Das Porzellanhaus

 
 
eBook Berlin Verlag
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 8. Juni 2015
  • |
  • 352 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8270-7772-1 (ISBN)
 
Es ist rundum eine Erfolgsstory: Susie Moran hat ihre eigene Porzellanmanufaktur gegründet, und sie zusammen mit ihren drei Töchtern zu einem höchst lukrativen Geschäft aufgebaut. Doch wo die zwei der jungen Frauen Innovation und Zunkunftschancen sehen, will Susie, unterstützt von ihrer Jüngsten, lieber bei ihrem bewährten Modell bleiben: liebevolles Design gepaart mit erstklassiger handwerklicher Tradition. Die dickköpfige, charismatische Susie will um jeden Preis ihre Idee retten und vergisst dabei beinahe das Wesentliche. Denn dann gibt es ja auch noch die Männer der Familie ...
  • Deutsch
  • Munich
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  • Deutschland
Berlin Verlag
  • 0,46 MB
978-3-8270-7772-1 (9783827077721)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Joanna Trollope schreibt seit dreißig Jahren Romane, die in Großbritannien regelmäßig an der Spitze der Bestsellerlisten stehen und von denen einige verfilmt wurden. Sie lebt in London und Gloucestershire.

Eins


»Was soll das?«, kam Cara Morans Stimme laut durchs Telefon ihrer jüngsten Schwester. »Was soll das heißen, Ma will noch ein Haus kaufen?«

Im Design-Studio der Fabrik saß Grace Moran am großen Tisch; sie hatte die Augen geschlossen und hielt das Telefon ein paar Zentimeter vom Ohr weg. Sie zählte bis fünf und sagte dann betont neutral: »Ich weiß nicht.«

»Oh, doch!«

»Car, ich weiß nicht mehr als du.«

Vom Londoner Ende der Leitung kam ein unwirsches Schnauben. Cara saß bestimmt an ihrem Schreibtisch, dachte Grace, in der neuen Büroetage, die die Firma sich erst vor einem Jahr zugelegt hatte, und machte ein Gesicht, das Grace aus ihrer gemeinsamen Kindheit nur zu gut kannte und das grundsätzlich nichts Gutes verhieß.

»Du musst es doch wissen«, sagte Cara ärgerlich. »Natürlich weißt du's. Du bist doch in Staffordshire, oder? Wie soll ich denn von London aus mitkriegen, was Ma in Staffordshire Unsinniges ausbrütet?«

Grace machte die Augen auf und blickte auf den Skizzenblock vor sich. Ein ganzes Blatt, voll mit Zeichnungen von Krügen. Krug um Krug um Krug. Winzige Veränderungen von Skizze zu Skizze, damit das, was ihrer Mutter als Design-Idee vorschwebte, auch produktionstauglich wurde.

»Ich will eine gekniffene Schnauze«, hatte Susie gesagt. »Ich will diesen anheimelnden, traditionellen Look. Einen Holländischen Krug.«

Grace hatte darauf verzichtet, ihre beiden jungen Designassistenten, die eisern auf ihre Computerbildschirme starrten, als Unterstützung heranzuziehen. Sie hatte ihrer Mutter geduldig erklärt: »Eine gekniffene Schnauze geht nicht, Ma. Die würde bei jedem Gussstück anders ausfallen und dann beim Brennen womöglich springen.«

Im gleichen geduldigen Ton sagte sie jetzt zu ihrer Schwester: »Ma kann sich doch ein Haus kaufen, wenn sie will. Es ist ja schließlich ihre Firma.«

Cara lachte höhnisch auf. »Wie wir alle wissen!«

»Und das Haus ist ja nicht so teuer -«

»Seit wann ist eine halbe Million nicht teuer?«

Grace nahm einen Bleistift und versah einen der Krüge mit einem Gänseblümchenmotiv. Ruhig sagte sie: »Du weißt also doch Genaueres.«

Kurz herrschte Schweigen.

Dann sagte Cara, jetzt in anderem Ton: »Ashley und ich haben es in der Mittagspause gegoogelt.«

»Ach.«

»Sieht hübsch aus.«

»Es ist das Haus, wo ihr Urgroßvater gearbeitet hat. Der, der Milchknecht war.«

»Ich weiß.«

»Das Parlour House. Ist eigentlich ein Cottage.«

»In Barlaston.«

»Da ist sie geboren«, sagte Grace.

»Gracie, das ist mir bekannt. Das versteh ich ja alles. Aber sie hat doch gar keine Zeit dafür. Sie hat ein prima Haus in London, und dort schon genug zu tun. Mehr als genug. Und was sagt eigentlich Pa dazu?«

»Weiß nicht.«

»Hat sie's ihm überhaupt gesagt?«

Grace seufzte. »Er hat bestimmt nichts dagegen. Hat er doch nie.«

»Na ja, da ist immerhin das Geld.«

»Das Haus wäre ja wohl eine Firmeninvestition -«

»Nicht, wenn sie's privat nutzt. Du weißt doch, wie es funktioniert, immer schon. Wir beziehen alle unser Gehalt, und dann bekommen Ma und Pa von der Firma, was sie brauchen. Aber mal eben eine Million vor Steuern lockerzumachen -«

»Sie schmeißt es ja nicht zum Fenster hinaus -«

»Darum geht's nicht.«

»Dann habt ihr also schon drüber geredet, Ashley, Dan und du?«

Resolut antwortete Cara: »Nur Ashley und ich.«

»Warum rufst du mich dann an? Du fragst mich doch nie nach meiner Meinung, wenn's um Geld geht. In der Beziehung hältst du mich doch für unfähig. In deinen Augen kapiere ich doch gerade mal, dass ein Geldautomat nicht einfach so Geld hergibt, wie man sich Papierhandtücher aus dem Spender zieht .«

»Quatsch.«

Grace warf den Bleistift hin. Er klackerte über den großen Arbeitstisch, fiel auf den Holzboden und rollte unter einen Schreibtisch.

»Grace?«, sagte Cara. »Bist du noch da?«

»Ja.«

»Würdest du bitte mit ihr reden?«

»Was?«

»Würdest du bitte«, sagte Cara so überartikuliert, als spräche sie mit einer Schwerhörigen, »heute Abend zu Ma gehen und ihr erklären, dass der Erwerb eines weiteren Hauses wohl nicht die sinnvollste Art und Weise ist, Zeit und Energie aufzuwenden, und dass Immobilieneigentum jedweder Art ein Investment für uns alle darstellen und auch so behandelt werden muss.«

»Warum ich?«

»Weil du, Grace, in Stoke bist und Ma heute in Barlaston übernachtet und wir alle hier in London sind.«

Grace stand auf und ging den Bleistift aufheben. Während sie sich danach bückte, sagte sie: »Aber ich bin heute Abend nicht hier. Heute ist Freitag.«

»Ich weiß, dass heute Freitag ist. Warum bist du nicht da?«

Grace richtete sich auf. Es war ein guter Bleistift. Die Mine brach beim Spitzen nicht dauernd ab. Sie sagte: »Ich fahre heute Abend nach Edinburgh.«

»Edinburgh? Wieso?«

»Ein Freund von Jeff hat dort einen Gig. Wir fahren sozusagen als Fanclub hin.«

»Aber -«

»Ich habe auch mal ein Recht auf Freizeit!«, rief Grace. »Ich bin seit acht Uhr hier.«

»Darum geht's nicht.«

»Es geht um Jeff, stimmt's?«, sagte Grace. »Du willst nicht, dass ich was mit Jeff mache.«

Cara sagte vorsichtig: »Na ja, ich halte einfach nicht so viel von Online-Bekanntschaften.«

»Das ist doch heutzutage normal«, sagte Grace. »Macht doch jeder.«

»Okcupid«, sagte Cara angewidert. »Luvstruck.com.«

»Du magst Jeff nicht.«

»Nein, ich mag Jeff nicht. Ich glaube nicht, dass er gut genug für dich ist. Aber das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass jemand mit Ma reden muss, bevor sie eine Anzahlung leistet.«

Grace steckte den Bleistift in den Becher - den in der Fabrik gefertigten Becher -, der ihre sämtlichen Stifte enthielt. Ein bisschen trotzig sagte sie: »Tut mir leid. Aber es ist sowieso Wochenende. Vor Montag wird nichts überwiesen.«

»Wir müssen mit ihr reden.«

»Red du mit ihr.«

»Grace, ich muss immer das Reden übernehmen.«

»Du bist die Älteste.«

»Und du die Jüngste, darum kannst du dich vor den komplizierten Dingen immer drücken.«

Grace hätte am liebsten gesagt, die Jüngste zu sein mache manchmal erst recht alles kompliziert. Aber stattdessen sagte sie, so ruhig sie konnte: »Ich rufe Ma von unterwegs an.«

»Du fährst echt nach Edinburgh?«

Grace' Privathandy, das neben dem Skizzenblock auf dem Tisch lag, leuchtete wieder auf. »Jeff« stand auf dem Display. Grace ergriff das Handy.

»Ja«, sagte sie zu ihrer Schwester. »Ja, das tue ich.«

Ashley Robbin, geborene Moran, stieg in der Tiefgarage in ihr Auto und warf Handtasche und ihre Workbag - beides von Größe und Gewicht her gleich - in den Fußraum der Beifahrerseite. Dort lagen bereits mehrere leere, zerdrückte Saftkartons, eine halbausgetrunkene Flasche von einem von Leos seltsam prolligen Energy-Drinks und allerlei Krümel. Letztere würden jetzt natürlich an ihren Taschen kleben bleiben und in Vergessenheit geraten, bis sie sich wie letzte Woche peinlicherweise über der makellosen Schreibtischplatte der Geschirrwareneinkäuferin einer großen Kaufhauskette verteilten, eben jener Frau, von der sich Susie-Sullivan-Keramik eine substantielle Bestellung über ein breites Sortiment an Firmenerzeugnissen erhoffte - oder jedenfalls bis zu diesem Moment erhofft hatte. Die Einkäuferin hatte so getan, als wäre ihr Schreibtisch nicht soeben mit fettigen Chipskrümeln eingesaut worden, so dass Ashley während des Meetings weitgehend damit beschäftigt gewesen war, verstohlen mit Erfrischungstüchlein herumzuputzen, was einen penetranten Zitrusgeruch verbreitet hatte. Bis jetzt war noch keine Bestellung eingegangen.

Ashley schnallte sich an, startete den Motor und schaltete das Licht ein. Das Autoradio, das mit dem Motor angesprungen war, verkündete, es sei drei Minuten vor achtzehn Uhr und das Wochenendwetter werde mild und aufgrund eines langsam von Westen heranziehenden Niederschlagstiefs unbeständig. Also keine längeren Spielplatzaufenthalte - es gab ja Mütter, die Handtücher mitnahmen, um die Rutschbahnen und Schaukelsitze abzutrocknen, aber zu denen gehörte Ashley nicht - und keine größeren Fortschritte auf dem Streifen Dreck und Betonschutt, der, wie Leo ihr immer wieder versicherte, eines Tages zu einem Garten werden würde. Sie hatte sich vergeblich bemüht, nicht zu sagen: »Wenn die Kinder zu groß sind, um etwas damit anzufangen.« Leo hatte einen wunderbaren Plan des projektierten Gartens gezeichnet und in der Küche an die Wand gepinnt. Nach einem Monat hatte Ashley angeregt, von ein paar Gartenbaufirmen Voranschläge für die Umsetzung des Plans einzuholen. Leo hatte tief gekränkt dreingeschaut.

»Ich kriege das hin, Ashley. Ich bin gut in so was. Das weißt du doch. Ich will es selbst machen, für die Kinder.«

Das westliche Ende der King's Road war verstopft mit Freitagabendverkehr, und von dem steten, feinen Nieseln sah die Windschutzscheibe aus wie mit Öl verschmiert. Sie hätte laufen sollen. Das Büro lag nur zwanzig Gehminuten von ihrem Haus, in Fulham, locker zu Fuß erreichbar, aber am Morgen hatte es nach Regen ausgesehen, und sie war spät dran gewesen und hätte die Taschen tragen müssen, und das Auto...

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