Das Schneekind

Eine Familie unterwegs durch die Schneewüsten Kanadas
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
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  • erschienen am 10. August 2015
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  • 352 Seiten
 
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978-3-492-97077-8 (ISBN)
 
Die Geschichte von der Erfüllung eines Lebenstraums: Der weltberühmte Abenteurer Nicolas Vanier zieht mit seiner Frau Diane und der kleinen Tochter Montaine für ein Jahr in die Wildnis von Kanada und Alaska. Sie bauen sich ein Blockhaus und ernähren sich wie die Menschen früherer Zeiten: vom Jagen, Fischen und Sammeln. Es ist ein Leben im Einklang mit der gewaltigen Natur des hohen Nordens, voller Einfachheit, Klarheit und Poesie.
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978-3-492-97077-8 (9783492970778)
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Nicolas Vanier, 1962 im Senegal geboren, ist wie sein Vorbild Jack London Abenteurer und Schriftsteller zugleich. Als Erster überwander nurmit dem Hundeschlitten eine 8 600 Kilometer lange Strecke durch Alaska und Kanada. Ein Jahr zog er mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter in die Wildnis der Rocky Mountains, dokumentiert in dem Bestseller »Das Schneekind«. Zwischen seinen Expeditionen lebt Nicolas Vanier als Züchter von Schlittenhunden mit seiner Familie in der Sologne.Bei Malikerschien zuletzt»Mit meinen Hunden«.

KAPITEL 1


Wir sind noch keine halbe Stunde unterwegs, und schon weint Montaine. Sie fühlt sich auf dem Zweiersattel nicht wohl, obwohl wir sie zu Hause in der Sologne daran gewöhnt haben.

»Hat sie schon genug?«

»Sieht so aus, als hätte sie Angst.«

Ein gezwungenes Lächeln huscht über Dianes Gesicht.

Tatsächlich sind wir nicht so guter Dinge oder so glücklich, wie wir es eigentlich sein sollten, heute, am ersten Tag eines Abenteuers, von dem wir schon vor der Geburt Montaines vor anderthalb Jahren geträumt haben.

Statt dessen steht uns die Angst ins Gesicht geschrieben. Auch unsere vier Pferde haben Angst. Angst vor dem schwammigen Boden, dem Gepäck, das wir ihnen auf den Rücken gebunden haben, den Menschen, die ihnen noch fremd sind...

Und so kommt es, wie es kommen muß. Fünf Minuten später, als wir auf einem steinigen, von jungen Fichten überragten Hang am Fluß entlangreiten, geht das hintere, mit 60 Kilo Ausrüstung und Proviant bepackte Pferd plötzlich durch. Mehrmals ausschlagend jagt es in kopfloser Flucht an mir vorbei und reißt mein Pferd mit, und das, auf dem Diane und das Kind sitzen. Montaine erschrickt und fängt zu schreien an. Diane, eine gute Reiterin, fällt ihrem Pferd in die Zügel, doch die beiden Packtiere preschen in vollem Galopp davon und verstreuen hinter sich Töpfe, Proviantsäcke, Seile, das Gewehr und Patronen.

Das fängt ja gut an!

Wir steigen ab. Montaine trocknet sich die Tränen, die sich in ihrem kleinen, braungebrannten Gesicht mit den Regentropfen vermischen.

»Alles in Ordnung, mein Schatz?«

Montaine reibt sich die Augen und unterdrückt einen Schluchzer.

»Und was machen wir jetzt?«

Diane starrt den Weg entlang, auf dem die beiden verschwundenen Pferde große Hufabdrücke im Morast hinterlassen haben. Seile liegen im Gras, ein Stück weiter die Ausrüstungsteile, die bei jedem Bocksprung aus den Säkken und Kisten geschleudert worden sind.

Der Regen wird stärker. Wütend prasselnd zieht er glitzernde Furchen in den Boden.

Damit Montaine nicht klatschnaß wird, setze ich sie in den eigens für sie angefertigten Rucksack aus Segeltuch und Leder, den Diane auf dem Rücken trägt.

Erstens, die Pferde einfangen.

Zweitens, die Pferde wieder bepacken, das heißt, die Ausrüstung, die mehrere hundert Meter weit verstreut liegt, wieder einsammeln, auf die Packsättel verteilen und festzurren.

Drittens, Montaine wärmen, denn sie zittert schon vor Kälte.

Nein, umgekehrte Reihenfolge.

Zuerst Montaine wärmen, dann der Rest.

Eine Grundregel, die wir von nun an stets befolgen müssen, worin der Rest auch bestehen mag.

Montaine, Montaine, Montaine! Wir sind erst eine Stunde unterwegs, und schon wird mir bewußt, welches Wagnis wir eingehen. Natürlich haben wir mit gewissen Schwierigkeiten gerechnet, aber nicht damit. Der Auftakt ist ernüchternd und holt uns aus den schönen Träumen der letzten Jahre in die Wirklichkeit zurück. Zwei Pferde vor Schreck durchgegangen, Tränen, Regen und trister Alltag. So sieht die Wirklichkeit aus! Wir haben uns vorgestellt, wie wir bei strahlendem Sonnenschein gemütlich durch sattgrüne Täler reiten, wie Montaine lachend mit ihren kleinen Händen auf Schmetterlinge und Eichhörnchen zeigt, die vor dem vergnügt vorausgaloppierenden Otchum flüchten. Denkste! Nichts von alledem. Selbst Otchum läßt traurig den Kopf hängen und rollt sich, müde und durchnäßt, im Schutz einer dichten Kiefer zu einer Kugel zusammen.

Diane sucht Hoffnung in meinem Blick. Ich würde gern Zuversicht ausstrahlen, doch auch ich werde von Zweifeln geplagt.

Erstens, Montaine wärmen.

Wir binden die beiden Pferde an zwei Kiefern am Wegrand, dann ziehe ich einen Armvoll trockenes Reisig unter einer Fichte hervor und entzünde ein Feuer.

Diane blickt mit der erschöpften Montaine in die Flammen und wiegt sie in den Schlaf, und ich mache mich auf die Suche nach den Pferden.

Das erste finde ich ziemlich schnell. Es grast auf einer Lichtung. Das zweite ist ein Stück weiter stehengeblieben. Die Seile des Packsattels haben sich in den Erlen verheddert und es in seiner Flucht gestoppt. Ich sammele die Seile ein, dann die Planen, mit denen wir das Gepäck abdecken, alle zwei auf zwei Meter groß und wasserundurchlässig. Der Abend dämmert bereits, als ich zum Feuer zurückkehre.

Der Anblick Montaines, die im Schein des heruntergebrannten Feuers in den Armen ihrer triefnassen Mutter schläft, versetzt mir einen Stich.

Diane lächelt mich durch den Regen an.

»Sie ist eingeschlafen.«

»Wir rasten hier.«

»Schon?«

»Na ja, in einer knappen Stunde ist es dunkel. Wir sind spät aufgebrochen, und für heute haben wir, glaube ich, genug.«

»Ja, vor allem Montaine.«

Im Regen schlagen wir das Zelt auf. Im Regen verschlingen wir hastig unser Abendessen. Im Regen fesseln wir den Pferden die Vorderläufe und lassen sie frei. Im Regen kriechen wir ins Zelt. Im selben Augenblick erwacht Montaine und beginnt, die Arme ihrer Mutter suchend, zu weinen.

»Pst, sonst weckst du Otchum. Er schläft.«

Montaine hält die Tränen zurück und ruft leise nach Otchum.

»Tschu-Tschu!«

»Pst, er schläft.«

Dann kuschelt sie sich an ihre Mutter und schläft wieder ein.

Ich habe eine unruhige Nacht. Der Regen trommelt mit deprimierender Gleichmäßigkeit aufs Zelt. Montaine wälzt sich im Schlaf und rutscht irgendwann aus dem Schlafsack. Damit sie sich nicht erkältet, wache ich über sie. Ernüchtert, wie ich bin, male ich das Bild unseres ersten Reisetags in den schwärzesten Farben.

Endlich dämmert es. Fahles Licht dringt durch das Grau. Ich schlüpfe in meine feuchte Hose und krieche ins Freie. Nebel verhüllt die Berge, so daß man sich im Flachland wähnen könnte. Überall Wasser. Am Himmel, am Boden, es trieft von den Bäumen, steht im Gras.

Und keine Spur von den Pferden. Nicht einmal ein fernes Bimmeln der Glöckchen. Nur das nervtötende Prasseln des Regens, der einfach nicht nachlassen will.

Otchum liegt unter einer Fichte im Trockenen. Seine Schnauze hebt sich kurz zum Morgengruß und sinkt dann wieder in die warme Kuhle seines angewinkelten Beins, so daß gerade noch ein Auge hervorschaut, dem nicht die kleinste meiner Bewegungen entgeht.

»So ein Sauwetter, was, Otchum?«

Ein Blinzeln und ein leichtes Zucken der Ohren als Antwort.

Ich sammele Reisig, reiße Rinde von einer Birke und lege alles unter einen alten, borkigen Baumstamm, der die ersten Flammen schützt, ehe er selbst zu glimmen beginnt. Ich sammele mehr oder weniger trockenes Holz und mache ein großes Feuer.

Der Morgen erscheint mir nun nicht mehr ganz so düster. Ich mache mich auf die Suche nach den Pferden. Die Spuren führen den Weg entlang nach Norden und verlieren sich auf einer Lichtung im hohen Gras. Die blühende Wiese ist mit blauen Geranien, Rittersporn, Goldruten und Heidelbeersträuchern übersät. Alle Blüten recken die bunten Köpfe zum Licht, wie um das Grau des Morgens zu durchdringen und etwas weiter zu sehen.

Am Saum eines Tannen- und Kiefernwaldes, in dem auch vereinzelte, meist abgestorbene Birken stehen, stoße ich wieder auf die Spuren der Pferde. Ich irre eine Weile umher, schmunzele über die Eichhörnchen, die mich mit schrillen Schreien beschimpfen, dann habe ich die Pferde endlich aufgestöbert. Sie sind zusammengeblieben und glotzen, schmutzig und triefend vor Nässe, verdrossen unter hohen Kiefern hervor, die trotz ihres dichten Geästs den Regen durchlassen.

Ich bringe sie zum Lager zurück. Diane und Montaine sitzen am Feuer und trocknen sich an den Flammen.

»Waren sie weit weg?«

»Es geht.«

Montaine hebt den Finger.

»Ferde.«

»Ja, Montaine, das sind Pferde.«

»Willst du weiter?«

»Hmmm...«

Wir trinken heißen Kaffee und sprechen nicht viel, nur über die Verletzung des Dicken, wie wir das dickste unserer vier Pferde getauft haben.

Überhaupt haben wir bei den Namen für die Tiere unsere Phantasie nicht sonderlich angestrengt und dem Praktischen den Vorzug gegeben: der Dicke, wie gesagt, der Junge, der Alte und der Weiße. Einfacher geht's nicht.

Wir haben sie in der Umgebung von Prince George zwei Tage lang probegeritten, ehe wir sie gekauft haben. Wir haben uns insgesamt ein Dutzend angesehen. Ein Rancher aus der Gegend hatte sie nach den Kriterien, die wir ihm aus Frankreich übermittelt hatten, ausgesucht: »Ruhige, sehr ruhige Pferde. Sie dürfen gern etwas älter sein, sollten aber Erfahrung als Lasttiere haben, vor allem Erfahrung«, hatte ich verlangt und auf packing horses bestanden - in Erinnerung an ein unerfreuliches Erlebnis mit Pferden, die nie zuvor einen Packsattel getragen hatten. Eine sehr amüsante Geschichte, zugegeben, aber für die Beteiligten nicht ungefährlich... Jeder Versuch, die Tiere erst abzurichten, wäre Wahnsinn, wenn man ein Kleinkind dabei hat. Und die gesamte Expedition ist bis ins Kleinste so geplant, daß das Risiko für das Kind praktisch gleich Null ist. Ich habe als einziger nie daran gezweifelt, daß das möglich ist... und zu zweit wollten wir es beweisen!

Wir haben also ein Dutzend Pferde gesattelt und beladen, ehe wir uns für zwei entscheiden: »den Alten«, der mit seinen 15 Jahren mindestens so ruhig wie kräftig ist, und »den Weißen«, einen relativ ruhigen Schecken mit weißbraunem Kopf und sicherem Tritt, der hinter dem Alten laufen soll.

Und als Reittiere nahmen wir...

»Nicolas Vanier ist ein ebenso unerschrockener Abenteurer wie einfühlsamer Chronist seiner Erlebnisse. Bei Vanier wird aus dem Trip eine große Liebeserklärung an die Natur.«, Vogue
 
»Eine Lektüre, die sich auch durch ihre Emotionalität deutlich von anderen Abenteuerberichten abhebt.«, National Geographic

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