Schönwetter

 
 
Books on Demand (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 3. Juni 2020
  • |
  • 192 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7519-4647-6 (ISBN)
 
Das Leben besteht aus Erzählungen - von Humor und Unterhaltung über Erotik und Mythologie bis zum Horror.
1. Auflage
  • Deutsch
  • 0,33 MB
978-3-7519-4647-6 (9783751946476)
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Geboren in Mondsee, Oberösterreich, aber seit Beginn der Schulzeit in Wien. Vor der Pensionierung als Lehrer für Latein und Englisch an einem Wiener Gymnasium tätig. Nebenbei Verfassung von Gedichten, Erzählungen und Theaterbearbeitungen. Außerberuflich als Schauspieler, Sänger und Regisseur aktiv.

Der weiße Hengst


Der weiße Hengst war schon längst hinter einem undefinierbaren grünen Horizont verschwunden. Oder war es nur so, dass der Prinz abgestiegen und bürgerlich geworden war, so dass die Schatten der häufig am Himmel stehenden Wolken ungehindert auf das Pferd fallen und sein Weiß in ein mildes, aber nicht wegzuleugnendes Grau verwandeln konnten?

Schneewittchen saß, umringt von barocken oder ein bombastisches Barock imitierenden improvisierten Klängen, schmal in einer unbequemen hölzernen Kirchenbank und war ihrem Märchen entrückt. Wenn sie wenigstens die Erinnerung an sieben Zwerge gehabt hätte; aber sie teilte mit so vielen Frauen das Schicksal, vom vielversprechenden Hufgetrappel eines königlichen Pferdes und eines ebensolchen Reiters nur einen Mann geerbt zu haben, ohne Krone und ohne Schwert, einen Mann, der sie nicht in Weiß, Rot und Gold aus dem Tod durch vergiftete Äpfel in das echte, wahre Diesseits trug, in dem alle die noch leben, wenn sie nicht gestorben sind; einen Mann, der selbst getragen werden wollte, gehalten, gezügelt.

Deshalb war ja auch der weiße Hengst nicht gegen den Horizont zu galoppiert, beeindruckend, eine riesige Staubwolke hinter sich erweckend, die, als sie zwischen dem linden Wind und der wuchernden Erde einschlief, den Anblick auf einen grünen, leeren Horizont freigab, vor dem kein Pferd mehr zu sehen war. Nein - sie selbst war, als jener Hengst kam und seine gar nicht prinzliche Last auf sie hernieder ließ, am Horizont gestanden, und es hatte nur eines einzigen, humpelnden Hufschlags bedurft, um das knöchrige, wolkengrau schattierte Ross aus ihrem Anblick verschwinden zu lassen. Aber sie hatte die weichen, armen Nüstern des Tieres geliebt und gewusst, dass sie mit einem strahlenden, adeligen Pferd ohnehin nichts anfangen hätte können. Streicheln hatte sie das triefende Maul und die schmale Kruppe wollen, sich in die dünne Mähne krallen, und danke sagen für die Tatsache, dass ihr kein Prinz beschert war.

Nur in der Erinnerung, in dieser harten, jede Andacht unterbindenden Kirchenbank, in der Umgebung dieser Orgelakkorde, die sie auf eine eigenartige Weise nicht berührten, da wich der Horizont zurück und etwas Weißes schien noch dort zu schimmern. War es ein Pferd?

Verschwunden war der Hengst kindlicher Abende, der Hengst, der aus den Seiten eines Buches aufstieg, aus dem man ihr vorlas, der sich löste aus einer halbdunklen Ecke des Zimmers, sich bäumend und doch auch schmiegend unter ihre Decke wand und ihre zufallenden Augenlider aus der Wirklichkeit trug.

Annemarie war erwachsen geworden.

Ihr Mann saß oben auf der Orgelempore und verfing sich in seiner Musik. Er hatte das Orgelspiel nie wirklich erlernt, aber durch eine große Anzahl seiner sechsunddreißig bisher gelebten Jahre zog sich der Wunsch, einmal an so einem Instrument zu sitzen und eine leere, sein Können also nicht messende Halle mit Klängen zu füllen, die nicht geschrieben waren, die für den Augenblick entstanden und mit dem letzten Nachhall, dem letzten rollenden Echo für immer vergingen. Hier in der kleinen, an den Berg geschmiegten Kirche von Pitten hatte er endlich die Gelegenheit dazu gefunden. Durch ein zufälliges Gespräch mit jemandem, der wiederum den Mann kannte, mit dessen Hilfe man an den Schlüssel herankam, hatte er Zutritt erhalten zu der Kirche und dem Instrument, und jetzt übertönte er mit mächtigem Forte das, was bei leiserem Spiel offenbar geworden wäre an Mängeln sowohl der Orgel als auch seiner Fertigkeit. So fühlte er sich der Orgel fast brüderlich verwandt, und in herrlichem Einverständnis brüllten, trompeteten und donnerten sie ihre Lebensfreude in die Tiefe des Kirchenschiffs, dass die bunten Fenster vibrierten und das Ewige Licht nervös flackerte.

Ab und zu, wenn er einige leisere Akkorde oder Läufe in sein Spiel einstreute, kam es schon vor, dass der eine oder andere Ton sich verhaspelte, dass die Wendigkeit seiner Finger nicht mit dem Tempo seines kompositorischen Wollens mitkam, und auch die Orgel ächzte dann und stöhnte, man konnte förmlich hören, wie die altersschwache Apparatur, die zwischen den Tasten und den Pfeifen die nötige Verbindung herstellte, an die Grenzen ihrer Möglichkeiten ging, diese schnell erreichte, und weiter hetzte von Ton zu Ton, bis der gnädige Organist sie wieder entließ in die sich hinter freudigem Crescendo wohlfühlende Anonymität.

Sonst diente die Orgel ja zur Begleitung des Gesanges, zu dem die Kirchenbesucher ihre Stimmen vereinten. Da war es leicht zu glänzen. Da achtete keiner auf Schwächen. Da war jeder froh, ein Instrument zu haben, an dessen verlässliche Stütze er seine Stimme anlehnen konnte.

Aber das alleinige Konzertieren war die Sache dieser Orgel nicht. Mit dieser Erkenntnis, die allerdings spät kam und im Übrigen das Vergnügen des Spielen-Dürfens nicht sehr trübte, modulierte Norbert Zauner, Annemaries Mann, um einfach zu spielendes C-Dur herum in Richtung auf einen pseudoklassischen Schluss, dessen letzten Akkord er auskostete wie den letzten Tropfen eines edlen Getränks, lehnte sich zurück, und atmete tief durch. Als Bub hatte er sich oft in dieser Situation gesehen. Dann hatte - nach einigen Sekunden ergriffenen Schweigens - Applaus um ihn her gebrandet und er hatte Tränen in den Augen derer sehen können, die seinem Spiel gelauscht hatten.

Doch auch jetzt, als er nur dem Schweigen gegenüber saß, durch das er aus der Tiefe der Kirche Annemaries unverkennbare Schritte hören konnte, war Norbert glücklich. Sorgfältig versperrte er die Orgel, verließ über knarrende Bretter die kleine Empore, und stieg über eine dunkle Wendeltreppe in den Vorraum der Kirche hinunter, wo er auf den Mesner traf. Mit herzlichem Dank gab er diesem den Schlüssel zurück und verbot sich ausdrücklich, sich auszumalen, was der Mann dachte.

Norbert fand seine Frau in einer kleinen Seitenkapelle, wo es die Möglichkeit gab, Kerzen vor irgendeinem durch die Jahrhunderte dunkel gewordenen Heiligenbild anzuzünden. Einige verschieden große Wachsstummel brannten noch auf einem großen schmiedeeisernen Gerüst, die meisten aber waren ausgegangen und warteten, formlose Reste und Spritzer von Wachs, auf jemanden, der sie mit einem Werkzeug wegkratzte oder auf ihnen eine neue Kerze befestigte.

Annemarie neigte zu solchen Dingen; lächelnd und mit einer Wärme ums Herz, die sich mit seiner schon vorher empfundenen Freude zu einem richtigen Glücksgefühl addierte, beobachtete Norbert seine Frau, wie sie einige Sekunden lang in das von ihr soeben entzündete Feuer blickte, oder durch dieses hindurch, wobei er, hinter ihr stehend, nicht sehen konnte, ob sie die Augen auch wirklich offen hatte. Norbert liebte ihre großen, schönen Augen, wenn sie bei Kerzenlicht in tiefem Glanz erstrahlten. Das war immer ein glücklicher Glanz, denn Kerzen waren für sie beide ein Symbol der Harmonie und Freude, sodass Norbert sich gar nicht vorstellen konnte, wie es aussehen würde, wenn im Schein trauter Kerzen Tränen und Zorn die liebe Spiegelung in Annemaries Augen zerrissen.

Norbert wusste, dass seine Frau sich immer etwas ganz intensiv wünschte, wenn sie eine Kerze in einer Kirche anzündete. Das war schon so gewesen, als sie sich noch kaum kannten. Zu einer Zeit, als er sie noch wie ein neues Spielzeug stolz in seinem Freundeskreis herumzeigte, damals, als er sein Chemiestudium beendet und gerade die Anstellung in der Brauerei bekommen hatte, als sie mit ihren knapp zwanzig Jahren kaum mehr war, als fünf, sechs vor ihr schon gewesen waren, damals schon hatte sie es ihm gestanden.

"Verachtest du mich jetzt?"

Diese Frage war so typisch für sie; so oft an der Grenze ihres eigenen Selbstbewusstseins und der Gabe, sich ganz unter seine Anforderungen zu schmiegen, und mit der koketten Art und Weise, eine Frage wie diese so zu stellen, dass im Tonfall die Gewissheit mitklang, sein Gefühl müsse nicht Verachtung, sondern um so größere Liebe sein.

"Wegen einer Kerze?" hatte er gefragt. "Nein, warum soll ich dich deswegen verachten? Ich liebe dich."

Womit sie wieder einmal recht gehabt hatte und sie ihr Liebesspiel, in dessen Verlauf sie ihm die Sache mit den Kerzen ganz unvermittelt gestanden hatte, umso inniger und leidenschaftlicher fortsetzten.

Damals hatte sie sich, schon zu diesem sehr frühen Zeitpunkt, gewünscht, es solle alles so bleiben zwischen ihnen. Ein Leben mit ihm hatte sie sich und ihm gewünscht. Ihren Beitrag zu leisten, war sie bereit, und um seinen, um dieses kleinwinzige zustimmende Wiehern des buntscheckigen Märchenrosses, hatte sie durch die Flamme der Kerze hindurch gebetet, an jenem kühlen Herbsttag vor fünf Jahren, in der Votivkirche in Wien, die mit ihren neugotischen Türmen den erst kaum gewagten, dann aber doch das Herz erfüllenden Wünschen Pate gestanden war.

Als Norbert jetzt hinter ihr stand, in der viel kleineren, herzigeren Kirche in Pitten, so viele Realitäten wie unerfüllte Wünsche von der Votivkirche entfernt, als er sie jetzt beobachtete, konnte er den humoristischen Gedanken, der...

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