Die Lügnerin

Roman
 
 
btb (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 13. Mai 2013
  • |
  • 384 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-10407-8 (ISBN)
 
Das Buch, mit dem Linn Ullmann berühmt wurde.

Die Bloms sind eine Familie, die eines Woody- Allen-Films würdig wäre, jeder einzelne liebenswert und verrückt, leicht schräg und auf besondere Art unglücklich. Vor allem die Frauen aus drei Generationen geben den Ton an: June und Selma, die alten Kämpferinnen, dann Annie, die Unwiderstehliche, und schließlich ihre Töchter, hier Julie, stets am Rand der Verzweiflung, da Karin, die gern Geschichten erzählt, Männer verführt und lügt. Julies Hochzeit bildet den Auftakt zu einem Familienporträt, das mit Witz und Scharfsinn Lebenslügen demontiert und erzählt, was so alles zwischen Menschen passieren kann, die sich nahestehen.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
btb
  • 0,69 MB
978-3-641-10407-8 (9783641104078)
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LINN ULLMANN ist eine der bedeutendsten Autorinnen Skandinaviens. Ihre Romane sind vielfach preisgekrönt und in 30 Sprachen übersetzt, 2017 erhielt sie von der Schwedischen Akademie den Doubloug -Preis für ihr Gesamtwerk. Bei Luchterhand erschien zuletzt "Das Verschwiegene" - unter dem Titel "The Cold Song" u.a. auf der Jahresbestenliste der New York Times und eines der Lieblingsbücher von James Wood (New Yorker). Für "Die Unruhigen" erhielt sie den Hörerpreis des Norwegischen Rundfunks, der Roman war für den Kritikerpreis und den Nordischen Literaturpreis nominiert. Eine Bühnenfassung davon hatte im Herbst 2018 am Königlichen Dramatischen Theater Stockholm unter der Regie von Pernilla August ihre Uraufführung.

Anni steht vor der Uranienborg-Kirche auf der Treppe und ist seidenfein in ihrem langen grünen Kleid. Anni erinnert an ein karibisches Meer, wie sie so dasteht, groß und kühl und einladend. Ich glaube, weder Julie noch ich würden unsere Mutter gegen eine andere eintauschen, wenn das möglich wäre. Ich würde das jedenfalls nicht tun. Nie im Leben würde ich Anni eintauschen, unser Glamourgirl Anni, Oslos beste Friseuse. Unsere Anni, die eigentlich gar nicht Anni sein wollte, sondern eine ganz andere. Anni wollte in der Fontana di Trevi in Rom baden, blauäugige Filmstars auf den Mund küssen, reizenden, dankbaren Kindern den Kopf streicheln, mit den Fingern durch ihr volles, langes rotblondes Haar fahren, während die Welt atemlos zusah. Sie wollte fort und in die Welt hinaus, Oslo war ihr nicht gut genug, sie wollte zurück nach Amerika, unsere Anni, aufgewachsen in Trondheim, geboren jedoch in Brooklyn, Tochter von Rikard Blom. Die kleine achtjährige Anni, die auf ihrem Fahrradsattel stehen und so durch die Lexington Avenue in New York fahren konnte, mit einem Bein in der Luft und einer Hand am Lenker: Hurra für Anni, rufen alle. Nun seht mich doch nur an, Leute, seht mich an, seht mich an, ruft die kleine Anni. Nun seht mich doch nur an, Leute, seht mich an, seht mich an. Und Anni dreht sich um, weil sie wissen will, ob alle sie ansehen, und der Boden kommt ihr entgegen, der Boden kommt ihr entgegen, und das Fahrrad stürzt, und Anni dreht sich auf der Kirchentreppe zu mir um und sagt: Karin, stell dich doch neben mich und sag den Hochzeitsgästen guten Tag.

 

Anni ist das, was man als unwiderstehliche Frau bezeichnen könnte. Die Männer sagen ihr das immer. Anni wurde weder berühmt noch gefeiert, Federico Fellini kam nicht nach Trondheim, um sie zu holen, die Rückkehr nach Amerika ließ auf sich warten. Trotzdem war sie unwiderstehlich. Unglücklich, ja. Bitter, ja. Trunksüchtig, ja. Total verrückt, ja. Aber unwiderstehlich. Das kann ihr niemand nehmen.

 

Ich weiß noch, einmal, vor langer Zeit. Anni, Julie und ich und Annis Liebhaber Zlatko Dragovic aus Jugoslawien waren mit der Bahn unterwegs nach Zagreb. Zlatko Dragovic war Annis erster Liebhaber nach Vater. Wir hatten Sommerferien. Wir saßen im Zugabteil, der Zug fuhr dahin, wir waren die einzigen Fahrgäste im Abteil. Zlatko Dragovic sagte mit seiner dunklen Stimme, in seinem gebrochenen Englisch sagte er: Your mother in that light, can you see. Look at your mother. Karin! Julie! Look at your mother! Her eyes, my god, her eyes. Have you ever seen such eyes?

Dann weinte er leise, so gerührt war er.

Julie und ich glotzten.

Anni leckte sich die Pfoten und sah uns an. Ich vermute, ihr schaut meine Augen an, was? Er hat recht, wißt ihr. Ich bin unglaublich. Eine solche Mutter tauscht man nicht ein.

Und Anni steht auf der Treppe vor der Kirche und empfängt die Hochzeitsgäste, die Sonne scheint ihr in die Augen, in ihr volles rotblondes Haar, das sie mit blanken Goldspangen aufgesteckt hat, scheint auf ihre dunkelgrünen Stöckelschuhe, die über den Boden kratzen.

Du, Karin, sagt sie und packt mich am Arm, ehe ich mich in die dunkle, kühle Kirche schleichen kann.

Hilf mir jetzt, sagt sie, bleib ein bißchen bei mir, um die Gäste zu begrüßen. Aber sieh mal an! Sieh mal, wer da kommt, ruft sie laut und zeigt auf Tante Edel und Onkel Fritz. Sie hält mich noch immer am Arm, es ist nicht ganz klar, welche von uns beiden beschwipster ist, aber glaube bloß nicht, daß irgendwer das merkt.

Drei Dinge habe ich von Anni gelernt. Ich habe gelernt, daß manche ihre Rollen achtsam spielen, andere sind nachlässig. Und du mußt lernen, deine Rolle achtsam zu spielen, sagte Anni immer.

Das war das eine.

Das andere ist etwas, was sie zu mir gesagt hat, als ich klein war, erst sieben oder acht Jahre, und traurig. Sie sagte, du darfst ihnen nicht zeigen, wie traurig du bist. Laß ihnen nicht die Oberhand.

Ich war traurig, weil ein Junge aus meiner Klasse versprochen hatte, mich zu küssen, wenn ich einen Regenwurm verzehrte. Er hielt einen Regenwurm in der Hand, der Wurm baumelte lang und dünn und grau und glatt zwischen seinen Fingern, ich weiß noch, daß ich dachte, was für ein widerlicher Wurm. Aber ich sagte, alles klar, den eß ich, und ich ließ mir von dem Jungen den Wurm auf die Zunge legen. Der Wurm lag ganz still in meinem Mund, und als ich hineinbiß, merkte ich, wie weich und fast widerstandslos er sich teilte. In meinem ganzen Körper prickelte es, meine Stirn und meine Handflächen waren schweißnaß. Du mußt richtig kauen, sagte der Junge, der alles interessiert beobachtete. Wir hockten hinter einem Busch. Du darfst ihn nicht einfach runterschlucken. Das wäre Pfusch, sagte er.

Ich sah den Jungen an und dachte, ich tue alles, um dich küssen zu können.

Ich zerkaute den Regenwurm. Ich zerkaute ihn ganz und gar. Ich machte den Mund nicht auf. Ich erbrach mich nicht. Ich hielt meinen Teil der Abmachung ein. Als der Regenwurm in meinem Mund zu Brei geworden war, riß ich den Mund auf und fragte: Ist es gut so? Der Junge schaute mir in den Mund und sagte, okay, jetzt schluck ihn runter, und ich schluckte. Ich riß noch einmal den Mund auf und zeigte ihm, daß der Wurm verschwunden war.

Küssen wir uns jetzt, fragte ich.

Nie im Leben, sagte der Junge. Meinst du, ich küsse eine, die so blöd ist, Regenwürmer zu essen?

Ich weinte tagelang. Ich weinte, weil der Junge mich nicht küssen wollte. Ich weinte, weil ich betrogen worden war. Ich weinte, weil ich nicht stark oder mutig genug war, mich zu rächen.

Und da sagte Anni, nach durchweinten Tagen und Nächten: Du darfst ihnen nicht zeigen, wie traurig du bist. Laß ihnen nicht die Oberhand.

Das war das zweite.

Das dritte war ein Satz, der ursprünglich von meiner Großmutter stammte, den Anni sich aber zum Lebensmotto erkor: Nie zurückschauen, einfach durchstreichen und weitergehen, sagte meine Großmutter immer. Als ich diesen Satz zum ersten Mal von ihr hörte, war sie gerade zu uns in die Wohnung in der Jacob Aalls gate gezogen, nachdem Vater weggegangen war. Sie stellte sich ganz einfach mitten ins Wohnzimmer, eine winzig kleine Riesenfrau, und sagte, nicht ohne dramatisches Talent: Nie zurückschauen, einfach durchstreichen und weitergehen.

Kommt nicht in Frage, sagte Anni nach einigen Tagen und stand aus dem Bett auf, kommt nicht in Frage, daß ich noch eine Sekunde länger hier im Bett liege und um diesen Mann weine, um einen verdammten mittelmäßigen angejahrten Arsch, der mich sowieso nie glücklich gemacht hat, dieser miese fiese Rattenwichser, sagte sie und putzte sich die Nase.

Schau an, sagte Großmutter und zeigte auf Anni: Ein guter Soldat blickt nicht zurück.

Anni ist kein Soldat, sagte ich.

Ist sie wohl, sagte Großmutter.

Julie hörte nicht darauf, Julie saß auf einem Stuhl vor dem Fenster in ihrem Zimmer und hielt nach Vaters weißem Mazda Ausschau. Großmutter konnte ihr nur den Kopf streicheln und sagen, er hat dich doch immer noch lieb, Julie, er hat dich doch immer noch lieb. Das war das dritte.

Nein, sieh an, wer da kommt, sagt Anni, da kommen ja Onkel Fritz und Tante Edel. Ja schau an, da kommen Onkel Fritz und Tante Edel, und Anni läßt meinen Arm los, damit ich die beiden höflich begrüßen kann, wie sie sich das wünscht. Hallo, hallo, wie fein du heute bist, Tante Edel, ja, danke, und Onkel Fritz, wie geht es dir? Wie geht es dir, habe ich gefragt. WIE GEHT ES DIR, ONKEL FRITZ? Nein, die Braut habe ich noch nicht gesehen. Julie und Vater wollten die letzte Stunde für sich haben. Er wollte ihr ein paar gute Ratschläge für die Ehe geben, ehe der Trubel losgeht.

Onkel Fritz ist Tante Edels Sohn. Ich weiß nicht, warum wir sie Onkel und Tante nennen, ich weiß nur, daß wir auf irgendeine Weise miteinander verwandt sind. Edel versorgt ihren Sohn Fritz seit seiner Geburt vor vierundfünfzig Jahren, sie wohnen zusammen in einer Dreizimmerwohnung in der Schønings gate im Stadtteil Majorstua, nicht weit entfernt von Annis Wohnung in der Jacob Aalls gate, sie machen zusammen Urlaub im sonnigen Süden, sie betreiben zusammen eine kleine Kuchenfirma, mit der Küche in der Schønings gate als Mittelpunkt. Edel bäckt Torten, die besten Torten in der Stadt sogar, sie hat auch heute die Hochzeitstorte gebacken, eine achtstöckige Cremetorte, so, wie sie vor zwanzig Jahren Annis Hochzeitstorte gebacken hat. Onkel Fritz fährt die Torten zur Kundschaft. Mit Siebenunddreißig ist er in eine eigene Wohnung gezogen, hat seine Stelle als Edels Kuchenfahrer gekündigt und seiner Mutter erzählt, es sei nun an der Zeit für ihn, ein eigenes Leben zu beginnen.

Nach acht Tagen zog er zu Edel zurück.

Die Sonne prickelt auf meiner Kopfhaut und in meinen Wangen. Ich werde neben Onkel Fritz sitzen. Anni wagt nicht, andere neben ihn zu setzen, manchmal erbricht er sich bei Familienfesten ohne Vorwarnung. Er hat sich vor einem Jahr bei der Beerdigung von Annis Großmutter erbrochen. Anni hat es gelassen hingenommen. Schlimmer war der Heilige Abend vor drei Jahren. Da erbrach er sich über den ganzen Eßtisch, alle wurden bespritzt, das ist eines der Bilder, die in Tante Edels Familienalbum fehlen: ein langer, weißgedeckter Tisch, ausgestreckte Arme und Hände, offene, abgewandte Handflächen, die versuchen, die Kotze abzuwehren, bewahre, bewahre, wir wollen das nicht, aufhören, Mann! Ich sehe bleiche Gesichter, eins nach dem anderen nach dem anderen nach...

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