Die Zwillingsschwestern

Roman
 
 
eBook Berlin Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 8. Juni 2015
  • |
  • 448 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8270-7823-0 (ISBN)
 
Lizzie und Frances sind Zwillingsschwestern. Äußerlich gleichen sie sich aufs Haar, doch ihre Leben könnten kaum verschiedener sein. Lizzie hat alles: Eine glückliche Ehe, vier Kinder, eine aufstrebende Karriere und ein großes Haus. Frances jedoch krebst in ihrem Single-Leben herum, stürzt sich von einem Männer-Unglück ins nächste. Doch dann lernt Frances plötzlich den aufregenden Spanier Luis kennen und folgt ihm ins wunderschöne Sevilla, statt mit Lizzies Familie Weihnachten zu feiern. Lizzie sieht ihre Seelenverwandtschaft auseinander brechen, und als auch noch finanzielle Probleme ihre Idylle bedrohen, stellt Lizzy sich plötzlich die Frage: Ist Frances vielleicht in Wirklichkeit diejenige, die alles hat?
  • Deutsch
  • Munich
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  • Deutschland
Berlin Verlag
  • 0,78 MB
978-3-8270-7823-0 (9783827078230)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Joanna Trollope schreibt seit dreißig Jahren Romane, die in Großbritannien regelmäßig an der Spitze der Bestsellerlisten stehen und von denen einige verfilmt wurden. Sie lebt in London und Gloucestershire.

1. Kapitel

Irgendwer - wahrscheinlich eins von den Kindern, Robert hätte es nie gewagt - hatte ein Plakat am Pinnbrett in der Küche aufgehängt. Es war ein sehr kleines Plakat in Schwarz, Pink und Gelb, die unbeholfene Zeichnung einer Frau mit zerrauftem Haar, Hand in Flügel mit einem glotzäugigen Truthahn, und unter der Zeichnung stand in eigenwilligen Lettern: »Frauen und Truthähne - gemeinsam gegen Weihnachten«.

»Ich würde sagen, er sollte so seine elf Kilo wiegen«, sagte Lizzie in den Telefonhörer. »Nein, ohne Innereien. Ist es denn auch ein freilaufender Truthahn?«

Sie blickte auf das Plakat und berührte unwillkürlich ihr Haar. Es schien in Ordnung zu sein.

»Himmel«, sagte sie zum Fleischer, »gleich soviel mehr!« Sie runzelte angestrengt die Stirn. War sie nun aufgefordert, etwas für die Befreiung der Truthähne zu tun, oder sollte sie nur weitere zehn Pfund in den unersättlichen Schlund namens Weihnachten werfen? »Also gut«, sagte sie, »freilaufend.« Sie stellte sich eine ganze Schar glücklich kollernder Truthähne in einem Obstgarten vor, wie sie in Kinderbüchern abgebildet waren. »Freilaufend, elf Kilo, und entweder ich selbst oder mein Mann holen ihn am Montag ab. Ja«, sagte sie, »ja, ich weiß, daß es reichlich spät für eine Bestellung ist, Mr. Moaby, aber wenn Sie das Haus hier hätten und vier Kinder und Weihnachten vor sich, ein Geschäft und über die Feiertage drei Gäste, dann wären Sie vermutlich auch reichlich spät dran.«

Sie legte den Hörer auf. Sie hätte nicht so mit ihm reden sollen. Mr. Moaby stand jetzt seit einem Vierteljahrhundert in dem Fleischerladen, wie vor ihm sein Vater, und er hatte ein geistig behindertes Kind und schwer mit der immer bedrohlicheren Konkurrenz der Supermärkte zu kämpfen. Insgeheim hielt Mr. Moaby von Weihnachten zweifellos ebensowenig wie Frauen und Truthähne. Lizzie durchquerte die Küche und musterte das Plakat. Es war nicht von Hand gezeichnet, sondern gedruckt. Garantiert hatte Harriet es gekauft, die dürre, schlaue, spottlustige Dreizehnjährige, die längst dahintergekommen sein mußte, daß das Weihnachtsfest für ihre Mutter zu einer Bedrohung geworden war, die ihr jede Vorfreude verdarb. Lizzie und Harriet hatten sich beim Frühstück gestritten. Sie stritten sich fast immer beim Frühstück, und ihre Streitigkeiten endeten gewöhnlich damit, daß Harriet mit diesem aufreizenden, wissenden Lächeln zur Schule davonhüpfte, mit dem sie ihren drei jüngeren Brüdern zu verstehen gab, wie leid sie ihr taten, weil sie nur Jungen waren, die armen Trottel.

Harriet hatte Lizzie gefragt, ob sie heute in die Galerie ginge, die Galerie, die sie und Robert eröffnet hatten, als sie vor sechzehn Jahren nach Langworth gekommen waren. Lizzie hatte verneint.

»Und warum nicht?«

»Wegen Weihnachten.«

»Ach, du liebe Güte .« Harriet hatte sich zurückgelehnt und die Augen darüber verdreht, daß jemand wegen so einer Lappalie wie Weihnachten seine eigentliche Arbeit vernachlässigen konnte.

Lizzie war der Kragen geplatzt. Sie hatte sich, entsetzt über sich selbst, loszetern hören, was sie alles für Pflichten am Hals habe und wie wahnsinnig undankbar Harriet sei. Harriet hatte sie ungerührt beobachtet. Davy, der erst fünf war, hatte zu weinen begonnen, und große runde Tränen waren sein unglückliches Gesicht hinabgekullert und hatten die Milch in seinem Napf mit Cocopops verwässert.

»Siehst du«, sagte Harriet zutiefst befriedigt, »jetzt hast du's geschafft, daß Davy weint.«

Lizzie hörte zu schreien auf und beugte sich über Davy, um die Arme um ihn zu legen.

»Mein Liebling .«

»Weihnachten kommt gar nicht zu uns«, heulte Davy, »wenn du so bist!«

Harriet glitt von ihrem Stuhl.

»Ich gehe zu Heather«, sagte sie, »und schaue in der Galerie vorbei und sage Daddy, daß du nicht kommst.« Lizzie biß sich auf die Lippen. »Bitte, bleib zu Hause, Harriet. Ich brauche dich. Es gibt soviel zu tun .« Harriet ließ einen endlosen, abgrundtiefen Seufzer hören, schleppte sich bühnenreif aus der Küche und knallte die Tür hinter sich zu.

Anschließend hatte Lizzie Davy zum Trost gefüttert, als wäre er noch ein Baby, dann hatte sie ihm und Sam aufgetragen, das Treppengeländer mit festlichen roten Bändern zu schmücken. Sam, der Achtjährige, fand es jedoch lustiger, die Bänder um sich selbst und Davy zu schlingen und das gleiche mit dem sich sträubenden Kater zu probieren. Lizzie hatte sie sich selbst überlassen und war hinaufgegangen, um die Betten zu machen, den Stöpsel aus dem Waschbecken zu ziehen und für sich selbst eine Haarbürste und Ohrringe zu holen sowie die Liste, die sie am Abend zuvor für heute gemacht und irgendwo liegengelassen hatte. Dann war sie wieder hinuntergegangen, um den Fleischer anzurufen, und jetzt hatte sie das Plakat entdeckt. Harriet mußte es in der Viertelstunde aufgehängt haben, als Lizzie oben gewesen war. War das ein Zeichen des Bedauerns? Eine Geste der Solidarität? Lizzie sehnte sich nach solidarischer Verbundenheit mit Harriet, nach der verschwörerischen Vertraulichkeit zwischen Geschlechtsgenossinnen. Das hatte man nun davon, daß man die Hälfte eines Zwillingspaars war, dachte Lizzie, als sie zum Tisch mit seinem Frühstücksdurcheinander zurückkehrte: Es trieb einen dazu, sich an irgendeinen Menschen zu hängen, wenn die andere Hälfte nicht da war. Und Frances würde vor Heiligabend nicht kommen.

Robert und Lizzie hatten die Middleton Gallery anfangs in einem winzigen Laden in einer der winkligen Nebenstraßen von Langworth betrieben. Sie hatten einander auf der Kunsthochschule kennengelernt - Lizzie war Bildhauerin, Robert Grafiker - und waren unzertrennlich geworden. Im Büro der Galerie hing ein Foto von beiden aus jenen fernen Tagen: Robert mit einem ernsthaften Stirnrunzeln und Hosen mit Schlag, und Lizzie - eine ganz andere, fast dürre Lizzie - in einem engen Pullover und Schuhen mit Plateausohlen, das Haar unter eine schlaffe Samtschirmmütze gestopft. Als sie die Galerie aufmachten, den Laden mieteten und die feuchte, baufällige Wohnung darüber, die mit dem Sammelsurium von Möbeln ausgestattet wurde, die ihre Eltern ihnen geschenkt hatten, waren sie nicht viel älter als auf dem Foto gewesen.

Frances hatte damals ihre erste Stelle in London angetreten. Dreimal wöchentlich rief sie Lizzie an und kam mit exotischen großstädtischen Schätzen wie silbergewirkten Strumpfhosen oder einer Papiertüte mit einer Avocado zu ihnen nach Langworth raus.

Robert besuchte die Abendschule in Bath und erlernte das Bilder-Rahmen. Lizzie gab widerstrebend ihren Bildhauerton zugunsten von Patchwork, Trockenblumen und nicht weiter aufregenden, aber gerade sehr gefragten Fichtenholzmöbeln auf, die sie, eine langwierige Prozedur, mit Bienenwachs bearbeitete. Sie entdeckten, daß sie beide eine geschäftliche Ader hatten. Als Harriet geboren wurde, das war 1978, lief der ursprüngliche Laden, der mittlerweile aussah wie die perfekte Siebzigerjahrephantasie eines ländlichen angelsächsischen Idylls - geblümte Baumwollstoffe, naive Aquarelle, Steinguttöpfe und Holzlöffel, wohin das Auge blickte - ungeheuer gut und platzte bereits aus allen Nähten. Mit Hilfe eines Darlehens von Lizzies Vater William und eines weiteren von der Bank zog die Middleton Gallery in ein ehemaliges Blumengeschäft in der High Street von Langworth um, dessen Schaufenster von einem hübschen Säulenportal aus weißlackiertem viktorianischen Schmiedeeisen überdacht war.

Frances hatte den neuen Laden auf der Stelle sehen wollen. Lizzie war zum Bahnhof von Bath getuckert, um sie mit ihrem smaragdgrünen Citroën 2 CV abzuholen, der zu einem vertrauten Anblick in den Straßen von Langworth geworden war, und hatte sie mit einer Mischung aus stolzer Freude und banger Erwartung zur Galerie gefahren. Während sie Frances' Gesicht beobachtete, als die sich die Galerie anschaute, die bleichen, frisch abgezogenen und gewachsten Dielenböden, die romantischen Lichtinseln der Punktstrahler, die frisch gebeizten und lackierten Regalbretter, die auf Kasserolen und Kissen und Kerzenhalter und Keramikkrüge warteten, fühlte Lizzie, angesichts dessen, was sie und Robert da vorhatten, eine unbezähmbare Freude in sich aufsteigen. Doch gleichzeitig empfand sie aufgrund ihrer tiefen seelischen Verbundenheit mit Frances eine Aufwallung von Schmerz, Schmerz um Frances, die den lieben langen Tag in irgendeinem mittelmäßigen Reisebüro schuften mußte, um abends in eine schäbige Wohnung in Battersea zurückzukehren, die sie mit einem Mädchen teilte, das sie zwar ganz nett fand, aber mehr auch nicht. Und dann war da noch Nicholas, der ruhige, zurückhaltende, unauffällige Nicholas, der so ganz anders war als Robert und, fand Lizzie, so überhaupt nicht der passende Mann für Frances. »Wir wollen Kelims importieren«, sagte Lizzie, »und sie hier auf Holzstäben an die Wand hängen. Rob hat einen Freund, Äder uns mit herrlichen getrockneten Sachen aus Afrika versorgen kann, Samenkapseln und Schoten und so was.«

»Was sind denn Kelims?« fragte Frances. Sie starrte die weißgetünchte Ziegelwand an, an der die Brücken hängen sollten.

»Teppiche«, sagte Lizzie. Sie beobachtete Frances. Ob sie ihr wohl angesichts dieser ganzen Pracht und der verheißungsvollen Aussichten, die sich ihr und Robert boten, auch das andere noch sagen konnte?

Frances wandte sich ihr zu.

»Teppiche«, sagte sie, »als Wandbehang. Wie hübsch. Du bist wieder schwanger, stimmt's?«

»Ja«, sagte Lizzie und hatte das Gefühl, gleich weinen zu müssen. Ja, das...

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