Nashira - Talithas Geheimnis

Roman
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 12. August 2013
  • |
  • 416 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-10296-8 (ISBN)
 
»Der hellste Stern am Himmel der Fantasy!« Il Messaggero

Die junge Talitha und ihr treuer Diener Saiph entdecken ein furchtbares Geheimnis: Das Königreich Nashira ist dem Untergang geweiht, sobald die beiden Sonnen, die dem Land Licht spenden, den Zyklus ihrer Transformation vollendet haben. Außer ihnen weiß nur die mächtige Priesterkaste um das bevorstehende Unglück. Doch die Priesterinnen, aus deren Kloster Talitha geflohen ist, setzen alles daran, Talitha und Saiph zum Schweigen zu bringen. Völlig auf sich allein gestellt, versuchen die beiden, ihren Häschern zu entrinnen - und gleichzeitig den Retter zu finden, von dem die alten Legenden erzählen

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Heyne
  • 1,04 MB
978-3-641-10296-8 (9783641102968)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Licia Troisi, 1980 in Rom/Ostia geboren, ist eine der bekanntesten Fantasyautorinnen weltweit. Ihr Zyklus um die DRACHENKÄMPFERIN wurde ein internationaler Bestseller. Seitdem kann die Autorin mit dem Schreiben nicht mehr aufhören. Ihrer ersten großen Saga folgten DIE SCHATTENKÄMPFERIN und DIE FEUERKÄMPFERIN sowie DRACHENSCHWESTER und NASHIRA. Licia Troisi ist verheiratet und hat eine Tochter.

2

Als Talitha erwachte, wurde der Raum ein wenig von dem Licht erhellt, das durch den Höhlenzugang fiel. Offenbar standen die Sonnen schon höher am Himmel. Am Abend waren ihr, ohne dass sie es gemerkt hatte, irgendwann die Augen zugefallen, und jetzt war ihr Kopf so schwer, dass sie meinte, eine halbe Ewigkeit geschlafen zu haben. Doch einen Moment später begriff sie, was geschehen war, während sie geschlafen hatte: Verba war auf und davon.

Er hatte alles mitgenommen, was er tragen konnte: In dem Regal in der Eiswand befanden sich nur noch drei Gläser mit Heilkräutern, einige Lebensmittel sowie ein Buch. Wenigstens hat er mir das Schwert dagelassen, dachte sie mit einem bitteren Lächeln. Auf dem Tisch fand sie ein Pergamentblatt; darauf stand, wie und über welchen Zeitraum sie Saiph noch behandeln sollte, und darunter nur die Bemerkung:

Habe ihn eben noch einmal untersucht. Er wird durchkommen.

Keine Zeile zu den Gründen für sein Verschwinden, kein Wort, das auf ihr Streitgespräch vom Vorabend Bezug genommen hätte. Still und leise hatte er sich aus dem Staub gemacht, ganz ähnlich wie er damals aus der Festung in Danyria verschwunden war. Er hatte ihnen nur so weit geholfen, wie es für Saiphs Überleben unbedingt notwendig war, dann war er verschwunden.

Eine blinde Wut überkam sie, und sie knüllte das Blatt zusammen. Nach all den Gefahren, denen sie sich ausgesetzt hatten, um diesen Mann zu finden, ließ er sie im Stich, ohne ihnen auch nur irgendetwas zu erklären. Aber wieso war sie eigentlich nicht aufgewacht, als er in der Höhle seine Sachen zusammengepackt hatte? Er musste ihr ein Schlafmittel in die Suppe getan haben, anders konnte sie sich das nicht erklären. Jedenfalls hatte sie wie eine Tote geschlafen und nichts bemerkt.

Obwohl sie wusste, dass es keinen Sinn mehr hatte, rannte sie hinaus. Von Verba keine Spur, weder auf der gefrorenen Fläche, die sich vor der Höhle ausbreitete, noch am Horizont. Das Versteck lag an einem steilen Hang der Ausläufer des Eisgebirges, und zu Talithas Füßen breitete sich das Reich des Winters wie eine exakte, fein gearbeitete Landkarte unter der Glocke eines grauen Himmels aus. In der Ferne brannte Orea immer noch. Der Rauch war so dicht, dass er sogar das Geäst des Talareths, der die Stadt überwölbte, durchdrang und immer weiter aufstieg, bis er sich zwischen den Wolken verlor. Talitha musste an all das Elend denken, mit dem sie in den vergangenen Wochen, auf ihrer Wanderung, in Berührung gekommen war. Vielleicht war der Umstand, dass Cetus immer greller wurde und das ewige Gleichgewicht mit seiner Zwillingssonne ganz aus den Fugen zu geraten drohte, nur die Folge dessen, was sich auf der Erde zutrug: Hungersnöte, Gewalttaten, Ausbeutung der Sklaven, all das nahm täglich schlimmere Ausmaße an. Oder war es vielleicht immer schon so gewesen, und sie hatte es nur nicht bemerkt, in ihrem goldenen Käfig, in dem sie am Hof ihres Vaters gelebt hatte?

Sie schaute sich um und erkannte, dass auch über einigen Ansiedlungen im Umland Rauch aufstieg: Offensichtlich fraß sich das Feuer immer weiter. Ihr zog sich der Magen zusammen. Sie seufzte, und dabei stieg eine dichte, weiße Atemwolke vor ihrem Mund auf. Es war entsetzlich kalt. So kehrte sie in die Höhle zurück und widerstand dem Impuls, Verba zu verfolgen und ihn aufzuspüren, egal wo er sich verstecken mochte. Es war völlig ausgeschlossen, sich mit Saiph auf den Weg zu machen, aber ebenso, ihn allein zurückzulassen. Und außerdem: Selbst wenn es ihr gelänge, Verba wiederzufinden, wie sollte sie ihn dazu bringen, mit ihr gemeinsame Sache zu machen? Wenn es stimmte, was er ihr erzählt hatte, und aus irgendeinem Grund glaubte sie seinen Worten, so unglaublich sie klangen, dann hatte sie nichts in der Hand, was ihn umstimmen würde. Womit sollte man auch einen Mann, der seit Jahrtausenden alles überlebt hatte, beeindrucken?

Seine Anweisungen auf dem Pergamentblatt waren präzise. Fünf Tage lang befolgte Talitha jeden einzelnen Punkt und zeigte sich als vorbildliche Heilerin. In regelmäßigen Abständen nahm sie Saiph den Verband ab, reinigte die Wunde und behandelte sie so, wie Verba es aufgeschrieben hatte. Dabei wurde der Luftkristall nach und nach immer schwächer. Sie musste daran denken, wie schwierig es gewesen war, diesen Anhänger zu bekommen, und einen Moment lang kam ihr auch Melkise in den Sinn, der Kopfgeldjäger, der sie geschnappt hatte und sie an Megassa ausliefern wollte. Sie fragte sich, was wohl aus ihm geworden war, und aus Grif, dem Femtitenjungen, den er bei sich aufgenommen hatte. Kurz hatte sie auch wieder dessen Augen vor sich, die sie so angsterfüllt angeschaut hatten, während sie ihn mit einem Zauber behandelt hatte. Fast bis zum Tod hatte er gekämpft, um seinem Herrn treu zu dienen. Und Saiph war ihm ähnlich, ihr treuer Freund, der immer noch bewusstlos in dieser Höhle lag.

Wenn sie nicht Saiph pflegte oder sich etwas zu essen machte, durchstöberte Talitha Verbas Unterschlupf, auf der Suche nach irgendeinem Anhaltspunkt, wohin er aufgebrochen sein könnte. Oder sie saß, eingewickelt in mehrere Schichten Tierfelle, vor der Höhle und wartete auf seine Wiederkehr. Vergeblich.

Orea brannte nicht mehr, aber nachts war die Finsternis mit Dutzenden und Aberdutzenden von Lichtern getüpfelt, neue Brände, die sich längs der Baumpfade ausbreiteten, diesen hölzernen Stegen, die die einzelnen Ansiedlungen Talarias miteinander verbanden. Irgendwann begriff Talitha, dass es sich dabei um die Folgen von Femtiten-Aufständen handeln musste und von Kämpfen, die die Sklaven gegen die regulären Truppen führten. Mit dem Herzen ganz bei den Unterdrückten, die sich endlich wehrten, beobachtete sie mit Sorge die Drachenformationen, diese winzigen Punkte, die sie unter den Talareth-Kronen kaum noch ausmachen konnte. Wenn sie überlegte, dass vielleicht ihr Vater dort im Sattel saß, hoffte sie inständig, dass er abstürzen möge, bezweifelte aber, dass ihr solch ein Glück beschieden sein würde. Im Grunde war ihr klar, dass ihr Vater sie nicht in Ruhe lassen, dass er sie jagen und nicht rasten würde, bis er sie endlich wieder in der Hand hatte.

Unter den Kräutern, die Verba für sie zurückgelassen hatte, fand Talitha auch die Mixtur, mit der sie sich, auf dem Weg zu den Eisminen, die Haare gefärbt hatte. Seitdem waren sie ein gutes Stück nachgewachsen, und immer deutlicher war ein roter Ansatz zu erkennen. Sie färbte die Haare wieder grün, mit der Farbe, mit der sie unter den Femtiten nicht auffiel, und ging dabei so eifrig zu Werke, als könne sie nicht schnell genug alle Spuren ihrer Vergangenheit beseitigen. Rot war die Farbe ihrer Rasse und verkündete unmissverständlich: Sie war eine Talaritin, mochte es ihr auch noch so unerträglich sein. Sie hasste ihre Rasse so sehr, dass sie bereit war, sie mit allen Mitteln zu bekämpfen.

Sie nahm Verbas Schwert und löste die Stofflappen, mit denen sie das Heft umwickelt hatte. Die Waffe erstrahlte in ihrem vollen Glanz. Stolz betrachtete sie sie in dem rötlichen Licht des Sonnenuntergangs, mit dem Cetus und Miraval die Wolken übergossen. Die Schneide sah aus wie in Blut getaucht.

An den Tagen, während sie auf Saiphs Genesung wartete, nahm Talitha manchmal auch das Buch zur Hand, das Verba in der Eishöhle zurückgelassen hatte. Es war eigentlich nicht mehr als ein kleines Heft, das in abgegriffenes Leder gebunden war. Es schien uralt zu sein: Einige Seiten wirkten wie von der Zeit aufgelöst, andere waren unleserlich geworden. Aber wo noch etwas zu lesen war, konnte sie immer Verbas Handschrift erkennen, mit der er ihr das Pergamentblatt beschrieben hatte. Doch so sehr sich Talitha bemühte, ein paar Worte zu verstehen, es gelang ihr nicht. Diese Sprache war ihr völlig fremd.

Während sie wieder einmal dasaß und überlegte, ob sie es behalten oder aus Enttäuschung verbrennen sollte, schlug Saiph die Augen auf.

Im ersten Moment hatte er das Gefühl, wieder ein kleiner Junge zu sein, so wie damals, als er neben seiner Mutter in ihrer kleinen Kammer im Palast des Grafen Megassa erwacht war. Der begrenzte Raum zwang sie zu einer Nähe, die Saiph liebte. Und er mochte es, wenn er vor ihr wach wurde, denn dann hatte er Zeit, die Umarmung seiner Mutter zu genießen, ihre Wärme, ihren Duft. Mit geschlossenen Augen lag er dann da, presste sich eng an sie und kostete jeden Augenblick in vollen Zügen aus. Diese wenigen Glücksmomente am Morgen schenkten ihm genügend Kraft, mit der er alles überstand.

Während er nun langsam wieder zu sich kam, war Saiph ganz erfüllt von diesem Gefühl, das er an jenen so lange zurückliegenden, halb vergessenen Morgen empfunden hatte.

Wenn dies der Tod ist, will ich mich nicht groß beschweren, dachte er, und der Name seiner Mutter kam ihm in den Sinn, und er hauchte ihn, atemlos. Doch das Gefühl hielt nicht lange an.

Nach und nach spürte er seinen Körper. Es war eine seltsame Empfindung, die von allen Gliedern ausging und ihm langsam in den Kopf hinaufzog, ähnlich einer unerträglichen Last, einer zu scharfen, zu starken Wahrnehmung seiner selbst, wie er sie noch nie zuvor erlebt hatte. Er wollte sich aufrichten, doch die Anstrengung verschlug ihm den Atem. Er sank zurück, seine Muskeln entspannten sich, und er fühlte sich etwas besser, doch die Last, die ihn niederdrückte, wollte nicht weichen. Sie quälte ihn. Allein die Augen zu öffnen fiel ihm schwer, und schon diese einfache Bewegung sorgte dafür, dass ihm der Schädel scheinbar platzte.

Über ihm spannte sich ein bläulich glänzendes Gewölbe, das ein kalt schimmerndes Licht zurückwarf. Ein Stück...

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