Aeneis

 
 
neobooks Self-Publishing
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 5. November 2021
  • |
  • 466 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7541-7519-4 (ISBN)
 
mehrbuch-Weltliteratur! eBooks, die nie in Vergessenheit geraten sollten. Unverkennbar lehnt sich Vergil an sein großes Vorbild Homer an: Wie dieser den Trojanischen Krieg und die Reisen des Odysseus besingt, so schildert Vergil die Abenteuer des trojanischen Fürstensohns Aeneas. Nach jahrelanger Irrfahrt, Widrigkeiten durch feindlich gesinnte Götter, einer unglücklichen Liebe und zahlreichen Kämpfen wird Aeneas König der Latiner, eines Volks am Tiber, von dem später Romulus und Remus, die eigentlichen Gründer Roms, abstammen.
  • Deutsch
  • 0,50 MB
978-3-7541-7519-4 (9783754175194)
Publius Vergilius Maro, deutsch gewöhnlich Vergil, spätantik und mittellateinisch Virgilius und später im Deutschen auch Virgil war ein römischer Dichter und Epiker, der während der Zeit der Römischen Bürgerkriege und des Prinzipats des Octavian lebte.

Erster Gesang


Äneas, im siebenten Jahre nach Trojas Zerstörung umherirrend, wird auf der Fahrt von Sicilien nach Italien durch einen Sturm, den Juno durch Äolus erregte, mit sieben Schiffen aus der zerstreuten Flotte nach Libyen verschlagen, Juppiter tröstet die Venus durch des Sohns Schicksale und sendet den Mercurius, ihm die neu angesiedelten Carthager zu gewinnen. Dem spähenden Äneas begegnet die Mutter als Jägerin und führt ihn, in eine Wolke gehüllt, nach Carthago, wo er Gesandte von den verlorenen Schiffen und freundliche Aufnahme bei der Königin Dido findet. Statt des gerufenen Ascanius kommt Cupido, durch welchen Dido beim Gastmahl für Äneas entbrennt und die Geschichte seiner Irrfahrten verlangt.

            Waffen ertönt mein Gesang und den Mann, der vom Troergefild' einst
Kam, durch Schicksal verbannt, nach Italia und der Laviner
Wogendem Strand. Viel hieß ihn in Land' umirren und Meerflut
Göttergewalt, weil dau'rte der Groll der erbitterten Juno; 5   Viel auch litt er im Kampf, bis die Stadt er gründet' und Trojas
Götter nach Latium führte: woher der Latiner Geschlecht ward,
Und albanische Väter, und du, hochragende Roma.

Muse, des Grolls Ursachen verkünde mir, welches Gebotes
Kränkung die Königin reizte, daß, so viel kreisendes Unheil,

10   Sie den frömmeren Mann, so viel zu erdulden der Mühsal,
Drängte mit Zwang. So groß glüht himmlischen Seelen der Zorn auf?

Uralt blühte die Stadt, die Tyrier bauten, Carthago,
Gegen das Italerland fernhin und gegen des Tibers
Mündungen, reich an Gewalt, und zu Kriegsanstrengungen trotzig;

15   Die, wie man sagt, sich Juno vor allen Landen des Erdreichs,
Selbst vor Samos erkor. Hier ruhete jener die Rüstung,
Hier das Gespann; daß hier Obherrschaft throne den Völkern,
Werd' es vom Schicksal vergönnt, war jetzt schon ihr Streben und Sehnen.
Aber ein fernes Geschlecht, aus troischem Blute geleitet, 20   Hörete sie, werd' einst umkehren die tyrischen Burghöhn;
Dorther stammendes Volk, weitherrschend, und stolz der Bekriegung,
Komme zu Libyas Sturz: so roll' es die Spindel der Parcen.
Dessen besorgt war Juno; zugleich des vorigen Krieges
Dachte sie, welchen vor Troja zur Gunst sie geführet den Grajern. 25   Noch nicht waren dem Geiste des Zorns Ursachen entfallen
Und der erbitterte Schmerz; tief bleibt in der Seele bewahret
Paris richtender Spruch und die Schmach der beleidigten Schönheit,
Samt dem verhaßten Geschlecht, und wozu Ganymedes geraubt sei.
Durch dies Alles entbrannt, warf über die Flut sie die Troer, 30   Was vor der Danaerwut nachblieb und dem grimmen Achilles,
Daß sie von Latium ferne sie hielt'; und viele der Jahre
Irrten, vom Schicksal verfolgt, sie umher durch alle Gewässer.
So mühseliges Werk war des römischen Volkes Errichtung.

Kaum zu der Höhe des Meers vom Gesicht des siculischen Landes

35   Segelten froh sie dahin, mit dem Erz aufwühlend den Salzschaum;
Als Saturnia so, mit unheilbarer Wunde des Herzens,
Bei sich sprach: Ich sollte besiegt abstehen vom Vorsatz
Und von Italia nicht fern halten den teucrischen König?
Ha, mir verbeut das Geschick. Hat Pallas mit Glut der Argiver 40   Flotte zu tilgen vermocht und sie selbst in die Wogen zu senken,
Blos weil Ajax gefrevelt, der rasende Sohn des Oileus?
Selbst, aus Gewölk herschwingend des Donnerers reißende Flamme,
Schlug sie die Schiff' auseinander und regt' im Orkane die Wog' auf;
Ihn, der hell ausdampft' aus durchschmettertem Busen den Gluthauch, 45   Hob sie im Wirbel empor und spießt' an ein scharfes Gestein ihn.
Aber ich, die einher der Unsterblichen Königin wandelt,
Juppiters Schwester und Weib, mit dem einzigen Volke so endlos
Führ' ich den Streit! Wird einer hinfort anbeten der Juno
Macht? wird einer mit Flehn dem Altar auflegen Verehrung?

50  

Als mit entflammeter Brust Saturnia solches geredet,
Jetzt in der Stürm' Heimat, die geschart durchraset der Auster,
Kam nach Äolia sie, wo in räumiger Höhle der König
Äolus kämpfende Wind' und laut aufbrausende Wetter
Zähmt durch strengen Befehl und in Band' einschließet und Kerker.

55   Jen', unmutigen Sinns, umdrohn mit hohlem Gemurmel
Laut ihr Felsenverschloß. Hoch sitzt auf der Zacke besceptert
Äolus, sänftigt den Geist und stillt des Zornes Empörung.
Thät' er es nicht, Meerwogen und Land' und Tiefen des Himmels
Rafften sie traun im Orkane dahin und durchstäubten die Lüfte. 60   Doch der allmächtige Vater verbarg sie in dunkeler Felskluft,
Dessen besorgt, und den Wall hochtürmender Berge darüber
Legt' er und gab den König, der bald nach sicherer Satzung
Bändigen könnte den Lauf und bald nach Geheiß sie entzügeln.
Diesem nahete jetzt mit flehenden Worten die Göttin:

65  

Äolus, dir ja gewährte der Götter und Sterblichen Vater,
Einzuschläfern die Flut und wieder im Sturm zu erheben:
Schau, ein mir feindliches Volk durchwallt den tyrrhenischen Spiegel,
Ilion trägt's nach Italia hin und besiegte Penaten,
Rege die Winde mit Macht und versenke die Schiff' in den Strudel,

70   Oder zerstreu' sie umher und mit Leichnamen decke den Abgrund!
Vierzehn hab' ich der Nymphen von auserlesener Schönheit.
Welche davon vorraget an Lieblichkeit, Deiopea
Sei dir in Ehe gesellt, als eigene Lagergenossin,
Daß für solches Verdienst mit dir sie die Jahre der Zukunft 75   Leb' und zum Vater dich mache von lieblichen Söhnen und Töchtern.

Äolus also darauf: Dir, Königin, sei, was du wünschest,
Auszuspähn nur Geschäft, mir ziemt, den Befehl zu vollführen.
Du hast diese Gewalt, du Juppiters Huld und den Scepter
Mir ja verschafft; du gönnst, an dem Schmaus zu liegen mit Göttern;

80   Durch dich ward ich der Stürm' und der Witterungen Beherrscher.

Sprach's und zum hohlen Gebirg' hinwendend die Spitze,
Schlug' er die Seit'; und die Wind' in tummelndem Schwarm, wo sich Ausgang
Öffnete, stürzen hervor und durchwehen die Lande mit Wirbeln.
Rasch umziehn sie das Meer und ganz aus dem untersten Grund' auf

85   Wühlen es Eurus und Notus zugleich, und, von Regen umschauert,
Africus, daß hochher das Gewog' anrollt zu den Ufern.
Plötzlich erschallt der Männer Geschrei und der Taue Gerassel,
Und die umhüllende Wolk' entreißet den Tag und den Himmel
Schnell aus der Teucrer Gesicht; auf der Flut liegt düsteres Nachtgraun. 90   Ringsum donnert der Pol, und von Leuchtungen zucket der Äther,
Und andrängenden Tod verkündiget alles den Männern.

Schleunig sind dem Äneas gelöst von Schauer die Glieder,
Und er erseufzt, und beide die Hand' aufstreckend zur Sternbahn,
Hebet er also den Ruf: O dreimal selig und viermal,

95   Denen vor Trojas Mauern im Angesichte der Väter
Nahte das Ziel. Hochherzigster du des Danaervolkes,
Daß ich, o Tydeus Sohn, nicht auch in den ilischen Feldern
Fallen konnt' und den Geist durch deine Rechte verhauchen!
Wo dem Geschoß des Achilles erlag der trotzige Hector, 100   Wo der große Sarpedon, wo Simois wild in dem Strudel
Helm' und Schilde der Männer und tapfere Leichname hinrollt.

Während er so wehklaget, da saust ihm entgegen der Nordsturm,
Schlägt ihm das Segel...

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