Der unausweichliche Tag

Roman
 
Rose Tremain (Autor)
 
Suhrkamp Verlag AG
2. Auflage | erschienen am 1. März 2011 | 334 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-518-74110-8 (ISBN)
 
Anthony Verey, Mitte 60, früher der bekannteste Antiquitätenhändler Londons, spürt, dass es vorbei ist, sein glamouröses Leben. In Frankreich, in der kargen Landschaft der Cevennen, wo seine Schwester Veronica mit ihrer Geliebten Kitty lebt, möchte er ein Haus kaufen, ?bevor es zu spät ist?. Die eifersüchtige Kitty ist mit Anthonys Aufenthalt jedoch völlig überfordert. Bei Veronica hingegen löst der Bruder aufs neue Beschützerinstinkte aus, aber auch Erinnerungen an die gemeinsame Kindheit, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Als sich Anthony für das einsame, heruntergekommene Anwesen der Geschwister Aramon und Audrun Lunel interessiert, werden diese von ihrer gewalttätigen Familiengeschichte eingeholt, und Audrun sinnt auf Rache für einen Verrat, der ihr ganzes Leben vergiftet hat. Da macht ein kleines Mädchen, während eines Schulausflugs, eine grausige Entdeckung. Der neue Roman von Rose Tremain ist eine mitreißende Geschichte über Geschwisterliebe, Rache ? und die Frage, wie man seinem Leben noch einen Sinn geben kann, wenn man nicht weiß, wie viel Zeit einem noch bleibt. "Gerade einmal 300 Seiten, aber die haben es wirklich in sich ? das Werk einer Autorin auf der Höhe ihrer Kunst. Ein durch und durch fesselnder psychologischer Thriller, der unbedingt von Claude Chabrol verfilmt werden sollte." Independent on Sunday "Jeder Satz glüht vor Schönheit." Vogue
Christel Dormagen
Deutsch
1,77 MB
978-3-518-74110-8 (9783518741108)
3518741101 (3518741101)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Rose Tremain wurde 1943 geboren und wuchs in London auf. Sie studierte ein Jahr lang an der Pariser Sorbonne, ging zurück in ihre Heimat und begann ein Anglistikstudium an der University of East Anglia in Norwich, das sie 1967 abschloss. Dort lehrte sie später von 1988-1995 als Dozentin creative writing. Vorher war sie Lehrerin an einer Privatschule für Jungen. Rose Tremain veröffentlichte Romane, Kurzgeschichten, schrieb aber auch für Film, Funk und Fernsehen. Ihr Roman Zeit der Sinnlichkeit wurde 1995 mit Robert Downey Jr., Hugh Grant und Meg Ryan verfilmt (Restoration). Ihr Roman The Road Home, der im Suhrkamp Verlag unter dem Titel Der weite Weg nach Hause erschien, wurde 2008 mit dem Orange Prize for Fiction ausgezeichnet. Tremain lebt mit ihrem Lebenspartner, dem Biographen Richard Holmes, in London und Norwich. Ihr Werk erscheint auf Deutsch im Suhrkamp und Insel Verlag.

1 - Cover [Seite Cover]
- 1 [Seite 1]
2 - Informationen zum Buch/Autor [Seite 3]
3 - Impressum [Seite Impressum]
- 5 [Seite 5]
4 - Der unausweichliche Tag [Seite 6]
5 - Widmung [Seite Widmung]
- 7 [Seite 7]

Das Mädchen heißt Mélodie.

Es ist lange her, Mélodie war noch gar nicht geboren, da hatte ihre hübsche Mutter sich als Komponistin versucht.

Mélodie ist zehn Jahre alt, und sie will ein Sandwich essen. Sie klappt die beiden Hälften auseinander und starrt auf den feuchten rosa Schinken dazwischen und auf den ekligen graugrünen Schimmer auf dem Schinken. Überall um sie herum, im vertrockneten Gras und in den verdorrten Bäumen, machen Grillen und Grashüpfer jenes Geräusch, das sie nicht mit ihrer Stimme (sie haben keine Stimme, hat man Mélodie erklärt), sondern mit ihren Körpern machen, ein Körperteil schwingt dabei gegen einen anderen. Hier ist alles lebendig, flattert und schwirrt von einer Stelle zur anderen, denkt Mélodie, und sie hat Angst, dass plötzlich eines dieser Insekten auf ihrem Sandwich landet oder auf ihrer Wade oder sich mit den Beinen in ihren Haaren verheddert.

Mélodies Haar ist schwarz und seidig. Während sie auf den glitschigen Schinken schaut, spürt sie, wie Schweiß aus ihrer Kopfhaut kommt. Schweiß ist eine kalte Hand, die einen streicheln will, denkt sie. Schweiß ist etwas Seltsames in einem drin, das von einer Stelle zur anderen kriechen will …

Mélodie legt das Sandwich in das staubige Gras. Sie weiß, im Nu werden Ameisen da sein, um das Brot herumwimmeln und es wegzutragen versuchen. In Paris, wo sie früher wohnte, gab es keine Ameisen, aber hier, wo ihre neue Heimat ist, gibt es mehr Ameisen, als man überhaupt zählen kann. Sie kommen aus der Erde und gehen wieder dahin zurück. Man findet sie, wenn man gräbt: eine kompakte Masse, schwarz und rot. Der Spaten würde da mitten hindurchstechen. Wahrscheinlich müsste man noch nicht einmal sehr tief graben.

Mélodie hebt den Kopf und blickt hoch zu den Blättern der Eiche.

Diese Blätter färben sich schon gelb, als wäre es längst Herbst. Der Wind, der Mistral heißt, bläst durch den Baum, und die Sonne wandert immer weiter und durchlöchert den Schatten, und immer ist hier etwas in Bewegung, nie kehrt Ruhe ein.

»Mélodie«, sagt eine Stimme. »Ist alles in Ordnung? Magst du dein Sandwich nicht?«

Mélodie dreht sich um zu Mademoiselle Jeanne Viala, ihrer Lehrerin, die wenige Schritte entfernt auf einer Decke im Gras sitzt. Einige der kleineren Kinder hocken in ihrer Nähe, und alle futtern brav ihre Baguettes.

»Ich habe keinen Hunger«, sagt Mélodie.

»Wir hatten einen langen Vormittag«, sagt Mademoiselle Viala. »Versuch wenigstens ein paar Bissen.«

Mélodie schüttelt den Kopf. Manchmal ist es schwierig zu sprechen. Manchmal ist man wie ein Insekt, das keine Stimme hat, sondern Körperteile aneinanderreiben muss. Und um einen herum bläst immerzu der Mistral, und immerzu fallen Herbstblätter, obwohl es doch Hochsommer ist.

»Komm und setz dich zu uns«, sagt Mademoiselle Viala. »Wir trinken jetzt alle etwas Wasser.«

Die Lehrerin befiehlt einem der Jungen, Jo-Jo (er gehört zu denen, die Mélodie ärgern und hänseln und ihren schicken Pariser Akzent nachäffen), ihr die Picknicktasche zu reichen. Mélodie steht auf und lässt ihr Sandwich im Gras liegen, und Mademoiselle Viala zeigt mit der Hand neben sich, und Mélodie setzt sich dort neben die Lehrerin, die sie eigentlich mag, die aber heute Morgen Mélodie verraten hat … ja, verraten, … weil sie Mélodie gezwungen hat, Dinge zu sehen, die sie gar nicht sehen wollte …

Mademoiselle Viala trägt eine weiße Leinenbluse, Jeans und weiße Segelschuhe. Ihre Arme sind weich und braungebrannt, und ihr Lippenstift ist leuchtend rot. Sie hätte gut aus Paris sein können. Sie holt eine kleine Flasche Evian aus der unhandlichen Tasche und reicht sie Mélodie.

»Hier«, sagt sie. »Für dich.«

Mélodie presst die kühle Flasche gegen ihre Wange. Sie sieht, dass Jo-Jo sie anstarrt. Diese gemeinen Jungen können völlig unschuldig gucken, so unschuldig, als wüssten sie ihren eigenen Namen nicht.

»So«, sagte Jeanne Viala mit ihrer Lehrerinnenstimme, »ich bin mal gespannt, wer mir sagen kann, wie Seide hergestellt wird, nachdem wir nun alle die Ausstellung im Museum gesehen haben.«

Mélodie schaut weg, nach oben, zur Seite, in die Ferne zum hüpfenden Licht, zum unsichtbaren Wind … Um sie herum heben die Kinder ihre Arme, ganz wild darauf, Mademoiselle Viala zu erzählen, was sie wissen oder was sie, wie Mélodie argwöhnt, schon immer gewusst haben, weil sie ein Teil dieser Landschaft sind und hier geboren wurden.

Jo-Jo sagt: »Seide wird von Raupen gemacht.«

Wie die anderen hat er es schon immer gewusst. Jeder hier weiß es von seinen Großeltern oder den Urgroßeltern, und nur sie, Mélodie Hartmann aus Paris, hat sich noch nie Gedanken darüber gemacht … bis heute nicht, bis Jeanne Viala mit den Kindern das Museum der Cévenoler Seidenproduktion in Ruasse besucht hat …

»Gut«, sagt Mademoiselle Viala. »Schreit nicht alle durcheinander. Jetzt du, Mélodie. Stell dir vor, du wolltest gesunde Seidenraupen züchten, was müsstest du als Erstes tun, nachdem du die Eier gekauft hast?«

Als Erstes. Sie blickt auf ihre Hände, die schmutzig sind, von Schweiß und Staub – von menschlichem Dreck.

»Sie warmhalten …«, flüstert sie, mit einer Stimme, dünner als die irgendeines winzigen Tiers, das zwischen zwei Getreidehalmen wohnt oder unter einer Baumwurzel.

»Ja«, sagt Jeanne Viala. »Gut. Und wie würdest du das machen?«

Mélodie würde gern sagen: Ich habe schon geantwortet. Das habe ich doch. Mehr möchte ich darüber nicht sagen. Aber sie blickt einfach weiter auf ihre schmutzigen Hände, die die Evian-Flasche halten.

»Ich weiß es!«, sagt Jo-Jo.

»Wir wissen es!«, sagen zwei Mädchen, zwei unzertrennliche Freundinnen, Stéphanie und Magali.

»Na, dann erzähl du es uns, Magali«, sagt Jeanne Viala.

Magalis Gesicht ist puterrot, ganz heiß vor Stolz und Verlegenheit. »Das hat meine Oma mir erzählt!«, platzt sie heraus. »Man tut sie in einen Beutel, und den steckt man dann in die Unterhose!«

Als alle um sie herum in Lachen ausbrechen, steht Mélodie auf. Ihre Beine fühlen sich wackelig an, aber sie entfernt sich, so schnell sie kann, von all den lauten Kindern.

Rotrückige Grillen springen und flitzen vor ihr her. Sie bricht sich einen Zweig mit einer spröden Samenkapsel an der Spitze und versucht, die Insekten damit zu vertreiben. Sie hört die Lehrerin nach ihr rufen, aber sie dreht sich nicht um. Bestimmt weiß Jeanne Viala … ganz bestimmt tut sie das … dass man Heimweh nach Paris hat, wenn man sein Leben lang dort gewohnt hat – zehn ganze Jahre –, Heimweh nach der Stadt, nach einem hübschen, sauberen Zimmer mit Teppichboden in einer hübschen Wohnung, und dass man nicht über Raupen reden möchte, die in einem Beutel unter dem Rock wimmeln. Denn natürlich ist Paris ja nicht einfach verschwunden. Es ist immer noch da. Die Straße ist da. Die Wohnung ist da. Das Zimmer, das einem gehört hat. Und nur man selber wird nie mehr dahin zurückkehren. Nie mehr. Weil Papa etwas »Großartiges« in Aussicht gestellt worden war. Weil ihm eine Beförderung angeboten worden war. Man hatte Papa zum Leiter des Labors für medizinische Analyse in Ruasse ernannt. Leiter. »Das ist fantastisch«, sagt Maman. »Du musst begreifen, dass das eine einmalige Chance ist.« Aber dann bedeutete es einfach nur, dass … es Paris nicht mehr gibt. Jetzt gibt es ein Haus aus dicken Steinen, irgendwo ganz allein in einem schattigen Tal. Stechmücken sirren durch die dunklen, heißen Nächte. Das Haus ist ein mas, was »Mass« ausgesprochen wird. In den Ritzen zwischen den Steinen, wo der Mörtel bröckelt oder schon herausgefallen ist, verstecken sich Skorpione vor der Sonne. Und manchmal sitzt einer, schwarz und tödlich, an der Wand im Zimmer, und Papa muss kommen, und …

… er bringt einen Holzklopfer oder einen Hammer. Blut steigt ihm ins Gesicht.

Der Schlag mit dem Hammer hinterlässt einen Abdruck auf der verputzten Wand.

»So«, sagt er, »alles wieder in Ordnung. Da ist nichts mehr.«

Nichts mehr.

Kein Heimweg mehr von der Schule, vorbei am Optikergeschäft, dem Blumenladen und der Pâtisserie an der Ecke. Keine Winterabende mehr, wenn der Pariser Himmel über den Häusern in einem elektrischen Blau leuchtet.

Kein Ballettunterricht mehr, kein Schwimmtraining, keine Geigenstunden. Nichts mehr.

Mit ihrem Samenkapselstock wedelt Mélodie sich ihren Weg zwischen den Grashüpfern frei.

Sie öffnet ein rostiges Eisentor und betritt eine Weide mit hohem Gras, strebt in den Schatten, zu den gelb werdenden jungen Eschen, einem Ort, wo sie allein sein und ihr Wasser trinken kann. Die Lehrerin ruft nicht mehr nach ihr. Vielleicht ist Mélodie weiter gelaufen, als sie gemerkt hat. Es ist windstill und ruhig. Als wäre der Mistral gestorben.

Mélodie öffnet die Wasserflasche. Sie kühlt nicht mehr, ist dafür schmutzig von ihren Händen und riecht nach Plastik. So sollte sie eigentlich nicht riechen, aber hier, wo die Natur so … bestimmend … so … überall ist, riecht sie nach menschengemachtem Plastik. Nur hier, wo die Natur die Erde und die Luft und den Himmel erfüllt. Wo die Augen voll von ihr sind. Wo man sie im Mund schmecken kann …

Mélodie hat das Wasser schon halb ausgetrunken, da hört sie ein neues Geräusch.

Menschen, die im Radio reden? Eine von diesen...

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