrolle erfahren muss.

Im Sommer 1989 will Henry Weber, Atomphysiker, seinem Leben in der Schwenninger Ereignislosigkeit entkommen und folgt der unerwarteten Einladung seines Cousins in den Osten. Dort verliebt er sich in die sechzehnjährige Iris. Doch die ist nicht nur einundzwanzig Jahre jünger als er, sondern auch Tochter von Leo Landowski, Offizier im Dienst der Staatssicherheit, betraut mit dem "Fall Weber". Landowskis Interesse an Henrys Meinung zur Lagerung abgebrannter Brennstäbe ist also nicht rein zufällig. Und Iris leidenschaftliche Gefühle für das Beschattungsziel ihres Vaters haben schon bald gravierende Konsequenzen für alle Beteiligten.
Bastienne Voss schildert die Ungewissheit einer Zeitenwende mit feinem Sinn für Humor, Zwischentöne und menschliche Unzulänglichkeiten.
  • Deutsch
  • Wien
  • |
  • Österreich
  • 1,87 MB
978-3-7117-5402-8 (9783711754028)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Bastienne Voss, geboren in Berlin, absolvierte eine Schauspielausbildung und studierte Gesang in Dresden. Bevor sie langjähriges Mitglied des Berliner Kabarettensembles DISTEL wurde, spielte sie in verschiedenen Fernsehserien und am Theater. 2007 erschien ihr erster Roman "Drei Irre unterm Flachdach" (Hoffmann und Campe), 2010 "Mann für Mann" (Piper). 2015 gab sie das Buch "Glaubt mir kein Wort" (Bebra) mit nachgelassenen Satiren ihres 2013 verstorbenen Lebensgefährten, des Kabarettautors Peter Ensikat, heraus. Bastienne Voss lebt mit ihrer Tochter in Berlin.

I


Es war der Sommer der Französischen Revolution und endloser Gespräche über Baby Kaminsky. In der Schule, wo Iris und Anja nebeneinander in der letzten Bank saßen, erklärte ihnen Zimmermann (Deutsch und Geschichte) den unaufhaltsamen Fortschritt der menschlichen Gesellschaft. Er sagte: »Wer die Französische Revolution versteht, versteht die Weltgeschichte.« Es war sein Lieblingssatz. Iris wusste nicht, ob er recht hatte, aber die bunten und wilden Bilder des großen Ungehorsams beschäftigten ihre Fantasie. Die Trikolore vor einem Himmel voller schwarzem Qualm und Köpfe, die auf Piken steckten. Leute in Lumpen überrannten die Soldaten und stürmten die Bastille. Der Kongress setzte den König ab, und Marie Antoinette wurde auf einem Karren zum Schafott gefahren.

Anja fand, dass das alles langweilig war, weil viel zu lange her, aber nur vier Jahre war es her, dass Iris Landowski und Baby Kaminsky im Ferienlager als festes Paar gegolten hatten. Sie war damals zwölf und Baby vierzehn gewesen, und als sie wieder in Berlin waren, da war die Sache irgendwie stecken geblieben, und jetzt hatte Anja ein Auge auf Baby geworfen, und Baby anscheinend ein Auge auf Anja. Eigentlich interessierte sie das nicht, denn Baby gefiel ihr gar nicht mehr so, dass Anja aber Baby gefiel, besser als sie, das gefiel ihr überhaupt nicht, und manchmal klopfte deshalb ihr Herz. Das Gefühl, das sie bisher nicht gekannt hatte, hieß vermutlich Eifersucht.

Lange hatte Iris geglaubt, dass ihr Vater in ein ganz normales Büro ging, wie andere Leute auch, denn er ging mit einer Aktentasche los und kam, wie andere Leute auch, am späten Nachmittag nach Hause. Manchmal aber nahm er eine Sporttasche mit, und manchmal blieb er länger weg, und bis vor zwei Jahren hatte sich dann Frau Schmidt, die alte Nachbarin, um sie gekümmert. Inzwischen wusste sie, was ihr Vater machte, und inzwischen musste sich Frau Schmidt nicht mehr kümmern, wenn sie alleine war.

Es war noch gar nicht so lange her, dass sie es genau wusste. Ein Jahr vielleicht. Sie wusste es, seit ihr Vater sie mal in sein Büro mitgenommen hatte, und weil sie dort Leuten in Uniform begegnet war. Ihr Vater trug keine Uniform. Ihr Vater ging ganz normal aus dem Haus. Und dann nahm er sie mit und sie sah die Uniformen, und sie fragte ihn, was die Uniformen mit dem Außenhandel zu tun hatten und fragte sich noch heute, ob er damals wirklich gedacht hatte, sie würde sich nicht wundern.

Abends dann hatten sie auf dem Sofa gesessen, und er hatte ihr erklärt, was genau er eigentlich machte. Manchmal sagte er den Leuten, dass er beim Außenhandel arbeitete und manchmal nannte er seinen eigentlichen Beruf: Sportlehrer. Und in seltenen Fällen sagte er, was er wirklich machte, so hatte er es ihr erklärt. Je nach Fall, Sachlage, Anliegen, Persönlichkeit.

Studierter Sportlehrer, später Umschulung zum Außenhandelskaufmann. Damit war sie groß geworden. Das war ihr Vater gewesen, und nun war er etwas anderes. Und am Schluss hatte er gesagt, dass sie mit niemandem darüber reden solle.

Und seitdem verstand sie mehr als die meisten. Man musste ein Land schützen, vor allem wenn es klein und verwundbar war. Selbst Länder, die nicht klein und verwundbar waren, schützten sich. Amerika schützte sich, und wie sich Amerika schützte. Amerika, die unverwundbare Weltmacht. Kuckuck. Sie fand das mit dem Schützen logisch, absolut logisch, und sie war dafür. Im Nachtschrank ihres Vaters lag seine Dienstwaffe. Auch das wusste sie, seit ihr Vater mit ihr gesprochen hatte. Und sie war stolz darauf, dass ihr Vater eine Waffe haben durfte, auch wenn sie nicht geladen war, solange sie im Nachtschrank lag. Manchmal, wenn sie alleine war, ging sie ins Schlafzimmer und holte die Waffe aus dem kleinen Schrank. Nicht mal Anja wusste, dass ihr Vater eine Waffe hatte. Die Waffe lag schwer in ihrer Hand, und Iris trat damit vor den großen Spiegel im Flur. Sie zielte auf sich selbst, als sich die Wohnungstür geräuschlos öffnete und James Bond eintrat, mit diesem Bondlächeln. Aber Bond trug einen grünen Anorak mit Bund und Reißverschluss und schlenkerte mit seiner braunen Aktentasche. Die Tür schloss sich geräuschlos, und James Bond alias Leo Landowski war wieder verschwunden. Iris zielte noch immer auf sich selbst und ahmte einen Schuss nach. Ein Spiel. Den Spiegel hatte sie von ihrer Mutter geschenkt bekommen, damals, vor zehn Jahren, als sie und ihr Vater verlassen worden waren.

Es war Sommer, und seit ein, zwei Jahren verbanden sich mit dem Sommer die Hoffnungen. Sie trugen die Röcke sehr kurz, dazu knappe Oberteile mit Spaghettiträgern, und auf der Ablage im Bad stand eine Flasche mit rotem Nagellack. Sie waren in der Zehnten und kamen in die Elfte, und seit ein, zwei Jahren begannen sie zu hoffen, wenn der Sommer anfing.

Anja hatte lange Beine, aber Iris Beine waren länger. Anja hatte größere Brüste, wenn auch keine großen, eben nur größere, dafür hatte Iris das schönere Gesicht. Anja hatte Pausbacken und ein zu stark ausgeprägtes Kinn, aber Iris sah, und das war ein wirkliches Problem, viel zu jung aus. Vielleicht war das ein Nachteil, in den Augen Baby Kaminskys.

Leo Landowski brachte selten etwas mit von seinen Reisen, aber einmal hatte er was Besonderes gekauft. Es war ein Bumerang, »Handmade in Australia«, der von seinem ersten Flug über ein Feld in Stahnsdorf, wo Anjas Tante Heidi einen Schrebergarten hatte, nicht zurückkehrte. Sie hatten den halben Acker abgesucht und ihn nicht wiederfinden können. Er war ein Einzelstück für Linkshänder gewesen, das ihr Vater auf einem Wuppertaler Trödelmarkt entdeckt hatte. »For left hand« stand unter »Handmade in Australia«. Sie hatten gelost, und Anja hatte den ersten Wurf gehabt. Aber sie war Rechtshänderin, und deshalb hatte der Bumerang weder gewusst, wohin er fliegen sollte, noch dass es seine Bestimmung war, zurückzukommen. Stattdessen hielt ein Motorrad mit zwei Uniformierten und ein Wachtmeister Namens Pollermann fragte nach ihren Ausweisen. Anjas Eltern schwiegen bedeutsam, als sie von der Geschichte erfuhren.

Da war die Schule, das kleine Café, die Freundin, die Jungs, und hier, hier war ihr Zuhause. Die Wohnung war groß und hell, vier Zimmer mit Parkett und einer Flügeltür, Balkon. Iris wusste, dass die meisten nicht so wohnten wie sie, aber von der Fassade des Hauses gegenüber waren im Laufe der Jahre ziemlich viele Kacheln abgefallen, und niemand bemühte sich, sie wieder dranzumachen, alles war hier also auch nicht perfekt.

An den Tag musste sie immer wieder denken, als ihre Mutter vor dem Kleiderschrank im Schlafzimmer stand und Sachen in einen Koffer packte. Sie hatte kein Wort gesagt und einfach nur zugesehen, aber als ihrer Mutter ein Sockenknäuel aus der Hand gefallen und unter den Schrank gerollt war, da war sie hinterhergekrochen und hatte es wieder hervorgezerrt und in den Koffer getan, obwohl sie nichts lieber wollte, als dass ihre Mutter bei ihnen blieb. Später hatte ihre Mutter sie auf den Arm genommen und gedrückt und gesagt, dass sie bald wieder zusammen sein würden, aber das Versprechen war nicht eingelöst worden. Sie war bei ihrem Vater geblieben und sah ihre Mutter manchmal an den Wochenenden, das war bis heute so, und inzwischen war es in Ordnung.

Wenn Iris Vater dienstlich unterwegs war, machten die Mädchen Fotos vor dem Spiegel im Flur. Anja hatte die Kamera ihrer Eltern mitgebracht, eine Praktica, und sie übten alle möglichen Posen. »Beug dich mal vor«, sagte Anja, und Iris beugte sich vor und sah jetzt ihr Gesicht deutlicher im Spiegel, sah die leichten Schatten unter den Augen, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte, die immer da waren, und die ihr auch nicht halfen, älter auszusehen. Sie tranken »Stierblut«, einen ziemlich schweren Wein aus Ungarn, und der Mond sah ihnen zu und schien kalt und weiß auf ihre Haut und die Gläser und den Wein und den Aschenbecher, eine halb mit Wasser gefüllte Kaffeetasse. Gegen den Geruch. In der Diele standen Kerzen, eine ganze Batterie, weil das Deckenlicht zu hell war, und so glänzte das Parkett wie flüssiger Honig. Würde man leider nicht sehen auf den Bildern, denn der Film war nur schwarz-weiß. Gab selten Honig zu kaufen. Warum eigentlich? Gab doch genug Bienen. In der Kaffeetasse jede Menge Kippen. Aber später Durchzug, und Papa kam sowieso erst übermorgen zurück.

Eines Abends sagte Anja: »Wir können uns ja mal ausziehen beim Fotografieren.«

Sie knöpfte ihre Bluse auf, und Iris zog sich den Pullover über den Kopf. Dann kletterten sie aus ihren eng sitzenden Jeans. Anja hatte wirklich die größeren Brüste und trug ein weißes Höschen mit einer roten Schleife. Iris Höschen war von verwaschenem Rosa und bedruckt. Mit einem Schmetterling und dem Wort DIENSTAG.

Iris stellte sich vor, was passieren würde, wenn ihr Vater jetzt nach Hause käme. Überraschend, früher als geplant, und genau das war nicht vorstellbar. Ihr Vater, ein Beschützer des Staates, kam nach Hause und fand in seinem honiggoldenen Flur zwei nackte Mädchen vor, die einander auch noch fotografierten. Das durfte nicht sein. Durfte...

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