Das Haus Zamis 10

Das kalte Herz
 
 
Bastei Lübbe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 2. März 2021
  • |
  • 64 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7517-1464-8 (ISBN)
 
Asmodi, dem Oberhaupt der Schwarzen Familie, ist die mächtige Zamis-Sippe ein Dorn im Auge. Um sie zu schwächen, ersinnt er einen perfiden Plan: Coco wird auf die Insel des Dämons Gorshat befohlen, wo sie ihr Herz Asmodi als Pfand überlassen soll - im Austausch gegen einen kalten Stein, den sie fortan in ihrer Brust tragen soll. Als Coco sich bereits verloren glaubt, erscheint ihr ein hässlicher Gnom in einem Harlekinkostüm, der sich als Gesandter Merlins bezeichnet. Allerdings verlangt der unheimliche Zwerg für seine Hilfe eine ganz besondere Gegenleistung, die Coco erneut in tödliche Gefahr bringen würde ...

2. Kapitel


Kaum dass Gorshat gegangen war und ich mit Silja allein zurückblieb, begann sie mich aufs Ordinärste zu beschimpfen. Sie zerrte an ihren Riemen, dass das Streckbett in allen Fugen ächzte, aber glücklicherweise hielt es ihren Anstrengungen stand. Ich war sicher, dass sie mich in ihrer Wut und Enttäuschung zerfleischt hätte, wäre ihr die Gelegenheit dazu geboten worden.

Nach einer Weile beruhigte sie sich halbwegs. Sie sackte in sich zusammen und begann zu schluchzen und zu heulen.

»Du brauchst nicht zu verzweifeln, Silja«, versuchte ich sie zu trösten. »Wenn ich erst mit Gorshat abgerechnet habe, finde ich sicher einen Weg, auch dir zu helfen.«

Sie schrie daraufhin nur umso schriller, bekam wieder einen Tobsuchtsanfall und bespuckte mich.

»Verhöhne mich nur, du Unding!«, kreischte sie. »Ich bin äußerlich hässlicher als du, aber dennoch viel mehr wert. Du bist der Bastard in einem schönen Körper.«

»Vermutlich hast du recht«, sagte ich ernst. Aber Silja fasste das als eine neuerliche Verhöhnung auf und begann ärger als zuvor zu toben.

Was ich auch sagte, ich konnte sie nicht beruhigen. Das arme Ding tat mir leid. Nun, da ich Gorshat kennengelernt hatte, wusste ich, dass sie nicht für sich verantwortlich war. Der Dämon hatte nicht nur ihr Äußeres verunstaltet, sondern wahrscheinlich auch ihre Seele zerstört. Ich fragte mich, ob das je wieder rückgängig zu machen war.

Irgendwann brach Silja erschöpft zusammen. Kurz darauf betraten zwei Chimären Gorshats Werkstatt. Sie hatten beide unverkennbar menschliche Gestalt. Nur hatte die eine den Kopf eines Tigers und eine seltsam hornige Haut. Die zweite Chimäre erinnerte mit ihren nervösen Bewegungen und ihrem grauen, räudigen Fell an eine Ratte.

Die beiden Mensch-Tier-Kreuzungen Gorshats banden Silja los und schleppten sie hinaus. Kaum waren sie verschwunden, betrat ein Mann das Gewölbe.

Er war klein und schmal und ging geduckt, als wolle er möglichst unscheinbar wirken und durch nichts irgendwie auffallen. Ich hatte den Eindruck, als hätte er sich am liebsten unsichtbar gemacht. Er war elegant gekleidet, trug einen schwarzen Anzug und eine Melone, die er abnahm, als er mich erreichte. Sein Teint war ungesund, fast grünlich, und er wirkte aufgedunsen wie eine Wasserleiche. Im ersten Moment dachte ich an einen Untoten, doch erkannte ich an seiner Ausstrahlung, dass er ein Dämon war. Als er seinen großen Mund mit den aufgeworfenen, grün schillernden Lippen zu einem hündischen Grinsen verzog, sah ich zwei Reihen schwarzer, zugefeilter Zähne, wie es bei den kannibalischen Dämonen Sitte war.

Aber Menschenfresser hatten eine gesündere und frischere Haut, deshalb tippte ich sofort, dass er ein Aasfresser war.

Ein Ghoul!

Mir ekelte, und er merkte das. Sein Grinsen vertiefte sich daraufhin.

»Ich sehe, du hast erkannt, welcherart Gourmet ich bin«, sagte er mit einer sanften, einschmeichelnden Stimme. »Nun, ich weiß, welche Meinung man über unsereins selbst innerhalb der Schwarzen Familie hat. Aber bedenke, was diese Welt ohne Ghoule wäre. Gäbe es uns nicht, wäre dieser Planet eine einzige Pestgrube. Wir Ghoule sind fast eine Art Gesundheitspolizei, Heinzelmännchen, die die Welt vor Fäulnis und Pestilenz bewahren. Ich kann dir versichern, dass ich auf meine Art ein wahrer Ästhet bin.«

»Erspar mir deine perverse Philosophie, deine bloße Gegenwart ist für mich unerträglich genug«, sagte ich abfällig.

»So darfst du mit mir nicht sprechen, Coco, schließlich sind wir miteinander verwandt«, sagte er tadelnd. »Auch ich bin ein Zamis. Hast du noch nie von deinem Vetter Sascha gehört?«

»Es gibt einen Zweig unserer Familie, der ist für die aufrechten Zamis so gut wie tot«, erwiderte ich. »Das sind jene, die nach unserer Emigration in den Westen in der alten Heimat geblieben sind und dort degenerierten, weil ihnen eine starke Hand fehlte. Bist du einer von diesen Kretins, Sascha?«

»Ich bin der Bruder von Boris«, sagte er und dabei begannen seine Augen gefährlich zu funkeln. »Ich bin der Bruder jenes Mannes, der vor Kurzem nach Wien ging, um seinem Vetter Michael in seiner schwersten Stunde zu helfen - und von dieser Hilfsmission nicht mehr zurückkam. Ich habe seinen qualvollen Tod im Geiste miterlebt und gelitten, als würde ich selbst es sein, der zugrunde ging. Ich bin Sascha, der an die Zamis-Sippe in Wien die Anfrage richtete, welches Schicksal seinem Bruder Boris widerfahren sei, und der die lapidare Antwort erhielt, dass dieser zur Hölle gefahren ist. Ich bin Sascha, der Bruder von Boris, der hier ist, um herauszufinden, wer den größten Sohn der Zamis auf dem Gewissen hat. Und wenn ich das weiß, werde ich diesen Mörder eigenhändig umbringen.«

Saschas Stimme war immer schriller geworden, bis sie fast schon die menschliche Gehörschwelle überschritt.

»Mir gegenüber brauchst du nicht so dick aufzutragen, Sascha«, sagte ich unbeeindruckt. »Ich habe Boris kennengelernt und weiß, dass er ein Lump und ein nichtsnutziges Großmaul war.«

»Sprich nicht so von meinem Bruder!«, kreischte Sascha unbeherrscht. »Was du ihm auch nachsagen willst, für mich war er das wertvollste Mitglied unserer Familie.«

»Eurer Familie vielleicht - aber die hat mit uns Zamis nichts gemein«, erwiderte ich und erwartete einen neuerlichen Wutausbruch. Aber er bekam sich wieder in die Gewalt und ließ sich nicht mehr reizen. Plötzlich grinste er wieder.

»Lassen wir das Geplänkel«, sagte er mit seiner einschmeichelnden Stimme. »Was bringt es, wenn wir uns gegenseitig beschimpfen? Die Stunde der Wahrheit ist nahe, dann wird an den Tag kommen, welcher Familienzweig der Zamis der mächtigere ist. Und ich werde auch herausfinden, wer meinen Bruder getötet hat.«

»Er hat sich selbst umgebracht«, sagte ich. »Er war so blöd, dass er sich selbst in seinem Behältnis des Schreckens eingesperrt hat und darin elend zugrunde ging.«

Das war nur die halbe Wahrheit, die Wirklichkeit sah etwas anders aus. Boris war nach Wien gekommen, um sich als unser Sippenoberhaupt feiern zu lassen. Dabei hatte er sich in dieser Stadt wie ein Wilder aufgeführt und den Namen unserer Familie in Verruf gebracht. Ich war es schließlich gewesen, die seinem furchtbaren Treiben ein Ende bereitet hatte - und das nicht nur, um unsere Familie vor Schande zu bewahren, sondern vor allem deshalb, um die hilflosen Sterblichen vor ihm zu schützen. Ich hatte ihn in seinem sogenannten »Behältnis des Schreckens« eingesperrt.

Aber ich hütete mich, dies Sascha auf die Nase zu binden. Im Augenblick saß er am längeren Hebel.

»Nicht mehr lange, dann werdet ihr von der Wiener Bagage nicht mehr so große Töne spucken«, sagte Sascha. »Ihr seid Asmodi schon längst ein Dorn im Auge. Jetzt hat er sich endlich dazu entschlossen, euch in die Schranken zu weisen. Spätestens beim Sabbat werdet ihr merken, was gespielt wird.« Er lachte hämisch. Dann fuhr er mit vertraulich gesenkter Stimme fort: »Aber du könntest mit einer leichten Blessur davonkommen, Coco. Ich weiß, dass du das weiße Schaf unter den schwarzen Schafen deiner Familie bist. Du bist ein harmloses, einfältiges Weib, das nur nachäfft, was der Vater und die Geschwister vorzeigen. Du könntest deine Haut retten, wenn du mir sagst, was damals wirklich passierte. Nenne mir den Namen des Mörders meines Bruders, und ich werde sehen, dass du verschont bleibst. Ist das nicht ein fairer Handel?«

Ich tat, als überlegte ich.

»Gut«, sagte ich schließlich, »binde mich los, dann werde ich dir alles erzählen. Was kümmern mich die anderen? Die nehmen mich ohnehin nicht für voll und schubsen mich nur herum. Ich habe es satt. Wenn du mir die Freiheit gibst, dann erzähle ich dir alles.«

Er schien mir zu glauben, dennoch ging er auf meine Forderung nicht ein.

»Ich kann das nicht tun, Coco«, sagte er bedauernd. »Ich bin Gorshats Gast, und es wäre ihm gegenüber ein Vertrauensbruch, würde ich eine Gefangene von ihm befreien. Schließlich bin ich ein Ehrenmann. Ich kann Gorshat nicht enttäuschen. Aber wenn du mit mir zusammenarbeitest, werde ich sehen, was ich für dich tun kann.«

Mir ekelte plötzlich vor diesem kriecherischen Aasfresser, und ich konnte nicht länger an mich halten. Ich brachte es nun nicht einmal mehr über mich, wenigstens zum Schein auf sein Angebot einzugehen.

»Verschwinde, Leichenfledderer«, herrschte ich ihn an. »Mir wird allein von deinem Anblick schon übel. Wenn ich eines Tages wieder frei und dir nicht hilflos ausgeliefert sein werde, dann werde ich dir verraten, wer Boris der gerechten Strafe zugeführt hat. Aber jetzt verschwinde!«

»Ich hoffe, dass ich dich als Leiche wiedersehe«, meinte er und erzählte mir in allen Einzelheiten, was er dann mit mir anstellen würde, und er wusste, dass er mir mit seinen Schilderungen wirklich zusetzen konnte.

Als mein Vetter dann endlich ging, war mir unsagbar übel. Ich hätte nie...

Dateiformat: ePUB
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat ePUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

1,49 €
inkl. 7% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen