Eine ganz normale Affäre

Roman
 
 
eBook Berlin Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 8. Juni 2015
  • |
  • 368 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8270-7822-3 (ISBN)
 
Eine Trennung, eine große Liebe und eine Familie vollerimpulsiver Persönlichkeiten: Als Guy Stockdale, ehrwürdigerund erfahrener Richter, sich mit zweiundsechzig Jahren scheidenlassen will, um seine junge Geliebte zu heiraten, gibt eseinen Riesenskandal in der Familie. Wie soll seine Frau Lauraplötzlich allein zurechtkommen? Sein Sohn Simon ist außersich vor Wut. Nur Carrie, Simons Frau, beginnt auf einmal,sich für die geheimnisvolle junge Anwältin Marrion zu interessieren... Ein Familiendrama, so charmant und raffiniert,wie es nur Joanna Trollope gelingt.
  • Deutsch
  • Munich
  • |
  • Deutschland
Berlin Verlag
  • 0,65 MB
978-3-8270-7822-3 (9783827078223)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Joanna Trollope schreibt seit dreißig Jahren Romane, die in Großbritannien regelmäßig an der Spitze der Bestsellerlisten stehen und von denen einige verfilmt wurden. Sie lebt in London und Gloucestershire.

2

Merrion Palmers Vater war gestorben, als sie drei war. Er hatte als Ingenieur für eine Baufirma in Süd-Wales gearbeitet. Eines Abends war er von der Arbeit heimgekommen und hatte über starke Kopfschmerzen und einen seltsam steifen Hals geklagt. Innerhalb von sechs Tagen war er an Meningitis gestorben. Merrion wusste nie so recht, ob sie sich wirklich an ihn erinnern konnte oder ob es nicht all die Fotos von ihm und Einzelheiten aus den Erzählungen ihrer Mutter waren, die sie verinnerlicht hatte und die sich zu etwas verdichtet hatten, das einer Erinnerung so nahe kam, dass sie den Unterschied nicht mehr feststellen konnte.

Sie sah ihm ähnlich, so viel stand fest. Er war groß gewesen, mit kräftigen Schultern und langen Beinen, hatte dickes, dunkles Haar gehabt und ein Gesicht, dessen Charme eher auf Persönlichkeit als auf regelmäßigen Zügen beruhte. Er war sehr geradeheraus, sagte ihre Mutter, bei ihm wusste man immer, woran man war, und seine Energie hätte ausgereicht, um eine Rakete anzutreiben. Und komisch war er, sagte sie, er verfügte über einen feinen Sinn für das Lächerliche. Als Kind hatte Merrion neben ihrem Bett ein Foto von sich zusammen mit ihrem Vater stehen gehabt. Sie war ungefähr zwei, trug ein Kleid, an das sie sich besser erinnern konnte als an den Anlass, ein rotes Sommerkleidchen mit weißen Tupfen, und sie saß auf seinem Knie und blickte sehr ernst in die Kamera. Auch ihr Vater blickte ernst in die Kamera, und er hatte das winzige Sonnenhütchen auf, das zu Merrions Kleid gehörte. Es sah aus, als hätte man eine Münze auf einer Pampelmuse platziert.

Nach seinem Tod heiratete Merrions Mutter wieder, und zwar sehr rasch. Sie heiratete den besten Freund ihres Mannes, der zu diesem Zweck seine Frau verließ und mit Merrion und ihrer Mutter nach Frankreich übersiedelte. Er war ein kleiner Immobilienmakler und plante, sich als Vermittler zwischen französischen Bauern, die Höfe und Scheunen zu veräußern hatten, und englischen Käufern auf der Suche nach Wochenendhäusern zu betätigen. Merrion erinnerte sich, dass sie viel umgezogen waren, an eine Abfolge von Wohnungen und kleinen Hotels und Zimmern in Bauernhäusern, wo sie meistens im selben Raum wie ihre Mutter und ihr Stiefvater schlief. Sie erinnerte sich an den Geruch französischer Badezimmer und Kirchen, an Sauerkirschkonfitüre und alte Männer mit Mützen, die in einem der Städtchen, in dem sie schließlich landeten, auf einem sandigen Gelände unter Pinien Boule spielten. Sie erinnerte sich außerdem an das Gemurmel. Ihre Mutter und ihr Stiefvater murmelten fortwährend miteinander, im Auto, im Bett, beim Essen über Tische hinweg, während Merrion aus zerkrümeltem Brot Muster und kleine Gebirge formte. Mit der Zeit wurde es lauter, dieses Gemurmel, und dann verkündete Merrions Mutter, dass Merrion jetzt in die Schule gehörte, und fuhr mit ihr zusammen zurück nach Süd-Wales.

Danach sah sie ihren Stiefvater nur noch einmal. Er kam in das kleine Haus, das ihre Mutter in Cowbridge gemietet hatte, und schenkte ihr eine riesige Tafel Toblerone. Ihre Mutter nahm ihr die Schokolade ab und schickte Merrion hinaus in den Garten. Als sie nach einer halben Ewigkeit herauskam, um nach Merrion zu sehen, wirkte sie benommen, als hätte man sie ins Gesicht geschlagen. Sie hob Merrion hoch. Merrion war fast sechs und mochte es gar nicht, hochgehoben zu werden. Sie trat wild um sich und wehrte sich.

»Ich hätte es nie tun sollen«, sagte ihre Mutter und brach in Tränen aus.

Danach war es ruhiger gewesen, aber langweiliger. Merrions Mutter nahm eine Stelle als Sekretärin in einer Anwaltskanzlei in Cardiff an, und Merrions Großmutter verkaufte ihr Haus in Llanelli, um zu ihnen zu ziehen und sich mit um Merrion zu kümmern. Ein paar Jahre redete Merrions Mutter unaufhörlich von Merrions Vater, als könnte sie damit das Intermezzo in Frankreich irgendwie vergessen machen, aber dann begann alles seinen geregelten Gang zu nehmen, und Merrion gestattete der Erinnerung an ihren Stiefvater - einen umtriebigen, mageren Mann -, in die mythische Erinnerung an ihren Vater einzugehen. Männer waren da, so schien es, und dann waren sie nicht mehr da, und wenn sie nicht mehr da waren, kam man ohne sie zurande.

Erst mit ungefähr zwölf fing sie an, die Männer im Leben ihrer Schulfreundinnen wahrzunehmen. Da gab es Väter und Stiefväter und Brüder - letztere konnte man meist vergessen, was an ihrem Alter, ihrer mangelhaften Hygiene und ganz allgemeinen Unzulänglichkeit lag. Männer verliehen, bemerkte Merrion, der häuslichen Atmosphäre ein anderes Aroma; wo Männer waren, gab es mehr Energie und Lärm, mehr Abenteuerlust, mehr zu essen, mehr Gefahr. In einem Haus mit Männern ging es unzweifelhaft aufregender zu. Auch anstrengender. Aber Merrion gefiel das. In der Schule beobachtete sie Mädchen, bei denen es zu Hause Männer gab, und fragte sich, ob man ihnen ansehen konnte, dass sie etwas besaßen, was ihr fehlte. Sie entfernte das Foto mit dem Sommerkleidchen und fand andere von ihrem Vater und sich selbst, weniger alberne, und eins, das ihren Vater allein am Tag seines Studienabschlusses zeigte, mit ordentlich gekämmtem Haar und polierten Schuhen. Sie verbrachte viel Zeit damit, dieses Foto aufmerksam anzuschauen, als könnte davon etwas ausgehen und sie beeinflussen, Auswirkungen auf sie haben und die feminine Routine aufbrechen, nach der sie, ihre Mutter und ihre Großmutter lebten.

Wenn ihre Mutter hin und wieder einmal Verabredungen hatte, schöpfte sie sofort Hoffnung.

»Hat er dir gefallen? Triffst du dich noch mal mit ihm?«

»Ja, aber da wird nichts bei rauskommen. Keine Sorge. Ich habe meine Lektion gelernt.«

»Wird sie noch mal heiraten?«, fragte Merrion ihre Großmutter.

»Unwahrscheinlich«, sagte ihre Großmutter. Sie löste gerade das Kreuzworträtsel. Seit vierzig Jahren löste sie jetzt das Kreuzworträtsel in derselben Zeitung immer um dieselbe Zeit am Vormittag, und reagierte gereizt, wenn irgendetwas sie dabei störte.

»Will sie denn nicht?«

»Ich glaube. Die letzte Episode war ja nicht sehr ermutigend.«

»Meinst du mit Ray in Frankreich?«

»Ja.«

»Sie könnte sich was Besseres als Ray angeln«, sagte Merrion. »Ray war fies.«

»Nach so einem Fiesling hat man aber erst mal die Nase voll«, sagte ihre Großmutter.

Merrion drehte an den Marienkäfer-Haarspängchen herum, die ihr das Haar aus dem Gesicht hielten.

»Ich bin die Einzige in der Klasse mit einem toten Vater.«

»Aber nicht an der Schule.«

»Es gehen zwölfhundert Schüler zu der Schule. Die kenne ich nicht. Ich kenne meine Klasse.«

Ihre Großmutter konzentrierte sich kurz und schrieb dann etwas in ihre Zeitung.

»Es wird dir besser gehen, wenn du erst verheiratet bist«, bemerkte sie wenig hilfreich.

Mit vierzehn hatte sich Merrions Vater-Fixierung in eine Heirats-Fixierung gewandelt. Sie schaute bei den Leuten immer auf die linke Hand, vor allem bei Frauen, und wenn sich dort kein Goldreif befand, studierte sie ihr Gesicht, um zu sehen, ob sonst noch etwas fehlte, ob man sehen konnte, wenn jemand allein stehend war, so wie sie sich einst gefragt hatte, ob man jemandem seine Vaterlosigkeit ansehen konnte. Sie beobachtete Pärchen - Pärchen mittleren Alters, keine Jungen und Mädchen - und versuchte herauszufinden, ob von ihnen etwas ausging, ob sie irgendwie richtiger aussahen, natürlicher als Leute, die allein waren. Kurz nach ihrem fünfzehnten Geburtstag verlobte Merrions Mutter sich mit einem Tischler aus dem Ort, der seine Frau ebenfalls verloren hatte, und löste die Verlobung unmittelbar darauf wieder.

»Aber warum?«, fragte Merrion.

»Ich traue mich nicht, das Risiko einzugehen -«

»Aber du hättest doch überhaupt nichts riskiert! Er ist in Ordnung.«

»Das Risiko stellte auch nicht er dar«, erklärte Merrions Mutter, »sondern ich.«

Merrion sagte: »Aber manchmal muss man einfach Dinge riskieren -«

Und ihre Mutter antwortete: »Nicht, wenn man es sich nicht wirklich, wirklich wünscht.«

Als Merrion sechzehn war, erlag ihre Großmutter im Schlaf still und leise einem Herzinfarkt. Sie war mitnichten eine ausgeprägte oder aufdringliche Persönlichkeit gewesen, doch ihr Tod hinterließ eine überraschende Lücke und vermittelte Merrion und ihrer Mutter das Gefühl, auf einmal eine kleine, zugige Einheit zu sein. Sie hatte ihnen ihr sämtliches Hab und Gut hinterlassen, darunter der bescheidene Erlös aus dem Verkauf des Hauses in Llanelli von vor zehn Jahren, und Merrion kam ganz unvermittelt der Gedanke, dass sie von Cowbridge weg und nach Cardiff ziehen und dort eine Wohnung kaufen sollten.

»Aber dann müsstest du doch die Schule wechseln!«

»Gerne.«

»Mitten in den Abschlussprüfungen -«

»Das hole ich schon wieder auf.«

»Und dann deine ganzen Freunde. Und meine Freunde -«

»Wir lernen neue kennen. Du bist näher bei der Arbeit und ich kann mich richtig austoben.«

»Hast du das vor?«

»Wohl nicht. Aber ich hätte gern die Gelegenheit. Mum, ich kann nicht einfach immer hierbleiben. Ich fühle mich wie ein Hamster im Rad.«

Sie kauften eine Wohnung - was Merrions Mutter anging, nur äußerst widerstrebend - in einem Häuserblock aus den Siebzigern, von dem aus man zur einen Seite auf einen kleinen Park blickte, zur anderen auf die Rückseite eines alten Industriegebäudes. Die Wohnung hatte zwei Schlafzimmer, ein L-förmiges Wohnzimmer und vor der Küche einen Balkon, der gerade groß genug...

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