Chinatown

 
 
Ulrike Helmer Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 1. Dezember 2017
  • |
  • 330 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-89741-967-4 (ISBN)
 
Ende der Zwanziger Jahre begegnen sich in Hamburgs Chinesenviertel fremde Welten: Zwei schrille junge Frauen schlendern Arm in Arm durch St. Pauli. Die eine trägt kurzes, kupferrotes Haar und einen kurzen Rock, die andere gar Männerkleider. Staunend schaut ihnen die Prostituierte Mai Ling nach - diese Frauen benehmen sich wie ein Liebespaar! Besonders die aufgeweckte Rothaarige hat es Mai Ling angetan. Eigentlich kann Mai Ling kaum noch etwas zum Staunen bringen. Elend kennt sie schon aus Shanghai gut genug. Ihre Familie verarmte, weil der Vater wegen politischer Aktivitäten verfolgt wurde. So war das Leben als wohlbehütete Tochter aus gutem Hause schon vorbei, ehe der Zuhälter Deng Wu sie nach Deutschland schmuggelte. Der geldgierige Chinese betreibt von Hamburg aus nicht nur Frauenhandel, er schreckt auch vor Kokaingeschäften mit Rechtsradikalen nicht zurück. Seine Dealerei hat schlimme Folgen - für Mai Ling, die von den Männern brutal misshandelt wird. Als Retterin in der Not erweist sich ausgerechnet Deng Wus Schwägerin, eine 'Langnase'. Die Deutsche versteckt Mai Ling bei einer Freundin, die die Schwerverletzte eher ungern aufnimmt: Die hübsche Alexandra mit dem kupferroten Haar zöge lieber weiterhin mit ihrer Anzüge tragenden Freundin Sarah durch die Bars. Sie liebt das Leben, hasst ihren Sekretärinnenjob und träumt von Erfolgen als Jazzsängerin. Doch mehr und mehr schließt sie ihren Schützling ins Herz. Die Ereignisse spitzen sich zu. Sarah, eine Jüdin, wird von Rechtsradikalen zusammengeschlagen, und Mai Lings Versteck fliegt auf - erst als sie verschwunden ist, merkt Alexandra, dass sie sich längst in die Chinesin verliebt hat. Sie macht sich auf die Suche und kämpft für einen Ausweg für sich und Mai Ling... Von einer zauberhaften Liebesbeziehung zwischen zwei Frauen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, erzählt Tereza Vanek vor dem Hintergrund von Geschehnissen, die bereits das Jahr 1933 ankündigen.

Tereza Vanek, 1966 in Prag geboren, kam als Kind mit ihren Eltern nach Deutschland. Nach einem philologischen Studium arbeitete sie in London. Später kehrte sie nach Prag zurück, wo sie als Fremdsprachen-Dozentin tätig war. Heut lebt und arbeitet Tereza Vanek in München. Sie beschäftigt sich intensiv mit geschichtlichen Themen, die sie in ihren historischen Romane aufgreift.
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1. KAPITEL


Mai Ling warf einen letzten Blick auf die riesigen Dampfer, denen die Gerüche fremder Länder und die duftende Weite des Ozeans anzuhaften schienen, und überquerte dann ohne Eile den Fischmarkt. Menschengetümmel hüllte sie ein, umschloss sie wie eine sichere Mauer, so dass sie sich in ihrer Fremdheit geborgen fühlte. Langsam drängte sie sich an den Ständen vorbei, musterte die glitzernden Leiber toter Fische, den bunten Teppich aus Obst und Gemüse, um schließlich vor einem Tisch mit springenden Holzfröschen stehen zu bleiben. Forschend betrachtete sie einen gelbgrünen Frosch und nahm ihn vorsichtig auf. Als Kind hatte sie ein ähnliches Spielzeug besessen. Miss Johnson, ihre Lehrerin, hatte ihr eine Ente zum Geburtstag geschenkt, die sich selbst bewegen konnte, wenn man sie auf den Boden setzte und anschubste. Vielleicht hatte diese Ente ihretwegen damals den weiten Weg von Europa nach China gemacht? Mai Ling starrte eine Weile versonnen auf das kleine Wunder der Mechanik in ihrer Hand und grübelte, welche Federn und Schrauben ihm wohl die Illusion von Leben einhauchten.

»Tsching, tschang, tschong«, erklang es an ihrer Seite. Kurz wandte sie den Kopf, um in zwei helle, weiche Kindergesichter zu schauen. Ein vielleicht sechsjähriger Knabe mit strohigem Haar kicherte kurz. Er musste der Sprecher gewesen sein, denn sein weniger frecher Freund hatte sich bereits verlegen abgewandt. Mai Ling richtete die Augen ruhig und eindringlich auf das spöttische Gesicht des Jungen, hielt seinen Blick fest und sah, wie die bleiche Haut von einer Flut von Röte überschwemmt wurde.

»Tut mir leid, Fräulein. Tschuldigung«, murmelte der Junge, plötzlich kleinlaut geworden. Mai Ling machte durch ein Lächeln klar, dass sie ihm bereits verziehen hatte. Sie wollte nach seinem Namen fragen, vielleicht eine kurze Unterhaltung beginnen, denn es gab nur wenige Menschen hier, mit denen sie zu reden wagte. Ein Kind schien ihr unschuldig, selbst in seiner gelegentlichen Bosheit. Doch bevor sie ein Wort über die Lippen bringen konnte, legte sich eine breite, zupackende Hand auf die Schulter des Jungen, um ihn fortzuziehen. Mai Ling spürte, wie ein abfälliger Blick sie streifte, dann wurden beide Kinder von der Menschenmenge verschluckt. Der Verkäufer springender Holzfrösche sah die Fremde, die ihm soeben ein Geschäft verdorben hatte, vorwurfsvoll an. Sie entfernte sich schweigend, versank wieder in der Welt des Hafens.

Tagtäglich spieen Schiffe Menschen aus, die in diesem Land der Langnasen fremdartig wirkten und gleich hinter den Kais von Sankt Pauli ihr neues Zuhause fanden, wo sie ihre Fremdheit mit der Fremdheit anderer teilen konnten. Nussbraune und schokoladenfarbene Gesichter zogen an Mai Ling vorbei, vermischten sich mit der Menge bleicher Gestalten, deren Haut in der Sommersonne mitunter zu einem hellen Rot verbrannte.

Wortfetzen drangen an ihr Ohr. Mai Ling sprach Mandarin, Englisch und mittlerweile auch fließend Deutsch. Doch hier am Hafen verstand sie längst nicht alle Sätze, die dicht neben ihr in die Welt hinausgesprochen wurden. In solchen Momenten erinnerte Hamburg sie an Shanghai, auch wenn sie kaum je Gelegenheit gehabt hatte, die Alsterstadt genauer in Augenschein zu nehmen. Die Sommerhitze war jedenfalls weit milder und trockener, selbst die einfachsten Gebäude schienen groß und robust wie ihre Erbauer, und insgesamt machte das Leben der Einheimischen einen geordneteren Eindruck. Nur das bunte Gemisch der Nationalitäten war ähnlich wie an Shanghais Uferpromenade, dem prächtigen Bund mit seinen Banken, Handelshäusern, Konsulaten und Hotels. Mai Ling wanderte vom Hafen weg, jenem anderen Meer aus Steinhäusern entgegen. Mit einem Mal fühlte sie sich nackt in ihrem abgewetzten, ärmellosen Kleid, das aus einer Sammlung für Bedürftige stammte. Seine ursprüngliche Farbe war schwarz gewesen, vielleicht hatte seine erste Besitzerin es für eine Beerdigung gebraucht, doch der Zahn der Zeit hatte den Stoff allmählich ergrauen lassen. Es reichte ihr bis zu den Knöcheln und war tailliert geschnitten, während moderne deutsche Frauen nun locker sitzende, kurze Kleider bevorzugten. Die Frau, für die es geschneidert worden war, hatte sich vielleicht noch einschnüren müssen, um hineinzupassen.

Mai Ling wagte es nicht, die Hafengegend zu verlassen, drehte ihre Runden um die Schmuckstraße herum, wo die meisten Chinesen wohnten. So auch die Familie Wu, deren jüngerer Sohn Liang sie aus Shanghai nach Hamburg hatte bringen lassen. Sie warf einen Blick auf die Armbanduhr, die sie bekommen hatte, um rechtzeitig von ihren Ausflügen zurück sein zu können. Bevor Kundschaft für sie eintraf. Es war kurz nach fünf, so dass ihr etwa noch eine Stunde Zeit blieb. Gemächlich schlenderte sie durch die enge, dunkle Schmuckstraße. Schilder an den Hauseingängen wiesen auf chinesische Geschäfte und Kellerlokale hin. Sie wurden hauptsächlich von Seeleuten aufgesucht, die sich nach Speisen aus der Heimat sehnten oder die nötige Ausstattung für eine neue Schiffsreise brauchten. Sogar ein Heuerbüro stand ihnen zur Verfügung, wenn sie Arbeit suchten. In vielen der kleinen, billigen Kellerwohnungen waren solche Seeleute untergebracht. Auch Liangs Eltern hatten zwei davon angemietet und stellten sie gegen Bezahlung Landsmännern zur Verfügung, die in der Stadt eine vorübergehende Bleibe brauchten. Ein Stück weiter, am Ende der kleinen Straße, befand sich die Wäscherei von Liangs Vater.

Feng Xiao, selbst ein ehemaliger Seemann, betrieb davor eine Garküche, wo er aus asiatischen und europäischen Zutaten Gerichte zauberte, die als chinesisch verkauft wurden, auch wenn niemand in China je von ihnen gehört hatte. Eine Schlange hungriger Langnasen, die regelmäßig vor seinem Verkaufsstand anzutreffen war, zeugte von dem Erfolg dieser Idee. Fengs Frau, von hohem Wuchs und hellgelbem Haar, füllte mit kräftigen Armen die Teller. Es war allgemein bekannt, dass sie noch vor einem Jahr für die Seeleute an der Reeperbahn getanzt und ihren drallen weißen Leib dabei entkleidet hatte - eine öffentliche Entblößung dieser Art hatte Mai Ling bislang vermeiden können. Die meisten der hier ansässigen Chinesen suchten sich ihre Frauen unter den Arbeiterinnen und Prostituierten von Sankt Pauli. Frauen aus ihrer Heimat hatte es selten hierher verschlagen.

Der von Fengs dampfenden Kesseln ausgehende Duft löste ein Knurren in ihrem Magen aus. Mai Ling zählte die Münzen in ihrer Rocktasche, die Liang ihr gegeben hatte. Sie musste den kurzen Anfall von Hunger nutzen, denn die Aussicht auf baldige Kundschaft wirkte sich meist verheerend auf ihren Appetit aus. Unauffällig reihte sie sich am Ende der Schlange ein.

»Ich finde es jedes Mal wunderschön und aufregend hier. Fast als wäre man in China!«, erklang in diesem Moment eine helle Frauenstimme dicht neben Mai Lings Ohr, und die Unsinnigkeit dieser Aussage ließ sie herumfahren. Dann musste sie sich zusammennehmen, um die Besitzerin der Stimme nicht anzustarren. Es war das auffällig gekleidete Mädchen, dessen Haar in der Sonne wie poliertes Kupfer glänzte. Sie holte sich sehr oft Suppe bei den Fengs und war Mai Ling bereits aufgefallen, auch wenn sie noch nie so dicht neben ihr gestanden hatte. Es schien dieser herausgeputzten jungen Frau vollkommen egal, wie sehr sie mit ihren bunten Kleidern, die ihr gerade einmal bis zum Knie reichten, und den zahlreichen Ketten um ihren Hals die Blicke auf sich zog. Sie bewegte sich mit sorgloser Leichtigkeit. Trotz der dunkelrot bemalten Lippen und mit Khol umrandeten Augen verdiente sie ihr Geld vermutlich nicht als Straßenmädchen, denn dazu schien ihr Benehmen zu unbeschwert, ihre ganze Erscheinung zu fern dem Schmutz, den ein solches Leben an einer Frau hinterließ. Mai Ling wusste, dass er bald schon zu tief in den Poren saß, um je wieder abgewaschen zu werden.

In den letzten Wochen war das kupferhaarige Mädchen in Begleitung einer anderen Person gekommen, die Mai Ling zunächst Rätsel aufgegeben hatte. Die hochgewachsene, schmale Gestalt trug stets Hosen und klassisch geschnittene Jacketts, wie es nach der westlichen Mode bei jungen Männern üblich war. Das schwarze Haar war kurzgeschnitten, mit Pomade elegant in Form gebracht. Doch die Züge des schmalen Gesichts wirkten zu zart, die Wangen zu weich für einen jungen Mann.

»Ich habe dir doch mal von meiner Freundin Greta erzählt, weißt du«, plapperte die Kupferhaarige weiter. »Also die diesen Chinesen heiraten will. Sie ist bei ihrer Tante aufgewachsen und war als Kind mal mit ihr in Indien. Aber weil die Tante Kommunistin ist, fuhren sie die ganze Strecke in der dritten Klasse. Um sich nicht von den Arbeitern abzugrenzen.«

»Das ist doch völliger Unsinn!«, meinte die Gestalt in Männerkleidern unwirsch. Ihre Stimme nahm Mai Ling endgültig jeden Zweifel, dass es sich um eine Frau handelte. »Ein normaler Arbeiter könnte sich niemals eine Fahrkarte nach Indien leisten, ganz gleich welcher Klasse. Außerdem käme er gar nicht auf so eine Idee. Was soll er denn dort?«

Sie schien...

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