Wie ich John Lennon die Haare schnitt, vor Romy Schneider davonlief und Catherine Deneuve zum Lachen brachte

Erinnerungen eines Fotografen
 
 
Edel Germany GmbH (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 14. Mai 2013
  • |
  • 216 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
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978-3-8419-0193-4 (ISBN)
 
Jürgen Vollmer ist ein Ausnahmekünstler. Als Setfotograf hat er mit den Großen der Filmbranche gearbeitet und dabei zahlreiche weltberühmte Porträts und Kinoplakate geschaffen. Sein Werk ist in mehreren Bildbänden dokumentiert. Darüber hinaus ist Jürgen Vollmer aber auch ein begnadeter Erzähler, der seine beruflichen Stationen und seine Erlebnisse mit den Stars auf äußerst unterhaltsame, nicht selten tragikomische Weise schildert.
  • Deutsch
Edel Books - Ein Verlag der Edel Germany GmbH
  • 17,76 MB
978-3-8419-0193-4 (9783841901934)
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»Jürgen trug die Haare glatt heruntergekämmt mit Fransen über der Stirn, das gefiel uns. Wir gingen zu ihm, und er schnitt - hackte wäre das passendere Wort - uns die Haare in diesem Stil.«

JOHN LENNON, 1967

 

»Wir sahen jemanden in Hamburg, dessen Haare uns gefielen. John und ich sind per Anhalter nach Paris gefahren. Wir baten ihn, unsere Haare so wie seine zu schneiden. Er lebte in Paris. Er war ein künstlerischer Typ, ein Fotograf, der jeden kannte. Sein Name war Jürgen.«

PAUL McCARTNEY, 1980

PILZKOPF


IN HAMBURG 1955-1961;
MIT DEN BEATLES IN HAMBURG 1960/61
UND MIT JOHN LENNON UND
PAUL McCARTNEY IN PARIS 1961

»Wie kannst du nur so herumlaufen?!«, schnauzte mich mein Lehrer an. Einige Mitschüler hatten mich bereits vorher kopfschüttelnd angestarrt, nun richteten auch alle anderen ihre Blicke auf mich, ein paar von ihnen mit höhnischem Grinsen. »Aber«, fuhr der Alte fort, indem er sich von mir abwandte und seine Worte an die anderen 15- bzw. 16-jährigen Jungen meiner Klasse richtete, »eins muss man Jürgen ja lassen: Er ist mutig.«

Der Stein des Anstoßes war meine Frisur. Nun, es war eigentlich keine richtige Frisur, ich hatte mir nur nach einer Schwimmstunde die nassen Strähnen nicht wie üblich zurückgekämmt, sondern einfach über der Stirn hängen lassen.

Und so begann 1955 die Vorgeschichte des Haarschnitts, der viele Jahre später durch die Beatles als »Pilzkopf« berühmt werden sollte.

Wenn man an die vielen ausgefallenen Frisuren von Jugendlichen in den späteren Jahrzehnten denkt - von den Hippies bis zu den Punks -, ist es schwer vorstellbar, dass es einmal eine Zeit gab, in der die über die Stirn hängenden Haare eines Jungen irgendwelches Aufsehen erregten und abfällige Blicke und Bemerkungen nach sich ziehen konnten. Aber die Fünfzigerjahre waren schrecklich spießig, nicht nur in Hamburg. Schüler, die sich nicht die Haare schön ordentlich nach hinten kämmten, waren wirklich eine Seltenheit.

Die Standpauke meines Lehrers hatte eine Trotzreaktion in mir bewirkt. Ich ging fortan nicht mehr zum Friseur, schnitt mir die Haare immer selbst und benutzte auch keinen Kamm, sondern brachte meinen Pony vielmehr nur mit den Händen in Ordnung oder, treffender gesagt, in stilisierte Unordnung. Meine neue Frisur war für mich ein Zeichen der Sehnsucht nach einem alternativen Lebensstil und ein erster haariger Streich gegen die bieder-bürgerliche Gesellschaft.

In Paris, wohin ich 1957 zum ersten Mal fuhr, lernte ich endlich eine tolerantere Umgebung kennen und sah seelenverwandte Jugendliche an jeder Ecke im Quartier Latin. Mir wurde ganz klar, dass ich irgendwann in diesem Mekka von Künstlern aus aller Welt leben würde und nahm in Hamburg schon mal Französischunterricht. In den folgenden Jahren musste ich mich allerdings nur mit jeweils kurzen Reisen in die französische Metropole zufriedengeben. Aber wenigstens konnte ich mich nun stets wie ein Pariser Jugendlicher einkleiden, war es doch in Hamburg unmöglich, die Art von künstlerischen Klamotten, die mir gefielen, zu bekommen. Mit meinen schwarzen Rollkragenpullovern und verschiedenfarbigen Cordjacketts wollte ich genauso antibourgeois aussehen wie die Bohème-Jugend vom linken Seine-Ufer.

Mein Hang zum Rebellieren führte 1960 nach nur zwei Semestern zu meinem Rausschmiss aus einer Hamburger Kunstschule. Ich hatte wohl zu lange die Anweisungen meiner Dozenten missachtet. Anstatt zum Beispiel im Zeichenunterricht den Körper eines Aktmodells plastisch wiederzugeben, zog ich lediglich meinen Bleistift in einer kontinuierlichen Linie à la Jean Cocteau über mein Zeichenpapier, sodass nur der Umriss des Körpers abgebildet wurde. Und wenn in den Malstunden Nuancen der Hautfarbe verlangt wurden, drückte ich einfach die Primärfarben direkt aus den Tuben nebeneinander auf die Leinwand. Mein ungehorsames Verhalten in der Kunstschule war zwar dumm und deplatziert, aber es basierte eben auch - genau wie meine unkonventionelle Frisur - auf meiner Veranlagung, gegen die Norm und die Erwartungen anderer zu rebellieren.

Nachdem also mein Kunststudium unrühmlich beendet worden war und ich einige Zeit orientierungslos nach einer Beschäftigung gesucht hatte, akzeptierte ich schließlich einen Job als Assistent des Hamburger Fotografen Reinhart Wolf, obgleich ich noch nie Fotos gemacht und dazu auch zunächst keine Lust hatte. Doch meine Arbeit dort beschränkte sich hauptsächlich auf das Entwickeln von Filmen und Fotos in der Dunkelkammer. Der erste Funke einer Inspiration zum Fotografieren wurde durch meine Faszination für die Beatles ausgelöst.

Klaus Voormann, den ich aus der Kunstschule kannte, hatte die Jungs aus Liverpool im Oktober 1960 in einem Rockclub im Hafenviertel entdeckt und war von ihnen völlig begeistert. Animiert durch seinen Enthusiasmus begleitete ich ihn und seine Freundin Astrid Kirchherr am nächsten Abend in den Kaiserkeller, allerdings nicht ganz ohne ein ängstliches Gefühl, denn Künstlertypen und Jazzfans wie wir waren die natürlichen Feinde von Rock'n'Roll-Fans. Sie nannten uns »Exis«, kurz für Existenzialisten.

Das Rockerlokal befand sich auf der Großen Freiheit, mitten im Rotlichtviertel von St. Pauli. Damals war Hamburgs Hafengegend das Sündenbabel von Europa, wo im Gegensatz zu heute der Normalbürger sich niemals hingetraut hätte. Es gab überall sexorientierte Kabarettshows, Bars, Striptease-Lokale und Musikschuppen mit Schlagerkapellen und Lokale, in denen bikinibekleidete Frauen im Schlamm Ringkämpfe ausführten. Berüchtigt war vor allem eine Straße, in der sich Prostituierte in den Fenstern zur Schau stellten. Diese sogenannte Sündenmeile stand in starkem Kontrast zu den übrigen Stadtteilen Hamburgs, in denen eine bürgerliche Mehrheit für Sitte und Ordnung sorgte.

An einem bulligen Türsteher vorbei stiegen meine beiden Freunde und ich aus dem glitzernden Neonlicht der Straße eine dunkle Treppe hinunter und gelangten in einen relativ kleinen Raum. Wir waren in einer uns vollkommen unbekannten und gefährlichen Welt. Die Kellerkaschemme war voll von Halbstarken. Viele wirkten brutal. Betrunkenes Gegröle. Bedrohliche Blicke. Lederjacken und Elvis-Frisuren, wohin man sah. Auf der kleinen Tanzfläche traten spitze Schuhe in rascher Folge Löcher in die Luft, und Reifröcke unter hochgetürmten Haaren oder Pferdeschwänzen drehten unaufhaltsam Kreise. Auf einer einfach gebauten Bühne spielten die Beatles Rock 'n' Roll.

Wir drei Exis waren zwar total deplatziert, aber von allem, was wir sahen und hörten, vollkommen begeistert. Von den Tänzern, von der Musik und vor allem von den charismatischen Typen auf der Bühne.

Die damals noch unbekannten Beatles sahen nur auf den ersten Blick so aus wie die halbstarken Jungs in ihrem Publikum, als sie 1960 als Teenager - und noch zu fünft - zum ersten Mal in Hamburg auftraten. Sie trugen schwarze Lederjacken und kämmten sich ihre Haare an den Seiten sorgfältig mit Pomade nach hinten, sodass sich am Hinterkopf ein »Entenschwanz« bildete. Die vorderen Haare waren zu einer Rockertolle geformt, die sich jedoch im Laufe des Abends im Rock'n'Roll-Rhythmus schnell auflöste und ein wildes Strähnengewirr übrig ließ.

Aber der halbstarke Schein der britischen Musiker trug, und wir sollten schon bald merken, dass in ihrem Innern eine Exi-Seele schlummerte.

Zunächst wirkte vor allem John Lennon, der offensichtliche Kopf der Band, auf mich wie ein bedrohlicher Schläger. Während er Gitarre spielte, schob er seinen Körper im Rhythmus der Musik nur leicht nach vorne. Cool. Zurückgehaltene Aggressivität. Er erinnerte mich an den jungen Marlon Brando in The Wild One.

James Dean diente ebenfalls als Vorbild, und zwar dem kurzzeitigen Beatles-Mitglied Stuart Sutcliffe, der sich geheimnisvoll hinter einer Sonnenbrille verbarg. Er sollte die Band im nächsten Jahr verlassen.

Paul McCartney erschien mir als ziemlich freundlich, er schüttelte seinen Kopf im Rhythmus hin und her, als er sang, und konkurrierte mit John als Führer der Band. Ein energiegeladener Charmeur.

Das jüngste Bandmitglied war George Harrison. Wir erfuhren später, dass er als 17-Jähriger im Kaiserkeller nicht nach zehn Uhr abends spielen durfte und danach im Top Ten, einem Rockclub auf der Reeperbahn, auf die anderen Beatles warten musste, bis sie um drei oder vier Uhr morgens ihren letzten Auftritt beendet hatten. Wenn George auf seine Gitarre einschlug, sah er wechselweise trotzig und traurig aus.

Auch Pete Best, der damalige Schlagzeuger, hatte diese typisch coole, aber bedrohlich wirkende Ausstrahlung eines Halbstarken.

Die Beatles waren die erste Rock'n'Roll-Band, die ich je gesehen hatte, und ihr Aussehen und ihre Musik machten auf mich einen bombastischen Eindruck. In der aggressionsgeladenen Atmosphäre des Kaiserkellers waren diese halbstarken Rocker weit entfernt von dem Image, das sie als spätere Pop-Ikonen haben würden. Wie dynamische junge Wilde erschienen sie mir, dem unerfahrenen Jüngling mit künstlerischer Veranlagung, und wirkten auf mich wie eine explosive Offenbarung. Sie verkörperten das Bild vom »Rebellen mit einem unbekannten Anliegen«, der auch in meinem Innern rumorte. Aber im Gegensatz zu mir konnten diese aufmüpfigen Musiker ihren Frust und ihre Begierden im Rock'n'Roll-Rhythmus hinausschreien. Die Beatles hatten noch keine eigenen Songs, sie spielten nur Covers amerikanischer Rockmusik. Einige hatte ich schon im Radio gehört, aber erst jetzt, durch die Beatles, lernte ich diese Musik richtig schätzen und lieben. Auch die...

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