Dunkle Wasser in Florenz

Ein Fall für Commissario Casini. Roman
 
Marco Vichi (Autor)
 
Lübbe (Verlag)
1. Auflage | erschienen am 16. September 2011 | 336 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8387-0526-2 (ISBN)
 
Ein gewaltiges Unwetter braut sich über Florenz zusammen, als in einem nahegelegenen Wald die Leiche eines Jungen aufgefunden wird. Der Rechnungsbeleg einer bekannten Florentiner Metzgerei ist das einzige Indiz, das Commissario Casini am Tatort entdeckt. Als die Wassermassen des überfluteten Arno die Stadt in den Ausnahmezustand versetzen, droht der Fall buchstäblich im Morast zu versinken. Bis zu dem Tag, an dem Casini mit einem rätselhaften weiteren Fund konfrontiert wird ...
Luebbe Digital Ebook
1. Aufl. 2011.
Katharina Schmidt | Barbara Neeb
Deutsch
0,74 MB
978-3-8387-0526-2 (9783838705262)
3838705262 (3838705262)
weitere Ausgaben werden ermittelt
"FLORENZ, OKTOBER 1966 (S. 5-6)

Im Halbschlaf streckte er einen Arm aus, um nach Elviras warmem Körper zu tasten, aber seine Finger fanden nur den rauen Leinenstoff des Lakens, und da erinnerte er sich, dass sie gegangen war. Er drehte sich auf den Rücken und starrte in die Dunkelheit. Wieder einmal war eine Frau in sein Leben getreten und so schnell wieder daraus verschwunden, wie eine Kugel einen Körper durchschlägt. Vielleicht würde die Frau, die für ihn geschaffen war, erst in hundert Jahren zur Welt kommen, oder vielleicht war sie schon geboren worden und bereits wieder gestorben. Auf jeden Fall würde er sie niemals kennenlernen. Jedes Mal, wenn er wieder allein war, tat sich vor ihm eine unbekannte Welt auf, die er sich erst zu eigen machen musste.

Das war ein wenig wie eine Wiedergeburt, und bei allem Unbehagen spürte er auch ein Gefühl von Freiheit. Wie spät war es? Er sah zu den Fensterläden hinüber, zwischen den Holzlatten schimmerte noch kein Tageslicht hindurch. Er fühlte sich erschöpft. Mit jedem Tag wurde die Hoffnung geringer, dass der Junge doch noch lebend gefunden würde. Der kleine Giacomo war vor fünf Tagen spurlos verschwunden. Knapp dreizehn Jahre alt, kastanienbraune Haare, braune Augen, ein Meter siebenundvierzig groß. Ein ruhiges Kind, fleißig und gehorsam. Was, wenn er doch nur ein kleiner Ausreißer war? Mit dreizehn begeht man schon einmal so eine Dummheit. Casini hätte alles dafür gegeben, dass es tatsächlich so wäre, aber er glaubte eigentlich nicht daran.

Er sprach häufig mit Piras, seinem jungen Assistenten, über diese Möglichkeit, aber auch der Sarde war pessimistisch. Bislang waren sie keinen Schritt vorangekommen, hatten nicht den geringsten Anhaltspunkt. Als es klingelte, schreckte er hoch, und da erinnerte er sich wieder an Botta. Es war Montag. Sein Freund, der ehemalige Sträfling, hatte ihm das Versprechen abgerungen, mit ihm in den Hügeln oberhalb von Poggio alla Croce Pilze sammeln zu gehen. Das wäre genau die richtige Zeit, hatte Botta gesagt. Nach vielen Tagen Regen war die Sonne endlich ein wenig herausgekommen, und es war etwas wärmer geworden.

Montag wäre der beste Tag, hatte Botta erklärt, keine Familien auf Sonntagsspaziergang und wenig Jäger. Casini interessierte sich nicht für Pilze, er verstand nichts davon und hatte noch nie welche gesammelt. Aber eine kleine Wanderung durch die Wälder würde ihm guttun. Wenn er immer nur über den Jungen nachdachte, zermürbte ihn das bloß. Er rollte sich aus dem Bett und trat ans Fenster, spürte die kühle Luft auf der Haut. Der Himmel war noch tiefdunkel, und auf dem Bürgersteig konnte er nur gerade so eine Silhouette erkennen. »Ennio, bist du das?«, fragte er leise. »Nein, der Weihnachtsmann …«

»Komm rauf, dann trinken wir noch einen Kaffee.« Er versuchte, die Fensterflügel möglichst leise zu schließen, und ging dann barfuß in den Flur, um Ennio die Tür zu öffnen. Er zog sich noch schnell Hosen an und wusch sich mit kaltem Wasser das Gesicht, um wach zu werden. Als Botta ihn im Unterhemd vorfand, breitete er entsetzt die Arme aus. »Commissario, sagen Sie mir jetzt nicht, dass Sie noch geschlafen haben … Es ist schon halb sechs.« »Setz schon mal den Kaffee auf, ich bin gleich fertig.« Er zog sich vollständig an, holte ein Paar alter, fester Schuhe aus dem Schrank und ging dann zu Botta in die Küche. Sie tranken schnell ihren Kaffee, verließen das Haus und nahmen Casinis Wagen. In der Stille über San Frediano rasselte der Motor des Käfers unerträglich laut. An der Piazza Tasso bogen sie links ab. Unter dem schwarzen Nachthimmel lag der Viale Petrarca verlassen da. Als sie die Porta Romana erreichten, nahmen sie die Straße nach Poggio Imperiale. Bergauf dröhnte der Käfer wie ein Panzer."

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