Sebastian Kurz

Österrreichs neues Wunderkind?
 
 
Residenz (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 5. Dezember 2017
  • |
  • 128 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7017-4566-1 (ISBN)
 
Sebastian Kurz gilt als das Wunderkind der österreichischen Politik. Von den internationalen Medien angesichts seines Alters und seiner steilen politischen Karriere bestaunt, konnte er als Bundesparteiobmann einen großen Wahlsieg erringen. Wer ist dieser junge Mann, der mit dem Versprechen antrat, eine alte, verkrustete Partei in eine moderne 'Bewegung' umzuwandeln? Was sind seine politischen Inhalte und Ziele? Wer steht hinter ihm? Wie haben sich seine Positionen im Laufe seiner politischen Laufbahn geändert? Die Journalistinnen Nina Horaczek und Barbara Tóth beleuchten in diesem Porträt Herkunft, Werdegang und Politik von Sebastian Kurz.
  • Deutsch
  • Salzburg
  • |
  • Österreich
  • 0,19 MB
978-3-7017-4566-1 (9783701745661)
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Barbara Tóth
geboren 1974, ist Historikerin, Buchautorin und Journalistin. Nach Stationen beim "profil", "Format" und "Standard" schreibt sie seit 10 Jahren für die Wiener Wochenzeitung "Falter" über die Themen Politik, Gesellschaft und Zeitgeschichte. Ihre Arbeiten wurden mehrfach ausgezeichnet.

Nina Horaczek
geboren 1977 studierte Politikwissenschaften. Seit dem Jahr 2000 arbeitet sie als Politredakteurin bei der Wiener Wochenzeitung "Falter". Darüber hinaus veröffentlichte sie u. a. Beiträge im jüdischen Kulturmagazin "Nu" und in der Wochenzeitung "Die Zeit".

Prolog


Wenn es ein einziges Wort gibt, das Sebastian Kurz beschreibt, dann das: Kontrolle. Kurz ist die personifizierte Selbstkontrolle. Wenn er auftritt, ist nichts dem Zufall überlassen. Seine Sätze sind wie gestanzt, er spricht nahezu druckreif. Die Fotos und Videos, die er von sich in die Welt schickt, lässt er am liebsten von seinen eigenen Medienleuten gestalten. Die Frisur sitzt, das Gesicht ist perfekt mattiert. Sein persönliches Team, seit Jahren dasselbe, besteht aus einer Handvoll Jugendfreunde und steuert alles, was politisch rund um ihn passiert. Er hat das Team im Griff, das Team hält ihm die Partei im Griff.

Auch sein Lebenslauf entspricht dem Erwartbaren. Kein Bruch, kein Umweg stört den Karriereweg dieses österreichischen Wunderkindes der konservativen Politik - von seinem nicht abgeschlossenen Studium abgesehen, aber selbst das lässt sich rechtfertigen. Wer wird schon mit 24 Jahren Staatssekretär, mit 27 Außenminister, mit 31 Chef einer Partei, Wahlsieger und bald Kanzler? Kurz schaffte es als »Wunderkind« in die internationalen Schlagzeilen und wurde in einem Atemzug mit Politikern wie dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron oder dem kanadischen Premier Justin Trudeau genannt. Er ist ein Star deutscher Talk-Shows, auch, weil er den deutschen Konservativen, vor allem jenen, die mit dem Kurs der deutschen Kanzlerin Angela Merkel unzufrieden sind, als Rollenvorbild dient.

Sein Weg an die Spitze des Staates zählt zu den am besten vorbereiteten und professionellsten Machtübernahmen in der Geschichte der österreichischen Nachkriegszeit. Kein Widerspruch, kein Gegenkandidat, ein durchkomponierter Wahlkampf wie aus dem Handbuch der Kampagnengurus.

Und auch sein Privatleben. Das wenige, was Sebastian Kurz im Nationalratswahlkampf 2017 über sich und seine Familie preisgab, zeigt ihn als Durchschnittsmenschen ohne Allüren und Eitelkeiten. Sportler, Tierliebhaber, Langzeitfreundin, Eltern aus dem städtischen Mittelstand, Großeltern vom Land. Kurz gelang es sogar, beim berühmten persönlichen Fragebogen des französischen Schriftstellers Marcel Proust Antworten zu geben, die alles und nichts aussagten. Wo möchten Sie leben? »Da, wo ich jetzt lebe, fühle ich mich am wohlsten.« Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einer Frau am meisten? »Humor, Charme, Intelligenz.« Und bei einem Mann? »Humor, Charme, Intelligenz«. Ihre Lieblingstugend? »Fleiß«. Wer oder was hätten Sie gern sein mögen? »Ich mag ich sein!« Der einzige Sinn und Zweck dieser Kunstfigur, die die öffentliche Privatperson Kurz darstellen soll, ist, dass sich in ihr jede und jeder ein wenig wiederfinden soll. Und auch diese Kunstfigur wird bis ins letzte Detail von Kurz und seinem Team kontrolliert.

Dieses Buch ist ein Projekt, das Sebastian Kurz weder vorhersehen noch planen noch kontrollieren konnte. Es entstand im Laufe des Nationalratswahlkampfes 2017 mit seinem Wissen, aber ohne seine Unterstützung. Mehrere Anfragen um einen Gesprächstermin mit ihm blieben ohne Ergebnis. Allerdings stimmte Kurz schließlich zu, dass sein Büro Fragen zu seiner Person beantwortet.

Dieses Buch ist weder eine Jubelbiografie noch eine Abrechnung, sondern eine gründliche Rekonstruktion seiner bisherigen Laufbahn sowie ein politisches Porträt. Es nähert sich dem Phänomen Kurz entlang einer biografischen Achse von sechs Perspektiven. Sie lauten Macht, Familie, Freiheit, Leistung, Sicherheit und Veränderung.

Diese sechs Perspektiven - aufgezeichnet in sechs Kapiteln - ergeben eine Art persönliches, politisches Programm von Sebastian Kurz, und das ist kein Zufall. Kurz ist ein Politiker, der mehr aus sich heraus agiert, aus seinem persönlichen Empfinden und seiner - in Jahren vielleicht geringen, aber trotzdem intensiven und dichten - Lebenserfahrung, als dass er sich von Traditionen und Ideologien leiten lässt. Er ist ein Produkt seiner Generation, aufgewachsen im Allerlei der Post-Ära. Post-Demokratie, Post-Ideologie, Post-Populismus. Das Einzige, worauf sich Menschen seiner Prägung zu verlassen glauben können, ist ihr selbstbestimmtes und selbstoptimiertes Ich.

Das macht die Faszination Kurz aus. Und das macht ihn zu einem so wandlungsfähigen wie gleichzeitig unberechenbaren Politiker. Mehr als einmal hat er in seiner rasanten Karriere schon bewiesen, dass er das Genre wechseln und sich neu erfinden kann.

Aus Kurz dem I., dem frechen, bürgerlich-provokativen Jungpolitiker, den er in seiner Zeit als Chef der Jungen ÖVP, der Jugendorganisation seiner Partei, gab, wurde Kurz, der II. Ein ernsthaftes Regierungsmitglied, das das sensible Thema Integration souverän managte und endlich von einem Hetz-zu einem Sachthema machte.

Mit der großen Fluchtbewegung aus dem Nahen Osten im Jahr 2015 kam die Wende. Aus Everybody's Darling Kurz wurde Kurz, der III. Ein Prinz Eisenherz, der Sicherheitsminister, der sich zur Gallionsfigur der Anti-»Wir schaffen das«- und -»Willkommenskultur«-Bewegung aufschwang und früh vor der Überforderung der Aufnahmegesellschaft warnte. Ausländer, auch jene, die schon lange im Land lebten und die er noch zwei Jahre zuvor zu Leistungsträgern der Gesellschaft machen wollte, waren für ihn jetzt ein Problem. Er sah hinter ihnen die islamistische Gefahr oder eine Gefahr für das österreichische Sozialsystem.

Kaum hatte er im Jahr 2017 handstreichartig die ÖVP übernommen, tauchte Kurz der IV. auf. Eine messiasartige Erscheinung, die sich mit dem Slogan »Zeit für Neues« als Führer einer neokonservativen Volksbewegung für Veränderung im Land inszenierte. Ganz so, als käme er von ganz woanders, von außerhalb des politischen Systems. Kurz der V., der Regierungschef und angehende Kanzler, zeichnete sich bei seinem ersten Auftritt im neuen Parlament am 9. November 2017 ab. Ausnahmsweise mit Krawatte, sprach der ÖVP-Chef, der im Außenministerium mit seinen Diplomaten per Du ist, die versammelten Abgeordneten betont locker abwechselnd mit »Euch« und »Ihnen« an und bemühte sich um einen unprätentiösen, kameradschaftlichen Ton.

Kurz versteht es meisterhaft, sich und seine jeweils aktuelle, sinnstiftende Erzählung zu inszenieren und zu verkaufen. Er ist ein blendender Kommunikator und Stratege, ein Meister des Effekts. Die Mühen der Umsetzung überließ er, zumindest in der Vergangenheit, lieber anderen. Seine Lieblingsrolle ist die des Coaches und Motivators, nicht des Umsetzers. Wenn es ins Detail geht oder kompliziert wird, ist er schon wieder dahin, beim nächsten großen Wurf. Alles, was ihm und seinem bis zuletzt makellosen Image schaden würde, muss weggedrückt oder weitergereicht werden.

Wiewohl sich Kurz als Nicht-Politiker der Öffentlichkeit andient, ist er das typische Produkt parteiischer, österreichischer Elitenbildung. Er durchlief fast alle Förderprogramme, die die ÖVP ihrem Nachwuchs anzubieten hat, und bastelte früh an seinem Karrierenetzwerk. Dabei lernte er auch, zu täuschen, zu tarnen und durchzustechen. Der Machtpolitiker Kurz ist einer, den man sich als Gegner nicht aussuchen will.

Für dieses Buch gaben Dutzende Weggefährten, Freunde, Kritiker, politische Mitbewerber und Experten Auskunft. Manche sagten zuerst zu, dann wieder ab, nicht wenige von ihnen baten um Anonymität. Als diese Zeilen Ende November 2017 geschrieben wurden, war Kurz noch im Höhenflug. Kritik an ihm hätte wie Wehleidigkeit oder Neid des Verlierers ausgesehen. Der Teflon-Effekt, der in unbeschadet durch das Jahr 2017 getragen hat, wirkt immer noch nach. Und wer will es sich schon mit dem zukünftigen Machthaber verscherzen, der noch dazu bekannt dafür ist, von ihm unautorisierte Wortmeldungen so gar nicht leiden zu können?

Das ist das Berückende an Sebastian Kurz und dem Thema Kontrolle. Sie verselbständigt sich, alles richtet sich wie von selbst nach ihm aus. In der Soziologie wird diese Herrschaft des individualisierten, selbstoptimierten, kontrollierten Ichs als das prägende Momentum des Neoliberalismus beschrieben. Es funktioniert so klaglos, weil jeder Einzelne mithilft, es zu erhalten. Als Dank gibt es größtmögliche individuelle Freiheit. Der Preis ist die Entsolidarisierung.

Was wird Sebastian Kurz als Kanzler für Österreich bedeuten? Eine endgültige Abkehr von der sozialpartnerschaftlichen, wohlfahrtsstaatlichen, konsensorientieren Zweiten Republik? Eine Wiederaufnahme der politischen Projekte aus der Zeit der Wendejahre unter dem konservativen Kanzler Wolfgang Schüssel, der mit der FPÖ fünf Jahre lang regierte? Wird das von ihm geführte Österreich in Europa näher an die europaskeptischen Visegrád-Staaten rücken als an die an mehr europäischer Integration interessierten Kerneuropa-Länder?

Kurz war in den vergangenen Monaten Projektionsfläche für viele Wünsche und Hoffnungen. Er hat den diffusen »es muss sich etwas ändern«- und »so kann es nicht weitergehen«-Gefühlen in der Bevölkerung ein juveniles, nahezu geschlechtslos...

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