Überleben ist ein guter Anfang

Roman
 
 
Ullstein Ebooks in Ullstein Buchverlage
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 10. Februar 2017
  • |
  • 300 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8437-1419-8 (ISBN)
 
Selbsthilfegruppen sind deprimierend, findet Anja Möller. Und die für krebskranke Frauen erst recht. Sie geht nur hin, weil ihr Mann das will. Und trifft dort auf die 83-jährige Sieglinde. Sieglinde ist trotz ihrer Diagnose voller Lebensfreude und plant eine Weltreise. Doch bevor sie die antreten kann, stirbt sie. Als die übrigen fünf absolut unterschiedlichen Frauen der Selbsthilfegruppe beschließen, an ihrer Stelle die Welt zu sehen, nimmt eine abenteuerliche Reise ihren Lauf: Sie haben nichts mehr zu verlieren, sondern alles zu gewinnen.
weitere Ausgaben werden ermittelt
Andrea Ulmer wurde 1985 geboren. Sie arbeitet als Lektorin und Autorin. Die Krebserkrankung ihrer Mutter war für sie Anlass, Überleben ist ein guter Anfang zu schreiben. Sie lebt mit ihrem Mann und fünf verrückten Katzen in Heilbronn.

Selbsthilfe war Anja Möllers Meinung nach etwas, was man allein machte. Daher der Name.

Eine Selbsthilfegruppe war in ihren Augen genau so ein Widerspruch wie eine Eremiten-WG.

Nun stand sie trotzdem auf dem Vorplatz des Gemeindehauses von Unteröffelsheim und hielt diesen blöden Flyer in der Hand, den Robert im Krankenhaus gefunden hatte, während sie damit beschäftigt gewesen war, sich Gift durch die Adern jagen zu lassen. Tja . das hatte sie dem Blick zu verdanken. Mit dem Blick sah ihr Mann Robert sie an, seit sie die Diagnose erhalten hatte. Brustkrebs, Metastasen in den Knochen, unheilbar. Der Blick sagte: »Bist du dir sicher, dass du diese Einkaufstasche tragen solltest?« Er sagte: »Kannst du noch?«, wenn sie mehr als zehn Schritte ging. Und wenn er versuchte, ihr den Haushalt abzunehmen, und dabei den roten Pullover mit seinen Unterhosen in die Kochwäsche gab, hatte Robert etwas von einem getretenen Welpen.

Anja atmete tief durch. Es war sein Problem, dass er nun rosa Unterhosen tragen musste. Sie starrte auf den Flyer. »Gemeinsam stark gegen Krebs«, stand auf der ersten Seite. Als wäre Krebs ein schlechter Politiker, den man wegdemonstrieren konnte. Darunter war ein Kreis aus stilisierten Menschen abgebildet, die ein bisschen zu sehr wie die Piktogramme an öffentlichen Toiletten aussahen und einander an den Händen hielten. Auf der Rückseite war zu allem Überfluss auch noch eine gezeichnete Sonnenblume. Anja hielt Sonnenblumen für überbewertet. Sie sahen meistens viel zu schnell schrecklich zerrupft aus.

Aber die Adresse über der Sonnenblume schien richtig zu sein. »Raum E3« hieß es außerdem auf dem Flyer. Noch einmal atmete Anja tief durch. Dann öffnete sie die verkratzte Metalltür des Gemeindehauses und machte sich auf die Suche nach Raum E3. Natürlich waren die Räume nicht beschildert. Aber durch eine angelehnte Tür drang Gelächter. Vielleicht konnte ihr dort jemand sagen, wo Raum E3 war. Anja ging näher und klopfte an den Türrahmen.

»Immer hereinspaziert!«, hörte sie die Stimme einer älteren Frau.

Anja drückte die Tür auf. Mehrere weiße Tische waren aneinandergeschoben worden. Darum saßen Frauen unterschiedlichen Alters. Eine spindeldürre Frau mit schneeweißem Haar lächelte sie breit an, bevor sie sich einen Schokoladenkeks von einem Teller in der Mitte nahm. Eine Dame ungefähr Mitte vierzig mit einer spitzen Nase schenkte den anderen gerade Kaffee ein. Was auch immer das für eine Veranstaltung war, diese Leute hatten ganz sicher mehr Spaß, als Anja gleich haben würde.

»Ich suche Raum E3

Die Frau stellte die Kaffeekanne ab. »Da sind Sie hier richtig.«

Anja verglich die Uhrzeit auf dem Flyer mit ihrer Armbanduhr. Sie war doch nicht etwa am falschen Tag gekommen? Oder die Treffen der Selbsthilfegruppe fanden gar nicht mehr statt. Dann hätte sie es zumindest versucht, Robert wäre glücklich, und sie musste sich nicht weiter damit herumschlagen.

Die alte Frau zeigte wieder ihr breites Lächeln. »Schau mal, Marion. Sie hat deinen Flyer gefunden!«

So viel zu der Hoffnung, dass es die Gruppe nicht mehr gab . Aber dieses Kaffeekränzchen konnte doch unmöglich die Brustkrebs-Selbsthilfegruppe sein? Wo war der Stuhlkreis? Wo waren die ernsten Mienen, während man sich gegenseitig erzählte, wie schlecht es einem ging?

»Wird jo auch mol Zeit, dass die Dinger ebbes bringe«, meldete sich eine kräftig gebaute Frau mit einer geblümten Bluse und einem ebensolchen Kopftuch zu Wort. Sie sprach den breiten Dialekt der Region.

Das genaue Gegenteil von ihr - dürr und in einem teuer aussehenden Blazer - schniefte auf der anderen Seite des Tisches über seiner Kaffeetasse. »Na ja, ein neues Mitglied bei hundert Flyern . Ich habe ja gleich gesagt, dass es rausgeworfenes Geld ist.«

»Bitte!«, rief die Frau, die offenbar Marion hieß. »Hört auf zu streiten! Was soll denn unser Neuankömmling von uns denken?«

Damit richtete sich alle Aufmerksamkeit wieder auf Anja. Offensichtlich wollten sie erfahren, was sie dachte.

Sie war sich nicht sicher.

»Äh .«, sagte sie. »Also ist das die . äh . Selbsthilfegruppe?«

»Natürlich!« Die alte Frau lächelte noch immer. »Kommen Sie rein, nehmen Sie sich einen Keks!«

Die Kekse waren gut. Der Kaffee ebenfalls. Anja nippte an ihrer Tasse und sah sich unsicher um. Und nun? Sollte sie einfach anfangen zu erzählen, oder wie lief das hier?

Die weißhaarige Alte lächelte wieder und streckte ihr eine knochige Hand entgegen. »Ich bin Sieglinde.«

Vorsichtig ergriff Anja ihre Hand. Die knotigen Knöchel unter der papierdünnen Haut fühlten sich zerbrechlich an. Sie hatte Angst, sie kaputtzumachen, wenn sie zu fest schüttelte. »Anja Möller. Ich . ähm . ich habe Brustkrebs.« Das sagte man doch so in einer Selbsthilfegruppe, oder? Hallo, ich bin Anja, und ich habe Krebs.

Gleich würde die ganze Gruppe im Chor antworten: Hallo, Anja.

Sieglinde lächelte. »Wir auch.«

Marion räusperte sich. »Ich bin Marion Bergmann. Ich habe diese Gruppe ins Leben gerufen.«

»Das reibt se jedem gleich unter die Nase.« Die Frau in der geblümten Bluse lehnte sich über den Tisch, um Anja ebenfalls die Hand zu schütteln. Ihr Händedruck war fest, die Handfläche schwielig. »Margarete Gerhardt. Saan Se einfach Gret.« Dann fügte sie mit übertriebener Betonung hinzu: »Verstehen Sie mich, wenn ich Platt schwätze?«

Als Robert nach der Uni in seinem Heimatdorf einen Job gefunden hatte und sie zusammen aufs Land gezogen waren, hatte sich Anja zuerst darüber gewundert, dass die Leute in dieser Gegend ihren Dialekt »Platt« nannten. Plattdeutsch, wie man es im Norden sprach, war das ja ganz eindeutig nicht. Aber inzwischen hatte sie sich sowohl an die Bezeichnung als auch daran gewöhnt, dass man hier »schwätzte« statt »redete« und Frauen nicht »sie«, sondern »es« waren.

»Mein Mann ist aus der Gegend«, erwiderte sie deshalb.

»Und Sie sind zu ihm gezogen, und jetzt sitzen Sie hier fest, hm?«, fragte die weißhaarige Sieglinde.

War Unteröffelsheim so schlimm, dass selbst die alten Leute überlegten, wie sie entkommen konnten? Solche Sprüche kannte Anja sonst nur von ihrer Tochter Carolin, die seit der Oberstufe schwor, nicht in so einem »Kaff« hängenzubleiben. Jetzt kam sie immer noch jedes Wochenende nach Hause, weil sie festgestellt hatte, dass man in der großen Stadt seine Wäsche selbst waschen musste.

Bevor Anja etwas erwidern konnte, nickte ihr die Dürre im Blazer zu. »Sabine Kleist.«

Den Nachnamen hatte Anja schon mal gehört. »Wie die Topffabrik in Amselbach?«

Sichtlich stolz reckte Sabine das Kinn vor. »Die gehört meinem Mann.«

Margarete grinste. »Es Sabinche is reich.«

»Na ja .« Sabine drehte ihre Kaffeetasse in den Händen, und Anja bemerkte ihre perfekt manikürten Fingernägel. »Wir können nicht klagen.«

Blümchenfrau Gret lachte. »So will ich auch mol net klage könne.«

Sabine schniefte wieder. »Ich wäre dir übrigens sehr dankbar, wenn du nicht jedem sofort meine finanzielle Situation auf die Nase binden würdest.«

Anja blickte zwischen den beiden hin und her wie bei einem Tennis-Match. Entstand hier gerade ein Streit, oder waren die immer so?

Marion räusperte sich. »Vielleicht könnt ihr das ja später unter euch klären?«

Sie klang wie eine Mutter, die mit ihren Kindern sprach. Es hätte Anja nicht überrascht, wenn sie die beiden als Nächstes aufgefordert hätte, einander die Hände zu reichen und sich zu vertragen.

Schnelle Schritte ertönten auf dem Flur, dann stürzte eine kleine Frau herein, etwas älter als Marion. Sie trug eine Brille mit dicken, runden Gläsern. »Tut mir leid«, sprudelte sie hervor. »Der Heinz ist mal wieder mit 'ner Flasche Bier in der Hand auf dem Sofa eingeschlafen, und der Teppich .« Dann entdeckte sie Anja und stockte.

Marion lächelte. »Schön, dass du es geschafft hast, Hertha. Das hier ist Anja Möller, unser neuestes Mitglied.«

Hertha schenkte Anja ein schüchternes Lächeln. Während sie sich setzte, klatschte Marion in die Hände. »Da wir nun vollzählig sind, können wir ja anfangen.« Vielleicht war sie nicht nur Mutter, sondern auch Lehrerin.

Und wie es aussah, war der Spaß für heute vorbei. Anja nahm sich schnell noch einen Schokoladenkeks, um etwas Positives zu haben, an dem sie sich festhalten konnte.

»Wie geht es euch?«

Da war sie, die große gefürchtete Frage.

»Kann net klage«, meldete sich Gret als Erste zu Wort. »Krieg grad endlich mol wieder ebbes aufm Hof geschafft. War jo echt schlimm den letzten Monat mit der Kotzerei.«

Marion nickte. »Wenn eine Heilungschance besteht, geben sie eine sehr hohe Dosis bei der Chemotherapie. Weißt du schon, ob nun alles weg ist?«

»Werde wir noch sehen.« Gret wirkte nervös. Mehrere der Frauen am Tisch lächelten ihr aufmunternd zu und drückten demonstrativ die Daumen.

Anja konnte nicht anders, als neidisch zu sein. Sie bekam die deutlich niedrigere »Mal schauen, wie viele Jahre wir noch rausschlagen können«-Dosis. Aber immerhin hatte sie deswegen noch keine Erfahrungen mit der Kotzerei gemacht. Wenn man eh starb, sollte man sich in der Zeit vorher zumindest nicht ständig dreckig fühlen. So hatte Dr. Steiner ihr das erklärt. Er hatte...

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