Die Welt der Hedwig Courths-Mahler 464 - Liebesroman

Trotz aller Not
 
 
Bastei Lübbe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 20. August 2019
  • |
  • 64 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7325-8385-0 (ISBN)
 
Trotz aller Not Erschütternder Roman um ein hartes Mädchenschicksal Für Anna Holthus und ihren Mann ist es wie ein Wunder, als sie eines Nachts von einem leisen Weinen geweckt werden und kurz darauf ein ausgesetztes Baby vor ihrer Tür finden. So viele Jahre haben die frommen Bauersleute vergebens um ein Kindchen gebetet, und nun hat der Herrgott es ihnen auf diese Weise geschenkt. Damit später niemand mit Fingern auf ihre Tochter zeigen kann, beschließen sie noch in derselben Nacht, das Findelkind als ihr eigenes auszugeben. Ein Betrug, der ihnen viele Jahre später zum Verhängnis werden soll ...
1. Aufl. 2019
  • Deutsch
  • Köln
  • |
  • Deutschland
  • 1,12 MB
978-3-7325-8385-0 (9783732583850)

Trotz aller Not

Erschütternder Roman um ein hartes Mädchenschicksal

Für Anna Holthus und ihren Mann ist es wie ein Wunder, als sie eines Nachts von einem leisen Weinen geweckt werden und kurz darauf ein ausgesetztes Baby vor ihrer Tür finden. So viele Jahre haben die frommen Bauersleute vergebens um ein Kindchen gebetet, und nun hat der Herrgott es ihnen auf diese Weise geschenkt.

Damit später niemand mit Fingern auf ihre Tochter zeigen kann, beschließen sie noch in derselben Nacht, das Findelkind als ihr eigenes auszugeben. Ein Betrug, der ihnen viele Jahre später zum Verhängnis werden soll .

Anna Holthus richtet sich in den Kissen auf, als die Tür geht. Ihr Mann steht auf der Schwelle. Er hält ein Bündel im Arm. Er ist kalkbleich, aber seine Augen lodern.

"Was ist passiert?" Nun verspürt die Bäuerin ein würgendes Angstgefühl. So hat sie Heiner noch nicht gesehen. Warum kommt er nicht näher? Warum zeigt er ihr nicht, was er gefunden hat?

"Anna."

Das Herz der Frau flattert. Sie möchte aufstehen, vermag sich aber nicht zu rühren.

"Was ist denn, Heiner?", fragt sie noch einmal.

Noch ehe Anna Holthus erkennen kann, was er auf dem Arme trägt, liegt das Bündel vor ihr auf der Decke. Und gleichzeitig ist ein feines klagendes Geräusch zu vernehmen. Es klingt wie das Mauzen eines hungrigen Kätzchens.

Die Frau presst beide Hände auf den Mund und starrt in das schmuddelige Kindergesichtchen, das aus dem feuchten, zerrissenen Steckkissen schaut.

"Um Gottes willen, Heiner!"

Der Bauer kniet neben dem Bett nieder. Seine Blicke hängen verzückt an dem kleinen Findling.

"Es ist ein Kindchen, Anna."

Seine Worte könnten einfältig klingen, wüsste Anna Holthus nicht genau, wie sie gemeint sind. Die Frau fühlt ein Brennen hinter den Lidern. Nie hat sie das Fehlen eines eigenen Kindes so schmerzlich verspürt wie in diesen Minuten.

"Ja, Heiner! Aber wo kommt es her?"

"Bello muss es irgendwo gefunden haben."

"O Gott, die armen Eltern."

"Die armen Eltern?" Die Stirn Heiners hat sich gefaltet. "Woher weißt du denn, ob sie das Würmchen nicht ausgesetzt haben?"

"Ach, glaubst du wirklich?"

"Nun, unser Hund hat das Kleine bestimmt nicht aus einem Haus geholt."

"Nein, du hast recht, das ist nicht anzunehmen."

"Und wir wohnen sehr einsam, der nächste Hof liegt zwanzig Kilometer ab. So weit ist das Tier nicht gelaufen. Außerdem gibt es in der Nachbarschaft gar keinen Säugling. Oder weißt du von einem?"

"Nein."

Sie blickten beide auf das Kind, das die Fäustchen vor die Augen presst. Plötzlich beginnt es wieder zu weinen.

"Es wird hungrig sein, Anna."

"Ach ja. Wer weiß, wie lange es nichts zu essen bekommen hat."

Anna steigt aus dem Bett und wirft sich hastig ein paar Kleidungsstücke über. Heiner nimmt das Bündel hoch und geht mit dem schreienden Kind hin und her. Er flüstert dabei leise, beruhigende und sehr zärtliche Worte, die ihm niemand zugetraut hätte.

Wirklich hört das Kleine auf zu weinen und starrt mit erstaunten blauen Augen in das Männergesicht. Und als Anna zurückkommt und die Arme nach dem Bündel ausstreckt, scheint der Mann es nur widerwillig herzugeben.

"Du musst es vorsichtig anfassen, es ist noch sehr klein."

"Oh, nur keine Angst, ich habe einen Kursus in Kinderpflege mitgemacht", erwidert Anna Holthus lächelnd. "Wir wollen dem Kind erst etwas zu essen geben. Waschen können wir es dann hinterher."

Gierig saugt das Kleine an dem Fläschchen. Es schließt dabei die Augen und schmatzt zufrieden.

"Es stammt aus guter Familie", flüstert Anna. "Schau doch, was es für hübsche Sachen trägt."

"Ist es ein Bub oder ein Mädel?"

"Ein Mädel", sagt Anna sofort.

"Ein Mädchen also!", stellt Heiner enttäuscht fest.

"Es kann nicht nur Buben geben, du dummer Kerl! Die Kleine ist doch herzig!"

"Was meinst du, wie alt ist das Baby, Anna?"

"Das ist schwer zu sagen. Vor drei oder vier Wochen geboren, schätze ich. Aber was machst du denn da?"

Heiner reißt das ganze Steckkissen auseinander.

"Ich suche nach einem Anhaltspunkt", sagt er. "Wenn man schon ein Kind aussetzt, legt man dann nicht einen Zettel dabei? Aber ich finde nichts, unsere Kleine muss eine Rabenmutter gehabt haben."

Später legen sie das Kind zwischen sich ins Bett und löschen das Licht. Schlaf finden sie beide lange nicht.

"Du weinst doch nicht?", flüstert Heiner Holthus in die Dunkelheit und drückt die schmale Hand seiner Frau. "Das brauchst du nicht, Anna! Nein, du brauchst nie mehr zu weinen, hörst du?"

"Ist ja schon gut, Heiner", erwidert die Bäuerin.

So viele Jahre ihrer Ehe hat sie vergebens auf ein Kind gehofft. Nun scheint es, als sei ihr verzweifeltes Gebet erhört worden.

Am nächsten Morgen werden sie vom Weinen des Kindes geweckt. Aber sie sind nicht böse darüber, sie lächeln sich zu.

"Nimm es ein bisschen", sagt Anna, "ich hole Milch."

Die Kleine wird gefüttert, gewaschen und frisch gewickelt.

"Das Kind ist wirklich süß", meint der Bauer schließlich, "auch wenn es nur ein Mädchen ist. Du, Anna, wir müssen jetzt ganz genau überlegen, was wir zu tun haben."

"Was gibt es da zu überlegen, Heiner? Du musst ins Dorf fahren und die Geschichte dem Bürgermeister und dem Pfarrer melden. Würdest du die Kleine behalten wollen, falls die Eltern sich nicht finden?"

"Ja, ich will das Kind behalten. Es darf sich niemand finden, der Anspruch darauf erhebt, verstehst du?"

"Nein, Heiner, nicht ganz."

Er legt die Hände auf ihre Schultern.

"Ich habe ein Jahr lang um einen Erben gebetet und du wahrscheinlich auch. Jetzt ist er da!"

"Aber ."

"Anna, ich will nicht länger warten müssen. Es ist ein Wunder geschehen, ein Kind ist vom Himmel gefallen. Das ist kein Zufall, das hat der Herrgott so bestimmt."

Die Bäuerin lächelt zaghaft.

"Wenn die Kleine ausgesetzt wurde, Heiner - und wie sollte es wohl anders sein -, dann ist man sicher froh, wenn wir sie behalten. Fahr nur gleich ins Dorf."

"Du hast mich nicht verstanden, Anna. Ich will kein Findelkind, ich will ein eigenes. Man soll später nicht mit Fingern auf unsere Tochter zeigen und hinter ihrem Rücken tuscheln."

Anna schaut ihren Mann zweifelnd an.

"Niemand weiß, wie das Kind in unser Haus kam. Nachbarn sind monatelang nicht auf unserem Hof gewesen, Mägde und Knechte gibt es zu dieser Jahreszeit nicht viele. Ich rede mit dem Gesinde, das dich ebenfalls kaum zu Gesicht bekommen hat. Und ich fahre ins Dorf und melde auf dem Pfarramt die Geburt unserer Tochter an."

"Das ist Betrug, Heiner, das darfst du nicht", entgegnet Anna erregt. "Die Eltern könnten sich finden, dann bestraft man dich. Oder unser Herrgott zieht dich zur Rechenschaft."

"Unser Herrgott?" Heiner Holthus sieht sehr zuversichtlich aus. "Nein, der hat mir diesen kleinen Engel ins Haus geschickt. Lass mich nur machen, Anna. Es ist zwar nur ein Mädchen, aber es wird eines Tages heiraten und selbst wieder Kinder haben. Wir werden nicht mehr allein sein, Annchen."

"Heiner", flüstert Anna, "das kann nicht gut gehen ."

"Still, Annchen! Natürlich werde ich vorsichtig sein. Ich werde sogar ein paar Tage warten, bis ich das Kind anmelde, und mich derweil in der Gegend umhorchen. Meldet sich niemand und höre ich nichts, dann jedoch ."

Mit der Rechten macht Heiner Holthus eine energische Bewegung.

"Bleibe du mit der Kleinen im Haus, zeige dich nicht draußen, und vertraue mir, Anna!"

Die Frau wagt es nicht, sich länger aufzulehnen. Mit Tränen in den Augen drückt sie das fremde Kind an ihre Brust.

Kurz darauf tritt der Bauer vor das Gesinde, das beim Frühstück sitzt.

"Hört her! Die Bäuerin hat in der Nacht ein Kind geboren, ein Mädchen. Es geht ihr nicht gut. Ich wünsche, dass ihr euch sehr ruhig verhaltet und das Haus nicht betretet."

Dann legt Heiner Holthus einen Hundertmarkschein auf den Tisch.

"Fahrt ins Dorf und holt euch Bier und Schnaps. Aber sprecht nicht eher über die Geburt meiner Tochter, bis ich das Kind selbst angemeldet habe."

Große Augen starren den Bauern an. Ein Kind? Niemand hat etwas davon bemerkt. Zwar hat man die Bäuerin nur selten gesehen, und immer hat sie dann eine mächtige Schürze getragen.

Seltsam ist die Geschichte trotzdem, und so herrscht einen Moment Stille.

Endlich springt einer vom Tisch hoch und streckt dem Brotgeber...

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