Wenn der Winter vorbei ist

 
 
Freies Geistesleben (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. Februar 2020
  • |
  • 207 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7725-4417-0 (ISBN)
 
Es können nur wenige Sekunden sein, die ein Leben letztendlich bestimmen: ein Kuss an einem Sommertag, ein Musikstück, eine zufällige Begegnung. Es muss nicht mehr sein. Der alternde Schriftsteller Thomas wird mit seiner neuen Liebe zusammenziehen. Vor diesem Umzug aber muss geordnet und aussortiert werden. Das weckt Erinnerungen. Fragmente aus seiner Kindheit, die Beziehung zu seinen Eltern und der Abschied von seiner Adoptivschwester, Freundschaften, seine ersten Schritte auf dem Pfad der Liebe und seine Beziehungen zu Frauen werden thematisiert und in kurzen Kapiteln subtil gegen den Strich gebürstet. Thomas will nicht berührt werden, auch nicht im übertragenen Sinne. Doch immer wieder sind da die Erinnerungen an Lin, ein Mädchen, das er vor langer Zeit in einem Jugendlager kennengerlernt hat. Sie hat ihn "berührt".
  • Deutsch
  • Stuttgart
  • |
  • Deutschland
  • 1,61 MB
978-3-7725-4417-0 (9783772544170)
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Thomas Verbogt, geboren 1952, studierte niederländische Sprache und Literatur in Nijmegen. Er schrieb zahlreiche Romane, Geschichten und
Theaterstücke und gehört heute zu den führenden Autoren in den Niederlanden. Die Auseinandersetzung mit Jugendereignissen, die das Leben seiner
erwachsenen Protagonisten verändert, steht in vielen seiner Werke im Mittelpunkt. Verbogt wird besonders für seine melancholische und dennoch leichtfüßige, filmische Erzählweise geschätzt. Als "de winter voorbij is" (Wenn der Winter vorbei ist) stand auf der Longlist des ECI-Literaturpreises sowie auf den Shortlists des Libris-Literaturpreises und des Book Trade Awards.
Dieses andere Lächeln
Aus dem Nichts
Sie sind alle allein
Glühender Blick
Anderes Leben
So lange wie ein Traum
Denk doch mal nach!
Aus einer gewissen Entfernung
Sie haben gelacht
Mitreißend fröhlich
Der träge, glückliche Rhythmus
Früher Winterwind
Nichts geht vorbei
Das rote Märchenbuch
Wie soll man leben?
Das ist wirklich das Beste
Indem man etwas loslässt
Na und?
Schwierigkeiten im Umgang mit dem Leben
Keine feierlichen Worte
Dieses brüchige, brillante Bollwerk
Kleiner Eisbär
Alles verströmt Kälte
Durch meine Wut
Indian Summer
In der Klemme
Mount Everest
So fängt dein Leben an
So was kommt vor
Schöne Worte
Klar umrissen
Verdoppelt
Herbst in Neuengland
Keinerlei Kontrolle
Verhaltenes Lachen
Leichte Zugluft
Es war aber so
Nenn es Zärtlichkeit
Weihnachten in Amsterdam

ANDERES LEBEN


Es ist Montag, der 8. Januar 1962. Vor diesem Tag fürchte ich mich schon seit langem. Es ist noch früh am Morgen. Becky wird gleich zum Bahnhof gehen. Sie will nicht, dass wir sie hinbringen.

«Das ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich Abschied nehme», sagt sie. «Ich glaube, das kann ich nicht.»

«Vielleicht lernst du es dann nie mehr», sagt meine Mutter.

«Ist das so schlimm? Ist es schlimm, wenn man nicht Abschied nehmen kann?»

In Rotterdam wird sie das Schiff nach New York besteigen, um zu ihrem Freund zu ziehen, der dort lebt. In einem Viertel mit Kneipen und Cafés, in denen allabendlich Musiker auftreten. Vor ein paar Tagen hat sie einen Stadtplan auf dem Tisch ausgebreitet. «Hier!», zeigte sie. «Hier werde ich wohnen.» Auch sie hat Lieder geschrieben. «Vielleicht gefallen sie den Leuten dort.»

Ich fragte, warum sie nicht erst gucken will, ob sie den Leuten hier gefallen.

«Dort ist es anders, ein anderes Leben», sagte Becky.

Ich sah ihr an, dass sie nicht erklären konnte oder wollte, inwiefern das Leben dort anders war. Trotzdem fragte ich mich, wie oft im Leben ein anderes Leben anfängt. Wann fängt mein anderes Leben an? Vielleicht, wenn Becky fort ist.

Becky sitzt mir gegenüber am Tisch. Mein Vater ist schon früh gegangen, um einem Freund beim Umzug zu helfen. Meine Mutter ist traurig.

Ich kann Becky kaum ansehen. Sie ist in ihrer Welt, und ich bin in meiner, dazwischen hat sich noch eine Welt geschoben, in der ich mich verlaufe und suchend umschaue, ohne zu wissen, wonach ich Ausschau halten soll.

«Ich komme zurück», höre ich sie sagen und möchte nicht, dass sie das sagt, weil ich nicht möchte, dass sie fortgeht. Mir ist, als sähe ich sie bereits aufbrechen, mit der Reisetasche und dem Gitarrenkoffer. Es ist noch nicht mal hell.

«Ich weiß nur noch nicht wann», höre ich sie sagen.

Wenn es soweit ist, bin ich vielleicht alt genug, um mit Frauen umzugehen, so wie Männer mit Frauen umgehen. Dann ist es später, und alles ist anders. Ich kann mir vorstellen, älter zu sein. Ich kenne Fotos, auf denen Männer und Frauen auf eine Art zusammen sind, als wäre es nie anders gewesen: ein angenehmes, aufregendes Leben.

«. und dann machen wir ganz normal weiter.»

Womit machen wir weiter? Und wieso ganz normal? Becky hat bereits mehrmals gesagt, dass nichts normal ist, dass es ausschließlich an einem selbst liegt, wenn etwas doch normal ist. Normal ist langweilig. Was meint sie mit «normal weitermachen»?

«Warum sagst du nichts?», fragt sie.

Ich zucke mit den Schultern und noch während ich das tue, empfinde ich es als unheimlich kindisch, aber vielleicht ist ja auch alles kindisch an mir - jetzt wo wir einander gegenübersitzen. Vielleicht leben Mama und Papa nicht einmal mehr, wenn sie zurückkommt. Vielleicht bin ich dann in eine andere Stadt gezogen oder sogar tot, und das ist das letzte Mal, dass wir uns sehen. Der Gedanke ist mir unerträglich.

«Wenn ich was sage, muss ich bestimmt heulen», erwidere ich.

Becky ist am ersten Januar zwanzig geworden, und ich bin gerade mal neun, also im Grunde noch ein kleiner Junge. Becky geht weit weg, wird sich in einer Welt verlieren, die so groß ist, dass ich keine Vorstellung davon habe - na ja, ein bisschen vielleicht, seit ich die Abenteuer von Tim und Struppi verfolge, aber diese weite Welt befindet sich zwischen zwei Buchdeckeln. Beckys Welt ist so weit, dass man sich unbemerkt darin verlieren kann, und das ist eine Zukunft, die mir Angst macht. Noch nie habe ich so über die Zukunft nachgedacht.

«Zukunft», was für ein schreckliches Wort!

«Es ist nicht schlimm, wenn man heult. Wir haben doch ausgemacht, dass wir uns für fast nichts schämen müssen. Heulen ist absolut erlaubt.»

An diese Abmachung erinnere ich mich, aber nicht mehr an den Anlass dafür. Es ist, als trübte sich alles ein, als würde mit Becky das Licht aus meinem Leben verschwinden. Ich habe Glück mit meinen Eltern, aber sie sind trotzdem anders als Becky. Becky ist eine Verbündete. Meine Schwester ist vier, mit ihr kann man Spaß haben, doch wir haben kaum etwas gemeinsam. Becky ist meine eigentliche Schwester und Freundin.

«Sie ist aus dem Nichts in unser Leben geschneit», wie meine Mutter immer sagt. Und jetzt verschwindet sie im Nichts.

Sie steht auf.

«Ich geh dann mal.»

Meine Mutter steht in der Tür. Ihr Gesicht ist gerötet.

«Warum schon so früh?», fragt sie. «Das Schiff geht doch erst um vier?»

«Einen Abschied zieht man nicht in die Länge», sagt Becky.

«Auch wenn es mein erster Abschied ist, weiß ich eines ganz genau: Dass man ihn nicht in die Länge ziehen darf.»

Meine Mutter drückt sie an sich. «Ach, Kind», sagt sie. «Ach, Kind.»

Ich schaue sie an. Becky ist kein Kind mehr, aber vielleicht wird sie es für meine Mutter immer bleiben: das Kind, das aus dem Nichts kam.

Am letzten Abend, an dem sie hier am Tisch gesungen hat, sang sie auch ein paar eigene Lieder. Ich konnte sie nicht verstehen, begriff aber trotzdem, wovon sie handelten: von der Angst, allein gelassen zu werden, das wusste ich ganz genau. Ich durfte länger aufbleiben als sonst. Es war auch ein anderer Abend als sonst, der letzte, an dem Becky hier singen würde, zumindest in nächster Zeit.

«Vielleicht wirst du dort weltberühmt und hast nie mehr Zeit, uns zu besuchen», meinte mein Vater.

Mit leisem Ernst sah Becky ihn an.

«Aber euch habe ich doch alles zu verdanken!», sagte sie. Und noch einmal: «Euch habe ich doch alles zu verdanken. Das darfst du nie mehr sagen: Dass ich nicht mehr zu euch zurückkomme - nie mehr! Das tut mir weh und zwar hier.» Sie fuhr sich mit der Hand über die Brust.

«Ach, Kind», sagt meine Mutter erneut. Und dann: «Ach so, ich habe noch etwas für dich.»

Sie geht zur Kommode und zieht die oberste Schublade auf, nimmt etwas Hellblaues heraus.

«Das habe ich von meiner Mutter zur Erstkommunion bekommen.»

Jetzt weiß ich wieder, was es ist, eine Art Heiligenmedaillon, auf der Maria abgebildet ist.

«Ich sollte es von meiner Mutter aus unter der Kleidung tragen. Aber was heißt hier sollte, es war kein Muss, sondern freiwillig: Maria sollte mich beschützen und mir Glück bringen. Und genau so war es auch. Ich habe so viel Glück gehabt, auch mit dir. Deshalb sollst du sie jetzt haben. Wenn du gleich auf dem Schiff bist, musst du sie dir irgendwo anstecken.» Wieder umarmen sie sich.

Dann schaut Becky zu mir, streckt die Arme nach mir aus.

Ich drücke ihre Hände, bringe kein Wort heraus. Becky küsst mich zwei Mal auf die linke Wange.

Anschließend nickt sie. Sie zieht ihren langen schwarzen Mantel an, greift nach ihrer Tasche und dem Gitarrenkoffer. Meine Mutter öffnet die Tür zur Treppe, niemand verliert noch ein Wort, Becky geht, statt ihrer kommt Kälte aus dem Treppenhaus herein.

Meine Mutter und ich schauen ihr nach, sehen zu, wie sie sich von uns entfernt.

«So ist das nun mal», sagt meine Mutter.

Ich weiß nicht, warum sie das sagt.

«Was bricht sie früh auf!», fährt sie fort. «Warum hast du sie nicht angesehen? Warum hast du nichts gesagt?»

Wieder zucke ich mit den Schultern: ein neunjähriger Junge.

«Meinst du, sie fand das schlimm?», frage ich. «Dass ich sie nicht angesehen habe?»

«Schlimm? Nein, das glaub ich nicht. Becky fand nichts an dir schlimm. Vielleicht fand sie es etwas schwierig, aber na ja, heute Morgen war alles schwierig. Wer weiß, vielleicht ist sie ja bald wieder zurück. Wollen wir noch eine Tasse Tee trinken?

Becky nahm den Zug nach Utrecht. Dort stieg sie in den nach Rotterdam um, der kurz nach neun mit einem anderen Zug zusammenstieß, unweit der kleinen Ortschaft Harmelen.

Dreiundneunzig Menschen haben das nicht überlebt. Becky hat auch dazugehört.

Auf der Beerdigung hielt mein Vater eine Rede. Es ging um die beiden Züge, die über ihr Leben entschieden.

Meine Mutter wollte auch etwas beitragen und sagte noch einmal: «Du bist aus dem Nichts in unser Leben geschneit.» Dann musste sie sich wieder setzen. Mein Vater eilte auf sie zu und stützte sie, bis sie ihren Platz in der ersten Reihe erreicht hatte.

Ich hätte sie ansehen müssen!, dachte ich. Ich hätte etwas sagen müssen. Dann wäre sie...

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