Nur mit dir

 
 
dtv (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 21. August 2020
  • |
  • 304 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-423-43808-7 (ISBN)
 
"And I will try to fix you." Coldplay

Mit 8 Jahren verliert Roxanne bei einem tragischen Ereignis ihr Gehör: Psychogene Taubheit nennen es ihre Ärzte. Sie lebt daraufhin ein Leben in absoluter Stille. Das ist gar nicht so leicht. Vor allem als Teenagerin in einer kanadischen Kleinstadt mit den üblichen Mädchenproblemen. Dann geschieht das absolut Unfassbare: Sie trifft Liam und meint in seiner Gegenwart plötzlich wieder hören zu können. Doch sobald er nicht mehr bei ihr ist, kehrt die Stille zurück. Kann das überhaupt sein oder ist es nur Zufall? Vielleicht ist Liam ja Roxannes ganz persönliche Rettung?
weitere Ausgaben werden ermittelt
Emilie Turgeon ist eine Neuentdeckung für den deutschsprachigen Raum. Sie hat bisher drei Bücher für Kinder und Jugendliche veröffentlicht und arbeitet als Französischlehrerin.

KAPITEL 1


Wir wollen dem Herrn danken
(oder auch nicht)


In meiner Familie feiert man Thanksgiving. Ich weiß, das ist in Québec eher selten, aber meine Tante Laura besteht darauf. Sie ist praktizierende Katholikin, aber auf die moderne Art. Behauptet sie. Das heißt, sie geht nicht zur Messe, aber sie betet jeden Abend. Sie glaubt an die Evolutionstheorie und an Außerirdische, aber sie hält trotzdem alles für Gottes Werk. Sie glaubt ans Paradies und ans Fegefeuer, aber sie schwört, dass Gott in seiner Barmherzigkeit an die Hölle nicht mal gedacht hat.

Meine Tante Laura liebt es, wenn sich die ganze Familie am zweiten Montag im Oktober versammelt, um Bilanz zu ziehen über das vergangene Jahr und Gott für all das Gute zu danken, das uns widerfahren ist. Ich hingegen versuche oft, mir diese Sorte Familienfeste zu ersparen.

Meine Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen haben dann immer so einen mitleidigen Ausdruck, wenn sie versuchen, mit mir zu reden. Das ärgert mich. Weil ich taub bin. Unerklärlicherweise vollständig taub. Selbst wenn mir während des Jahres etwas Gutes widerfährt, habe ich keine Lust, mich bei wem auch immer dafür zu bedanken.

Meine Eltern und meine Brüder wollen jedoch nicht, dass ich das Gespenst der Familie werde. Die komische Cousine, die man nur einmal im Jahr ausführt. Es ist ihnen egal, dass ich in meiner Ecke sitze und lese, solange ich nur überhaupt dabei bin.

In diesem Jahr lassen meine Tante und mein Onkel ihre Küche renovieren, und die Arbeiten sind noch nicht abgeschlossen. Ausnahmsweise wird Thanksgiving bei uns stattfinden. Ich hätte Lust, mich in meinem Zimmer einzuschließen, aber dazu bin ich zu gut erzogen. Vielleicht kann ich mich nach dem Abendessen verdrücken.

Bis dahin muss ich meiner Mutter helfen. Laura, die uns immer extrem leckere Mahlzeiten vorsetzt, hat vorgeschlagen, dass sie kommt und hier bei uns kocht, aber meine Mutter hat behauptet, sie könne sich um alles kümmern. Ach, der Stolz .

Obwohl es noch nicht mal zehn Uhr ist, bin ich also dabei, einen Kürbis in Würfel zu schneiden. Mama bereitet die Füllung für den Truthahn vor, mit einer Menge Zutaten, die auf den ersten Blick nicht zusammenpassen. Sie füllt gerade die Mischung in den Steiß des Tiers und stupst mich mit dem Ellbogen an, um meine Aufmerksamkeit zu erregen.

»Die Tür«, sagt sie mit deutlichen Mundbewegungen und einem Kopfnicken zum Eingang und zeigt mir ihre eklig verschmierten Hände.

Ich gehorche und mache dem Besuch auf. Es ist Charlie, die Freundin meines Bruders Jim. Sie trägt einen baumwollenen Jogginganzug unter ihrem blauen Regenmantel und hat die Haare oben auf dem Kopf zu einem lockeren Knoten zusammengebunden. Dabei ist sie superhübsch. Das kommt daher, dass sie die ganze Zeit lächelt.

»Guten Tag!«, gebärdet sie. »Wie geht's?«

Seit fast vier Jahren geht Jim jetzt mit ihr. Die ganze Familie mag sie sehr. Ich finde sie prima, vor allem, weil sie versucht, in Gebärdensprache mit mir zu reden. Ich habe sie und Jim sogar dabei erwischt, wie sie sich in Gebärdensprache unterhielten, nur um zu üben.

»Hallo! Jim ist in seinem Zimmer.«

Charlie macht sich nicht mal die Mühe, den Mantel auszuziehen, und rennt die Treppe hinauf. Ich sehe, dass sie ihre Tasche mit dem Blumenmuster dabeihat, also wird sie hier übernachten. Da Jims Zimmer neben meinem liegt, denke ich, sie sind manchmal froh, dass ich taub bin .

Ich gehe in die Küche zurück und erzähle meiner Mutter, dass es Charlie war und dass sie zu Jim hinaufgegangen ist. Heute Abend hat mein Bruder den Auftrag, den Tisch festlich zu decken. Mama sagt oft, Laura sei eine gute Gastgeberin, weil sie uns immer großartig bewirtet, und es kommt nicht infrage, dass wir das nicht genauso machen. So etwas nennt man Stolz!

Die schwerste Aufgabe hat mein Vater bekommen: den Hausputz. Das Haus muss makellos und einladend wirken. Offensichtlich gehört es dazu, im Erdgeschoss die Fenster zu putzen. Alles muss glänzen und duften.

Mein großer Bruder Fred kommt am besten davon. Mama hat Mitleid mit ihm, weil er nachts arbeitet und erst gegen vier Uhr heimkommt. Er ist Barkeeper. Man muss ihn deshalb schlafen lassen. Aber ich beschwere mich nicht über meinen Platz in der Küche. Ich bereite gern mit Mama das Essen vor.

Vor dem Eintreffen der Verwandtschaft gönne ich mir noch eine kleine Ruhepause. Ich habe geduscht, saubere Sachen angezogen und mich ein bisschen geschminkt.

Meine Freundin Lucie sagt immer, nur weil man schlecht hört, muss man nicht hässlich sein. Auch wenn ich ihr im Prinzip zustimme, scheint mir, dass sie es ein bisschen übertreibt. Sie meint auch, mit meinen blonden Haaren und meinen großen blauen Augen hätte ich eine gute Ausgangsbasis. Deshalb begnüge ich mich mit unauffälliger Kleidung, einfachen Frisuren und etwas Mascara.

Ich bin gerade beim Lesen, als das rote Licht über meiner Tür zu blinken beginnt. Es ersetzt das »Klopf! Klopf! Klopf!«. Oder das »Ding! Dong!«. Eine Klingel für Hörbehinderte.

Ich stehe auf und öffne. Ich kriege einen Krampf im Bauch, als ich meine Tante sehe. Ich wusste nicht, dass sie schon da ist.

»Guten Tag, R-O-X-A-N-N-E

Laura hat Grundkenntnisse der Gebärdensprache im Internet gelernt, aber da sie keine Gelegenheit hat, sie zu üben, ist es immer mühsam. Am Ende nimmt sie in der Regel Papier und Bleistift und schreibt alles auf.

»Geht's dir gut?«, fragt sie.

Ich nicke und lasse sie herein in mein Zimmer. Sie geht einmal rasch herum, betrachtet neugierig jeden Gegenstand, dabei dreht sie sich mindestens sechsmal um und lächelt mich an. Vor meinem Bücherregal bleibt sie stehen und lässt ihre Finger über die Buchrücken gleiten, bis sie an dem einzigen Band hängen bleiben, den ich nicht vollständig gelesen habe. Die Hauptphasen der Trauer. Den hat sie mir vor fünf Jahren geschenkt.

Ich mag Laura gern, aber ihr deprimierendes Buch kann sie sich sonst wohin stecken. Im dritten Kapitel habe ich aufgehört zu lesen, dem Kapitel über die Wut. Ich hatte bisher noch keine Lust, weiterzulesen. Das merkt meine Tante, als sie das Buch auf der Seite öffnet, wo noch das Lesezeichen steckt.

Ich seufze möglichst unauffällig und setze mich auf mein Bett. Laura tut so, als schreibe sie etwas auf ihre Handfläche. Übersetzung: Sie will Bleistift und Papier. Natürlich!

»Ich kann von den Lippen ablesen«, erinnere ich sie und hoffe, dass meine Stimme nicht zu sehr zittert.

Sie nickt und setzt sich ans Fußende meines Betts, das Buch auf den Knien.

»Nimmst du heute Abend am Dankgebet teil?«

Ich zucke die Achseln. Laura weiß doch genau, wie ich mich fühle. Sie könnte begreifen, warum ich nicht darauf erpicht bin, dem Herrn zu danken.

»Ich bin sicher, es hat auch in deinem letzten Jahr schöne Momente gegeben, nicht?«

Ich zucke wieder die Achseln, während ich gleichzeitig nicke. Konversation ist definitiv nicht meine Stärke.

»Ich würde mich sehr freuen«, setzt sie nach.

Laura steht mit einem breiten Lächeln auf. Sie legt das Buch über die Trauer vor mich hin und klopft dreimal auf die Bettdecke. Ich weiß, sie möchte, dass ich bei diesem absurden Spiel mitmache, aber ich kann mich nicht dazu durchringen, meine Taubheit zu akzeptieren. Das wäre für mich, als würde ich anerkennen, dass es für mich keine Chance mehr gibt, jemals wieder zu hören.

»Kommst du mit hinunter?«

»Gleich.«

Laura lächelt mich an und geht. Ich lese schnell das Kapitel von Moby Dick zu Ende, in dem ich mittendrin war, als ich unterbrochen wurde. Der Roman kann auf meinem Bett liegen bleiben, aber das Buch über die Trauer muss wieder zurück an seinen Platz im Regal, bevor ich hinuntergehe.

Ich zucke zusammen, als ich ein paar Finger auf meiner Schulter spüre. Ich drehe mich um und sehe Fred, der als Friedenszeichen die Hände hebt. Wie man es vor einem erschrockenen Tier tut. Das hasse ich am meisten am Taubsein: nie zu wissen, was sich außerhalb von meinem Gesichtsfeld tut. Verärgert weise ich auf das rote Licht, um ihm zu zeigen, dass er sich hätte anmelden können.

»Was wollte sie?«, will Fred wissen.

Ich brauche zehn Sekunden, um zu begreifen, dass er von Laura spricht. Und fünf weitere, um mich zu fragen, warum ihn das interessiert.

»Sie will, dass ich .«

»Sag's laut!«, unterbricht er mich.

Ich seufze, diesmal überhaupt nicht unauffällig. Sosehr Jim es liebt, mit den Händen zu sprechen, so selten tut es Fred. Oh, er kann es, das ist nicht das Problem. Aber eines Tages hat Fred im Internet einen Artikel gelesen, dass viele Hörbehinderte die Gewandtheit zu sprechen verlieren und dass das ihre Beziehung zur übrigen Gesellschaft erschwert.

Mein Bruder will nicht, dass ich noch stärker isoliert werde, als ich es schon bin. Er verwendet immer die Stimme, wenn er mit mir spricht, damit ich meine Geschicklichkeit im Lippenlesen trainiere, und er verlangt, dass ich das ebenfalls tue, damit meine Stimmbänder aktiv bleiben. Das ist nett von ihm, aber auch sehr nervig.

Dennoch gebe ich jedes Mal nach.

»Sie will, dass ich am Dankgebet teilnehme.«

»Ich hab's geahnt.«

Fred schüttelt den Kopf. Auch er liebt Laura, aber er teilt meine Abneigung gegen das Dankgebet. Er sagt, es sei wie ein Wettbewerb. Wer hat die coolsten Dinge erlebt, die größten Heldentaten vollbracht?

»Zur Not brauchst du Gott...

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