Drei Irre unterm Flachdach

Eine Familiengeschichte
 
 
Hoffmann & Campe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 22. Juli 2013
  • |
  • 237 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-455-85089-5 (ISBN)
 
Eine etwas andere DDR-Geschichte: ironisch, rotzig, zärtlich
Mit tiefgründigem Humor erzählt Bastienne Voss von der Zeit mit ihrem Opa Gustav, dem "Oberirren mit dem KZ-Koller", und ihrer Oma Wilma.
"Zuerst hatte ich einen Großvater, dann eine Großmutter und dann Eltern und alles andere, was so zum Leben gehört. Großvater hatte ein Ding zu laufen. Dass er sich das im KZ weggeholt hatte, wusste ich damals noch nicht. Jedenfalls ließ er an dem Ding, das er zu laufen hatte, alle teilhaben, und so hatte auch Großmutter bald ein Ding zu laufen. Bei mir wuchs das Ding von Jahr zu Jahr, bis es hier und da mein sogenanntes Normalverhalten überschattete. In unserer Familie hatten also mindestens drei Leute eine Macke: Opa, Oma und ich. 13 Jahre lang polterte Großvater durch mein Leben. 13 Jahre lang fürchtete ich mich vor dem Tyrannen und Wundertäter, den ich abgöttisch liebte."
  • Deutsch
  • Hamburg
  • |
  • Deutschland
  • 2,19 MB
978-3-455-85089-5 (9783455850895)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Armer Irrer


Er war ein Held. Alle sagten das von ihm. »Dein Großvater hat Schlimmes durchgemacht.« Ich fragte mich, was er wohl Schlimmes durchgemacht haben könnte. Daß es mit dem KZ zu tun hatte, wo wir regelmäßig hinfuhren, war klar. Doch was genau ein KZ war und warum er dort fünf Jahre seines Lebens zugebracht hatte, das verstand ich lange Zeit nicht. Wie gesagt, er sprach nie davon. Es war partout nichts aus ihm rauszukriegen. Anstatt mir zu antworten, spielte er die Leiche. Als drücke er auf einen Knopf in seinem Kopf, erstarrten mit einem Schlag sämtliche Gesichtszüge. Er sah aus wie in Stein gemeißelt. Toter als tot. Also hörte ich auf mit der Fragerei. Ich wollte keinen toten Opa.

Für einen Helden benahm er sich unmöglich. Wo immer er auftauchte, gab es Krach. Da kam ein verbockter alter Stiesel daher, Streithammel erster Güte, der mit seiner Besserwisserei nervte. Komischer Held! Außerdem setzte er dauernd Gerüchte in die Welt. »Der Donner betrügt seine Frau!« »Nein, Gustav, er geht angeln.« »Ruhe! Ich sage, er betrügt seine Frau! Keine Widerworte!« Seine Stimme überschlug sich.

Im Ort war allgemein bekannt, daß Herr Donner, ein Nachbar von uns, jeden Morgen um fünf Uhr mit dem Fahrrad an die Karpfenteiche radelte, um zu angeln. Wenn er einen guten Fang gemacht hatte, klingelte er am Gartentor und verkaufte uns einen frischen Fisch.

Großvater spielte ein Spiel. Nie wußte man, ob er meinte, was er sagte, oder ob er sich in Szene setzte. Nach dem KZ, in den fünfziger Jahren, bekam er manchmal kleine Rollen am Schweriner Staatstheater, später spielte er von früh bis abends eine einzige große Rolle. Er gab den Verrückten. Einmal sah ich, wie er Steine aus unserer Wiese sammelte und sie über den Gartenzaun warf, auf den Rasen des Nachbarn. Der kam angetrabt. »Was machst du denn da? Warum wirfst du die Steine in unsern Garten?« »Was? Wo? Wie?« fragte Großvater scheinheilig und lachte debil. »Was werfe ich? Wo? Steine?« Der Nachbar hob einen auf. »Hier, den hast du eben über den Zaun geworfen!« »Ich hab doch keinen Stein rübergeworfen! Wie komm ich denn dazu! Sieh doch mal hin. Es ist der Maulwurf und nicht der Gustav, hihi! Ihr habt doch überall Haufen. Das waren die Viecher, die machen das so. Die buddeln und buddeln und werfen von ganz weit unten, zack, die Steine hoch, dieses Teufelsgefurze!« Aus! Aus und vorbei. Darauf konnte man nicht antworten. Großvater hatte es wieder mal geschafft. Der Nachbar stand wie ein Idiot mit dem Stein in der Hand am Zaun. Gustav zog beschwingt ab und sang leise vor sich hin: »Spaniens Himmel breitet seine Sterne über unsre Schützengräben aus. Und der Morgen ruft schon aus der Ferne, bald geht es zu neuem Kampf hinaus!« Ich hockte hinter dem Stachelbeerstrauch und kicherte erschrocken in mich hinein.

Später, im Schulchor, sang ich »Spaniens Himmel« so inbrünstig, als wäre ich selbst im Bürgerkrieg gewesen. Ich bekam hektische Flecken im Gesicht, hatte einen Kloß im Hals und konnte nur mit Mühe die Tränen zurückhalten, was mich und meine Mitschüler in ratloses Staunen versetzte. Ich kapierte ebensowenig wie sie, warum ich so überreagierte.

Großvater machte mir angst, und ich bewunderte ihn. Das ging fast täglich hin und her. Eine Art Normalempfinden gab es nicht. Immer nur heiß und kalt, niemals gleichbleibende Wärme, zwölf Jahre lang. Die hektischen Flecken bei »Spaniens Himmel« kamen von meiner permanenten Seelenkneippkur. Später wußte ich es.

Von den Erwachsenen wurde Gustav behandelt wie ein Irrer. Ausgerechnet von denen, die behaupteten, er sei ein Held. Keiner nahm ihn ernst, egal was er sagte. Das machte mich traurig. Und es gab Tage, an denen er völlig verstummte, was am allertraurigsten war. Dann verzog er sich in den Keller und war nicht zu sprechen, für niemanden. Großmutter und ich gaben uns gegenseitig die Schuld an seiner schlechten Laune. Eine von uns mußte was falsch gemacht haben, denn kein Mensch verschwand einfach wortlos im Keller und kam den ganzen Tag nicht mehr rauf. Dabei hatten wir nichts falsch gemacht. Gar nichts. Großvater reagierte sich ab. Der Keller war seine Gummizelle. Er schraubte und sägte und hämmerte da unten wie ein Wilder gegen die Erinnerung an, damit für ein paar Tage Ruhe war in seinem Kopf. Ein Segen für uns. Nicht auszudenken, was er sonst veranstaltet hätte.

Abends klagte er über Magenschmerzen, und diesmal waren wir wirklich schuld. Hatte Großmutter die falsche Leberwurst gekauft, jammerte er und hielt sich den Bauch. Wenn ICH zuviel ungewaschenen Rhabarber gegessen hatte, wand ER sich vor Krämpfen in seinem Sessel. Mit seinen dauernden Magenschmerzen machte er uns fix und fertig.

Sein Lieblingsthema war der Kommunismus. Wenn er über die Vorzüge der kommunistischen Gesellschaft sprach, lebte er auf. Mein blasser Opa bekam rote Wangen, und unter seinen dichten Brauen leuchteten die Augen. Sein graues langes Haar blies er sich beim Erzählen dandyhaft aus der Stirn. Der Kommunismus machte ihn jung. Er sah verwegen aus, wenn er Karl Marx zitierte. Anstatt sich in ihren jugendlichen Gustav stets aufs neue zu verlieben, zog Großmutter einen Flunsch und verdrückte sich in die Küche. Ignoranz, fand ich, war schlimmer als Widerspruch.

Natürlich war es nichts Neues, was er da fortwährend salbaderte, sein utopisches Gefasel hing ihr einfach zum Halse raus. Vermutlich wäre es mir irgendwann genauso gegangen, aber damals fand ich es ungerecht und liebte Opa, der von Marx und einer besseren Welt schwärmte, um so mehr.

Großvater war belastend, unberechenbar, spontan. Einmal ertappte er mich, wie ich ein Einweckgummi in den Müll warf, anstatt es an den Haken über der Spüle zu hängen. »Hol sofort das Gummi aus dem Eimer, du Kröte!« tobte er hinter meinem Rücken. Seitdem hatte ich Angst, Dinge wegzuschmeißen, und sah mich vorher dreimal um, ob der Alte in der Nähe war.

Er behauptete im Brustton der Überzeugung die absurdesten Sachen: »Die vom Wasserwerk haben uns mal wieder den Keller vollgepumpt!« Da täuschte er sich natürlich. Doch daß man ihn deshalb behandelte wie einen Irren, fand ich auch wieder nicht richtig. Sicher spielte er nur.

Wenn er nicht vorhatte, das Haus zu verlassen, lief Großvater den ganzen Tag im Bademantel rum. Der Bademantel war weit und flauschig, mit breiten Umschlägen an den Ärmeln. An die Farbe kann ich mich nicht erinnern. Er erschien mir darin größer, als er war, gewichtig, erhaben, wie ein König beim Lever. Wenn er den Bademantel trug, war mein Respekt vor ihm am größten.

In den Garten oder auf die Straße ging er nur mit seiner Baskenmütze. »Wegen Ernst Busch und Spanien!« sagte er und summte »Spaniens Himmel«. Er trug die Mütze immer, auch beim Pflaumenpflücken.

Eines Tages kam er wutschnaubend ins Haus gestürzt. »Der Reimer wollte mich umbringen!« In den Händen hielt Gustav seine Baskenmütze, die zwei Einschusslöcher hatte.

Wie sich rausstellte, hatte Herr Reimer mit dem Luftgewehr rumgeballert, als Großvater auf der Leiter stand und Pflaumen pflückte. Die Kugeln hatten nur knapp seinen Kopf verfehlt. Reimer war sofort zu uns rübergekommen. »Entschuldigung! Es war ein Versehen, Herr Voss, ein schreckliches Versehen!«

Großvater aber war von dem Gedanken besessen, daß der Mann ihn habe umbringen wollen, und rief die Polizei. »Nur dieser Baskenmütze verdanke ich mein Leben, nur ihr! Sie ist im übrigen hinüber!« Das Gewehr wurde beschlagnahmt, Reimer mußte die Baskenmütze ersetzen. Großvater hatte nun zwei Mützen, trug aber nach wie vor die alte.

Obwohl Herr Reimer kein Luftgewehr mehr besaß, fühlte Großvater sich ständig von ihm verfolgt. Angeblich lauerte der »Ballerer« überall, Tag und Nacht. Großmutter und ich erhielten Order, Herrn Reimer zu beobachten. Abends mußten wir Bericht erstatten, wann und wo wir ihn gesehen hatten und was genau er getan hatte. Großvater meinte, er würde ihm hinter Mauern und Zäunen auflauern und wolle ihn liquidieren. Wir sahen den kleinen Herrn Reimer, der ein Bäuchlein hatte und eine braune Aktentasche aus Kunstleder, tagein tagaus zur Arbeit gehen und gut gelaunt wieder nach Hause kommen. Das sagten wir auch, aber Gustav glaubte uns kein Wort. Er ging zum Angriff über. Der arme Herr Reimer wurde seines Lebens nicht mehr froh, denn Genosse Voss verfolgte seinen Verfolger, bis der das Feld räumte und wegzog.

Er zankte wegen Belanglosigkeiten. Mit den Nachbarn wegen eines Astes, der in unsern Garten rübergewachsen war, mit Großmutter über die Handhabung des Rasenmähers: »Daß du mir ja nicht über die Strippe fährst! Du mußt sie immer hochhalten, sonst fährst du mir über die Strippe! Da werd ich fuchsteufelswild!« Großmutter mähte seit Jahren den Rasen, ohne jemals über die Strippe gefahren zu sein. Man konnte sagen, sie hatte im Rasenmähen eine gewisse Erfahrung.

Mit Behörden haderte er um Pfennige. Er schrieb ein halbes Jahr lang Briefe, weil er meinte, an irgendwen zehn Pfennige zuviel bezahlt zu haben. Mit den Elektrizitätswerken stritt er um die Stromrechnung, belehrte die Mitarbeiter, daß er genau wisse, wann er das Licht ein- und ausschalte. Die Rechnung könne unmöglich höher sein als im Vorjahr. Mit seinen Briefen hatte er nie Erfolg. Trotzdem konnte er den Terror nicht lassen. Der Ärger, den er überall machte, verschaffte ihm Genugtuung. Beim Abendessen war er fröhlich, wenn er den Tag mit dem Verfassen von Drohbriefen an Behörden zugebracht hatte. »Diesen Krümelkackern werde ich noch in die Bude wichsen!« frohlockte er und schmierte sich, vorausgesetzt, es war die richtige Sorte, dick Leberwurst auf die Stulle.

Wir mußten hilflos dem Tagwerk eines...

Dateiformat: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat EPUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

4,99 €
inkl. 19% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen