Gute Nacht

Thriller
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 13. Mai 2013
  • |
  • 608 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-10404-7 (ISBN)
 
Die Logik des Verbrechens

David Gurney hat genug von Mord und Totschlag. Der geniale Ex-Ermittler erholt sich mit seiner Frau Madeleine auf seiner Farm in der Nähe New Yorks, als ihn eine befreundete Journalistin um seine Mithilfe bittet. Er soll ihre Tochter bei einem dokumentarischen TV-Mehrteiler über unaufgeklärte Mordfälle beraten. Im Zentrum des Films steht der Fall des »Guten Hirten«, eines Serienkillers, der vor genau zehn Jahren sechs Menschen umbrachte. Je mehr sie recherchieren, desto seltsamere Dinge ereignen sich. Bald gibt es die nächsten Leichen.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Heyne
  • 1,01 MB
978-3-641-10404-7 (9783641104047)
weitere Ausgaben werden ermittelt

2

Ein Riesengefallen für Connie Clarke

Das Anwesen der Gurneys lag an einem Höhenzug am Ende einer Landstraße außerhalb der Catskill-Ortschaft Walnut Crossing. Das alte Bauernhaus stand oberhalb der sanften Südhangseite. Eine verwilderte Wiese trennte es von einer großen roten Scheune und einem tiefen, von Rohrkolben umgebenen Weiher, hinter dem sich ein Wald aus Buchen, Ahornbäumen und Traubenkirschen hinzog. Nach Norden erstreckte sich eine zweite Wiese an der aufsteigenden Kammlinie entlang bis zu einem Kiefernwald und einer Reihe kleiner, verlassener Bluestone-Steinbrüche, die über das Nachbartal blickten.

Das Wetter hatte eine dramatische Kehrtwende gemacht, die in den Catskill-Bergen weitaus häufiger war als in New York, wo Dave und Madeleine herkamen. Wie eine amorphe schiefergraue Decke hing der Himmel über den Hügeln. Die Temperatur schien in nur zehn Minuten um ebenso viele Grad gesunken zu sein.

Sprühfeiner Schneeregen setzte ein. Gurney schloss die Terrassentür. Als er fest daran zog, um den Riegel vorzulegen, spürte er in der rechten Magenseite ein starkes Stechen. Kurz darauf folgte das nächste. Das war nichts Neues für ihn, und er wusste, dass er den Schmerz mit drei Ibuprofen bändigen konnte. Auf dem Weg zum Medizinschränkchen im Bad sann er darüber nach, dass das Schlimmste an der ganzen Sache nicht die körperlichen Beschwerden waren, sondern das Gefühl von Verletzlichkeit - die Erkenntnis, dass er nur durch großes Glück mit dem Leben davongekommen war.

Glück war eine Vorstellung, von der er nicht viel hielt. Etwas für Dummköpfe ohne Hirn. Blinder Zufall hatte ihm das Leben gerettet, aber der Zufall war kein verlässlicher Verbündeter. Er kannte jüngere Männer, die an Glück glaubten und so blind darauf vertrauten, als hätten sie es gepachtet. Doch mit seinen achtundvierzig Jahren wusste Gurney ganz genau, dass Glück nur Glück ist und dass die unsichtbare Hand, die die Münze wirft, so kalt ist wie die einer Leiche.

Der Schmerz in seinem Bauch erinnerte ihn auch daran, dass er den bevorstehenden Termin bei seinem Neurologen in Binghamton absagen wollte. In den letzten vier Monaten hatte er den Mann viermal aufgesucht, und das Ganze kam ihm zunehmend sinnlos vor - außer der Sinn bestand darin, Rechnungen an Gurneys Versicherung zu schicken.

Die Telefonnummer bewahrte er zusammen mit seinen medizinischen Unterlagen in seinem Schreibtisch auf. Statt sich Ibuprofen aus dem Bad zu holen, ging er ins Arbeitszimmer, um den Anruf zu erledigen. Während er die Nummer eintippte, malte er sich den Arzt aus: einen viel beschäftigten Mann Ende dreißig mit schwarzem, bereits zurückweichendem Haar, kleinen Augen, mädchenhaftem Mund, schwachem Kinn, glatten Händen, manikürten Fingernägeln, teuren Slippern, abweisendem Gebaren und ohne erkennbares Interesse für Gurneys Gedanken oder Gefühle. Die drei Frauen in seinem durchgestylten Empfangsbereich wirkten chronisch verwirrt und irritiert: durch den Doktor, die Patienten und die Daten auf ihren Computerbildschirmen.

Nach dem vierten Klingelton meldete sich eine Stimme mit an Verachtung grenzender Ungeduld. »Praxis Dr. Huffbarger.«

»Hier spricht David Gurney. Ich habe demnächst einen Termin bei Ihnen, den ich .«

In scharfem Ton wurde er unterbrochen. »Bleiben Sie bitte dran.«

Im Hintergrund hörte er eine resolute Männerstimme, und einen Moment lang dachte er, es handle sich um einen verärgerten Patienten, der sich lang und breit beschwerte. Doch dann stellte eine andere Stimme eine Frage, und eine dritte ging im gleichen Ton hastig vorgetragener Entrüstung dazwischen. Es war der Nachrichtensender, der das Sitzen in Huffbargers Wartezimmer zur Qual machte.

»Hallo?« Gurney machte keinen Hehl aus seiner Gereiztheit. »Ist da jemand? Hallo?«

»Nur eine Minute, bitte.«

Die Stimmen, die er so aggressiv hohlköpfig fand, plapperten weiter, und er war kurz davor aufzulegen.

Da meldete sich die Arzthelferin. »Praxis Dr. Huffbarger. Was kann ich für Sie tun?«

»Hier ist David Gurney. Ich hab einen Termin, den ich absagen möchte.«

»Datum?«

»Heute in einer Woche um 11.40 Uhr.«

»Buchstabieren Sie bitte Ihren Namen.«

Er verkniff sich die Frage, wie viele Leute an diesem Tag um 11.40 Uhr einen Termin hatten, und buchstabierte seinen Namen.

»Und auf wann wollen Sie ihn verlegen?«

»Gar nicht. Ich sage einfach ab.«

»Sie müssen ihn aber verlegen.«

»Was?«

»Ich kann Dr. Huffbargers Termine nur verlegen, nicht streichen.«

»Aber es ist .«

Unwirsch unterbrach sie ihn. »Ein bestehender Termin kann nicht aus dem System gelöscht werden, ohne ein neues Datum einzugeben. Das ist ein Grundsatz von Dr. Huffbarger.«

Gurney spürte, wie er die Lippen vor Zorn zusammenkniff. Viel zu viel Zorn. »Mich interessieren weder sein System noch seine Grundsätze. Betrachten Sie meinen Termin als abgesagt.«

»Dann wird die Gebühr für einen versäumten Termin fällig.«

»Nein, das wird sie nicht. Und wenn Huffbarger ein Problem damit hat, dann soll er mich anrufen.« Er beendete das Gespräch - aufgebracht, aber auch ein wenig verlegen, weil er sich derart hatte gehen lassen.

Er starrte durch das Fenster hinaus auf die obere Wiese, ohne sie wahrzunehmen.

Verdammt, was ist nur los mit mir?

Ein Stechen in seiner rechten Seite bot zumindest eine Teilantwort. Außerdem erinnerte es ihn daran, dass er auf dem Weg zum Medizinschränkchen gewesen war, bevor er den Schlenker zum Terminabsagen gemacht hatte.

Er steuerte aufs Bad zu. Der Mann, der ihn aus dem Spiegel anstarrte, gefiel ihm überhaupt nicht. Über die Stirn zogen sich Sorgenfalten, die Haut war farblos, die Augen blickten trüb und müde.

O Gott.

Er wusste, dass er sein tägliches Training wieder aufnehmen musste - die Einheiten mit Liegestützen, Klimmzügen und Rumpfbeugen, durch die er früher besser in Form gewesen war als viele andere, die nur halb so alt waren wie er. Doch jetzt sah er dem Mann im Spiegel jedes seiner achtundvierzig Jahre an und freute sich nicht unbedingt darüber. Nicht über die täglichen Symptome von Sterblichkeit, die sein Körper zeigte, und auch nicht über seinen Absturz aus bloßer Introvertiertheit in weitestgehende Isolation. Er freute sich . über gar nichts mehr.

Er nahm das Fläschchen Ibuprofen aus dem Regal, schüttete drei kleine Pillen in die Hand und schob sie sich stirnrunzelnd in den Mund. Während er darauf wartete, dass das fließende Wasser kalt wurde, klingelte im Arbeitszimmer das Telefon. Huffbarger, dachte er. Oder seine Praxis. Er rührte sich nicht von der Stelle. Die können mich mal.

Dann kam Madeleine von oben herunter. Kurz darauf ging sie ans Telefon, gerade als der uralte Anrufbeantworter ansprang. Er hörte ihre Stimme, ohne ihre Worte zu verstehen, füllte einen kleinen Plastikbecher zur Hälfte mit Wasser und spülte schnell die drei Tabletten hinunter, die sich auf seiner Zunge schon teilweise aufgelöst hatten.

Offenbar kümmerte sich Madeleine um die Sache mit Huffbarger. Ihm war das ganz recht. Doch dann hörte er ihre Schritte im Flur und im Schlafzimmer. Sie trat durch die offene Badtür und streckte ihm das Telefon entgegen.

»Für dich.« Sie reichte es ihm und verließ den Raum.

In Erwartung eines unangenehmen Gesprächs mit Huffbarger oder einer seiner verbissenen Helferinnen schlug Gurney einen abweisend brüsken Ton an. »Ja?«

Am anderen Ende der Leitung herrschte eine Sekunde lang Schweigen.

»David?« Die klare Frauenstimme kam ihm zwar vertraut vor, ohne dass sein Gedächtnis ihm den passenden Namen oder ein Gesicht dazu liefern konnte.

»Ja?« Er klang jetzt freundlicher. »Tut mir leid, mit wem .?«

»Ach, wie kannst du das vergessen? Jetzt bin ich aber beleidigt, Detective Gurney!«, rief die Unbekannte in gespielter Empörung. Plötzlich beschwor der Tonfall ein Bild herauf: eine drahtige, kluge, energiegeladene Blondine mit Queens-Akzent und den hohen Wangenknochen eines Models.

»Connie! Meine Güte, Connie Clarke. Schon eine Weile her.«

»Sechs Jahre, um genau zu sein.«

»Sechs Jahre, unglaublich.« Eigentlich bedeutete ihm die Zahl nicht viel und überraschte ihn auch nicht, doch er wusste nicht, was er sonst sagen sollte.

Er erinnerte sich mit gemischten Gefühlen an die Verbindung zu ihr. In ihrer Eigenschaft als selbstständige Journalistin hatte Connie Clarke für die Zeitschrift New York einen wohlwollenden Artikel über ihn geschrieben, nachdem er den Serienmörder Jason Strunk zur Strecke gebracht hatte - gerade einmal drei Jahre nach seiner Ernennung zum Detective First Grade, die ihm für die Lösung des Serienmordfalls Peter Piggert zuteil geworden war. Allerdings war dieser Artikel ein wenig zu wohlwollend gewesen; er verbreitete sich über seine außerordentlichen Erfolge bei der Klärung von Mordfällen und bezeichnete ihn sogar als Supercop des New York Police Department - ein Beiname, der seine fantasievolleren Kollegen zu einer endlosen Reihe amüsanter Varianten inspirierte.

»Und, wie lebt es sich so im friedlichen Rentnerland da oben?«

Das hörbare Grinsen in ihrer Stimme ließ ihn vermuten, dass sie von seiner inoffiziellen Teilnahme an den Ermittlungen in den Fällen Mellery und Perry wusste. »Manchmal friedlich, manchmal auch...

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