Die Zeit der Ruhelosen

 
 
Ullstein Taschenbuchverlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 10. März 2017
  • |
  • 520 Seiten
 
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978-3-8437-1557-7 (ISBN)
 

Furios erzählt Karine Tuil von Menschen, die getrieben sind von dem Wunsch nach Anerkennung, Geld und Macht - und beinah tragisch daran scheitern. Ein grandioses Gesellschaftspanorama unserer Zeit.

Furios erzählt Karine Tuil von Menschen, die getrieben sind von dem Wunsch nach Anerkennung, Geld und Macht - und beinah tragisch daran scheitern. Ein grandioses Gesellschaftspanorama unserer Zeit. Der Aufstieg des brillanten Managers François Vély scheint unaufhaltsam. Bis seine Exfrau sich aus dem Fenster stürzt, als sie erfährt, dass er wieder heiraten will. Der Tragödie folgt die Entdeckung, dass seine neue Lebensgefährtin in eine Affäre mit einem Offizier verstrickt ist, der völlig traumatisiert aus Afghanistan heimkehrt. Außerdem wird Vély ein Mediencoup zum Verhängnis, man bezichtigt ihn des Rassismus und Sexismus. Als er persönlich und beruflich am Ende ist, ergreift ausgerechnet der Politiker Osman Diboula Partei für ihn - dabei ist Diboula bekannt als Wortführer gegen eine weiße gesellschaftliche Elite. Wenige Wochen später kommt es im Irak zu einer Begegnung aller Beteiligten, die für Vély fatale Konsequenzen hat.

• Nominiert für den Prix Goncourt, wochenlang auf der Bestsellerliste - eine der relevantesten französischen Autorinnen

• Lesung auf der lit.COLOGNE

• Ein kluger, hochaktueller Gesellschaftsroman über den gnadenlosen Wettbewerb um Macht und sozialen Aufstieg

weitere Ausgaben werden ermittelt
Karine Tuil, geboren 1972, Juristin und Autorin mehrerer gefeierter Bücher, darunter der Roman "Die Gierigen". Zuletzt erschien ihr vielbeachteter Roman "Die Zeit der Ruhelosen", der in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde. Karine Tuil lebt mit ihrer Familie in Paris.

1


Es ist keine Ladung Blei, die auf dich abgefeuert wird, du bist nicht gleich tot, aber es entstellt, es zersetzt, langsam, kalt, wie eine toxische, tödlich strahlende Substanz, die dich verwandelt. In was? In ein höheres Wesen, gepanzert, stoisch, durch nichts zu erschüttern, in etwas Resistentes, das eine Menge aushält, in einen harten Kerl in Metallrüstung, mit Augen, die tief eingesunken sind, weil sie zu viel Entsetzliches gesehen haben. In einen Menschen, der nichts zeigt, der nichts preisgibt, der undurchdringlich ist: Nein, geht schon, alles in Ordnung, kein Grund zu klagen, bin keiner von diesen Typen-die-gleich-umfallen, Typen-die-schnell-aufgeben, die sich vor Angst in die Hose machen, die dem eigenen Bild die goldene Aura nehmen, sich als untauglich erweisen. Brutal geht es zu, erbarmungslos, es geht dir tief unter die Haut, etwas wird endgültig abgeschliffen, manche beschreiben es als einen heftigen Schlag gegen den Kopf, gefolgt von einem unkontrollierten Schleudern, eine Art Frontalaufprall, der dich zerlegt - es ist der echte Härtetest, du fühlst dich ausgeliefert, es ist ein Schmerz, auf den niemand vorbereitet ist, niemand. Er kann jeden Moment hervorbrechen, er überfällt dich hinterrücks, er ist tückisch: Du hattest Wünsche, Träume, Pläne, du liebst, wirst vielleicht wiedergeliebt, welch ein Glück, genieße es, es wird nicht von Dauer sein, plötzlich brechen andere Zeiten an, jeder Protest ist sinnlos, stellt euch in Reihen auf, rückt vor, marschiert in das Unruhegebiet, begebt euch in den Käfig - der Härtetest hat etwas Animalisches an sich -, man lässt alles Weltstädtische hinter sich, jedes aggressiv-autoritäre Gehabe, vergessen die Macht des äußeren Erscheinungsbildes, das Übersprudelnde, die Jugendlichkeit - Begeisterung war gestern -, nichts ist mehr von Bedeutung nach der Kapitulation, aus dem Leben ist ein Lehrstück über Verlustbewältigung geworden.

Romain Roller kannte die Angst, er hatte sich mit der Zeit an sie gewöhnt, im Zuge seiner Ausbildung gewissermaßen, denn in einem Alter, in dem seine Kumpel sich kleine Jobs an Land zogen, Wachmänner, Chauffeure oder Sporttrainer wurden, in einem Alter, in dem die Ehrgeizigen am anderen Ende der Stadt ihre berufliche Zukunft wie eine langfristige Investition planten, war er zur Armee gegangen, zur Gebirgskommandogruppe, die dem Gebirgsjägerbataillon der Gebirgsbrigade unterstellt war. Dort war er in den Rang eines Oberleutnant aufgestiegen - und wohin hatte ihn das gebracht? In den Kosovo, nach Mitrovica, wo er gesehen hatte, wie brennende Menschen aus ihren Häusern rannten oder sich aus den Fenstern stürzten, nachdem jemand Molotowcocktails in ihre Wohnung geworfen hatte, Menschen, die mit allen Mitteln zu überleben versuchten, weil niemand freiwillig stirbt, das war es vor allem, was er im Krieg gelernt hatte.

In Bouaké an der Elfenbeinküste wurde ein Feldlager französischer Soldaten auf Friedensmission von einem Flugzeug des ivorischen Präsidenten bombardiert, wobei neun französische Soldaten und ein Amerikaner starben. In Zentralafrika lagen verwesende Leichname herum, mit Macheten zerstückelt, umgeben von olivengroßen Fliegen, die laut wie Kettensägen surrten, ganze Familien lagen da, Männer, Frauen, Kinder, Opfer ethnischer Konflikte.

Danach glaubst du, gegen alles gewappnet zu sein, du bist immer noch imstande, ohne Beruhigungsmittel und Alkohol einzuschlafen, du wirst nicht mitten in der Nacht durch Bilder von Massengräbern aus dem Schlaf gerissen, du hast Wünsche und Sehnsüchte, du gehst aus, du redest, ja, schon, aber wie lange noch, wie lange? Denn du kannst das Elend dieser Welt in unzähligen Variationen kennengelernt haben, wenn du nicht in Afghanistan warst, hast du nichts gesehen .

Die Hölle von Afghanistan. Du bist überwältigt von der Natur, ihrer Vielfalt, den versteckten Höhlen, der Schroffheit, alldem, womit dein Feind bestens zurechtkommt und was du dir erst vertraut machen musst, denn er kennt die Gegend besser, als du sie je kennenlernen wirst - das weite, von Schluchten durchzogene, hügelige Terrain mit den kreideweißen Gipfeln des Hindukusch im Hintergrund, die sternenklaren Nächte, diese Postkartenlandschaft. Den von dichten Obstgärten gesprenkelten Grüngürtel, die üppige Vegetation, in die du vordringst, immer mit einem Stoßgebet auf den Lippen, dass dir bitte keiner eine Kugel in den Kopf jagen möge, und natürlich passiert es doch, es wird geschossen, Handgranaten werden gezündet, du siehst nichts, dein Gegner haut ab, verkriecht sich irgendwo, wartet in aller Ruhe ab. Er hat nur eines im Sinn: Wunden zufügen. Dieses Land ist eine Bombe, verstehst du?

Und alle haben den Finger am Abzug: der Taliban, der in seinem Versteck darauf lauert, dass du auftauchst, der Kundschafter, der vor deiner Basis steht und in einem Kauderwelsch, das dich nervös macht, mit dir zu sprechen verlangt, das Kind, das mit seinem entwaffnend offenen Blick auf dich zukommt, dabei kannst du dir nie sicher sein, ob es eine geladene Waffe in seinen Shorts versteckt oder nur ein Bonbon will, der Bauer, der zuckersüße, saftige Pflaumen aufliest und dir eine anbietet, du bist schwer in Versuchung, aber du weißt nicht, ob das gut ist. Sie ablehnen? Damit demütigst du ihn, denn in einem Land, in dem die Ehre so großgeschrieben wird, könnte er dadurch in die Arme der Aufständischen getrieben werden. Sie annehmen? Das birgt die Gefahr, ein anderes Erzeugnis verpasst zu bekommen, nämlich eine blaue Bohne.

Mit wem telefoniert der Afghane, der mitten auf der Straße steht und eurem Konvoi den Weg versperrt? Sein Handy könnte der Fernzünder für eine Bombe sein, aber woher sollst du das wissen, von deinem Platz im Fahrzeug aus kannst du es nicht erkennen, welche Entscheidung ist also die richtige: Ihn nicht weiter zu beachten? Ihn auf offener Straße zu erschießen? Dein Kampfeinsatz ist legitim, moralisch vertretbar, legal. Der Soldat der afghanischen Armee, den ihr ausbilden sollt, ein sanfter, freundlicher junger Mann, dem deine Männer ausführlich erläutern, wie man eine Kalaschnikow bedient, könnte ein eingeschleuster Aufständischer sein. Woher weißt du, dass er es nicht ist? Dass er nicht bei einer Operation seine Waffe gegen dich richten oder dich im Schlaf umbringen wird? Dass er dir nicht mit einer Axt den Schädel spalten wird, so wie es Roller bei einer Zusammenkunft mit afghanischen Stammesältesten erlebt hat - bang! Ein Schlag auf den Kopf eines fünfundzwanzigjährigen Kanadiers, dessen Gehirn auf die Anwesenden spritzte. Auf der Rückfahrt zur Basis sprach niemand ein Wort, alle stellten sich tot, sie sahen nicht - nein, sie wollten nicht sehen -, dass Fleischfetzen an ihren Jacken und Haaren klebten, sie sahen nicht - nein, sie wollten nicht sehen -, dass auch die Hartgesottensten unter ihnen zitterten, als hätte man sie auf einen Presslufthammer gestellt. Roller dachte selbst in diesem Moment an die Einsatzregeln - das nennt man Kaltblütigkeit, Selbstbeherrschung - und rief den Soldaten in Erinnerung, dass sie ihren Frauen, Freunden, Eltern nichts davon erzählen durften.

Am Abend antwortest du deshalb vor dem PC auf die Frage »Wie fühlst du dich?« mit »Gut. Sehr gut. Supergut.« Lüg sie an. Lüg sie an, wenn sie dich fragen, wie deine Stimmung ist, ob du die Hitze verträgst, den Druck, die Schutzweste, das Gewicht der Ausrüstung. Lüg sie an, wenn sie wissen wollen, warum du einen Verband um die Hand trägst. Lüg sie an, wenn sie dich mit Fragen bestürmen: »Hast du die Müsliriegel bekommen, die ich dir geschickt habe?« Antworte: »Ja, ja, sie waren köstlich«, auch wenn du seit drei Tagen nichts mehr zwischen die Zähne bekommen hast. Anschließend kannst du zusammenbrechen und dich auskotzen, aber allein, unter der Dusche, wenn die Fleischfetzen des Kanadiers den Abfluss verstopfen, wenn ein Teil von dir zu zerfallen droht, wie ein Körper, der in ein starkes Lösungsmittel geworfen wird.

Könnte der Übersetzer, der euch seine Dienste anbietet, nicht ein von den Taliban ferngesteuerter Spion sein, eine Geisel, die unter Zwang handelt? Es ist ein Leichtes, ihn zu erpressen, indem sie damit drohen, seine Familie zu töten, falls er nicht mit ihnen zusammenarbeite, sie wissen, wo sie wohnt, sie kennen den Namen seines Vaters und seiner Schwester, du weißt, was wir deiner Schwester antun können, ja, er weiß es, sie werden ihr eine Kugel in den Kopf jagen oder sie mit Säure bespritzen, ein Strahl ins Gesicht, und sie ist für immer entstellt, als abschreckendes Beispiel. Der Übersetzer, der zu Anfang der Mission auf eurer Seite steht, könnte zwei Monate später ohne weiteres ins Lager der Feinde überwechseln, weil er Angst hat. Ja, mach dir besser gleich klar, dass die Angst da unten alles beherrscht. Und dann liegt vielleicht ein Leichnam mitten auf der Straße, der mit Sprengstoff vollgestopft ist, oder diese kleine Ziege mit dem Glöckchen um den Hals trottet hinter dir her, oder ein Selbstmordattentäter taucht mitten in einem Gelände auf, das ihr gerade sichert, und rennt auf dich zu, als wärst du das schönste Mädchen der Welt, als hätte ihn die Liebe wie der Blitz getroffen, aber den tödlichen Schlag verpasst er dir, der Mistkerl . Du glaubst, du kannst inzwischen mit dem ganzen Horror und dem Stress und dem alles zersetzenden, verhängnisvollen Hass umgehen, du wirst deine Angst vor den selbstgebauten Sprengfallen nie ablegen können, die man hier IED nennt, improvised explosive device, und die in Afghanistan der Feind Numero eins sind, schlimmer als die Jagdflugzeuge, denn wenn du darauf trittst oder fährst, werden dir mindestens die Hände, die Arme oder ein...

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