Unschuldig

Thriller
 
 
Diana Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 21. Juli 2011
  • |
  • 352 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-04203-5 (ISBN)
 
Eiskalt wie ein Stich ins Herz

Bei den Dreharbeiten zu einem Krimi in Babelsberg liegt auf der Bahre nicht die geschminkte Komparsin, sondern eine echte Leiche. Entsetzt starrt das Team auf das Gesicht der Toten: Die leeren Augenhöhlen verbreiten sofort Angst und Schrecken. Als Gerichtsmedizinerin Martina Weber den Leichnam untersucht, weiß sie zunächst nur, dass das Opfer nicht an diesen Verletzungen starb - woran aber dann? Zusammen mit Kriminalhauptkommissarin Paula Zeisberg steht sie vor einem Rätsel, bis kurz hintereinander zwei weitere Tote am Filmset gefunden werden - alle ohne Augen, grausam entstellt.

Ein spektakulärer Thriller, der unter die Haut geht.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Diana
  • 0,46 MB
978-3-641-04203-5 (9783641042035)
3641042038 (3641042038)
weitere Ausgaben werden ermittelt

1


Eine bleiche Märzsonne hing über der Stadt und verschwand gelegentlich hinter ein paar dünnen Wolkenschleiern. Die Menschen auf den Straßen blinzelten ins ungewohnte Licht wie im Schlaf gestörte Maulwürfe.

Paula Zeisberg stand am Küchenfenster und wärmte ihre Hände an der großen Tasse mit dem heißen Tee. Der Winter war ungewöhnlich lang und trostlos gewesen. Sie bemerkte an den Bewegungen der noch kahlen Kastanienzweige im Hof, dass ein heftiger Wind blies. Das war gut so, denn dann trocknete das Schmelzwasser auf den Straßen schneller. Der Boden war noch gefroren und konnte nur wenig Wasser aufnehmen. Dennoch war die blasse Sonne ein deutliches Signal dafür, dass der Winter nun sein Ende gefunden hatte.

Paula fröstelte in ihrem Bademantel und wandte den Blick in das nur spärlich eingerichtete Wohnzimmer. Im vergangenen Herbst hatte sie Jonas, ihre große Liebe, wiedergetroffen, nachdem sie sich jahrelang aus den Augen verloren hatten. Seither waren sie ein Paar und hatten ziemlich bald beschlossen zusammenzuziehen.

Paulas alte Wohnung in der Uhlandstraße war zu klein für sie beide, also suchten sie gemeinsam eine größere. Von ihrer Freundin, der Staatsanwältin Chris Gregor, bekam sie die Adresse einer Bekannten aus Charlottenburg, die sich mit dem dortigen Wohnungsmarkt gut auskannte. Bereits nach wenigen Tagen fanden sie mit deren Hilfe eine schöne helle Dachgeschosswohnung in der Sybelstraße. Die hatte zwar auch nur drei Zimmer, war aber größer als die vorherige, und auch die Aufteilung stimmte.

Am liebsten saß Paula in dem kleinen Glasanbau, der zur Ecke Sybel/Lewisham lag, oder sie legte sich zum Lesen und Nachdenken aufs Sofa oben auf der Galerie. Die Wohnung hatte sogar zwei Bäder und zwei Schlafzimmer, wovon eines als Gästezimmer diente. Das Beste aber war der Kamin in dem riesigen Wohnzimmer, den sie schon viele Male benutzt hatten.

All das war einfach ein Traum, und dazu auch noch bezahlbar. Obgleich das neue Domizil noch nicht einmal richtig möbliert war, fühlte Paula sich zum ersten Mal seit langer Zeit in ihren vier Wänden wirklich zu Hause. Fehlten nur noch die Siebensachen von Jonas, die in den nächsten Tagen geliefert werden sollten.

Während Paula mit ihrer fast geleerten Teetasse zwischen noch nicht ausgepackten Bücherkisten herumspazierte, überlegte sie, wie viele gravierende Entscheidungen sie eigentlich während des letzten Jahres getroffen hatte. Ihre alte Wohnung in der Uhlandstraße hatte sie leichten Herzens aufgegeben, nachdem Jonas ihr vorgeschlagen hatte, mit ihm zusammenzuziehen. Mit ihrem Ex Ralf traf sie sich kaum noch, obgleich sie nach wie vor häufig an ihn dachte. Sie hatte sich nach einer über zehnjährigen Beziehung im Jahr zuvor von ihm getrennt. Er hatte sie nicht nur betrogen, sondern sich auch in ihre Arbeit eingemischt, um schließlich in einem Mordfall, den sie zu bearbeiten hatte, als Verdächtiger ins Visier der Polizei zu geraten.

Damit hatte er in ihren Augen eindeutig eine Grenze überschritten. Es folgte ihr Auszug aus der gemeinsamen Wohnung, doch schon bald stand der Umzugswagen wieder vor ihrer Tür. Es ging zwar nur wenige Straßen weiter hinein nach Charlottenburg, aber das Ganze war dennoch ein ziemlicher Stress gewesen. Immerhin mal einer, für den sie entschädigt worden war. Paula hatte die Wohnung gewählt, und sie hatte Jonas gewählt. Wenn es nur immer so schön wie jetzt bliebe, dachte sie, als sie ins Bad ging.

Am Mittag erwartete sie den Besuch ihrer Schwester Sandra, die mit ihrem kleinen Sohn Manuel für zwei Wochen Berliner Luft schnuppern wollte. Der Knirps hatte Kindergarten-Ferien, und Sandra wollte endlich mal wieder Zeit mit ihrer Schwester verbringen, Freundinnen besuchen, in Museen gehen und natürlich bei der Gelegenheit auch Jonas näher kennenlernen, der ihr bislang nur einmal kurz vorgestellt worden war.

Paula kam gerade aus der Dusche, als ihr Handy klingelte: »Eine verstümmelte Frauenleiche, Ku'damm 162.«

Noch am Abend zuvor, als sie gemütlich mit Jonas bei einem Glas Rotwein vor dem Kamin saß, hatte sie sich in einer stummen Bitte gewünscht, sie möge die kommenden Tage von einem Mordfall verschont bleiben. Jetzt hatte sie sofort das enttäuschte Gesicht ihrer Schwester und den betrübten kleinen Lockenkopf vor Augen und verspürte ein schlechtes Gewissen. Bei einem schwierigen Fall würde sie nur wenig Zeit für ihre Gäste haben. Einfach wäre beispielsweise ein Streit unter Nachbarn mit tödlichem Ausgang oder ein familiäres Eifersuchtsdrama, aber eine verstümmelte Leiche hörte sich nicht danach an. Sie und ihr Team würden ohne nennenswerte Verschnaufpause bis zur Aufklärung des Mordes durcharbeiten müssen. Da waren auch die Wochenenden gestrichen.

Sie hatte nur den Tee getrunken, nichts von dem Toast angerührt, den Jonas ihr ans Bett gestellt hatte, bevor er sich auf den Weg in die Klinik machte, und ging noch einmal die wenigen Informationen durch, die der Beamte ihr mitgeteilt hatte, während sie sich hastig anzog. Der Anruf war um 7.23 Uhr bei der Polizei eingegangen. Die weibliche Leiche lag in einem Restaurant, in dem seit ein paar Tagen Dreharbeiten zu einem Fernsehfilm stattfanden. Sie war von einem Mitglied aus dem Filmteam vor Drehbeginn gefunden worden.

»Sieht verdammt nach großem Kino aus«, hatte der Kollege gespottet. »Aber die Tote ist echt.«

 

Paula zögerte kurz, als sie wenige Minuten später den Sicherheitsbügel an der Tür ihrer neuen Wohnung im fünften Stock verschloss. Eigentlich gehörte das nicht zu ihren Gewohnheiten. Meistens machte sie sich nicht einmal die Mühe, die Tür überhaupt abzuschließen, sondern zog sie nur hinter sich ins Schloss. Wenn jemand einbrechen will, dann schafft er es sowieso, das war ihr als Kriminalhauptkommissarin völlig klar. Warum also sollte ein möglicher Einbrecher mehr beschädigen, als nötig war?

Sie besaß nur wenige Dinge von Wert. Eine Menge Bücher mit handschriftlichen Anmerkungen, die noch unausgepackt in den Umzugskartons lagen, eine Musikanlage, die schon mindestens zwölf Jahre alt war, einen preiswerten Flachbildfernseher, den sie letztes Jahr gekauft hatte, und einige wenige Möbel, keine Bilder oder Kunstgegenstände.

Ihr Ex hatte ihr zwar zahlreiche seiner Bilder geschenkt, und die waren inzwischen sicherlich im Wert gestiegen, seit er einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht hatte und die Preise seiner Werke in den Galerien in die Höhe schossen. Aber Paula hatte sie nicht mitgenommen in ihre neue Wohnung, sondern in einem Speditionslager in Tegel eingelagert. Sie zahlte lieber ein paar Euro Lagergebühren, statt sich mit dem »alten Gerümpel« zu beschweren. Vielleicht war das ihre ganz eigene Art von Vergangenheitsbewältigung.

 

In der Sybelstraße kam ihr eine streunende Katze entgegengelaufen. Sie sah ihrem verstorbenen Kater Kasimir ähnlich, und Paula wurde ein wenig schwer ums Herz. Er fehlte ihr sehr. Mit Jonas hatte sie sich jedoch darauf geeinigt, dass sie sich keinen neuen Kater zulegen würden. Sie arbeiteten beide viel und zu unregelmäßigen Zeiten. Besonders Jonas, der als Oberarzt oft Nacht- und Wochenenddienste in der Klinik zu leisten hatte.

Im Alter von zehn Jahren, vier Monaten und drei Tagen war Kasimir im letzten Jahr getötet worden. Jetzt tollte er wohl im Katzenhimmel herum, wo es jeden Tag frische Hühnerleber und allerlei andere Köstlichkeiten gab. Das hoffte Paula zumindest. Sie versuchte, die fremde Katze anzulocken, aber das Tier blieb scheu auf Distanz.

Im Vorübergehen betrachtete sich Paula flüchtig im Schaufenster einer Boutique auf der Wilmersdorfer Straße. Ihre Kleidung war eher praktisch als schick und ihr halblanges mittelblondes Haar noch feucht vom Duschen. Ein baldiger Friseurbesuch wäre auch nicht schlecht, dachte sie. Die blonden Strähnen waren längst herausgewachsen, und ihr Haar, sonst gelockt und voller Lichtreflexe, wirkte mausgrau und ziemlich langweilig. Ihr Teint war noch winterlich blass, und in der morgendlichen Hektik hatte sie nur ein bisschen Wimperntusche und einen fast farblosen Lippenstift aufgelegt.

Von der Wilmersdorfer waren es wenige Minuten bis zum durchgegebenen Tatort. Sie musste dazu den Adenauerplatz, die Lewisham und den Ku'damm überqueren. In ihrer gefütterten Kapuzenjacke, dem schwarzen T-Shirt, ihren ausgebeulten Jeans und den abgetragenen Doc-Martens passte Paula zumindest optisch ganz gut zu den Leuten vom Filmteam, die auf der Straße warteten und aufgeregt miteinander sprachen, als sie ankam. Einige rauchten.

Es waren etwa fünfzig Menschen, die vor dem Restaurant in kleinen Gruppen zusammenstanden. Rund um den Eingangsbereich war ein rot-weißes Absperrband gezogen. Zwei Polizeibeamte forderten die Passanten in freundlichem, aber bestimmtem Ton zum Weitergehen auf. Auf dem Bürgersteig waren Einsatzwagen geparkt.

Mehrere größere Fahrzeuge der Filmproduktion parkten in der Eisenzahnstraße. Überall Scheinwerfer, Metallständer, große Rollen mit Silberfolie und Unmengen von Kabeltrommeln. Paula ließ ihren Blick über die Filmcrew schweifen. Es waren zumeist junge Männer in schwarzer Kleidung und mit dunklen Baseballkappen, einige mit Aufschrift. Eine junge Frau mit einer dicken Kladde unter dem Arm ging mit wichtigtuerischer Miene zu einem der Lastwagenfahrer, wechselte ein paar Worte mit ihm. Ein weiterer Fahrer biss herzhaft in ein Sandwich, zwei Beleuchter standen auf einem aufgebauten Podest und versuchten von da aus einen Blick ins Restaurant zu erhaschen. An einem Speisewagen, über dem in Schreibschrift »Mamis Catering« stand, gab es Kaffee und Tee in Pappbechern.

Paula bahnte sich einen Weg durch die Menschentraube, die sich vor dem Restaurant gebildet...

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