Bittersüße Zitronen

Der Capri-Krimi
 
 
Diogenes (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 24. März 2021
  • |
  • 320 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-257-61178-6 (ISBN)
 

Auf der schönsten Insel der Welt reifen die Zitronen für den berühmten Limoncello von Capri. Doch plötzlich liefert die Familie Constantini nicht mehr, sie will auf Bio-Früchte umstellen und diese mit Crowdfarming vertreiben. Als Elisa Constantini bei einem mysteriösen Unfall auf den Serpentinen Capris stirbt, leiten der junge Polizist Enrico Rizzi und seine tatkräftige Kollegin Antonia Cirillo Ermittlungen ein und blicken in einen Abgrund von fatalen Liebschaften und Familienfehden.

weitere Ausgaben werden ermittelt

Luca Ventura ist ein Pseudonym. Der Autor lebt am Golf von Neapel, wo er derzeit einen weiteren Fall der Capri-Serie um den Inselpolizisten Enrico Rizzi und dessen norditalienische Kollegin Antonia Cirillo schreibt.

Normalerweise war um diese Zeit unten alles still, manchmal war noch Wasserrauschen zu hören, die Klospülung oder der Fernseher. Aber niemals so ein Hin- und-Her-Gerenne. Schranktüren wurden aufgerissen und wieder zugeknallt.

Enrico Rizzi knipste das Licht, das er gerade ausgeschaltet hatte, wieder an, schlug die Decke zurück, zog seine Jogginghose über und ging barfuß vor die Tür, über die Außentreppe einen Stock tiefer in die erste Etage. In der Küche brannte Licht.

»Mamma?«

Ein frischer Kürbis lag im Eingang. Es roch nach Knoblauch und gebratener Pancetta. Und nach Regen. Seit Tagen schon goss es in Strömen. Er stieg über die Schuhe seines Vaters. Auf dem Küchentisch standen schon die Butterbrotdose und die Thermoskanne für morgen bereit und auf dem Stuhl die Aktentasche, außerdem hatte Marta die große rote Mappe hervorgeholt - das sichere Zeichen, dass Monatsanfang war und sie die Strom- und Telefonrechnungen zusammensuchte. Hundertmal hatte er ihr gesagt, dass Dauerauf?träge und Einzugsermächtigungen das Leben leichter machten, aber da war nichts zu machen. Marta stand lieber auf der Post Schlange.

»Hallo?«, rief er.

Seine Mutter war im Bad, hatte die Medikamente aus dem Schränkchen geräumt und las, mit der Brille auf der Nase, was auf den Verpackungen stand.

»Weißt du eigentlich, wie spät es ist?«, fragte Rizzi. »Jemand krank?«

Sie hielt ihm eine Packung mit Schmerztabletten hin. »Sind die noch gut?«, fragte sie.

Rizzi prüf?te das Datum auf der Schachtel. »Vorletztes Jahr abgelaufen«, sagte er und warf die Packung in den Müll. »Was ist passiert?«

Wie sich herausstellte, hatte Vito das Pflaumenbäumchen noch spätabends umsetzen wollen, das sie im Frühjahr neben dem Olivenbaum gepflanzt hatten. Sie hatten jedoch unterschätzt, wie stark die Olive, nachdem sie gestutzt worden war, ausschlagen würde. Der Baum war über den Sommer dermaßen in die Höhe geschossen und in die Breite gegangen, dass die Pflaume mittelfristig einfach nicht genügend Licht bekommen würde und in der Folge zu verkümmern drohte.

»Jedenfalls hat dein Vater, als der Regen vorbei war und die Erde schön locker, ein Loch gegraben«, berichtete Marta. »Ich stehe daneben, halte die Lampe und sage noch: Pass auf. Aber er macht einen falschen Schritt nach hinten, verliert das Gleichgewicht, ich versuche, ihn festzuhalten, und bumms, liegen wir auf dem Boden.«

»Kein Drama«, kam Vitos schwache Stimme aus dem Schlafzimmer. »Wahrscheinlich ist es bloß ein Hexenschuss.«

Marta bückte sich und holte die Tabletten wieder aus dem Mülleimer. »Die helfen ihm über die Nacht«, meinte sie pragmatisch, »und dann sehen wir weiter.«

Rizzi nahm seiner Mutter die Packung aus der Hand und steckte sie ein. »Wir rufen jetzt den Arzt.«

»Red keinen Unsinn«, rief Vito. »Wegen einer solchen Lappalie klingeln wir Bruno ganz bestimmt nicht aus dem Bett.«

»Ob es eine Lappalie ist, wollen wir erst mal sehen«, antwortete Rizzi.

»Kein Wort mehr«, kam es aus dem Schlafzimmer.

Marta schaute ihren Sohn mit diesem Siehst-du?-Blick an und erklärte: »Dann werde ich jetzt mal eine Wärmflasche machen.«

»Wo hast du die Schmerzen?«, fragte Rizzi, als er zu Vito ins Schlafzimmer kam. »Ist es die Hüfte?«

»Mach mich nicht kränker, als ich bin«, knurrte Vito. »Mit meiner Hüfte ist alles in Ordnung.«

»Also das Becken?«

»Ich sag doch: Hexenschuss. Mit etwas Wärme kriegen wir das schon wieder hin.«

»Nicht, wenn was gebrochen ist.«

»Es ist aber nichts gebrochen.« Vito versuchte, sich aufzusetzen, und verzog vor Schmerzen das Gesicht. »Junge«, ächzte er, »wer konnte denn ahnen, dass das Biest über den Sommer solche Wurzeln schlägt?«

Rizzi trat näher. »Wir hatten ausgemacht, dass ich mich darum kümmere.«

»Und? Hast du?« Vito streckte seinen Arm zur Decke und ließ ihn kraftlos niederfallen. »Ich weiß, du hast viel um die Ohren«, sagte er, »aber ich kann nicht die ganze Zeit warten und Däumchen drehen, bis du irgendwann mal ein Stündchen Zeit hast. So funktioniert es nicht.«

Rizzi schwieg. Das Problem war ja nicht neu. Er liebte die Gärten, aber er liebte auch seinen Beruf, und der ging im Zweifel vor. Vito wusste das und fand es auch völlig richtig - sagte er jedenfalls. Aber seit die Kräfte seines Vaters nachließen und Rizzi in den Gärten immer öfter für Arbeiten gebraucht wurde, die Vito früher allein und mit links erledigt hatte, wurde die Sache zu einem echten Problem. So ging es auf jeden Fall nicht weiter. Früher oder später mussten sie eine Lösung finden.

Marta schaltete das Deckenlicht an und schob Vito die Wärmflasche unter. »Besser?«, fragte sie - und an ihren Sohn gewandt: »Hast du etwas gegessen?«

»Ja.«

»Was?«

»Mamma, es ist spät.«

»Sind Gina und Francesca nicht bei dir?«

Er schüttelte den Kopf. »Heute ist Mutter-Tochter-Tag.«

»Die beiden fressen dir irgendwann noch die Haare vom Kopf.«

»Hör auf«, sagte Vito. »Und schau ihn dir an: Er hat genug Haare auf dem Kopf.«

Marta stopf?te wortlos die Decke um Vitos Füße zurecht, nahm die Gartenhose vom Stuhl und die schmutzigen Socken, und Rizzi wurde klar, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen war, um seinem Vater klarzumachen, dass sie im kommenden Frühjahr einen Hilfsarbeiter einstellen mussten, der die Arbeiten übernahm, die für Vito zu schwer waren.

»Wie läuft es mit dir und Gina?«, fragte Vito, nachdem Marta verschwunden war.

»Alles bestens.« Rizzi zog sich einen Stuhl heran.

»Das Jahr ist schon wieder fast rum, und ihr habt immer noch keinen Hochzeitstermin.«

»Nicht jetzt, Papà.«

»Wann heiratet ihr? Wann bekomme ich meinen Enkel?«

»Es ist alles nicht so einfach.« Er schenkte seinem Vater ein Glas Wasser ein. »Sie hat mit ihrem Ex einiges durchgemacht und braucht einfach noch ein bisschen Zeit. Ich kann da nicht ständig Druck machen.«

»Du bist jetzt zweiunddreißig. Vor elf Jahren ist dein Junge von uns gegangen. Ich weiß, du trauerst immer noch, das tun wir alle, und die Wunde wird nie verheilen. Damit musst du, damit müssen wir alle leben, solange wir atmen. Aber das Leben geht weiter. Schau dir Matilda an. Wie schnell war sie nach eurer Scheidung wieder verheiratet? Das ging ruckzuck. Ihr Kapitän hat nicht lange gefackelt. Und jetzt hat sie wie viele Kinder?«

»Zwei.«

»Was ich sagen will, Enrico: Du darfst keine Zeit mehr verlieren. Wenn du denkst, Gina ist die Richtige, geh, mach den Sack zu.«

»Das musst du mir nicht erzählen, Papà. Das weiß ich selbst.«

Sein Telefon klingelte. Auf seinem Display leuchtete die Nummer vom Polizeiposten. Es war die Nachtschicht, und Rizzi hatte Bereitschaft. Er nahm das Gespräch an. Ein Notruf, erklärte der Kollege, aus der Via Grotta Azzurra.

»Signora De Lulla?«, fragte Rizzi.

»Bingo. Sie behauptet, es sei jemand im Haus.«

»Einbrecher oder Geister?« Rizzi schaute auf die Uhr. »Es ist okay, ich kümmer mich darum«, sagte er und legte auf.

»Was ist passiert?«, fragte Vito.

»Nichts von Bedeutung.« Rizzi erhob sich. »Das Übliche.«

Dreißig Minuten später hielt er vor dem großen Tor an der Via Grotta Azzurra, verstaute Helm und Regencape unter dem Sattel und holte aus dem Handschuhfach seine Polizeimütze. Es war stockfinster. Die Gartenlampen funktionierten nicht, und das diffuse Licht von der Straßenlaterne drang kaum bis zur Pforte. Rizzi schaltete die Lampe an seinem Telefon ein und leuchtete nach dem Klingelknopf.

Während er wartete, tropf?te es ringsum von den Büschen und Bäumen. Wasser gurgelte im Rinnstein, und in der Ferne rauschte das Meer. Der Himmel war schwarz, kein Stern zu sehen, und es roch nach nasser Erde. Rizzi fasste an das schmiedeeiserne Gitter und stellte zu seiner Verwunderung fest, dass die Pforte nur angelehnt war.

Der gepflasterte Weg zum Haus war mit Laub bedeckt, und nach jedem fünf?ten Schritt kam eine kleine Stufe. Aber er hätte sich auch blind zurechtgefunden, so oft wie er hier schon entlanggegangen war.

In der Stille waren nur seine Schritte auf den nassen Blättern zu hören, das Knacken von Ästen und eine Katze, die greinend ihr Revier verteidigte. Warum Signora De Lulla nach dem letzten Einbruch Alarmanlage und Infrarotkameras installieren ließ und jetzt nicht mal die Bewegungsmelder ansprangen, war ihm ein Rätsel. Und überhaupt: Was nützte das alles, wenn das Tor offen stand und man einfach so hereinspazieren konnte?

Das Haus in seiner ganzen Größe, mit dem Ost- und dem Westflügel, lag im Dunkeln. Vor dem Eingangsportal standen ein Paar gelbe Gummistiefel, zwei Kästen Mineralwasser und eine Tüte mit Lebensmitteln, an der ein Zettel hing. Rizzi leuchtete mit seiner Taschenlampe. Die Lieferung war vom Supermarkt an der Via Pagliaro, und die Beträge auf der Einkaufsquittung waren heute Vormittag um 10.35 Uhr berechnet worden. Auch hier funktionierte die Klingel nicht. Rizzi war unschlüssig, ob er erst noch die Runde ums Haus herum machen sollte, entschied sich aber für die abgekürzte Variante, stieg auf das Mäuerchen, streckte den Arm und fasste in die Regenrinne.

Nachdem er aufgeschlossen und die Tür einen Spaltbreit geöffnet hatte, rief er: »Signora De Lulla?«

Er tastete nach dem Lichtschalter, drückte, aber nichts geschah. Kein Strom. Er leuchtete in der Eingangshalle über den Tisch, das künstliche Blumengebinde, die Seidentapete und das...

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