Das Dorf und der Tod

Kriminalroman nach einer wahren Begebenheit
 
 
Ludwig Buchverlag
  • 1. Auflage
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  • erschienen am 13. September 2021
  • |
  • 288 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-25535-0 (ISBN)
 
Eine furchtbare Entscheidung, die hundert Jahre zurückliegt. Eine ausgelöschte Familie. Und ein Dorf, das bis heute schweigt.1995, ein idyllisches Dorf in Oberbayern. Kurz vor Weihnachten geschieht dort ein bestialischer Mehrfachmord. Drei Menschen sterben, der Täter begeht Suizid, die Polizei kommt zu dem Schluss, dass "Hass" das Mordmotiv gewesen ist, und stellt die Ermittlungen ein. Doch woher kommt dieser unbändige Hass? Christiane Tramitz, selbst in diesem Ort aufgewachsen, macht sich auf die Suche und stößt auf furchtbare Ereignisse, die über hundert Jahre zurückliegen: Alles begann mit einer jungen Frau, einer unglücklichen Liebe und einer tragischen Entscheidung, die sich über zwei Generationen hinweg auswirkte und in die ebenso grauenhafte wie verzweifelte Tat mündete. Basierend auf dieser wahren Geschichte und ihren eigenen Recherchen hat die Bestsellerautorin einen True-Crime-Roman geschrieben, der den alten Fall neu aufrollt - abgründig, erschütternd und packend.
  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Ludwig bei Heyne
  • 1,18 MB
978-3-641-25535-0 (9783641255350)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Christiane Tramitz wuchs in Oberbayern in einem kleinen Dorf auf, zeitweise auch in den rauen Ötztaler Alpen. Zudem sammelte sie während ihrer Berliner Zeit ausreichend Großstadterfahrung. Ihre Leidenschaft gilt dem Reisen, den Menschen und, seit über 30 Jahren, dem Schreiben. Nachdem die promovierte Verhaltensforscherin zahlreiche Sachbücher über menschliches Verhalten verfasst hatte, wandte sie sich vermehrt dem Genre True Crime bzw. Tatsachenroman zu. Neben den Erfolgstiteln »Irren ist männlich« und »Unter Glatzen« verfasste sie auch den Spiegelbestseller »Harte Tage, gute Jahre«. Für ihre Veröffentlichung über Straßenkinder erhielt sie den Karl-Buchrucker-Förderpreis. Die Autorin hat zwei Kinder und lebt in Oberbayern.

Wie gerne wäre Vroni mitgegangen. Sie liebte das freudige Tanzen, das Poltern auf der Bühne, wenn die Burschen den Schuhplattler zeigten. Sie liebte die Ausgelassenheit, manchmal auch das unbeschwerte, leichte Gefühl, wenn sie ein paar Schlucke Bier aus dem Maßkrug getrunken hatte, heimlich natürlich, denn Mutter Zinsmayer meinte streng, Saufen sei nur was für Männer, eine ordentliche Frau habe dies tunlichst zu unterlassen.

Während Vroni am geöffneten Fenster ihres Zimmers stand und auf die Straße blickte, auf der entlang die Haflinger die jodelnde Truppe Richtung Dorffest gezogen und dabei ein paar Pferdeäpfel verteilt hatten, wurde sie wehmütig und zweifelnd zugleich. Es war ein schmerzendes Wanken in ihrer Seele, das eben noch höchste Glück schlug jäh in Zweifel und Wut um. Warum hatte Lenz eben nichts gesagt, als sie im Schuppen waren, warum nicht gefragt, ob sie auf das Fest mitkommen wolle. Groll richtete sich auch gegen die strenge Mutter, der neben dem Reichtum, den die Familie angehäuft hatte, nichts wichtiger war als der zweifellose Ruf ihrer Tochter, dem einzigen Kind der Zinsmayers. Niemals hätte sie erlaubt, dass Vroni ohne ihre Eltern auf ein Fest ging. Vom Vater war keine Hilfe zu erwarten, er sagte ohnehin meist nichts, hielt sich aus den Dingen, die im Haus stattfanden, heraus und arbeitete unermüdlich in seinem Säge- oder Elektrizitätswerk und grübelte in der Freizeit über seine diversen Erfindungen.

Vroni legte sich auf das Bett und hörte die Vögel singen. Der Nachmittag hatte begonnen, die Sonne stand hell am Himmel, der Vroni nun weiter weg erschien denn je. Sie war am falschen Ort, nicht bei der großen Liebe, die sie im Herzen klopfen spürte. Wenngleich sie ihm grollte, weil er sie übergangen hatte, vermisste sie Lenz, der jetzt fort war, drüben auf dem Fest wohl sicher eine andere Frau beim Tanz in seinen Armen hielt.

Während Vroni dalag und wehmütigen Gedanken nachhing, bemerkte sie plötzlich die seltsame Stille im Haus, keine Stimme, kein Klappern von Töpfen, keine Tritte im Hof. Als sie sich vorhin auf leisen Sohlen durch den Gang die Treppe hinauf ins Zimmer geschlichen hatte, um dem gewohnten Ärger zu entrinnen, der bei jedem Zuspätkommen drohte, sah sie durch den Türspalt, dass ihre Eltern in der Küche saßen: ihre Mutter, Mari, heftig gestikulierend und laut schimpfend, ihr Vater, Herbert, wie immer schweigend. Streit zwischen den beiden gab es öfter, es ging um die Knechte, die Mägde, die der Mutter zu faul waren, vor allem ging es um das leidige Geld, das der Mutter nie genug war, auch wenn die Zinsmayers die reichsten Einwohner des Ortes waren. Oder die Eltern zankten sich wegen Vroni, weil sie nicht tat, was man von ihr erwartete. Meistens aber suchte Mari Streit schlicht und einfach des Streites wegen, und Vroni fragte sich dann, ob es jemals Liebe zwischen ihrem Vater und der Mutter gegeben hatte? So wie zwischen ihr und Lenz?

Über die Liebe sprach man nicht offen, weder in der Familie noch unter Bekannten, man empfand und lebte sie heimlich, insbesondere wenn man so jung wie die erst achtzehnjährige Vroni war, und unverheiratet. Liebe und Begehren waren für die Ehe bestimmt, und falls sie nicht da war, die Liebe, heiratete man trotzdem, wenn es die Familie so bestimmt hatte. Nein, ihre Eltern liebten sich nicht, sahen sich nie zärtlich an, sie stritten oder schwiegen, sie funktionierten. Liebe, ahnte Vroni, war für ihre Eltern die Erfüllung von Pflichten. Niemals wollte Vroni so leben, sie wollte den Schatz hüten, der in der Liebe lag. Für immer und ewig. Mit Lenz. Sie würde auf den Tag warten, an dem er um ihre Hand anhielte, noch drei Jahre waren es bis zu ihrer Volljährigkeit, dann könnte sie sich vor der Kirche, vor den Eltern, vor allen Menschen im Dorf für den Mann entscheiden, den sie begehrte. Vroni erhob sich vom Bett, strich das Kleid glatt und lächelte. Sie schloss die Augen und stellte sich den Geliebten vor mit seinen schönen Augen, dem dichten Haar, dem Lachen, bei dem seine Zähne so weiß schimmerten. In Gedanken sah sie ihn, er stand direkt vor ihr, so nah, dass sie meinte, seinen Atem zu spüren. »Lenzerl«, sagte sie leise, »ich werd einmal dein Weib, wir könnten zusammen hier im Haus leben. Du könntest lernen, mit'm Holz und der Säg umzugehn. Dann musst nimmer in die Bäckerei. Ich mach den Garten, so wie im Paradies, Blumen kommen ans Fenster, und wir wer'n glücklich sein, für immer, Lenz, des weiß ich und des will ich.«

Festen Willens, stur, so schimpfte die Mutter stets, sei Vroni immer schon gewesen, trotzig, manchmal wild, meistens stolz. Ging die Zinsmayertochter durch den Ort, war ihr Haupt hoch erhoben, der Gang voller Anmut und Liebreiz. Schön, mit ebenmäßigem Gesicht und langen blonden Haaren, war sie überdies; eine gute Partie sei sie, sagte man im Dorf: reiche Eltern, einflussreicher Vater, ein ansehnlicher Besitz.

Die Schöne stand jetzt in ihrer Kammer, sprach in die Leere des Raums ihre Träume, voll jugendlicher Verblendung und dem Glauben, man könne die Zukunft selbst lenken, das Glück wählen und fest umklammert halten. Keine acht Wochen war es her, dass Lenz sie zum ersten Mal geküsst hatte.

»Vroooni, komm runter, muss mit dir reden«, hörte sie jetzt die Stimme der Mutter rufen.

Mari saß allein in der Küche, der Vater hatte sich verzogen. »Setz dich her«, befahl die Mutter der Tochter und klopfte mit der Hand auf einen Stuhl. Die Falte zwischen ihren Augen war furchig, die Lippen hatten sich zu einem schmalen Strich verzogen. Die Haare hatte sie wie immer zu einem festen Knoten gebunden, ein paar graue Strähnen schimmerten hervor. Die Finger waren knöchrig, wie alles an ihr. Langsam wird sie alt und verbittert, dachte Vroni, als sie Mari anblickte. Doch eine Mutter hatte man zu lieben und zu achten, egal wie sie war. Mehr liebte sie ihren Vater, den sanften, in sich gekehrten, den weisen, der nie sagte, was er dachte, dafür seine Augen sprechen ließ. Mutter Mari schob Vroni eine Teetasse zu und goss ein. Dann schraubte sie den Ehering über den Fingerknöchel nach oben und wieder zurück, eine Bewegung, die sie immer machte, wenn sie erregt war. Es roch nach Braten, der in einer Reine auf dem Herd vor sich hin simmerte, daneben ein Topf Soße. »Warst heut Mittag wieder net da«, begann die Mutter. »Wo hast dich rumgetrieben?« Vroni zuckte mit den Achseln. »Unterwegs mit ein paar Leut war ich, hab die Zeit vergessen.«

»Das ist jetzt der dritte Sonntag, Vroni, wo du net da warst. Ich hab's dir gesagt, heut Abend gibt's nix für dich zum Essen, wirst es schon noch lernen, dass du folgst, das sag ich dir. Ist eh net einfach mit dir, die ganzen Jahr net, seit du auf derer Welt bist. Machst dauernd, was du willst mit deinem Sturschädl, ich weiß net, woher der kommt.« Sie seufzte und schüttelte den Kopf. Sie nahm einen Schluck aus der Teetasse, stellte sie zurück, drehte wieder an ihrem Ring. »Da wär noch was«, fuhr Mari schließlich fort. Sie schob Vroni das Heftchen über den Tisch zu.

»I hab's gelesen, des Stück da«, sagte sie. »Über den boairschen Hiasl, will ja schließlich wissen, was ihr da mit dem Theater macht's. Du spielst die Moni, stimmt's?«

»Das hab ich dir doch schon gesagt, Mutter«, gab Vroni zurück. An einer Stelle des Heftchens war ein Einmerker in Form eines Stücks Papier zu sehen. Mari schlug es dort auf und las mit erboster Stimme vor: »Moni küsst Hiasl.« Sie blickte ihre Tochter scharf an. »Und der Hiasl, haben's alle gesagt, den spielt der Lorenz, der Lump. Des gefällt mir net. A schändliche Küsserei. Noch dazu vor alle Leut, auf der Bühne.«

»Ist doch nur a Theater, Mutter«, antwortete Vroni trotzig.

Mari Zinsmayer hieb mit der Faust auf den Tisch, dass Tee aus den Tassen schwappte. »Vroni, des is mir wurscht, i hab mit 'm Vater geredet, wir wollen des net, du machst da net mit, bei diesem Theater.«

Sie stritten sich, harsche Worte flogen hin und her, Vroni versuchte, sich zu erklären, es sei doch nichts dabei, man könne den Kuss auch wegfallen lassen, es wär doch alles nur auf der Bühne, Lenz würde sie als Schauspielerin dringend brauchen, denn es verblieben nur noch wenige Wochen bis zur Aufführung, sie habe sich so darauf gefreut, den Text gelernt, und Lenz meinte, sie sei eine gute Schauspielerin, außerdem könne sie ihn nicht einfach so sitzen lassen, bei seinem großen Traum, ein Stück zu inszenieren, zudem sei er doch ein ganz netter Bursche.

Nachdem Vroni all dies atemlos herausgesprudelt hatte, versetzte ihr Mari einen festen Schlag auf die Wange und schrie sie an: »Eine Ruh is!«. Draußen vor dem Fenster rauschte der Bach, zwitschernde Vögel waren auch zu hören und Stimmen von irgendwelchen Dorfbewohnern, die auf der Straße ein paar Worte wechselten. Der Nachbarsbub übte Trompete, spielte einen Walzer. Der Sonntag, der nicht schöner hätte sein können, wandelte sich, die Sonne glänzte nicht mehr, die Wärme verzog sich langsam, Mutter und Tochter saßen sich gegenüber und schwiegen. Das Paradies erschien auf einmal ferner denn je. Und...

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