Zwei Kontinente

Roman
 
 
Piper ebooks (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 2. Mai 2017
  • |
  • 576 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-97690-9 (ISBN)
 
Joe Chayefski hat das Leben, das er immer wollte: er ist einer der renommiertesten Neurowissenschaftler der USA, führt eine erfüllende, gleichberechtigte Ehe und hat zwei wunderbare Töchter. Doch als Joes Labor - und ganz besonders er persönlich - in das Visier von militanten Tierschützern gerät, ist das Idyll bedroht.
Überraschend meldet sich da Alina, seine finnischen Ex-Frau, und deutet an, dass die stetig wachsende Bedrohung von Samuel ausgehen könnte, dem gemeinsamen Sohn, den Joe vor 20 Jahren bei ihr in Finnland zurückließ - und damit sein berufliches Fortkommen über das Wohl seines Kindes stellte ...
Jussi Valtonen schildert Joes, Alinas und Samuels Versuche, sich in unserer schönen neuen Welt zurechtzufinden, mit durchdringender psychologischer Einsicht und mit einem gesellschaftskritischen Furor, der ihn zum wichtigsten finnischen Autor der Gegenwart macht.
  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
Piper ebooks in Piper Verlag
  • 1,34 MB
978-3-492-97690-9 (9783492976909)
3492976905 (3492976905)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Jussi Valtonen, geboren 1974, war viele Jahre als Psychologe gearbeitet, bevor er anfing, Romane zu schreiben. Er hat Psychologie in den USA und Drehbuch in England studiert. »Die Schuldlosen« ist sein viertes Buch und hat ihn in die erste Liga skandinavischer Autoren katapultiert. Er hat den wichtigsten Literaturpreis Finnlands, den »Finlandia« gewonnen, sein Buch war das meist verkaufte 2014 und die Kritiken waren überragend.

Magicicadas


Baltimore, Maryland, USA


Von Weitem sahen sie aus wie Wespen. Ein harter schwarzer Körper und glänzende Flügel, gelblich, wie die Fußnägel eines alten Mannes.

Joe überflog den Artikel im Gehen, auf dem Weg von der Caféteria in sein Büro. Die Sonne schien weiß, der Fairtrade-Kaffee aus Nicaragua schwappte leicht über. Lag die letzte Invasion tatsächlich schon fast zwanzig Jahre zurück? Die New York Times widmete dem Phänomen drei Spalten, ein Professor der Berkeley wies auf den begünstigenden Faktor Klimawandel hin.

Magicicadas, Zauberzikaden. Bald würden sie Gehsteige und Rasenflächen bedecken, auf Straßen, Bäumen und Dächern sitzen. Fast zwanzig Jahre lang waren sie in der Erde herangereift, jetzt gruben sie sich hervor. Frisch geschlüpft sahen sie aus wie gespenstische Nachtfalter, rotäugig und durchscheinend weiß, später erinnerten sie an Grillen. Joe wusste noch, wie sich der Insektenteppich unter den Schuhen anfühlte, wie es sich anhörte, wenn das Chitin knackend zerbrach.

Ein zweites Thema der Seite eins war die sagenumwobene iAm-Technologie, die im Herbst auf den Markt kommen sollte, von Tech-Bloggern wie ein Segen, von Aktienexperten mit Skepsis erwartet. Derzeit gab es keine Zeitungsausgabe ohne das strahlende Lächeln des Freedom-Media-Milliardärs Ted Brown, heute äußerte er sich zu den Gehältern von Unternehmenschefs, die erneut schwindelerregend gestiegen waren.

Nachts hatte es geregnet. Der Himmel war klar, die Luft weich und umschmeichelnd. Joe wich einer Pfütze aus und ging über die große Rasenfläche zur Bloomberg Hall, vor der ein paar Studenten in der Sonne saßen und für Klausuren lernten. Entlang der rot geziegelten Wände des Campusgebäudes verteilte der Hausmeister Streu auf den holzumzäunten Blumenrabatten, ein scharfer chemischer Geruch wehte herüber.

Der Frühling war die beste Zeit in Maryland, warm und sonnig, darauf folgte der drückend schwüle Sommer. Joe stieg die Treppe zu den Räumen der Fakultät hinauf und bog in die Herrentoilette ab. Als er am Waschbecken stand und das Telefon in seiner Hosentasche klingelte, war er eigentlich schon zwei Minuten zu spät.

Bestimmt Daniella, in letzter Zeit rief seine Tochter ihn ständig aus der Schule an. Rührend eigentlich, sie betonte permanent ihre Eigenständigkeit, wollte ihn aber in jeder Pause wegen irgendeiner Kleinigkeit sprechen. Die fünfzehnjährige Rebecca rief auch in Notfällen nicht mehr an.

Er würde sich schnell die Hände waschen und dann zurückrufen. Als das Telefon zu klingeln aufhörte, fiel ihm noch etwas anderes ein.

Lisa.

Shit.

Mit eingeseiften Fingern stand er da. Lisa sollte ein weiteres Jahr als Postdoc arbeiten, eigentlich hätte er das bis gestern regeln und ihr Bescheid geben müssen. Obwohl Lisa seine beste Doktorandin war, hatte man ihr bislang keine einzige Tenure angeboten. Machte sie etwas falsch? Trat sie zu defensiv auf, als braves Mädchen? Ihre Doktorarbeit war im Prinzip fertig und wirklich fantastisch, wenn auch nicht ganz einfach zu vermarkten. Dennoch hätte Joe darauf gewettet, dass jemand sie einstellen würde, und zwar sofort.

Inzwischen war es geschickter, die Promotion ein Jahr aufzuschieben. Wahrscheinlich würde sich jemand von den Kollegen querstellen, ein Aufschub verschlechterte die interne Institutsstatistik. Mist, und außerdem hätte er schon seit vier Minuten im Seminar sein und den Gastdozenten Stan Lippman vorstellen müssen, der garantiert längst startbereit vor seiner Power-Point-Präsentation hockte und sich den Schnurrbart zwirbelte.

Lisa war arbeitsam und pflichtbewusst; bei ihr stand zu befürchten, dass sie sich mit einem Lehrauftrag ohne Festanstellung zufriedengäbe und für einen Hungerlohn Erstsemester unterrichtete. Diese Jobs lagen oft Hunderte Meilen entfernt, hatten miese Arbeitszeiten und boten weder Urlaub noch eine Krankenversicherung. Vermutlich würde ihr in dieser Zeit nichts zustoßen. Aber trotzdem, irgendwo brach sich auch in diesem Moment jemand ein Bein oder musste ein Geschwür entfernt bekommen.

Das Telefon klingelte erneut und riss ihn aus den Gedanken. Twinkle twinkle little star, da wollte ihn aber jemand dringend sprechen. Er trocknete sich die Hände ab und beschloss, Lisa als Assistentin zu behalten und ihre Promotion aufzuschieben, egal, was seine Kollegin Barb dazu meinte. So wäre Lisa krankenversichert und beim nächsten Run auf die Stellen eine frische Doktorin und nicht die Verliererin vom Vorjahr.

»Hallo?«, meldete Joe sich.

Leider hatte Lisa noch nicht ganz eingesehen, dass ein Lehrauftrag einem schnell den Ruf des Losers einbrachte, der keine bessere Stelle hatte ergattern können. Und jedes Jahr drängten neue und jüngere Doktoren auf den Markt, hungrig nach Anerkennung und Erfolg.

Man durfte den Nachwuchs nicht Bange machen, aber die Arbeitswelt wurde immer gnadenloser. Nach zwei Jahren als Adjunct kriegte man inzwischen gar keine Tenure-Stelle mit Aussicht auf unbefristete Festanstellung mehr, erst recht nicht an einer namhaften Universität.

Oder musste er seine Erwartungen für Lisas Karriere herunterschrauben? Ihre Arbeit war so vielversprechend.

»Joseph?«, tönte es aus dem Telefon. »Hi.«

Joes Atem stockte, seine Gedanken an Lisa und Barb Fleischmann waren wie weggefegt. Er bekam keinen Ton hervor.

»Alina?«, fragte er schließlich.

Wieso war dieser Händetrockner dermaßen ineffektiv und gleichzeitig so laut? Joe hüpfte in die andere Ecke des Raums.

»Entschuldigung, dass ich ohne Vorwarnung anrufe.«

Ihr Akzent funktionierte wie ein Geruch: Wie in einem Märchen plumpste Joe durch ein Loch in die Vergangenheit, in eine andere Welt voller Zerrspiegel.

Unbeholfen begrüßten sie einander, erkundigten sich nach ihrem Befinden. Alina fand nicht gleich die richtigen Ausdrücke; früher hatte sie Englisch wie eine Muttersprache beherrscht, von ihrem charmanten Akzent abgesehen. Jetzt hörte man, dass sie die Sprache nur noch selten benutzte.

Als ihre Stimme rauer wurde, wusste Joe, dass sie sich dem eigentlichen Grund ihres Anrufs näherte.

»Ich wollte mich melden, weil ich dachte . du solltest vielleicht Bescheid wissen.«

»Was ist passiert?«

»Samuel ist irgendwo drüben bei euch.«

Joe erstarrte.

»Hier? In Baltimore?«

»Irgendwo in den USA. Genaueres weiß ich nicht.«

»Ist doch toll. Kommt er uns besuchen? Oder ist er bei einem Freund?«

»Glaube ich eher nicht. Im Grunde habe ich keine Ahnung, was er treibt. Na ja, ein bisschen hat er schon erzählt, aber .«

Da Alina nicht weitersprach, fragte Joe:

»Du hast ihm sicher meine Nummer und die Adresse gegeben? Du hast doch die neue Adresse, West Chestnut Parkway?«

Joe klemmte das Telefon zwischen Kopf und Schulter, trocknete sich die noch immer feuchten Hände an der Hose ab, schulterte seinen Rucksack und eilte auf den Flur. Fast zehn nach, die anderen wunderten sich garantiert.

»Ich denke nicht, dass er . Jedenfalls habe ich keine Ahnung, wo er steckt. Aber er wollte an die Westküste, nach Eugene . tja.«

Am anderen Ende des Flurs sah Joe Kathy Liebgott herumirren, sie blickte sich nervös um und wollte gerade die Treppe hinuntergehen. Mist, sie suchen nach mir. Joe hielt das Telefon kurz weg und rief halblaut: »Kathy! Ich komme!«

Dann sagte er zu Alina: »Ich muss leider dringend weiter, ich bin schon zu spät, meine Kollegen warten auf mich.«

»Ja. Entschuldigung, dass ich gestört habe. Vielleicht war es sowieso eine blöde Idee. Ich wollte dich nicht in Unruhe versetzen.«

»Schön, von dir zu hören. Lass uns wann anders weiterreden, morgen vielleicht. Ich rufe dich zurück.«

Ihm fiel wieder ein, dass Alina sich über die Redewendung gewundert hatte, I'll call you back. Für sie klang das nach einem Rückruf in den nächsten Minuten; Joe hatte ihr erklären müssen, dass man damit nichts weiter signalisierte, als das Gespräch irgendwann in der Zukunft wieder aufnehmen zu wollen, und dass beide Seiten das tun konnten. Auch Whats up? hatte sie nie verstanden, sie nahm es immer als echte Gesprächseröffnung und antwortete derart ausführlich, dass die Leute sich über sie amüsierten.

Außer Atem betrat Joe den Seminarraum, Kathy wartete mit missbilligendem Blick an der Tür. Joe entschuldigte sich für die Verspätung und stellte Stan Lippman vor, der mit breitem Lächeln in den Startlöchern saß.

Nicht in Unruhe versetzen, dachte er noch kurz. Hatte Alina das wirklich so gesagt? Und hätte sie eigentlich noch viel mehr sagen wollen und war wegen seiner Zeitnot nicht dazu gekommen? Als Stan Lippman bereits angefangen hatte, streiften seine Gedanken noch einmal flüchtig Lisa: Nächstes Jahr bekäme sie eine Stelle angeboten, und alles würde sich klären. Garantiert.

Zwanzig Jahre früher, und in Helsinki roch es nach Schnee und Scham.

Joe konnte sich bestens vorstellen, wie sich Monica Lewinsky beim Abschlagen von Autogrammwünschen auf Flughäfen fühlen musste. I'm kind of known for something that's not so great to be known for; ich bin doch eigentlich für etwas bekannt, für das man nicht unbedingt bekannt sein will. Joe war bei seinem Sohn für genau eine Sache bekannt. Er war der Vater, der ihn verlassen hatte.

Er...

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