Das Ende des Liedes

Erzählung
 
 
Unionsverlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 15. Februar 2019
  • |
  • 160 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-293-30346-1 (ISBN)
 
Die dreizehnjährige Dombuk versucht mit all ihrer Willenskraft eine Stute, die ihr Fohlen verloren hat, dazu zu bringen, ein verwaistes Fohlen anzunehmen. Nicht nur ihr Wissen über die Tiere hilft ihr dabei, sondern auch Lieder, mit denen sie die Stute beschwört. Aber ist sie selbst nicht genauso allein wie das Fohlen? Seit dem Tod der Mutter ist der Vater oft tagelang unterwegs. Dombuk muss sich allein um die drei jüngeren Geschwister kümmern. Doch eines Tages stellt Gulundscha, die Jugendliebe ihres Vaters Schuumur, ihre Jurte ganz in der Nähe auf. Der flieht zwar vor seiner Jugendliebe und will seine Jurte so schnell wie möglich abbrechen. Aber Dombuk hat genug von der Einsamkeit.
  • Deutsch
  • Zürich
  • |
  • Schweiz
  • 2,97 MB
978-3-293-30346-1 (9783293303461)
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Galsan Tschinag, geboren 26.12.1943 in der Westmongolei, ist Stammesoberhaupt der turksprachigen Tuwa. Von 1962 bis 1968 studierte er Germanistik in Leipzig, seither schreibt er viele seiner Werke auf Deutsch. Er lebt den größten Teil des Jahres in der Landeshauptstadt Ulaanbaatar und verbringt die restlichen Monate abwechselnd als Nomade in seiner Sippe im Altai und auf Lesereisen im Ausland. Galsan Tschinag wurde mit vielen Auszeichnungen, darunter das Bundesverdienstkreuz, geehrt.

Gib deine weiße, weiße Milch, Mutter!

Lösch den roten, roten Brand aus,

Den Durstbrand, der brennt auf der Zunge,

Auf der Zunge deines armen Kindes,

Guruj-guruj-guruj!

Die Stimme des Mädchens klang hell, einsam und aufwühlend. Doch die Mutter, die blaugraue Stute, blieb in der Haltung, in der sie nun schon den zweiten Tag stand: mit gesenktem Kopf und geschlossenen Augen; ihre Unterlippe berührte fast das tote Fohlen, das erstarrt dalag, dessen Beine sich vom Boden abhoben und gleich Aststummeln eines toten Baumes gen Himmel zielten. Das andere, das lebendige Fohlen schien entmutigt, wagte nicht mehr, sich dem Euter der fremden Mutter zu nähern. Es stand widerstrebend und leise zitternd dort, wo man es festhielt: unter dem Bauch der Blaugrauen, und schielte abwechselnd bald auf die Zitzen und bald auf die behuften Füße vor sich, welche, wären sie nicht gefesselt gewesen, es längst hätten zertrümmern und zerfetzen können. In langen Abständen gingen die Augen der Stute auf, es kamen Tränen, und ein durchsichtiger, heller Ring über jedem der Augäpfel schwoll an, lief zu einem Tropfen zusammen und fiel dann glitzernd auf das Fohlen herab. Doch die Tränen waren nicht das Ergebnis des Gesanges. Das Ziel der menschlichen Bemühungen war die Herstellung einer Brücke zwischen den Tränen, die seit zwei Tagen und Nächten flossen, und dem Gesang, der seit den Morgenstunden klang. Es war inzwischen später Nachmittag geworden, und der Gesang ging und floss an den Tränen vorbei, er verschwendete sich sinnlos wie jene auch. Die Stute blieb unerschütterlich. Sie war unbeeinflussbar. Der Panzer, hinter dem sie ihre Tierseele versteckt hatte, war nicht zu durchdringen, und so war die Seele, auf die der Gesang zielte, unerreichbar. Noch mehr: Die Strophen, die das Mädchen aus dem Stegreif erfand und in Melodie verwandelt auf die Stute hinsang, vermochten nicht nur den Panzer nicht zu durchbrechen, sie schienen auch darauf haften zu bleiben, als eine Art Schutzschicht zu erhärten und so der Sache eher zu schaden als zu helfen. Denn mit der Stute ging eine Veränderung vor sich: War sie am Anfang, als sie das Maul des fremden Fohlens an ihrem Euter spürte, wiehernd davongesprungen und hatte nach ihm ausgeschlagen und darauf jedes Mal, wenn sie seinen Atemhauch witterte, gezittert wie vor einer großen Gefahr, so stand sie nun still und teilnahmslos da, schien betäubt und erstarrt.

Gib deine weiße, weiße Milch, Mutter!

Erhelle damit die schwarze, schwarze Nacht,

Die Seelennacht, die brütet über dem Leben,

Über dem Leben deines armen Kindleins,

Guruj-guruj-guruj!

Die Stute blieb taub, ihr Körper war erstarrt, ihre Seele erkaltet, sie war uneinnehmbar, ein Fels. Und da es so war, so schien dem Mädchen, waren auch Himmel und Erde erstarrt, selbst der Wald, der grünte, selbst der Fluss, der floss, selbst der Wind, der blies, selbst diese harrten stumm und reglos. Ihr Gesang war machtlos. In Wirklichkeit war die Natur, das große Leben ringsum, unberührt von den Leiden einer Tiermutter, vom Schicksal eines Tierkindes und von den vergeblichen Mühen eines Menschen, wir wissen das.

Am Himmel war ein mächtiges Spiel im Gange: Wolken waren zurückgekehrt und mit ihnen Vögel, und beide, aus zwei Himmelsrichtungen gekommen, schienen noch keine Ruhe zu finden, die Bewegung, die Wanderlust und -sucht, die sie hergetrieben hatte, schien noch unverbraucht. Die Grauenten, die die kleinsten und beweglichsten waren in der bunten Schar, erschienen unter dem sich verdichtenden und brodelnden Wolkenmeer, je nachdem, ob das Licht oder der Schatten sie trafen, bald glitzernd hell, bald schwindend dunkel, und so strahlte ihr Flug spielerische Heiterkeit auf den Fleck Erde aus, auf dem sie zum Leben erweckt und zu dem sie nun zurückgekehrt waren. Auch die anderen Vogelarten, Rot- und Graugänse, Rostenten und Schwäne, die Möwen und Kraniche schwebten zwischen Licht und Schatten, und dieses ihr Treiben mutete von unten, von der Erde aus gesehen, sehr wie ein Spiel an. Das konnte die in Bewegung, in Farben gesetzte Freude des Wiedersehens zwischen zwei verschiedenen Formen des Daseins ein und desselben Urstoffes sein. Der Fluss stürzte noch in der Wucht der Geburt, des Ursprungs, tosend und krachend in das Tal hinab, schlug flatternden, lodernden Schaum an Geröllsteine, an Felsklippen, an die uralten Lärchen mit den kahlen, blaudunklen Wipfeln, die wie zum Trotz mitten im Fluss gewachsen waren und nun unerschütterlich fest standen. Die Wälder klebten wie Flecken an den sonnengeschützten Nordhängen der Berge und grünten, sie grünten in kaum wahrnehmbare blaue Schleier gehüllt und rauschten, also lebten sie, also bestanden sie die Herausforderung der Zeit weiterhin, also setzten sie ihr Dasein fort.

Zwischen Fluss und Wald, am steinigen Berghang auf dem Steilufer, stand eine einsame Jurte, und wenige Schritte vor ihr, am Rand der Hürde, spielte sich das ab, was eingangs geschildert wurde. Es war der Kampf zwischen einem Menschen und einem Tier um das Schicksal eines weiteren Tieres, zunächst. Einem Fohlen war die Mutter und einer Stute das Kind verendet, und nun arbeitete man, um die Verwaisten aneinander zu gewöhnen, um dem Tierkind das Leben zu retten und der Tiermutter die Leiden zu lindern. Und hier sei auch ein erstes Licht auf die Jurte, ihre Bewohner und ihr Schicksal vorausgeschickt: Es war eine sechswandige, das heißt, eine große, stattliche, wohlgeformte und recht helle Jurte. Nur schien ihr etwas, irgendetwas zu fehlen, doch dies, dieses gewisse Etwas herauszufinden und zu benennen, war auf den ersten Blick nicht möglich. Die Jurte gehörte einem Mann namens Schuumur und seinen vier Kindern; die Frau und Mutter war ihnen vor einem Jahr gestorben. Das Mädchen, das mit der Stute kämpfte, hieß Dombuk und war das älteste Kind unter den Geschwistern, sie galt als 14-jährig, die neun Monate im Mutterleib und das erst vor Kurzem angebrochene Mondkalenderjahr hinzugerechnet.

Gib deine weiße, weiße Milch, Mutter!

Lindere damit das bittere, bittere Leid,

Das Schreckensleid, das schreit aus der Kehle,

Aus der Kehle eines armen Waisenkindes,

Guruj-guruj-guruj!

Selbst die Felsen des Erik-Arga gaben als Echo eine Antwort. Nur die Stute blieb taub. Die Zitzen an ihrem prallen Euter hingen leer und kalt herab. Die Stute war tot, wie tot. Der Gesang brach ab. Dombuk sagte: »Schluss!« Das war mehr gezischt als gesprochen. Darauf blickte sie hinauf in den Himmel, fasste sich mit beiden Händen am Hinterkopf, dort, wo unter einem verblichenen Kopftuch ein Paar bläulich schwarzer Zöpfe hervorsprangen. Dabei kniff sie die Augen zu zwei dunklen Strichen zusammen und benetzte die Lippen mit ihrer schmalen hellen Zunge. Sie kämpfte gegen die Schmerzen, die vom Zusammenspiel zweier Gewalten, Hass und Mitleid, kamen: Hass auf diese harte Mutter, auf alles Harte und Mitleid mit dem Waisenfohlen, mit allen Waisenwesen. »Schluss!«, sprach sie wieder, das klang inbrünstig wie ein Gebet. Dabei riss sie die Augen weit auf und fletschte die Zähne. Die Augen, die angefangen hatten, die angeborene Schwärze zu verlieren und einen rötlich braunen Schimmer anzunehmen, wie immer bei schwarzhaarigen tuwinischen Mädchen mit der einsetzenden Umstellung des Körpers auf das Frauendasein, wirkten wieder schwarz, schwarz und unnatürlich groß. Schluss: das bedeutete vorläufig eine Niederlage. Aber gerade darum musste das eine folgenschwere Entscheidung für die Stute sein, die beschlossen haben mochte, in der großen Trauer zu verharren.

»Dongur und Tasaj!«, rief Dombuk in einem fast großmütterlich-herrischen, jedoch wieder kindlich überstürzten Ton. Auf den Ruf hin kamen zwei Jungen, etwa acht und fünf Jahre alt, aus der Jurte hinausgestürzt, rechts und links unter der herabhängenden Filztür, beide gleichzeitig. Die Kinder kamen gerannt wie in freudiger Erwartung. Angekommen, wechselten sie Blicke, unterdrückten aufkommendes Keuchen, wurden leise und klein. Oft ist es das Schicksal einer älteren Schwester, die Mutterstelle im Leben einzunehmen. Sie sieht dann in der Erfüllung der Pflichten und im Genießen der Rechte einer Mutter die vorläufige Krönung der Ziele ihres Lebens. So war es auch bei Dombuk. Und so war es nur allzu natürlich, dass sie das Benehmen ihrer jüngeren Brüder inquisitorisch genau verfolgt hatte. Doch tat sie nun so, als wäre daran nichts auszusetzen gewesen, obwohl sie missbilligend festgestellt hatte, dass sich die Brüder gleichzeitig durch die Tür hindurchgezwängt hatten, wo es sich doch gehörte, die Schwelle in Ruhe und in Reihenfolge zu überschreiten. Dongur vor allem, der Ältere, der für den Jüngeren ein Vorbild hätte sein müssen, hatte die falsche, die rechte Türseite benutzt, und das hätte sehr gut für eine ordentliche Kopfwäsche gereicht.

»Gefällt wird das Aas!«, sprach sie zu den Brüdern im Ton einer Richterin und dann zu der Stute gewandt: »Erst verfrisst du deine eigene Brut, nun willst du auch den Nachkömmling einer anderen, besseren Mutter zugrunde richten, du alte Nutte!«

Während sie dies sprach, kam sie in Schwung, glühte vor Zorn und legte los: »Das bildest du dir vielleicht ein, aber ich werde es dir zeigen, du Wolfsfraß! Gebunden werden dir alle viere, dass dir die mürben Knochen krachen! Eher lass ich...

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