Die Glücksreisenden

Roman
 
 
dtv (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 20. Juli 2018
  • |
  • 320 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-423-43485-0 (ISBN)
 

Können Menschen ihr Glück machen? Oder fällt es ihnen zu wie die Sterne in diesem Kometensommer?

Ausgerechnet zum großen Fest in Haus Tide - Inge Boysen wird 80, ihre Enkelin 18 - hat sich Komet "Fortune" über der Nordseeinsel angekündigt. Eine ungewöhnliche Festgesellschaft versammelt sich im alten Haus hinter dem Deich: Familie Boysen, geladene und ungeladene Gäste, Glücksritter, Spinner und Sternengucker. Die einen hoffen, "Fortune" verheiße Fülle und Freuden, andere sehen den Weltuntergang nahen, Inge stellt für alle Fälle Champagner kalt.

Das Himmelsereignis setzt eine Reise in Gang: Inge, ihre Kinder und Kindeskinder, Nachbarn, Postbote, Astronom und Vogelwartin - sie alle machen sich auf, ihr Glück zu suchen, zu finden und notfalls zu erfinden. Und Sohn Boy, der mit einer waghalsigen Wette das Elternhaus gerettet hat, muss erleben, wie schnell das Blatt sich wieder wendet - für ihn, Haus Tide und die ganze Familie.

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Sybil Volks lebt als Autorin in Berlin. Sie hat mehrere Romane sowie Erzählungen und Gedichte veröffentlicht. Der historische Berlin-Krimi "Café Größenwahn" war nominiert für den Glauser-Preis als bestes Krimidebüt. Ihr hochgelobter Roman "Torstraße 1" erzählt von zwei Familien und einem geschichtsträchtigen Gebäude im Herzen Berlins. 2015 erschien der Roman "Wintergäste" um drei Generationen in einem eingeschneiten Inselhaus, der ein Bestseller wurde. In ihrem vierten Roman "Die Glücksreisenden" gibt es ein Wiedersehen mit Haus Tide und den Boysens aus "Wintergäste".

Oben auf dem Deich über Haus Tide bekommt Inge einen seltenen Vogel ins Visier: In ihrem Fernglas erscheint Sönke Sönksen, seines Zeichens Bürgermeister und Postbote der Insel und somit der inseleigene Schicksalsbote. Seit Jahren läuft er durchs Watt zur Hallig Westeroog, um beim Vogelwärterpaar nach dem Rechten zu sehen und ihre Post zu besorgen. Es sei erstaunlich, hat er in einem redseligen Moment erzählt, wie viel Post man schreibe und bekomme, wenn man allein auf einer Scheibe Gras und Schlick im Meer hause. Zweimal in der Woche geht Sönksen bei Ebbe die Strecke, das ganze Jahr, auch in Eis und Kälte. Im Sommer nimmt er gelegentlich Touristen mit auf die Tour. Sie müssen Schritt halten mit seinem flotten Tempo und barfuß gehen in kurzen Hosen. Dass sie sich vor und nach den Prielen Gummistiefel aus- und anziehen oder Hosenbeine ab- und anzippen und dergleichen, dafür hat Sönke Sönksen keine Zeit. Offenbar auch nicht für Schuhe und Schnürsenkel. Ihr Bürgermeister und Postbote läuft sommers wie winters, drinnen wie draußen barfuß. Wenn jedoch bürgermeisterliche Termine oder Feierlichkeiten formelle Kleidung erfordern, hält er sich an die Konvention. Dann geht er barfuß in Schlips und Anzug.

Inge wartet auf ihrer Bank zwischen den Schafen. Sie hat heute Lust auf ein Schwätzchen mit dem Schicksalsboten. Und er kann ihr nicht mehr ausweichen, ohne dass es auffiele. Weit und breit gibt es weder eine Abzweigung noch ein Versteck auf dem Deich.

»Moin, Moin«, sagt Inge.

»Moin.« Schon ist Sönksen mit Riesenschritten halb an ihr vorbei.

Schnell setzt sie hinzu: »Alles gut da draußen?«

Widerwillig bleibt er stehen. »Wie immer.«

»Und dort?« Inge nickt in Richtung Osteroog. »Alles noch lebendig?«

Inge weiß, dass sie sich die Neugier und Geschwätzigkeit nur erlauben kann, weil sie mit Sönkes Mutter Lore die Schulbank gedrückt und dieser die Aufsätze geschrieben hat. In Rechtschreibung und Grammatik war Lorchen eine Niete, dafür hat sie Inge unter der Hand die verhassten Handarbeiten abgenommen. Inge ist nicht sicher, ob Sönke über dieses Tauschgeschäft im Bilde ist, aber bei Lore hatte sie lebenslang einen Stein im Brett, und so was vererbt sich unter Insulanern.

Sönke Sönksen weiß natürlich, was mit der Frage nach dem »dort« und »lebendig« gemeint ist. Er scheint nur noch nicht zu wissen, ob er sie beantworten möchte. Auf der winzigen Hallig Osteroog haust seit Jahren von März bis Oktober ein Vogelwart, um die Vögel zu »warten«, das heißt zu zählen, zu beobachten und zu dokumentieren. Ansonsten wartet er vermutlich im Frühjahr auf den Sommer und im Sommer auf den Herbst, denn Osteroog ist nichts weiter als ein kleiner Haufen Sand weit draußen im Meer. Auf diesem Sandhaufen lebt der Vogelwart allein in einer Hütte auf Pfählen. Die Hütte hat weder Heizung noch fließendes Wasser, der Tank fasst einhundertfünfzig Liter Trinkwasser für einen Monat, nicht viel mehr als das, was Nicht-Vogelwarte im Durchschnitt pro Tag verbrauchen. Das Wasser des Vogelwarts ist zum Trinken und Kochen da. Statt eines Wasserklosetts gibt es eine Grube, Sand drauf und fertig. Einmal im Monat ist der große Tag, dann läuft der Vogelwart bei Ebbe hinüber zur Insel, um hier einzukaufen und - Highlight des Monats - zu duschen. Er duscht bei Bürgermeister Sönksen persönlich, manch einem Vogelwart musste dieser das Wasser auch persönlich wieder abdrehen. Der Weg nach Osteroog ist weit und die Zeit knapp bemessen, wenn der Vogelwart nicht auf dem Rückweg in der steigenden Flut ersaufen möchte. Steigt die Flut einmal höher, wird der Sandhaufen verschluckt, und nur die Pfahlhütte ragt aus dem Meer. Dann sitzt man, womöglich im Finstern und bei heulendem Sturm, da draußen in seiner Arche Noah, die nicht schwimmt, umgeben von Wassermassen. Immerhin, der Vogelwart von heute hat einen kleinen Stromgenerator, Funk, Radio und Handyempfang. Meistens. Aus Sönksens Sicht gibt es angesichts dieses Luxus keine Entschuldigung für das, was mit dem letzten und vorletzten Vogelwart passierte.

Der vorletzte hatte sich jahrelang im Natur- und Vogelschutz engagiert, schien ruhig und besonnen und für das Amt bestens geeignet. Nachdem er sich jedoch zum monatlichen Termin nicht auf der Insel hatte blicken lassen und mehrere Tage nicht auf Funk reagierte, fuhr Sönksen samt Begleiter im Boot zur Hallig, um nach dem Jungen zu sehen. Schon aus einiger Entfernung schlug ihnen mit dem Wind ein süßlich-fauliger Geruch entgegen. Sie waren auf das Schlimmste gefasst, jedoch nicht auf das, was sich ihnen beim Anlanden darbot. Die gesamte Hallig war mit toten Vögeln bedeckt, Vogelkadaver baumelten von den Pfählen der Hütte, Vogelleiber in unterschiedlichen Stadien der Verwesung, säuberlich aufgereiht und geordnet nach Art, Unterart und Größe, darunter zahllose Jungvögel. Über allem lag ein mörderischer Gestank. Sönksen und sein Begleiter fuhren zusammen. Von oben aus der Pfahlhütte wurden Schüsse abgefeuert, Vögel fielen wie Steine aus vollem Flug ins Wasser und auf den Sand, einer klatschte ihnen direkt vor die Füße. Lachen schallte aus der Hütte. Drinnen fanden sie einen verwahrlosten Mann, der ein ums andere Mal nach »Ruhe!« schrie.

Man nahm später an, dass der stille Vogelliebhaber verrückt geworden war vom unaufhörlichen Lärmen Tausender Vögel, die dort auf engstem Raum in Scharen lebten und brüteten und ihm Tag und Nacht die Ohren vollkreischten. »Eine Autobahn ist nichts dagegen«, musste selbst der hartgesottene Sönksen zugeben. Man kam überein, ein »hohes Maß an Lärmtoleranz« in die Jobanforderung aufzunehmen.

Der Nachfolger des Lärmopfers, ein physisch und psychisch robusterer Zeitgenosse, hatte mit dem Krach kein Problem. Und auch sonst mit rein gar nichts. Unbeschadet überstand er Brutzeiten, Sturmfluten und Funkstillen. Seine gute Laune schien unerschütterlich. Dumm war nur, dass er sich weigerte, im Oktober seinen Pfahlbau zu räumen und seinen Sandhaufen zu verlassen. Schließlich wurde er knapp vor dem ersten Herbststurm zwangsevakuiert. Auch hier musste Bürgermeister Sönksen ran, diesmal in Begleitung zweier Polizeibeamter. Es hätte den sicheren Tod des Mannes bedeutet, ihn im Winter allein da draußen zu lassen. Sönksen war überzeugt, dass genau dies dessen Absicht war: heroischer Abgang in der Vogelwarthütte. Tot aufgefunden mit gefrorenem Grinsen im Gesicht. Doch den Gefallen wollte er ihm nicht tun.

Und so kam es, dass in diesem Jahr zum ersten Mal eine Vogelwartin auf Osteroog lebte. Bürgermeister Sönksen hatte seinen jahrelangen Widerstand gegen die absurde Idee zähneknirschend aufgegeben. Schlimmer konnte es schließlich nicht kommen.

»Scheint so«, beantwortet Sönke Sönksen gefühlte drei Tage später Inges Frage nach Leben und Überleben auf Osteroog, bevor er erleichtert, das Gespräch zu einem höflichen Abschluss gebracht zu haben, von dannen zieht. Abrupt bleibt er dann noch einmal stehen, wendet sich um und spricht über die Schulter: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass dieser Komet ein Hirngespinst ist.«

Nachdem der komische Vogel fort ist, hebt Inge erneut das Fernglas an die Augen. Weit und breit nichts als Himmel und Wasser. Und Wolken, die über den Himmel und durch das Wasser ziehen. Etwas weiter draußen, wo die Sonne jäh durch eine Wolkenlücke fällt, ergießt sich Glanz und Glitzern auf das Meer. Geblendet schließt Inge die Augen, und als sie sie wieder öffnet, taucht eine sattgrüne Wiese aus den Wellen, eine Warft, darauf ein paar stattliche Gebäude, gegen die die entfernteren Häuser geduckt und armselig wirken. Ja, an dieser Stelle könnte sie gestanden haben, die Westerwarft, das Anwesen eines in der Walfängerzeit zu Wohlstand gekommenen Kapitäns. Auf alten Karten ist sie noch verzeichnet.

Die Haustür unter dem Giebel des Haupthauses springt auf, und Inge schaut direkt in den Pesel, die gute Stube, hinein: die Wände mit Delfter Fliesen geschmückt, die hölzerne Decke kunstvoll bemalt, in der Vitrine Porzellan, silberne Teekannen und Zuckerdosen. Der schwere Deckel der großen Holztruhe öffnet sich knarzend und gibt den Blick frei auf kostbare Stoffe, Hauben und Spitzen. An der Wand vor dem Brautteller aus Messing strahlt eine Kerze, deren Widerschein auf Adam und Eva unter dem Apfelbaum fällt und die Inschrift: »Eva heft gebeten, Adam heft hem opgegeten.« (Eva hat ihn gegeben, Adam hat ihn aufgegessen). Inge zuckt zusammen, als die große Standuhr die Stunde schlägt. Durch die Tür tritt eine Frau in Festtagstracht, mit hohem Kopfschmuck aus schwarzem Samt, die Brust mit Silberschmuck behängt. Sie wirft den Deckel der Truhe zu und löscht die Kerze vor dem Brautteller. Die Stube versinkt in Dunkelheit und die Warft samt Haus, Mann und Maus in den Fluten.

Die Geschichte dieser Frau und ihrer Familie ist in die ungeschriebene Chronik der Insel eingegangen. Man erzählt sie seinen Kindern und Enkeln zur Warnung. Es heißt, dass die Westerwarfter, die durch den Walfang reich geworden waren und alles besaßen, ihr eigenes Unglück heraufbeschworen, weil sie nicht in Frieden miteinander zu leben vermochten. Die Mutter neidete den Töchtern ihre Schönheit und Jugend, die Töchter stahlen der Mutter das Silber von der Brust. Ein Bruder gönnte dem anderen nicht die Butter aufs Brot, der Vater war verhasst bei seinen Nachbarn, deren Söhne auf seinen Schiffen starben, während er mit jeder Fahrt reicher nach Hause kam. So geschah es, dass der Haushalt der Familie geteilt und weitere Häuser auf der Warft gebaut wurden, die sich gegenseitig das Wasser abgruben.

Wie eh und je war ein Gut knapp geblieben auf der Insel: Süßwasser für die Menschen, Regenwasser, das sie im Fething sammelten. Was halfen Porzellan...

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