Benfatto

 
 
Books on Demand (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 17. November 2021
  • |
  • 352 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7557-6237-9 (ISBN)
 
Bamberg im Jahr 1812. Chrys hat kein Zuhause, möchte aber unbedingt Lesen und Schreiben lernen. Als er auf den Dichter und Musikdirektor E.T.A. Hoffmann trifft, nutzt er die Chance und heftet er sich an dessen Fersen. Hoffmann erkennt den Bildungshunger und die Sehnsucht des Junge nach sozialem Aufstieg, und wird, wenn auch widerwillig, zu seinem Mentor.
Chrys kommt einer Bande in die Quere, die verdorbenes Fleisch verkauft. Er wird verfolgt, sein Leben ist bedroht, und außerdem muss er auch noch erleben, wie Julia, seine erste große Liebe, mit einem anderen verlobt wird.

Ein spannender historischer Roman zum E.T.A. Hoffmann-Jubiläum 2022, der nicht nur Jugendlichen den Atem raubt!
1. Auflage
  • Deutsch
  • 0,49 MB
978-3-7557-6237-9 (9783755762379)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Andreas Ulich arbeitet als Schauspieler, Rezitator und Autor in Oberfranken. In Bamberg war er viele Jahre Ensemblemitglied am E.T.A. Hoffmann-Theater. 2015 wurde er für sein allgemeines künstlerisches Schaffen mit dem Berganza-Preis des Bamberger Kunstvereins ausgezeichnet. Im selben Jahr erschien sein erster Roman unter dem Titel Zwei Raben. Mit der Erzählung Kranewitt gewann er 2016 den 1. Preis beim Schweizer Parc-Ela-Geschichten-Wettbewerb. Seine Kindertheaterstücke Huck und Jim - bis zum Ende des Flusses, Der Karottenkönig und Heidi wurden in Bamberg uraufgeführt. Im September 2021 wurde sein Hörspiel Porchabella - der Vogel Freiheit veröffentlicht.

Begegnungen


Am nächsten Morgen lagen die Felder und Wiesen unter dunkelgrauen Wolken, und der Wind blies dünnen Regen übers Land. Es hatte doch nicht gefroren, aber die Luft war kalt und klamm. Ich wusch mich an der nahe gelegenen Quelle im Wald, zog den blauen Gehrock mit den umsponnenen Knöpfen und dem schwarzsamtenen Stehkragen unter dem Stroh hervor, pflückte sorgfältig alle Halme ab und schlüpfte hinein. Den Rock hatte ich von meinem Vater, und er war mir immer noch um einiges zu groß. Auch musste ich ihn vorn zuknöpfen, da ich keine Weste besaß. Kein Mensch, der etwas auf sich hielt, knöpfte seinen Rock zu oder ging ohne Weste aus dem Haus, aber was sollte ich machen. In der Stadt hatte ich junge Männer beobachtet, die liefen sogar mit zwei Westen übereinander herum. Sie waren mir aufgefallen, als ich abends auf dem Theaterplatz stand, um mir den einen oder anderen Heller zu verdienen, indem ich den eleganten Herren und Damen die Stufen der Kutschen herausklappte oder dem Postillion die Pferde hielt. Ich konnte gut mit Pferden umgehen, sie fassten schnell Vertrauen zu mir und ließen sich leicht von mir führen. Früher, als mein Vater noch da war, bin ich sogar hin und wieder geritten, aber das ist lange her.

Ich sah an mir hinunter. Chrys, du siehst aus wie eine Vogelscheuche, dachte ich, aber es musste eben ohne Weste und mit geschlossenem Rock gehen. Immerhin sah man auf diese Weise nicht, dass mein Hemd eher graubraun war als weiß. Aber ich hatte nur dieses eine, also band ich mir wenigstens ein Tuch um den Hals, so wie es die feinen Bamberger trugen, spuckte in die Hände und versuchte, mein struppiges Haar zu bändigen. Bevor ich mich auf den Weg in die Stadt machte, holte ich ein letztes Mal den Ohrschmuck hervor und legte ihn auf meine Handfläche. Rosarot blitzte mir die Perle entgegen. Ihre Form war fast gleichmäßig, nur an der Spitze hatte sie eine kaum wahrnehmbare Wulst, und ich fand, dass sie dadurch nur noch schöner war. »Ach, Julia!«, seufzte ich, ließ den Schmuck in die Außentasche des Gehrocks gleiten und knöpfte sie zu. Sorgfältig schloss ich die Tür der Hütte hinter mir, atmete noch einmal tief durch und ging los.

Die Glocke der Martinskirche schlug die elfte Stunde, ich stand also schon seit vier Stunden vor dem Haus der Familie Mark. Ich hatte mir fest vorgenommen, den Ohrschmuck zurückzugeben, aber um ehrlich zu sein, war ich hauptsächlich gekommen, um vielleicht einen Blick auf Fräulein Julia werfen zu können. Doch weder sie noch ein anderes Mitglied ihrer Familie hatte sich bisher blicken lassen. Ich stand auf der gegenüberliegenden Straßenseite hinter einem abgespannten Pferdewagen, und immer wenn mein Blick auf das Eckhaus fiel, hinter dem Erlauers Hühnerhof lag, wurde mir beim Gedanken an die gestrige Verfolgungsjagd ein wenig flau im Magen.

Es nieselte. Die alten Möbel auf der Ladefläche des Wagens vor mir hatte jemand mit einer gewachsten Leinendecke abgedeckt, ich aber war inzwischen nass bis auf die Knochen und wollte gerade meine Unternehmung abbrechen, als von links, aus der Generalsgasse, eine Gestalt des Wegs kam. Erschrocken duckte ich mich. Die abstehenden Haare, die Haltung, die markante Nase! Das war der Mann, der gestern auf dem Dach des Apothekerhauses gesessen hatte. Er lief hastig an meinem Versteck vorbei, und seine Schritte schienen viel zu groß für ihn zu sein. Außerdem fuchtelte er mit den Armen in der Luft herum und bewegte unablässig die Lippen, als würde er mit sich selbst reden. In der rechten Hand hielt er einen abgewetzten hohen Zylinderhut, den er bei jeder seiner Bewegungen durch die Luft sausen ließ. Der Mann war eher klein, und weil er gebückt ging, standen die Schöße seines schwarzen Rocks wie zwei Hörner nach hinten ab. Das sah einerseits unheimlich aus, andererseits aber ein wenig albern, sodass ich mir das Lachen kaum verkneifen konnte. Er trug einen buschigen Backenbart im Gesicht, und sein schwarzes Haupthaar war von einigen Silberfäden durchzogen und kräuselte sich in alle Richtungen. Der Mann blieb vor der Tür des Mark'schen Hauses stehen und läutete. Die Tür wurde geöffnet, und er schlüpfte hinein.

Ich rieb mir die Augen. Hatte ich richtig gesehen? Das konnte nur der Teufel sein, der sich hier in Bamberg ein Opfer holen wollte! Aber was suchte er bei der Familie Mark? War es etwa Julia, die in der Hölle schmoren sollte? Am liebsten wäre ich über die Straße gerannt, um sie zu retten. Aber dazu reichte mein Mut nicht, und es blieb mir nur übrig, weiter auf die Tür zu starren, hinter der der finstere Mann verschwunden war.

Nichts rührte sich, bis nach einigen Minuten ein Fenster im ersten Obergeschoss geöffnet wurde. Musik drang auf die Straße. Jemand spielte auf einem Pianoforte. Da brach die Musik ab, und ich hörte Stimmen, kurz darauf setzten nicht nur Klaviertöne ein, sondern auch der Gesang einer Frauenstimme. Glockenrein und strahlend wirbelten die Töne aus dem offenen Fenster. Das muss ein Engel sein, so kann kein Mensch singen, dachte ich. Leider verstand ich kein Wort, denn es klang so ähnlich wie die lateinischen Messen in der Kirche. Also konnte das nur die Sprache der himmlischen Heerscharen sein. Vielleicht singt der Engel, während er mit dem Teufel um Julias Seele kämpft? »Oh, bitte, lass nicht den finsteren Mann gewinnen, sondern Julias Engel! Dann will ich auch nur noch Gutes tun, mein ganzes Leben lang«, flüsterte ich, während ich weiter dieser wundervollen Stimme lauschte.

Die Musik hörte auf, begann von Neuem; Passagen wurden wiederholt, einmal, zweimal, sogar öfter. Der Gesang schien jedes Mal noch schöner zu werden, noch kraftvoller. Es konnte nicht anders sein, das Gute musste den Sieg davongetragen haben, und Julia war gerettet.

Wieder setzte der Gesang aus. Ich hörte ein Mädchenlachen und dann eine andere Stimme, hoch und scharf. Immer noch konnte ich keine Worte verstehen, aber das Mädchen lachte noch lauter. Jemand erschien am Fenster, um es zu schließen, denn der Regen war stärker geworden. Es war Julia, und mir entfloh ein Seufzer, als ich sie erkannte. Ich hätte schwören können, dass sie mich anlächelte, als sie den Fensterflügel ergriff, um ihn in die Verankerung zu drücken. Rasch ließ ich mich hinter den Möbelwagen fallen. Dort kauerte ich ein paar Minuten lang am Boden, bis ich mich traute, wieder hervorzusehen. Das Fenster war nun jedoch geschlossen und die Musik nur noch eine ferne Erinnerung.

Ich weiß nicht, wie lange ich noch dort ausgeharrt hatte, doch plötzlich - der Regen war kaum mehr zu spüren - flog die Haustür auf, und der schwarze Mann trat heraus. Ich starrte zwischen Deichsel und Bock des Wagens hindurch und verfolgte jede Bewegung. Er kam keine drei Schritte weit, da schwang die Tür ein weiteres Mal auf, und Julia stand unter dem Vordach. Sie schwenkte ein paar Zettel über ihrem Kopf und rief: »Aber Herr Hoffmann! Sie haben Ihre schöne neue Canzonetta vergessen. Da muss ich ja mit meinem Lehrer schimpfen, dass er so wenig auf seine Dinge achtgibt!«

Der Mann blieb stehen, machte mit einer komischen Bewegung auf dem Absatz kehrt und schritt nun wieder mit schlenkernden Armen auf sie zu.

Sie hielt ihm die Zettel hin. »Ei, wie kann man nur so vergesslich sein, lieber, lieber Herr Hoff-Hoff-Hoff-Hoffmann?« Die letzten Silben sang sie kichernd und wedelte dazu mit den Papieren im Takt.

»Von mir vergessen? Aber nein! Liebes Fräulein Ju-, liebes Fräulein Ju-, liebes Fräulein Ju-li-a!«

Der von ihr mit Herr Hoffmann Angesprochene antwortete mit einer ähnlichen Melodie und machte eine übertriebene Verbeugung, bei der er sich die Hand aufs Herz legte. Dann sagte er in übertriebenem Tonfall: »Dies herzig Canzonettelein gehöret von nun an dir, auf dass es munter und fröhlich vorgetragen werde, bei Tag und bei Nacht. Gehab dich wohl, meine holde Schülerin!«

Julia lachte wieder laut und herzlich, wobei sie einen tollen Knicks machte und in dem gleichen Tonfall antwortete: »Oh, werter Herr Hoffmann, Sie sind ein Frauenkenner! Untertänigsten, herzlichen Dank für diese wunderbare Gabe, und gehaben Sie sich noch viel wohler!« Dann tat sie so, als würde sie einen imaginären Hut lüften, und schloss, immer noch kichernd, die Haustür.

Herr Hoffmann rührte sich nicht vom Fleck und blickte auf die dunkelbraune Eichentür, hinter der das Mädchen verschwunden war. Schließlich setzte er sich langsam den Hut auf den Kopf und wandte sich ab.

Ich wagte nicht zu atmen. Von meinem Versteck aus konnte ich einen Blick auf das Gesicht des Mannes werfen. Nein, das war bestimmt nicht der Teufel, denn so einen traurigen Teufel konnte es gar nicht geben. Die dunklen Augen hatte er weit aufgerissen, sie starrten in irgendeine Ferne. Auf seiner Stirn war eine mächtige Falte eingegraben, und die Mundwinkel hingen so tief herab, als wären sie mit Gewichten beschwert. Mit noch tiefer zwischen den Schultern eingezogenem Kopf entfernte sich der Mann langsamen Schritts. Er schien überhaupt nicht zu bemerken, dass es regnete. Ganz im Gegensatz zu...

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