G. F. Unger Billy Jenkins 51 - Western

Durch dick und dünn
 
 
Bastei Lübbe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 11. Februar 2020
  • |
  • 64 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7325-9351-4 (ISBN)
 
Es ist Nacht. Die Wüste liegt im bleichen Mondlicht und gleicht einem erstarrten Meer. Kakteen, Salbei und vereinzelte Felsen werfen graue Schatten. Die Stille wird nur hin und wieder durch den unheimlichen Schrei eines Nachtvogels unterbrochen. Irgendwo in der Ferne heulen Coyoten den Mond an. Im Mondlicht blinken die Schienen der Eisenbahn. Leise beginnen sie zu vibrieren, und das Geräusch eines sich nähernden Zuges lebt auf. Immer stärker wird das Rattern und Fauchen. Es ist ein langer Güterzug, der durch die Wüste eilt. Sein Ziel mag irgendein Verladebahnhof sein, in dessen Korrals brüllende Herden auf die Verladung warten, um schon nach wenigen Tagen zu Konservenfleisch verarbeitet zu werden. Am Ende des Zuges hängt ein altersschwacher Personenwagen. Drei Männer liegen auf den Bänken und schlafen.
1. Aufl. 2020
  • Deutsch
  • Köln
  • |
  • Deutschland
  • 3,79 MB
978-3-7325-9351-4 (9783732593514)

Einer der Männer lang, sehnig und blond. Er liegt auf der Seite. Das Mondlicht, das durch ein Fenster in den unbeleuchteten Waggon fällt, lässt sein scharfgeschnittenes Gesicht noch hagerer erscheinen. Der Mann schläft ruhig und fest, und sein Körper wird im regelmäßigen Rhythmus des ratternden Wagens gerüttelt. Er trägt die Tracht der Weidereiter.

Auf einer anderen Bank des geräumigen Waggons liegt ein mittelgroßer, sehr schlanker Mann. Auch er ist wie ein Cowboy gekleidet. Seine angezogenen Knie ragen ein Stück über die Bankkante hinaus, und es sieht fast so aus, als würde der schwarzhaarige und ziemlich braungebrannte Mann in der nächsten Kurve von der Bank fallen.

Am anderen Ende des Wagens schnarcht ein athletischer Cowboy, dessen breiter schwerer Körper auf der Bank kaum Platz hat. Seine linke Schulter ragt ein ganzes Stück über den Rand der Bank hinaus. Er liegt auf dem Rücken, und sein Mund ist weit geöffnet. Das gibt dem runden Gesicht mit der Kartoffelnase einen unsäglich dummen Ausdruck. Das brummende Schnarchen übertönt sogar das Rattern und Scheppern der Räder.

Als sich plötzlich die Tür des Wagens öffnet und der Luftzug den athletischen Schläfer trifft, bricht der Mann sein Schnarchkonzert ab, rollt sich auf die Seite und fällt von der Bank herunter, da der Zug gerade durch eine Kurve rast.

Der breitschultrige Cowboy wacht auf, schimpft und will sich gerade erheben, als ihn eine Stiefelspitze am Kinn trifft. Er fällt wieder zurück, stöhnt und macht einen neuen Versuch, auf die Beine zu kommen. Doch schon im nächsten Augenblick bekommt er eine harte Faust in den Magen und einen Schwinger vor das Ohr. Da sinkt er wieder zu Boden und bleibt betäubt liegen.

Der Schläger grinst zufrieden. Es ist ein großer, breitschultriger Mann, dessen massiges, brutales Gesicht von weißblondem Haar eingerahmt wird. Seine Kleidung ist auffällig gestreift und auf der Brustseite mit einer schwarzen Nummer versehen.

Der Mann ist ein Sträfling. Mit einem Griff holt er sich den Waffengürtel des niedergeschlagenen Cowboys vom Haken. Rasch genug hat er den schweren Coltrevolver in der Hand, um dem eben erwachenden blonden Weidereiter die Mündung auf die Brust setzen zu können.

Inzwischen sind noch zwei weitere Sträflinge in den Wagen geklettert. Der eine ist sehr groß und kräftig, der andere schlank und hager. Diese beiden stürzen sich sofort auf den schwarzhaarigen Cowboy, der eben von der Bank hochschnellt.

Der Schwarzhaarige ist gewandt und rasch in seinen Bewegungen, doch gegen die beiden Sträflinge kommt er nicht an. Sie sind mit allen Kniffen vertraut und bedenkenlos in der Wahl ihrer Mittel. Den kleineren der beiden Verbrecher kann der Cowboy mit einem Jiu-Jitsu-Griff abwehren und ausschalten, doch der Raum ist zu eng für eine wirkungsvolle Verteidigung gegen zwei Bestien.

Während der Cowboy nämlich mit dem einen Sträfling kämpft, hat der andere einen Revolver aus dem Futteral an der Wand gerissen und schlägt den Kolben wuchtig auf den ungeschützten Kopf des überfallenen. Besinnungslos bricht der Cowboy zusammen.

Die drei Sträflinge sind jetzt Herren der Lage.

»Steh auf, mein Junge!«, herrscht der bullige Sträfling den blonden Cowboy an, dem er noch immer die Waffe gegen die Brust drückt.

Billy Jenkins erhebt sich. Sein hageres Gesicht ist kalt, hart und ohne jeden Ausdruck.

Die Verbrecher, die sich inzwischen alle bewaffnet haben, beobachten ihre Gegner scharf.

»Los! Zieh dich aus, Großer!«, befiehlt der bullige Sträfling. Er lehnt sich mit dem Rücken gegen die Waggonwand und hält den Revolver drohend auf den blonden Cowboy gerichtet. »Das Unterzeug kannst du anbehalten! Los! Ein bisschen dalli!«

Billy Jenkins zögert.

Der weißblonde Sträfling droht: »Ich will meinen neuen Anzug nicht unbedingt durchlöchern, Buddy! Aber wenn es sein muss .«

Billy Jenkins zieht sich aus. Nur ein irrsinniger Optimist hätte sich in dieser Lage geweigert.

Dick Hanson, der athletische Cowboy, ist inzwischen wieder Herr seiner Sinne. Mächtig schimpft er, als er die Situation erkennt, aber es hilft ihm nichts: Auch er muss sich entkleiden. Als er schließlich in kurzen Unterhosen dasteht, muss er zu seinem Kameraden an die Wand treten.

Einer der Sträflinge hält die beiden wehrlosen Cowboys mit der Waffe in Schach, während die anderen Verbrecher ihre Gefängnistracht ausziehen. Dann werfen sie die gestreiften Anzüge den Überrumpelten zu, die jedoch keine Anstalten treffen, sich anzukleiden.

»Damned!«, brummt der bullige Sträfling. »Das Zeug des Dicken wird mir passen, und die Sachen des Blonden kann Alf anziehen, aber den Anzug des schwarzhaarigen Herings wird Mike kaum über seine Knochen kriegen. Seht im Gepäck nach! Die Scheiche haben bestimmt Reservezeug in ihren Packen!«

Jim Chester, der »schwarzhaarige Hering«, erwacht aus seiner Betäubung. Er begreift die Sachlage sofort, als er den harten Druck einer Revolvermündung in seinem Rücken spürt. Stöhnend richtet sich auf.

»Zieh dich auch aus, Schlanker!«, befiehlt der bullige Verbrecher. »Wir machen keine Ausnahmen! Vielleicht passt Mike wenigstens deine Hose! Die Stiefel könnt ihr behalten. Man läuft verdammt schlecht in fremden Stiefeln!«

»Ihr werdet gewiss viel Freude an meiner Hose haben!«, zischt Jim Chester, dem noch etwas taumelig zumute ist. Aber er gehorcht und zieht sich aus; es ist ihm klar, dass er und seine Freunde keine Chance gegen die Verbrecher haben.

»Jetzt zieht mal ganz schnell unsere schönen Anzüge an!«, kommandiert der Breitschultrige, den seine Kumpane Ray nennen.

»Ich trage eigentlich nur Maßanzüge!«, sagt Jim Chester grimmig.

»O ihr mistigen Hundesöhne!«, grollt Dick Hanson und duckt sich, ab wolle er wie ein wilder Gorilla angreifen.

Ein Schuss kracht. Die Kugel saust hart am Schädel Dicks in die Wand.

»Ruuuhig, Dick!«, mahnt Billy Jenkins. Er hat die Selbstbeherrschung behalten und ist sich darüber klar, dass er und seine Kameraden kaltblütig niedergeschossen werden, wenn sie sich nicht fügen. Billy streift auch als Erster den Sträflingsanzug des langen Alf über.

Jim Chester folgt dem Beispiel seines Freundes und zieht den Anzug Mikes an. Er muss sich die Ärmel hochkrempeln, weil sie zu lang sind.

»By Gosh! Ich will eher tot umfallen, ehe ich .« Dick bricht ab, denn die Verbrecher heben drohend ihre Revolver.

»Mach keinen Mist, Dicker!«, warnt Jim Chester.

»Zieh dich sofort an!«, ruft Billy Jenkins scharf und befehlend.

Da tut der athletische Cowboy einen tiefen Atemzug und gehorcht brummend.

Nach kurzer Zeit stehen die Cowboys in Sträflingskleidung vor ihren Bezwingern, die höhnisch grinsen.

»Und jetzt raus mit euch!«, kommandiert Ray und deutet mit dem Colt zur Wagentür.

Einer der Verbrecher öffnet die Tür und tritt zurück.

Billy, Jim und Dick zögern einige Sekunden. Sie starren in die Gesichter der entkleideten Verbrecher und prägen sich Zug um Zug ihres Aussehens ein.

»Springt, sonst knallt's!«, droht Ray wieder.

Billy Jenkins winkt ab und setzt sich in Bewegung. Er tritt auf die kleine Plattform, klettert auf die unterste Stufe der Treppe und springt dann ab.

Einer der Kerle beobachtet ihn durchs Fenster. »Der hat sich nicht mal das Genick gebrochen!«, sagte er verärgert und zischt: »Los, der nächste!«

Jim Chester geht hinaus, stößt sich ab und landet wie ein Fallschirmspringer, der auf dem Boden eine »Rolle dreht«.

»Damned! Die verstehen's, als hätten sie ewig getrampt!«, sagt Ray anerkennend. Er wendet sich an Dick Hanson: »Los Dicker! Pass auf, dass du dir nicht den Südpol verstauchst!«

Dick saugt die Luft ein, schüttelt voller Zorn seine mächtigen Fäuste und springt dann in die Wüste hinaus, die wie ein schnelles Fließband vorübergleitet. Er landet ebenfalls glücklich, denn er ist gut trainiert; nicht zum ersten Mal springt er von einem fahrenden Zug.

Ray schließt die Tür und sagt grinsend: »Nun wollen wir uns mal in ehrbare Weidereiter verwandeln, Jungs! Und der Teufel soll's holen, wenn wir unser Ziel nicht erreichen!«

Dick Hanson schimpft fünf Minuten lang ohne Pause. Dann ist er heiser, und sein Vorrat an Kraftworten ist erschöpft.

Billy Jenkins und Jim Chester haben während der ganzen Zeit kein Wort gesprochen. Sie haben mit finsteren Gesichtern auf der Erde gesessen und den Sand durch ihre Finger rinnen lassen.

»Euch ist wohl die Spucke weggeblieben, ihr Weihnachtsmänner?«, grollt Dick böse. »Sitzt da wie die Ölgötzen und sagt kein Wort!«

»Keiner kann besser schimpfen als du!«, antwortet Jim lächelnd. »Ich habe dreißig Kraftworte gehört, die ich noch gar nicht kannte. Du bist verdorbener, als ich dachte, Dicker!« Ernst fährt Jim fort: »Es waren ausgebrochene Schwerverbrecher, die vor der Kurve den Zug enterten. Sicher haben sie sich mächtig gefreut, dass sie uns im tiefsten Schlaf vorfanden!«

»Ja - ausgerechnet uns!«, knurrt Dick. »Drei Reiter von der Special Police werden von drei Sträflingen überrumpelt und ausgeplündert! Oh, die Blamage! Caramba carambota carajo goddam the hell! Wir werden uns nie wieder in Phoenix sehen lassen können!«

»Nonsens!«, widerspricht Jim. »Das kann jedem passieren! Das kann dem ausgekochtesten Polizeimann passieren! Es war Zufall und großes Pech! Ein Glück nur, dass wir unsere Stiefel noch haben!«

»Ja, verflixtes Pech!«, grollt Dick. »Ay caramba! Valgame dios!«...

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