Der Gejagte

 
 
HarperCollins (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 24. August 2021
  • |
  • 368 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-95967-596-3 (ISBN)
 
Der vierte Band um den ehemals kriminellen Kommissar Johan Rokka: Oktober in Hudiksvall, Nordschweden: Die Elchjagdsaison beginnt. Eine Gruppe von sechs Jägern bricht zur Jagd auf. Kurz darauf hängt im Kühlhaus neben dem gehäuteten Elch eine aufgeschlitzte menschliche Leiche. Es handelt sich um einen der Jäger, eingeritzt in seine Haut ist die Ziffer 6. Johan Rokka beginnt zu ermitteln, doch auch er kann nicht verhindern, dass kurze Zeit später ein weiterer Kopf an einer Sennhütte hängt, daneben die Zahl 5. Die Verbindung zwischen den Verbrechen ist klar, doch wer macht Jagd auf die Schützen? Kann Rokka den Täter stellen, bevor er auch die verbliebenen vier Jäger umbringt?
weitere Ausgaben werden ermittelt
Gabriella Ullberg Westin stammt aus der nordschwedischen Stadt Hudiksvall, wo auch ihre Protagonisten leben. Sie studierte Modedesign und Kommunikation und arbeitete für eine der größten Telefongesellschaften Schwedens, bevor sie sich vollzeit dem Schreiben widmete. Sie lebt heute in Stockholm, ist verheiratet mit einem Polizisten und Mutter von zwei Kindern.

1

Tag 1

»Er war ein Junkie, und Junkies nehmen schon mal 'ne Überdosis.«

Stina Olsdotter starrt die Frau, die ihr mit rot unterlaufenen Augen gegenübersitzt, an. »Das haben sie also gesagt?«

Die Frau nickt und schließt die Augen.

Vor ihnen auf dem Tisch liegt Stinas Handy, das jeden Atemzug, jedes Zögern während ihres Gesprächs aufzeichnet. Sie spürt Wut in sich aufsteigen, ist kurz davor zu explodieren, doch sie zwingt sich, Ruhe zu bewahren.

»Wissen Sie eigentlich, wozu diese Männer in der Lage sind?« Die Frau schluckt und sieht Stina direkt in die Augen.

»Möchten Sie es mir erzählen?«

Die Hände im Schoß zu Fäusten geballt, holt die Frau einmal tief Luft. »Das erste Mal geschah es an einem Tag, als ich freihatte. Es war erst kurz nach dem Mittagessen, aber draußen war es schon ziemlich dunkel. Ein schwarzer BMW mit getönten Scheiben hielt vor unserem Haus. Die hintere Tür sprang auf, und ein Mann schubste Agnes und Ida aus dem Wagen.«

»Die haben Ihre Kinder einfach aus dem Kindergarten abgeholt?«

Die Frau nickt. »Die Mädchen wachen nachts immer noch auf und weinen, obwohl es jetzt schon ein halbes Jahr her ist«, sagt sie, und ihre verquollenen Augen füllen sich mit Tränen.

»Ist sonst noch was passiert?«

Mit zitternden Fingern sucht die Frau nach einem Bild auf ihrem Handy und hält es Stina hin. Stina starrt fassungslos auf das Foto, ein Würgereiz macht sich bemerkbar. Auf dem Bild sind leuchtend rote Hautfetzen und verklebte Fellbüschel zu sehen. Nur ein dünnes Stück Haut hält den Kopf noch am restlichen Körper der Katze.

»Goldie lag auf der Veranda«, stammelt die Frau, und jetzt laufen ihr die Tränen unaufhaltsam über die Wangen, sie wehrt sich nicht mehr dagegen. »Sie haben . sie haben sie richtig geschlachtet!«

Stina schlägt sich die Hand vor den Mund und wendet den Blick ab. »Haben Sie Anzeige erstattet?«

»Gegen die kann man nicht gewinnen.« Die Frau vergräbt das Gesicht in den Händen und schüttelt den Kopf. »Wir mussten umziehen, noch mal ganz von vorn anfangen . Hier war eine Stelle als Bezirkskrankenschwester frei, also sind wir hierhergezogen.«

»Es ist sehr mutig von Ihnen, mir all das zu erzählen.«

»Ich habe keine Wahl«, sagt sie schluchzend. »Sonst würde auch ich diese Jugendlichen im Stich lassen.«

»Haben Sie das .« Stina presst die Kiefer aufeinander, sie bringt die Worte nicht über die Lippen. Die Frau reckt sich nach ihrer Handtasche, holt ein zerknülltes Stück Papier heraus und überreicht es Stina Olsdotter. Mit zittrigen Händen greift Stina zu und faltet es auseinander, starrt auf den Text. Es dauert eine Weile, bis sie den Kopf wieder heben und der Frau ins Gesicht sehen kann. »Sind das Ihre Worte?«

»Ja«, antwortet die Frau, und ihr steht die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben. »Das habe ich geschrieben.«

Die Trauer löst nun die Wut ab, als Stina das Papier wieder zu einem Ball zusammenknüllt und in ihre Tasche steckt. »Ich verstehe«, sagt sie und verdrängt alle anderen Gefühle, um dem Platz einzuräumen, was jetzt in ihr wächst. »Ich weiß genau, wozu diese Männer in der Lage sind.«

***

Kriminalinspektor Johan Rokka hängt seinen Helm ans Lenkrad seiner Harley-Davidson und fährt sich über den rasierten Schädel. Er ist in Norrbo, nicht weit von Hudiksvall. Der gekieste Hof vor ihm ist von buntem Herbstlaub bedeckt, und an der einen Seite steht ein rotes Holzhaus mit weißen Sprossenfenstern. Über der Eingangstür hängt ein Schild mit grünen Buchstaben. Nordicura steht darauf. Eins der sieben Häuser des norrländischen Konzerns, in denen Menschen zu Therapiemaßnahmen, Pflege und Reha untergebracht sind. Auf der anderen Seite des Hofes liegen die Zimmer, und links befindet sich ein Stall. Den sucht er.

Die Scharniere der Stalltür knarren, als er sie aufschiebt, und ihm fährt der Geruch von Sägespänen und Mist in die Nase. Rokka holt einmal tief Luft und kommt zu dem Schluss, dass es hier gut riecht.

Weiter hinten ist jemand vollauf damit beschäftigt, den Gang zu fegen, doch mit einem Mal steht der Besen still, und Eddie Martinsson dreht sich um.

»Hey, was geht?« Er kommt Rokka mit dem Besen in der Hand entgegen und begrüßt ihn mit einem Faustcheck.

Eddie hat einen Lebenslauf, von dem jeder Sozialarbeiter Albträume bekommt. Mit neun verübte er den ersten Einbruch, und dann nahm seine Karriere ihren Lauf, von kleinen Diebstählen bis zu unerlaubtem Waffenbesitz und Dealen von Haschisch, Kokain, Amphetaminen. In den vergangenen Jahren liefen Rokka und er sich immer wieder über den Weg. Mit siebzehn war Eddie schon fast Mitglied in einer kriminellen Bande, kam dann aber wieder mit Rokka in Kontakt, der in einem Mordfall ermittelte. Obwohl sie eigentlich Gegner waren, hatten sie voreinander Respekt, und Rokka fährt immer wieder in die Therapieeinrichtung, um Eddie zu besuchen.

»Du magst den Stall, stimmt's?«, fragt Rokka. »Sicher wegen der Mädels.«

Eddie sieht ihn scharf an und schnaubt. »Hier gibt es nur zwei Mädels, und die mögen keine Pferde.«

»Und keine von beiden ist was für dich?«

Eddie schmunzelt, dann schüttelt er den Kopf.

»Und selbst, wie läuft's mit den Frauen?«

Rokka seufzt. »Läuft gar nicht.«

Die Stalltür schlägt zu, und der Heimleiter kommt herein. Nach Rokkas Auffassung ist Anders genau richtig auf dieser Stelle, denn er kennt den ständigen Kampf, den diese Jungs hier mit sich selbst ausfechten. Vor zehn Jahren hatte er selbst eine Strafe wegen Raubüberfalls und Drogenbesitzes verbüßt und dann beschlossen, aus seinen Erfahrungen das Beste zu machen. Schon am ersten Tag nach seiner Entlassung begann er, jungen Kriminellen zu helfen, aus der Szene auszusteigen, und als er die Ausbildung zum Sozialarbeiter abgeschlossen hatte, übernahm er diesen Job im Therapieheim.

Anders sieht gestresst aus und begrüßt Rokka nur flüchtig. Dann knallt er die Tür hinter sich zu und ist wieder weg.

Eddie fährt fort, die Sägespäne vom Gang zu fegen.

»Wie lange wirst du noch hierbleiben?«, fragt Rokka ihn.

»Anders spricht mal mit dem Sozialamt, dann sehen wir weiter.«

»Willst du denn wirklich weg?«

Eddie zuckt mit den Schultern. »Meine Ma hat im letzten Jahr wohl kaum 'ne Million im Lotto gewonnen. Und mit dem Trinken hat sie sicher auch nicht aufgehört.«

Rokka betrachtet Eddie eingehend. Er ist fast so groß wie er selbst. Dunkler Teint, dunkle Haare. Sein Vater, den Eddie nie kennengelernt hat, stammt aus Lateinamerika. Vom Tag seiner Geburt an hatte Eddie lernen müssen, seine Gefühle zu verdrängen. Freude, Liebe, Angst und Wut. Es war kein Erwachsener für ihn da, der damit hätte umgehen können. Deshalb streifte er alle Gefühle ab, Schicht für Schicht, sodass nur noch ein harter Kern übrig blieb. Und den füllte er mit Verachtung.

Eddie fährt sich mit der Hand durchs Haar, und Rokka hat den Eindruck, als hätte sich ein grauer Schleier über ihn gelegt, seit er ihn das letzte Mal gesehen hat.

Sie verlassen den Stall. Eddie redet von den Pferden und vom Kickboxen, das er nebenbei machen darf, und erzählt, dass er das Heim einmal in der Woche putzen muss. Als sie schließlich vor Rokkas Motorrad stehen, sieht Rokka Eddie direkt in die Augen. Irgendwas ist nicht in Ordnung.

»Jetzt will ich dich mal was fragen.«

»Fine«, sagt Eddie.

»Hast du irgendwas genommen, seit du hier bist?«

»Ich hab nicht gewusst, dass du als Bulle hierherkommst.« Eddie schlägt die Augen nieder.

Rokka seufzt. Er will für Eddie nicht der Polizist sein, der herumschnüffelt, sondern einfach ein Mensch, der ihn nicht im Stich lässt. Er sieht hinüber zu Anders, der gerade mit zwei übervollen Mülltüten über den Hof läuft. Dann greift er zu seinem Helm und setzt ihn auf, schwingt sich auf die Harley und kickt den Ständer hoch.

Vom Norden her ziehen dunkle Wolken am Himmel auf, und ein kühler Wind fährt unter Rokkas Lederjacke. Eddie nimmt den Besen und geht zurück in den Stall, stellt ihn an die Wand und bleibt dann gedankenverloren ein paar Sekunden still stehen. Rokka läuft ein Schauer über den Rücken. Eddie zu beobachten ist für ihn, wie sich selbst als Jugendlichem zuzuschauen. Er weiß genau, wie die Rastlosigkeit unter der Haut des Jungen kribbelt, wie tausend Ameisen, die einen Ausgang suchen. Und Rokka sieht ihm an, was in seinem jungen Kopf vor sich geht - diese ständige, nagende Unruhe.

Keiner sieht mich.

Ich gehöre nicht dazu.

Nur mit Drogen halte ich es in dieser Scheißwelt aus.

Rokka hat sich am Ende für die andere Seite des Gesetzes entschieden. Aber er weiß genau, wie schmal der Grat zwischen Gut und Böse sein kann und dass er bei der nächsten Gelegenheit ein Wörtchen mit dem Einrichtungsleiter reden muss.

Eddie kommt zurück und schaut Rokka ins Gesicht.

»Jetzt hab ich eine Frage«, sagt er und lehnt sich an den Türrahmen. »Wann hast du gewusst, dass du Bulle werden willst?«

Rokka zieht die Augenbrauen hoch. »Willst du etwa Polizist werden?«

»Nicht direkt«, antwortet Eddie und wird mit einem Mal ernst. »Aber ich will aus dieser Scheiße raus. Ich will was Richtiges tun.«

Der Deckel der Mülltonne schlägt laut krachend zu. Anders schielt zu ihnen herüber, dann geht er zurück zum Hauptgebäude....

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