Gerontologische und gerontopsychiatrische Gesundheits- und Krankenpflege

Lehrbuch für Pflegeberufe
 
 
Facultas (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 1. August 2020
  • |
  • 250 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Adobe-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-99030-967-4 (ISBN)
 
Alte, alternde und hochaltrige Menschen rücken vermehrt, unter anderem aufgrund der demographischen Entwicklung in Europa, in den Fokus des allgemeinen Interesses. Diese Zielgruppe wird im Besonderen mit hoch komplexen Veränderungen konfrontiert. Nicht nur körperliche Symptome treten mit der Zunahme des biologischen Alters in den Vordergrund, sondern auch soziale Veränderungsprozesse fordern von alten, alternden Menschen und deren unmittelbarer Bezugsgruppe eine rasche Anpassung, die mitunter auch zur Belastung werden kann.
Dieses Lehrbuch setzt sich damit auseinander, wie Pflegende bedürfnisorientiert und achtsam auf die Ansprüche, Wünsche und Sorgen von alten und alternden Menschen und deren Zugehörigen eingehen zu können.
1. Auflage
  • Deutsch
  • Wien
  • |
  • Österreich
  • 1,62 MB
978-3-99030-967-4 (9783990309674)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Mag.a Daniela Vitek, BSc MSc Gesundheits- und Krankenpflege (BSc./DGKP), Studium Advanced Nursing Education, FH Campus Wien, Studium der Pflegewissenschaft an der Universität Wien, Lehre und Forschung, stv. Masterlehrgangsleitung an der FH Campus Wien.

5Herausforderungen im Kontext von Versorgung und Betreuung


Zu den allgemeinen Herausforderungen der Gesundheits- und Krankenpflege, beispielsweise den zunehmend als erschwert erlebten Rahmenbedingungen der professionellen Pflege und Betreuung im institutionellen, aber auch im extramuralen Setting, kommt hinzu, dass auch die Gruppe der zu Betreuenden nicht nur immer älter und damit häufig auch länger pflegebedürftig wird, sondern dass auch eine Zunahme jener Personen zu verzeichnen sein wird, die Migrationshintergrund haben.

Aufgrund unterschiedlichster Bestrebungen (z. B. das Anwerben von Gastarbeiter*innen in der Vergangenheit, aber auch durch das Phänomen der Globalisierung) kann man davon ausgehen, dass in Zukunft die kultursensible Pflege und Betreuung in der gerontologischen Gesundheits- und Krankenpflege an Bedeutung gewinnen wird. Geburtenstarke Jahrgänge, wie beispielsweise jene der sogenannten Babyboomer oder der zugewanderten Gastarbeiterfamilien, bilden derzeit noch eine stabile Einheit der Berufstätigen. Diese treten allerdings in naher Zukunft ebenfalls in die Pension ein und werden schließlich hochaltrig. Hierbei wird man sich natürlich die Frage stellen müssen, inwieweit eine Versorgung, wie sie derzeit vorhanden ist, auf erhöhte Anforderungen, wie beispielsweise einen Anstieg der Pflegebedürftigkeit, vorbereitet ist. Neben den fachlich-methodischen Kompetenzen derzeitiger und zukünftiger Pflegepersonen braucht es daher auch in jedem Fall sowohl Kompetenzen im Sprachgebrauch als auch fundierte Kenntnisse in den Bereichen Kultur, Soziologie und Philosophie. Auch Genderdiskussionen beherrschen derzeit nicht nur die Medien, sondern auch den Alltag der westlichen Gesellschaft. Sie sind als absolut notwendig zu betrachten und nehmen zukünftig in der pflegerischen und medizinischen Versorgung ebenfalls einen besonderen Stellenwert ein. Gendersensible Pflege ist dann notwendig, wenn den Bedürfnissen älterer Menschen entsprochen werden soll - also immer.

Der Ausdruck der eigenen Identität, des eigenen Geschlechts (männlich, weiblich, divers) und der Sexualität sind zentrale Bedürfnisse älterer und alternder Menschen.

Die Bedürfnisse und Rechte von Personen der LGBTQ1-Gemeinschaft werden in Versorgungsstrukturen von alten und alternden Personen derzeit nur wenig bedacht. Tatsache ist, dass nicht nur viele dieser Personen Angst vor dem Einzug in ein Pflegeheim haben, sondern nach wie vor leider häufig mit dem Phänomen "Heterosexismus" konfrontiert sind. Es braucht daher nicht nur ein Umdenken aller Beteiligten, sondern in erster Linie auch Sensibilität und ein gesteigertes Bewusstsein dieser gesellschaftlichen Gruppe gegenüber. Dies reicht jedoch bei Weitem nicht aus, um gendersensible Pflege in einer Institution umzusetzen. Es braucht darüber hinaus auch gezielte Schulungs- und Weiterbildungsmaßnahmen (Schwinn/Dinkel, 2015).

Eine individuelle, bestmögliche Pflege und Betreuung setzt dies voraus.

Zusätzlich muss man hervorheben, dass auch die Ansprüche der zu pflegenden und zu betreuenden Personen parallel zu ihrem Alter entsprechend höher werden und ebenfalls deutlich zunehmen. Die sogenannte, salopp bezeichnete "Warm-satt-sauber"-Pflege (Anm.: Wärme spenden, Essen zur Verfügung stellen bzw. verabreichen und Körperpflege - also lediglich die Befriedigung der Grundbedürfnisse pflegebedürftiger Personen) ist daher entschieden abzulehnen. Es müssen im Gegenteil neue Versorgungsstrukturen angedacht und entwickelt werden.

Die Gesundheits- und Krankenpflege mit ihren beruflichen Anforderungen birgt viele Belastungen, aber auch Herausforderungen für die Mitarbeiter*innen. Viele Belastungsfaktoren betreffen die allgemeine Gesundheits- und Krankenpflege ebenso wie die gerontologische Gesundheits- und Krankenpflege, jedoch weist diese auch eigene Spezifika auf. Hien (2009) beispielsweise stellt klar, dass es zu diesem vielfältigen Belastungserleben deshalb kommt, weil eine zunehmende Ökonomisierung des Gesundheitswesens - und damit auch der Gesundheits- und Krankenpflege - vorliegt.

Gesundheits- und Krankenpflegepersonen fühlen sich vielfältigen Stressoren und hohem Druck ausgesetzt - dieser Druck äußert sich in Ressourcenengpässen, personaler Unterbesetzung und häufig auch dem eigenen Wunsch, den erhöhten Anforderungen zu entsprechen. Patient*innen mit erhöhter Multimorbidität - und damit einhergehend höherem Pflegebedarf - sollen immer öfter und immer kürzer gepflegt werden. Eine kurze Verweildauer der Patient*innen in Institutionen wird in vielen Ländern insbesondere auch angestrebt, um Institutionen zu entlasten und die häuslichen Versorgungsstrukturen zu stärken. Hien (2009) spricht hierbei von einer sogenannten "Arbeitsverdichtung".

Auch Otto, Bischoff und Wollesen (2019) beziehen sich nochmals auf bereits bekannte Stressoren am Arbeitsplatz und erwähnen neben den bereits genannten zusätzlich niedriges Einkommen, den Verlust von Kontrolle im eigenen Aufgabenbereich und darüber hinaus auch das Phänomen "Gewalt am Arbeitsplatz". Besonders hervorzuheben sind der Faktor Zeitdruck und das Gefühl, den Aufgaben nicht gerecht werden zu können, das sowohl Bedienstete der Gesundheits- und Krankenpflege im gerontologisch-stationären als auch im extramuralen Setting betrifft. Jene, die im letzteren Bereich tätig sind, erleben den Zeitdruck nicht nur aufgrund der räumlichen Distanz, die von Klient*in zu Klient*in überwunden werden muss, sondern auch, weil alle Tätigkeiten und pflegerischen Interventionen ausschließlich allein verübt werden müssen (Otto/Bischoff/Wollesen, 2019). Arnold (2008) hat bereits Bezug auf die Diskrepanz genommen, die zwischen Zeitdruck und dem eigenen Anspruch, den Patient*innen allumfassend gerecht zu werden, entsteht. Diese Diskrepanz wird dann für die betroffenen Personen als deutliche Belastung spürbar, wenn die Betreuung sich bis zur Pflege von Sterbenden im palliativen Setting erstreckt, weil sich dann nicht nur die Bedürfnisse der Patient*innen verändern, sondern nochmals ein weiterer Fokus an pflegerischer Kompetenz ins Zentrum rückt.

Daher können auch erweiterte, unbekannte Tätigkeitsbereiche als Stressoren fungieren. Besonders im Setting der gerontologischen Gesundheits- und Krankenpflege erfordern sowohl Besonderheiten wie die eben erwähnten als auch altersspezifische Erkrankungen eine hohe fachliche Expertise. Belastungen für Gesundheits- und Krankenpflegepersonen können also auch direkt von den Patient*innen (z. B.: BPSD) ausgehen. Darüber hinaus kann die Arbeit im gerontologischen Setting auch körperlich sehr fordernd sein.

In anderen Versorgungseinrichtungen, wie beispielsweise im Akutkrankenhaus, sind Mitarbeiter*innen der Gesundheits- und Krankenpflege aber auch dann zusätzlichen Stressoren ausgesetzt, wenn Patient*innen mit Demenz oder anderweitigen gerontopsychiatrischen Krankheitsbildern der Pflege und Betreuung bedürfen. Schnell können Verhaltensweisen wie beispielsweise Hinlauftendenzen (siehe Kap. 10.3) im stationären Bereich - also das wiederholte Verlassen des Zimmers oder der Station - zu Überforderung führen, weil schlicht und einfach häufig die Zeit fehlt, um auf komplexe Bedürfnisse, die sich in Hinlauftendenzen äußern, eingehen zu können. Die Forderung nach demenzsensiblen Akutkrankenhäusern soll hier Abhilfe schaffen und gezielte Interventionen sollen Überforderung mindern bzw. verhindern.

Im Vergleich zu anderen pflegerischen Tätigkeitsbereichen, wie beispielsweise Intensivpflege oder Akutversorgung, erfahren die gerontologische Gesundheits- und Krankenpflege und die dort Tätigen häufig verhältnismäßig wenig gesellschaftliche Anerkennung (Ratz, 2014). Das Ausbleiben der gesellschaftlichen Anerkennung kann zwar nicht per se als Stressor bezeichnet werden, jedoch ist offensichtlich, dass dieser motivationale Faktor fehlt.

Dennoch können die Belastungen, die durch die oben genannten Stressoren entstehen, auch gut überwunden werden. Hierbei spielen Faktoren wie Resilienz, Motivation, Humor, Selbstpflege und Selbstfürsorge eine besonders einflussreiche Rolle (Flieder, 2002). Gesellschaftliche Anerkennung könnte sich darüber hinaus ebenso positiv auf die Bewältigung der Stressoren auswirken.

Die umfassende Thematik der Belastungen wurde bereits oftmals aufgegriffen und diskutiert - dennoch hat sich nur sehr wenig verändert. Wir wissen schon seit Längerem, dass Gesundheits- und Krankenpflegepersonen besonders belastet sind (das kann, muss aber nicht zwingend settingabhängig sein, wenngleich sich die Belastungen mit dem entsprechenden Setting verändern können), und wir wissen auch, wie man diesen Belastungen entgegenwirken kann. Die gerontologische Gesundheits- und Krankenpflege erhebt den Anspruch, den individuellen Bedürfnissen gerecht zu werden auf der Basis einer Kommunikation auf Augenhöhe und einer wertschätzenden, respektvollen Grundhaltung vonseiten der...

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