Unterland

 
 
Ravensburger Buchverlag
1. Auflage | erschienen am 29. November 2011 | 448 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-473-38462-4 (ISBN)
 
»Frieden sieht nur auf den ersten Blick aus wie ein kurzes Wort. Für mich hieß Frieden, dass sich der graugelbe Dunst verzog, der Himmel blau wurde, dass man wieder atmen konnte und sich erinnerte, was Stille war.«

Deutschland 1945. Kurz vor Kriegsende wird Helgoland von Bomben zerstört. Die zwölfjährige Alice und ihre Familie fliehen von der Insel und lassen alles zurück, was ihnen wichtig ist. In Hamburg finden sie Unterschlupf. Doch die neue Zeit, die sich Frieden nennt, stellt sie vor immer neue Herausforderungen: Hunger und Kälte, Schwarzmarkt und Hamsterfahrten, das Leben unter einer Besatzungsmacht - und mit Menschen, die bleischwere Geheimnisse hüten. Trotz allem behält Alice ihr Ziel fest im Blick. Eines Tages wird sie auf ihre geliebte Insel zurückkehren!

Anne C. Voorhoeve, geboren am 19. Dezember 1963, schrieb ihre erste Geschichte mit sechs Jahren. Nach ihrem Studium der Politikwissenschaft, Amerikanistik und Alter Geschichte arbeitete sie als Verlagslektorin, Drehbuchautorin und in der Öffentlichkeitsarbeit. Anne C. Voorhoeve möchte jüngste Geschichte für ihre Leser erlebbar machen. Ihr erstes Jugendbuch 'Lilly unter den Linden' erschien 2004 und verschaffte der Autorin sofort große Aufmerksamkeit. Seither hat sie mit ihren Romanen 'Liverpool Street', 'Einundzwanzigster Juli', 'Unterland' und 'Nanking Road' immer wieder unbekanntere zeitgeschichtliche Aspekte in den Mittelpunkt ihrer Arbeit gestellt und sich eine große Fangemeinde erschrieben. Ihre Bücher wurden mit vielen Preisen ausgezeichnet, darunter dem Buxtehuder Bullen und dem Batchelder Award 2013 für die amerikanische Übersetzung von 'Liverpool Street' Anne C. Voorhoeve lebt in Berlin.
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Anne C. Voorhoeve, geboren am 19. Dezember 1963, schrieb ihre erste Geschichte mit sechs Jahren. Nach ihrem Studium der Politikwissenschaft, Amerikanistik und Alter Geschichte arbeitete sie als Verlagslektorin, Drehbuchautorin und in der Öffentlichkeitsarbeit. Anne C. Voorhoeve möchte jüngste Geschichte für ihre Leser erlebbar machen. Ihr erstes Jugendbuch "Lilly unter den Linden" erschien 2004 und verschaffte der Autorin sofort große Aufmerksamkeit. Seither hat sie mit ihren Romanen "Liverpool Street", "Einundzwanzigster Juli", "Unterland" und "Nanking Road" immer wieder unbekanntere zeitgeschichtliche Aspekte in den Mittelpunkt ihrer Arbeit gestellt und sich eine große Fangemeinde erschrieben. Ihre Bücher wurden mit vielen Preisen ausgezeichnet, darunter dem Buxtehuder Bullen und dem Batchelder Award 2013 für die amerikanische Übersetzung von "Liverpool Street" Anne C. Voorhoeve lebt in Berlin.

Mein Bruder Henry war überzeugt, dass wir den Verräter ein weiteres Mal gesehen hatten. Sobald uns dieses Mal wieder einfiele, meinte er, hätten wir nicht mehr nur sein Gesicht vor Augen- denn das sahen wir noch genau vor uns-, sondern wir würden uns erinnern, wer er war.

»Und dann?«, fragte ich.

Er antwortete nicht. Erst hinterher fiel mir auf, dass er sobald gesagt hatte und nicht wenn. Für Henry war es nur eine Frage der Zeit, wann uns der Mann wieder begegnen würde, er hatte sogar daran gedacht, eine Skizze des Gesichts anfertigen zu lassen. Ich fand das überaus schlau von ihm und behielt für mich, dass meine bis dahin recht scharfe Erinnerung an das Gesicht nun von der Bleistiftskizze überdeckt wurde. Ich sah Bartstoppeln an just denselben Stellen, wo Leni Broders sie auf die Zeichnung getupft hatte, und hielt die Augen offen nach einem Mann mit einem schiefen Gesicht, obwohl es in Wirklichkeit nur leicht oberhalb der Brauen gezuckt hatte. (Leni behauptete, dass man in der Kunst ein Augenzucken durch ein schiefes Gesicht darstellte.)

Den ganzen Sommer und Herbst hielt ich Ausschau nach ihm, obwohl ich nicht eine Minute ernsthaft damit rechnete, ihn wiederzusehen. Die britische Zone war der letzte Ort der Welt, an dem er sich aufhalten würde- wenn er überhaupt noch lebte, aber auch das bezweifelte Henry nicht. Ein Mensch mit einer solchen Schuld konnte nicht auf gewöhnliche Weise im Krieg dahingerafft worden sein. Ein Mensch mit einer solchen Schuld würde büßen und seinen Opfern in die Augen sehen müssen. Alles andere wäre nicht gerecht.

»Vielleicht hat er es nicht mehr ausgehalten und sich erschossen«, schlug ich vor.

»Zuzutrauen wäre es ihm. Dieser Feigling!«, murmelte Henry verächtlich, und mich durchschoss eine Idee, die so brillant war, dass mir einen Augenblick der Atem stockte.

»Wie wäre es, wenn wir ihn dazu bringen?«

Mein Bruder und ich blickten uns an und ich sah es in seinen Augen aufleuchten.

An eine Pistole zu kommen, war nicht schwer- die Militärregierung hatte zwar angeordnet, alle Waffen abzugeben, doch unter Schutt und Geröll tauchten immer wieder welche auf, wurden mitgenommen und neu versteckt. Man wusste schließlich nicht, was uns noch erwartete! Die Alliierten stritten und feilschten um uns, jede der vier Besatzungsmächte wollte etwas anderes und die anfängliche Erleichterung, der britischen Zone zugefallen zu sein und nicht den marodierenden Russen, rachsüchtigen Franzosen oder gleichgültigen Amis, war längst der Angst gewichen. Worauf würden sich die Alliierten einigen? Stimmte es, dass sie sämtliche noch vorhandene Industrie abbauen, Deutschland um Jahrhunderte zurückversetzen und einen Bauernstaat aus uns machen wollten? Dass die Hälfte der Bevölkerung bei dieser Umstellung verhungern würde, war, so hieß es, bereits Teil dieser Idee, die sie Morgenthau-Plan nannten.

Andere glaubten, dass Engländer und Amerikaner am Ende zusammen mit uns Deutschen gegen die Russen gehen würden, was nichts anderes als einen neuen Krieg bedeutete. Im einen wie im anderen Fall würde man sich also verteidigen müssen und fast jeder kannte jemanden, der jemanden kannte, der noch eine Waffe versteckt haben wollte.

Aber dann! Ich versuchte mir Henry und mich vor dem Mann stehend vorzustellen, ihn mit der Pistole in der Hand, und abgesehen davon, dass allein dieses Bild meine Vorstellungskraft zu sprengen drohte, war mir nicht klar, wie wir ihn davon würden abhalten können, uns zu erschießen anstatt sich selbst. Ins Gesicht würde er uns lachen! Wir würden eine zweite Pistole brauchen, mindestens, und schneller und kaltblütiger sein als er, aber weder Henry noch ich waren kaltblütig oder hatten je eine Pistole in der Hand gehabt.

»Oder Gift«, überlegte mein Bruder.

Gift war nicht schlecht. Gift gab es überall. Ich wusste ganz sicher von zwei Stellen in unserem eigenen Haus, an denen Gift aufbewahrt wurde. Wir würden sein Vertrauen erschleichen und ihm Gift ins Getränk mischen!

»Das reicht nicht«, erwiderte Henry. »Er muss wissen, dass er sterben wird und warum. Darum geht es doch, Alice.«

Langsam kam mir der Verdacht, dass Henry alles so kompliziert machte, dass der Mann unbehelligt hundert Jahre alt werden würde, selbst wenn er in unserer unmittelbaren Nachbarschaft auftauchte.

Die Verrätersuche war eine Sache zwischen Henry und mir. Wir hatten geschworen, ihn zu finden, und obwohl bis zum Herbst weder meine Hoffnung auf Erfolg gestiegen war noch das Problem gelöst, was wir im Falle eines Falles mit dem Mann anfingen, ließ ich mich immer wieder mitreißen. Kaum eine Woche verging, in der wir nicht hinter Unbekannten herschlichen, die sich durch einen Blick, eine Bewegung oder auch nur dadurch bei Henry verdächtig gemacht hatten, dass sie ihn nicht anblickten.

Als die Tage kürzer wurden, war Henry klar geworden, dass wir unsere Taktik ändern mussten. »Es hat keinen Sinn, auf einen Zufall zu warten«, entschied er. »Wir müssen überlegter vorgehen. Ist er alt oder jung? Hat er Familie, lebt er allein? Wofür interessiert er sich? Kurz: An welchen Orten würde er sich aufhalten?«

An dieser Stelle beschloss ich, endlich zu reden. Schon seit einiger Zeit hegte ich einen Verdacht, wo der Mann sein konnte, und je länger ich den Verdacht mit mir herumtrug, desto verblüffter war ich, dass Henry noch nicht selbst darauf gekommen war.

Wenn ich zögerte, meinen Verdacht auszusprechen, dann hatte das einen ziemlich eigennützigen Grund: Mich nach dem Verräter umzusehen, bedeutete Ablenkung vom Thema Essen. Vom Thema Essen durfte man sich nicht beherrschen lassen, obwohl man natürlich damit aufstand, den ganzen Tag herumlief und zu Bett ging. Solange man noch einen anderen Gedanken hatte, war man gegenüber dem Thema Essen klar im Vorteil.

Insgeheim war ich ganz froh, dass wir den Verräter hatten, ich wollte ihn ungern aufgeben. Aber an diesem Morgen war mir auf dem Weg zur Schule zum ersten Mal schwarz vor Augen geworden, sodass ich stehen bleiben und mich an einer Mauer festhalten musste.

Als ich wieder sehen konnte, sah ich Henrys erschrockenes Gesicht vor mir- genau wie damals, als die Flieger kamen und er als Erster bei mir gewesen war.

»Soll ich dich ein Stück tragen?«

Ich wehrte ab. Aber wenn wir an diesem Tag dem Verräter gegenübergestanden hätten. ich hätte ihn laufen lassen müssen. An diesem Tag spürte ich zum ersten Mal, dass ich all meine Kraft brauchen würde, um den kommenden Winter zu überstehen.

»Henry, ich glaube, er ist in einem Kriegsgefangenenlager«, sagte ich.

Mein Bruder nickte. »Daran habe ich auch schon gedacht.«

»Vielleicht«, schlug ich zögernd vor, »sollten wir eine Pause einlegen?«

»Bis zum Frühjahr.«

»Oder bis Foor und die anderen entlassen werden. Dann ist er vielleicht dabei.«

»Und sollten wir ihn zufällig vorher schon sehen

»Klar. Dann ist er dran!«

Das war vor vier Monaten gewesen, und trotz der Schonfrist, die wir ihm gewährt hatten, dachte ich immer noch jeden Morgen an den Verräter, wenn ich mich zwang, aufzuwachen und unsere Lage in Augenschein zu nehmen. Sieh, was du angerichtet hast!

Immer noch tat es gut, jemanden für unser Lager auf dem Fußboden verantwortlich machen zu können, auf dem wir Kopf an Fuß schliefen, zu viert auf zwei Matratzen zwischen hochkant gestellten Sperrholzkisten, die als Schränke dienten. Für den säuerlichen Hungergeruch, der an uns haftete wie ein ungewaschener Mantel, für die Kälte, die in die Knochen biss, für das Gekreisch aus der Küche: »Es ist unsere halbe Stunde! Ihr seid noch nicht dran!«

Doch den immer gleichen schrillen Morgengruß und seine Urheberin hasste ich inzwischen mit größerer Inbrunst, als ich den Verräter je gehasst hatte. Mir kam es vor, als ob ein Tag, der so begann, von Anfang an gar nicht die Chance bekam, gut zu werden; mehr noch: als ob die Wranitzky uns diese Chance absichtlich nehmen wollte. Sie war eine knochige Riesin, die mit hängenden Armen leicht vornübergebeugt ging und stand wie ein sprungbereiter Affe. Taschen aus wabbliger Haut schlackerten um ihre Arme, Falten aus stachliger Haut kniffen ein Spinnennetz um ihren Mund, den fettigen schwarzen Stoffwickel um ihr Haar nahm sie nie ab. Ihre Blicke flitzten fortwährend auf und ab, wenn sie mit einem redete- als wollte sie einem unter die Kleider schauen.

Gut- dass ihr zwei obere Vorderzähne fehlten, dafür konnte sie nichts, das war »der Pole« gewesen. Aber ich vermutete, dass mit den Vorderzähnen alles angefangen hatte. Eine Frau ohne Vorderzähne gönnte niemandem mehr etwas. Eine Frau ohne Vorderzähne hatte nur einen Wunsch: dass alle in ihrer Umgebung sich genauso mies und hässlich fühlten wie sie....

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