Dorian Hunter 51 - Horror-Serie

Das Kind der Hexe
 
 
Bastei Lübbe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. August 2020
  • |
  • 64 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7325-9895-3 (ISBN)
 
Schwester Nancy beugte sich über sie. "Gleich ist es vorbei, Miss Zamis." Coco konnte sich den Beschwörungen kaum mehr entziehen. Die schweißnassen Hände gegen ihren Leib gepresst, rollte sie sich zusammen. Es lag ein Knistern in der Luft, ein Raunen und Wispern, das immer eindringlicher wurde. "Schlafe tief, im Namen des Magus ... Magus ist bei dir ..." Eine grazile Hand schwebte durch die Luft, mit Fingern wie Schlangen, und entzündete die schwarzen Kerzen. In der Dunkelheit erglühten fanatische Augen. Angespannte Gesichter formten sich. "Hier wird das Kind geboren. Wir setzen es ins Leben." "Das Kind. Das Kind!", echote ein wispernder Chor. "Hier wird es geboren. Für Magus geboren. Geboren, um zu sterben. Das Kind ..." "Das Kind, das Kind. Das Kind! MAGUS' KIND!"
1. Aufl. 2020
  • Deutsch
  • Köln
  • |
  • Deutschland
  • 2,50 MB
978-3-7325-9895-3 (9783732598953)

2. Kapitel


Nancy Breen war nicht besonders hübsch, aber dafür eine tüchtige Kraft. Deshalb war es ihr zwar noch nicht vergönnt gewesen, mit Professor Marlowe ein ausgedehntes Weekend zu verbringen, doch sie hatte es auf der Entbindungsstation zur Oberschwester gebracht. Daher gefiel ihr gar nicht, was auf der Geburtsstation der Webber-Klinik vor sich ging: Noch vor wenigen Stunden hatte Professor Marlowe dem amerikanischen Playboy mit Namen Parker versprochen, für eine von ihm protegierte Patientin einen ganzen Trakt freizuhalten. Und nun wurde hier ein Mann eingeliefert, der bei einem Autounfall verletzt worden war. Auf Oberschwester Nancys ersten Einwand antwortete der Professor: »Parker selbst war es, der den Mann in unsere Klinik einlieferte. Er zahlt alles. Also wird er auch nichts dagegen haben, wenn wir den Patienten hier unterbringen.«

»Aber der Mann hatte einen Autounfall, Herr Professor«, wandte sie ein. »Er bekommt doch kein Baby.«

»Wir sind überbelegt.« Damit war für den Professor der Fall abgeschlossen.

Wenig später rief er die Oberschwester zu sich ins Büro. Sie sah sofort, dass etwas nicht stimmte. Er war kreidebleich und stützte sich kraftlos auf seinen Schreibtisch. Sie wagte nicht, ihn anzusprechen. Und es vergingen einige Sekunden, bis er merkte, dass sie im Raum war.

»Ich habe einen Anruf bekommen, Nancy«, sagte er tonlos. »Meine Mutter ist gestorben - sie ist tot. Ich muss sofort nach Birmingham. Es wird einige Tage dauern, bis ich alles geregelt habe. Vor dem achtundzwanzigsten Oktober bin ich bestimmt nicht zurück. Sie werden hier so lange ohne mich auskommen müssen.«

Warum betonte er das Datum - den 28. Oktober?

»Es tut mir leid für Sie, Herr Professor«, sagte sie laut und fragte: »Werden Sie zurück sein, wenn Miss Zamis an die Reihe kommt?«

»Wer?«

»Nun, Coco Zamis, die Ihnen Mr. Parker ans Herz gelegt hat und die Anfang November bei uns entbinden soll.«

»Ach so.« Der Arzt wischte sich über die Augen. »Anfang November bin ich wieder zurück. Bis dahin wird mich Dr. Wright vertreten.«

»Dr. Wright?«, wiederholte die Oberschwester. »Ich kenne keinen Dr. Wright.«

»Er ist ein guter Freund von mir«, erwiderte Professor Marlowe gereizt. »Habe ich Ihnen noch nicht von ihm erzählt? Und wenn auch nicht - jetzt werden Sie ihn kennenlernen.«

»Entschuldigung, Herr Professor«, wandte die Schwester ein. »Aber wieso ziehen Sie einen fremden Arzt Dr. Ashton vor, der immerhin ...«

»Weil Dr. Ashton ausgefallen ist - Beinbruch«, unterbrach der Professor sie. »Was nehmen Sie sich überhaupt heraus? Ständig kritisieren Sie meine Entscheidungen. Ich habe jetzt ganz sicher keine Lust, mich mit Ihnen über solche Belanglosigkeiten zu streiten. Lassen Sie mich allein.«

Professor Marlowe war eine Stunde später weggefahren, ohne sich von ihr zu verabschieden. Am nächsten Morgen lernte sie Dr. Wright kennen. Und das war der größte Schock ihres Lebens. Sie war gerade im Zimmer des Unfallpatienten - der im wahrsten Sinne des Wortes völlig einbandagiert war, so dass nichts von ihm zu sehen war außer den Augen. Und die flößten ihr Furcht ein. Als sie aus dem Zimmer kam, stand sie einem Zwerg gegenüber. Er war bestimmt nicht größer als einen Meter und hatte ein knochiges Greisengesicht mit vorspringendem Kinn, das ständig in Bewegung war. Seine Lippen waren eingefallen, als besäße er keine Zähne. Aber das Furchtbarste an ihm waren die Augen - große, stark hervortretende Glotzaugen, deren Blick man nicht lange standhalten konnte. Hinter ihm erschien die relativ zierliche Schwester Susanne wie ein Riese. Sie deutete mit einer hilflosen Handbewegung auf den geckenhaft elegant gekleideten Zwerg und stellte ihn vor: »Das ist Dr. Wright, Professor Marlowes Stellvertreter. Dr. Wright - unsere Oberschwester Nancy Breen.«

»Auf gute Zusammenarbeit«, sagte der Zwerg mit quakender Stimme und streckte Nancy eine viel zu große Hand hin. Sie hätte am liebsten danach geschlagen, aber dann überwand sie sich doch dazu, sie zu schütteln. Der Zwerg zerquetschte ihr beim Händedruck fast die Finger. Er grinste, ohne die Lippen zu öffnen, und sein Mund wurde dabei so breit, dass die Winkel fast die tief herabhängenden Ohrläppchen berührten. Und dabei bewegte sich sein Kinn ständig im Kreis. Es kam überhaupt nie zum Stillstand, auch nicht, als er sprach.

»Sie sind mir dafür verantwortlich, dass die Geburtsstation gut in Schuss ist, Oberschwester«, quakte er. »Kommen Sie nicht mit jeder Kleinigkeit zu mir. Ich werde mich voll und ganz auf die eine, alles entscheidende Entbindung konzentrieren. Sie wissen wohl, wovon ich spreche?«

Oberschwester Nancy nickte nur. Sie hätte jetzt kein Wort über die Lippen gebracht.

Der Zwerg fuhr fort: »Wenn die versnobte Dame kommt, die einen ganzen Trakt für sich allein haben möchte, so bin ich vorerst nicht für sie zu sprechen. Verstanden, Oberschwester? Unter keinen Umständen möchte ich sie vor der Entbindung zu Gesicht bekommen. Ich überlasse alles Ihnen. Sie werden schon mit ihr zurechtkommen. Oder?«

Wieder nickte Nancy.

»Dr. Marlowe teilte mir mit, dass Sie Schwierigkeiten wegen des Unfallpatienten gemacht haben. Hätten wir ihn etwa auf der Straße verrecken lassen sollen, äh?«

»Es ist nur, weil ...«

Der Zwerg machte eine wegwerfende Handbewegung - und wieder fiel Nancy auf, dass seine Hände im Verhältnis zu seinen Körpermaßen riesengroß waren.

»Wir können es uns nicht leisten, einen ganzen Trakt für eine einzige Patientin freizuhalten«, schimpfte er. »Aber das werden Sie ihr nicht auf die Nase binden. Im Gegenteil, Sie werden ihr gegenüber behaupten, dass alles nach ihren Wünschen geschieht. Und wenn sie verlangt, in einem rosafarbenen Kreißsaal zu entbinden, versprechen Sie ihr auch das. Verstanden, äh?«

Nancy nickte eingeschüchtert.

»Das wär's, äh - beinahe.« Dr. Wright hatte sich schon zum Gehen gewandt, doch dann drehte er sich noch einmal um. Die Blicke seiner Glotzaugen schienen sie zu durchdringen, als er sie anstarrte. »Und wenn weitere dringende Fälle an uns herangetragen werden, dann kümmern wir uns auch darum. Wir nehmen jeden Hilfsbedürftigen bei uns auf, Oberschwester!«

Fast sah es so aus, als hätte der Zwerg die zukünftigen Ereignisse vorausgesehen. Denn im Laufe der Nacht wurden insgesamt fünf schwangere Frauen eingeliefert. Sie wurden auf Dr. Wrights Anordnung hin alle in jenem Trakt untergebracht, der für Coco Zamis reserviert war. Oberschwester Nancy war die Angelegenheit mehr als suspekt, denn keine der Frauen stand knapp vor der Entbindung. Drei von ihnen klagten darüber, dass sie Blutungen hatten und eine Frühgeburt befürchteten. Die beiden anderen waren bereits über vierzig und wahrscheinlich nur hysterisch, wenn nicht gar scheinschwanger.

Um alle diese Fälle kümmerte sich der Zwerg persönlich. Er zog nur zwei Krankenschwestern hinzu, die er selbst mitgebracht hatte. Das kränkte Nancy, die immerhin schon seit fünfzehn Jahren in Professor Marlowes Diensten stand. Da er diesem Dr. Wright - den Nancy bei sich nur als Zwerg titulierte - aber alle Vollmachten gegeben hatte, konnte sie gegen diese Diskriminierung nichts unternehmen. Aber es war nicht nur gekränkter Stolz, der sie den Zwerg hassen und auch fürchten ließ. Er hatte es innerhalb einer einzigen Nacht geschafft, die ganze Station derart zu verändern, dass sie ihr fremd geworden war. Die seit fünfzehn Jahren vertraute Umgebung erschien ihr auf einmal so eigenartig, als sei sie zum ersten Mal hier. Zwar stand noch immer alles an seinem Platz, und wenn sie den gekachelten Gang hinunterblickte, dann schien er denselben Anblick zu bieten wie seit Jahr und Tag ...

Und doch - die Ausstrahlung der Dinge war eine andere. Sie waren nicht mehr steril, unpersönlich und doch vertraut. Auf einmal schienen sie mit geballter Energie geladen, schienen wie unter elektrischer Spannung zu knistern. Ja, alles war elektrisierend, selbst die Luft - unheimlich. Als Nancy in der Morgendämmerung aus der Station schleichen wollte - sie schlich sich tatsächlich wie ein Dieb durch den Korridor -, um ihre Unterkunft im Schwesternhaus aufzusuchen, da ging plötzlich die Tür zu Professor Marlowes Büro auf.

Der Zwerg stand darin. Sein Kopf reichte nicht einmal bis zur Klinke. »Oberschwester!«

Sie zuckte beim Klang seiner quakenden Stimme zusammen. Am liebsten wäre sie davongerannt. Aber aus irgendeinem Grund hatte sie nicht den Mut dazu. Sie wäre sich auch lächerlich vorgekommen. Der Zwerg machte einen Schritt zur Seite und wies einladend ins Büro. Als Nancy es betrat, sah sie in Professor Marlowes Ohrensessel eine fremde Frau in einer Schwesterntracht sitzen.

»Das ist Schwester Margarita«, erklärte der Zwerg....

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