Lust auf dich

 
 
Diogenes (Verlag)
  • 2. Auflage
  • |
  • erschienen am 26. März 2014
  • |
  • 304 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-257-60419-1 (ISBN)
 
Elena ist eine junge Frau, die sich in ihrer Ehe gefangen fühlt. Nachdem sie sich mit Uni-Abschluss und früher Heirat ein vordergründig perfektes Leben aufgebaut hat, merkt sie, dass bei ihrer Traumkarriere Leidenschaft und Lust auf der Strecke geblieben sind. Als schließlich ein Fremder erscheint, der Neugier und Phantasie in ihr wieder zum Leben erweckt, wagt sie den Sprung - hinein in ein lustvolleres Leben: »Beim Sex erkenne ich mich nicht wieder. Ich bin eine andere Frau, und diese Frau gefällt mir.«
  • Deutsch
  • 1,70 MB
978-3-257-60419-1 (9783257604191)
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Fabio Volo, geboren 1972 bei Brescia in der Lombardei, ist Autor mehrerer Bestseller, Schauspieler in Filmen z. B. von Alessandro D'Alatri und Cristina Comencini sowie in der Verfilmung seines eigenen Romans (>Il giorno in più - Noch ein Tag und eine Nacht<) durch Massimo Venier, und er hat eigene Sendungen in Radio und Fernsehen. Fabio Volo lebt mit seiner Frau und zwei Söhnen in Mailand.

[10] 15. Januar

Wenn ich keinen Parkplatz finde, macht mir das nichts aus, weil ich in letzter Zeit oft und lange im Auto mit Carla telefoniere, nur damit ich nicht gleich nach Hause muss. So war es immer mit ihr, seit unserer Zeit im Gymnasium: Ich brauche ihr meine Stimmung nicht erst lang und breit zu erklären, sie muss nur meine Stimme hören und weiß schon Bescheid. Wenn ich dann aus dem Auto steige und nach Hause gehe, hoffe ich nur, dass er noch nicht da ist und ich eins dieser Viertelstündchen Alleinsein geschenkt kriege, die mir so guttun. Wenn ich weiß, dass er schon da ist, lasse ich mir Zeit. Zu Hause versuche ich dann, das Unbehagen zu verbergen, das ich mit mir herumtrage. So habe ich, ohne es zu wollen, gelernt zu schauspielern, mich zu verstellen, mich als jemand auszugeben, der ich nicht bin. Ich tu so, als wäre ich die Ehefrau, die ich gemäß meinen Vorstellungen sein müsste; als wäre ich noch die Frau, die ich als Frischverheiratete war und die ich jetzt nicht mehr sein kann. Nur um meine innere Unruhe und das Übermaß an Traurigkeit in mir zu verbergen. Wenn ich die Wohnungstür aufschließe, habe ich oft Angst, dass ich nichts mehr für ihn empfinde.

Deshalb hole ich vorher an der Schwelle tief Luft und setze eine Maske auf. An manchen Tagen denke ich, [11] merkt, dass ich mich verstelle, und sagt nur nichts. Vor lauter Verstellung weiß ich manchmal gar nicht mehr, wie ich wirklich bin.

Wie hat es so weit kommen können? Wo wir uns unserer Liebe doch so sicher waren. An den Tag, an dem wir geheiratet haben, erinnere ich mich, als ob es gestern gewesen wäre. Ich erinnere mich an die Vorbereitungen, an die Aufregung über den Schritt, den wir gemeinsam gehen wollten. Wie hatte ich mir diesen Tag herbeigesehnt! Ich hatte mir immer schon einen Mann an meiner Seite erträumt, immer. Ich musste nur den richtigen finden.

Schon bevor ich Paolo traf, war ich fest entschlossen gewesen zu heiraten. Nur mit einem Ehemann würde ich zur Frau werden, hatte ich mir eingebildet. Die Ehe war das Versprechen auf eine ruhige Zukunft, weil sie die Angst vor dem Alleinsein für immer verscheuchte. Deshalb waren wir bei der Heirat so glücklich, und nicht nur wir, auch alle Hochzeitsgäste. War das wirklich so, oder habe ich mein Leben vielleicht mit den Augen der anderen betrachtet?

Alles war rein und schneeweiß, wie die Laken des Ehebetts, in dem wir für den Rest unseres Lebens schlafen und miteinander schlafen würden.

Anfangs war ich so enthusiastisch, dass schon Kleinigkeiten mich glücklich machten, Einkaufen zum Beispiel: zwei bunte Frühstücksschalen, weiße Küchenhandtücher mit blauem Rand, ein Kissen fürs Sofa, neue Handtücher fürs Bad.

Vielleicht hat sich das nur in meinem Kopf abgespielt. Die meisten dieser Dinge haben wir kaum benutzt: Die Wok-Schale, die Champagnerkelche, die japanischen [12] Teetassen, der Topf für das Fondue bourguignonne sind praktisch noch neu.

Unsere Wohnung ist voller Kerzen, die nie gebrannt haben. Wie wir beide. Der Docht ist noch weiß.

Vor der Hochzeit habe ich mir das Leben mit Paolo haarklein ausgemalt. Wie wir uns abends unterhalten und ich ihm von meinem Tag erzähle, was ich erlebt hatte und gemeinsam mit ihm unternehmen wollte. Ich habe mir vorgestellt, wie wir Freunde zum Abendessen einladen und hinterher, wenn alle weg wären und wir den Tisch abräumten, noch ein wenig über sie tratschten. Und wie wir abends, allein zu Haus, unter einer Decke auf dem Sofa aneinandergekuschelt, einen Film guckten. Praktisch nichts von alledem ist eingetroffen. Geredet haben wir immer weniger, und irgendwann bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es womöglich gar nicht nötig ist, viel miteinander zu reden, wenn man sich nur liebt. Je mehr Jahre vergehen, desto lieber schweigt man, als eine Unterhaltung zu führen, die einen nicht mehr interessiert.

Manche Themen sind mit der Zeit auch tabu geworden; aus Angst, zu viel zu sagen, haben wir fast gar nichts mehr gesagt. Manchmal frage ich mich, ob es nicht all diese ungesagten Dinge sind, die uns voneinander entfernt haben. Die Prioritäten und Dringlichkeiten haben sich so sehr verschoben, dass wir irgendwann vergessen haben, was wir uns ursprünglich einmal ersehnt hatten.

Meine Tage sind traurig geworden, ohne dass davon etwas durchscheint. Er verwechselt meine Traurigkeit mit Müdigkeit.

[13] Nichts überrascht mich mehr: weder Paolo noch das Leben noch ich selbst.

Ab wann hat die Zukunft, die ich mir vorstellte, zu verblassen begonnen? Wo sind die Träume vom Tag meiner Hochzeit hin?

Es gibt Schlimmeres als verschwundene Träume: die Unlust, überhaupt noch zu träumen. Wir sind langsam erloschen, eingeschlummert, ohne es auch nur zu merken. Erst haben wir die Zukunft ausgehöhlt, dann haben wir begonnen, dasselbe mit dem Alltag zu tun, der Gegenwart. Wenn man nicht kriegen kann, was man will, liebt man eben das, was man kriegen kann.

Mein Mann ist für mich wie ein Bruder geworden, und trotzdem schaffe ich es nicht, ihn zu verlassen. Ich sehe, was alles schiefläuft, aber ich bin blockiert. Ich träume davon, aufzuwachen und eine andere Frau zu sein, die ein anderes Leben führt. Doch dafür müsste ich alles aufgeben, und das bringe ich nicht fertig.

 

 

 

 

 

 

[14] Wenn ich diese Worte lese, empfinde ich unendliche Zärtlichkeit. Die Frau, die sie geschrieben hat, ist so zerbrechlich, dass es mich zutiefst berührt. Am liebsten würde ich zu ihr gehen, sie umarmen und beruhigen. Sie soll sich keine Sorgen machen, möchte ich ihr sagen, und dass die Dinge sich ändern und alles gut wird beziehungsweise dass alles gut geworden ist, auch wenn sie das noch nicht wissen kann. Sie weiß nicht, dass sie den richtigen Weg finden wird, um diese Situation hinter sich zu lassen; dass sie bald schon Antworten auf ihre Fragen bekommen wird. Sie weiß noch nicht, dass sie dabei ist, sich von allem zu befreien, das sie fesselt, gefangen hält, blockiert.

Das sind nicht einfach nur schöne Worte, die Mut machen sollen. Ich rede mir die Zukunft dieser Frau nicht rosig. Diese Zukunft ist meine Gegenwart.

Denn diese Frau bin ich gewesen, vor wenigen Jahren.

Könnte ich in der Zeit reisen, begäbe ich mich zu ihr, ich weiß ja noch, wie einsam sie war. Nicht um zu verhindern, dass sie die Erfahrungen macht, die heute zwischen uns liegen, und seien sie noch so schmerzlich, denn auch der Schmerz hat ihr dabei geholfen zu wachsen. Ich würde mich einfach nur neben sie setzen, damit sie meine Anwesenheit spürt.

[15] Ich hab sie sehr gern, die Frau, die ich mal gewesen bin. Obwohl zerbrechlich, war sie nie schwach; obwohl müde und erschöpft, hat sie nie aufgehört zu kämpfen. Sie hat sich gewehrt. Der Frau, die ich mal gewesen bin, verdanke ich viel: den Mut zum Irrtum, den Willen, mich den Dingen zu stellen, die Verantwortung für mich selbst anzunehmen, wie ich bin.

 

 

 

 

 

 

[16] Es wird der zweite Umzug meines Lebens. Oder der dritte, wenn ich den als Kind mitzähle, als ich sieben war und meine Eltern beschlossen, in eine andere Stadt zu ziehen. Damals habe ich nicht viel mitgeholfen, ich habe hauptsächlich geweint.

»Die neue Wohnung wird dir bestimmt gefallen, Elena. dein Zimmer ist größer, und es passen mehr Spielsachen rein«, versuchte meine Mutter mich zu beruhigen.

»Ich will kein größeres Zimmer, ich will meins behalten, ich will hierbleiben!«

Die Umzugsleute gestern Nachmittag meinten, ich könne mich beruhigt zurücklehnen, sie würden sich um alles kümmern. Sie wollten wissen, wie sie die Sachen packen sollten, aber ich habe ihnen gesagt, sie sollten nur die leeren Kartons bringen, ich würde alles selber erledigen.

Auch Carla hat ihre Hilfe angeboten. Aber ich habe mich entschlossen: Ich will alles allein machen.

Mit achtunddreißig bin ich dabei, mein Leben noch einmal einzupacken. Wie viele Kartons werde ich brauchen? In wie viele Kisten passt mein Leben?

Zwei Tage Zeit zum Packen, habe ich mir gesagt. Ich lasse es langsam angehen. Das wird ein langes, anstrengendes Wochenende, aber ich bin mir sicher, dass ich alles gepackt bekomme.

[17] Gestern Abend habe ich mit der Küche angefangen: Teller, Gläser, Schalen, Tassen. Heute und morgen erledige ich den Rest.

Ich habe mir einen Kaffee gemacht. Während ich ihn trinke, gehe ich durch die Zimmer. Der Anblick der Dinge, die bereitstehen, um eingepackt zu werden, die offenen Kisten, das Bewusstsein, zum letzten Mal durch diese Wohnung zu gehen - all das haut ganz schön rein.

Ich bin dabei, von hier fortzugehen. Und ich will das allein machen, in aller Stille. Ohne Eile will ich gehen, ganz bewusst, und mir vor Augen halten, was ich zurücklasse, voller Vorfreude auf das, was mich erwartet. Was immer es sein wird.

Ich versuche, die Gerüche, die Klänge, das Licht auf den Wänden einzufangen. Zum letzten Mal auf die Geräusche zu lauschen, die mein Dasein in dieser Wohnung begleitet haben. Deshalb wollte ich die Kisten allein packen: weil ich mein Leben ordentlich zusammenfalten möchte, indem ich jeden Gegenstand berühre und die Geschichte und die Erinnerungen, die er...

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