Meine Geschichte ohne dich

Roman
 
 
DVA (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 6. März 2017
  • |
  • 384 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-15452-3 (ISBN)
 
Ein Mann zwischen Ehe, Rausch und Lebensüberdruss - leidenschaftlich und schockierend offen

Auch Joan-Marcs zweite Ehe liegt in Trümmern. Dabei ist er erst Anfang vierzig. Er zieht von Bar zu Bar durch das nächtliche Barcelona; in Gedanken ist er bei seiner Frau, die ihn wenige Wochen zuvor hat sitzen lassen. Vor ihr legt er eine schonungslos ehrliche Lebensbeichte ab. Er erzählt von Helen, seiner ersten Ehefrau, einer Amerikanerin mit blonder Mähne - von den ersten wilden Jahren voller Begierde und ihren letzten gemeinsamen Tagen, als sie ihm ein Messer in die Schulter rammte. Joan-Marc erzählt aber auch von seinen Eltern, deren Bürgerlichkeit sie nicht vor dem Absturz retten konnte - auch sie irgendwann geschieden -, von seinen Prägungen, sexueller Initiation und Männlichkeit, von Depression und Rausch, Lebensüberdruss und Überlebenswille.

Ein scharfsinniger Roman, der glauben machen möchte, dass man das Leben unmöglich meistern kann - eine Lektion, gegen die wir uns aber, wie Gonzalo Tornés Held, mit jeder Faser unseres Körpers sträuben.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
DVA
  • 0,83 MB
978-3-641-15452-3 (9783641154523)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Gonzalo Torné, 1976 in Barcelona geboren, studierte Philosophie und Ästhetik an der Universität Barcelona und ist, neben seiner schriftstellerischen Arbeit, für einige namhafte literarische Verlage Spaniens tätig. Für seine Essays und Romane erhielt er zahlreiche Preise, u. a. den hochdotierten Premio Jaén de Novela für seinen zweiten Roman, "Hilos de sangre" (2010). Mit "Meine Geschichte ohne dich", das in die meisten europäischen Literatursprachen übersetzt wird, festigt Gonzalo Torné seinen Ruf als herausragender junger Erzähler Spaniens. Dieser Roman ist sein erstes Werk auf Deutsch.

Ich knipste alle Lampen an, um das Telefon zu suchen, wählte die Bostoner Nummer und griff, während ich die ganze Folge von Pieptönen durchklingeln ließ, nach der grünen Mappe, um mich von der geliebten Last abzulenken, die dort in der Mitte des Raums allmählich erstarrte. Kein Gedanke daran, bei Mama anzurufen.

»Papa?«

Dass meine Schwester die Nummer jener Wohnung kannte, von der ich nichts wusste, wurmte mich, doch der Anlass wog schwerer als meine Empfindlichkeiten, ich musste es loswerden und war überrascht, mit welcher Leichtigkeit mein ureigener Schmerz sich nach außen kehrte und den gängigen Worten fügte.

Ich musste meine Schwester telefonisch im Zaum halten, oder besser gesagt, ihr mein Ohr leihen, damit sie sich ihrer überströmenden Gefühle entledigen konnte, bis sie (nach fünfzehn Minuten) alles losgeworden war. Der ganze Schwall von Entgleisungen war nicht für fremde Ohren geeignet, es reichte, dass ich sie über mich ergehen ließ, während ich mir ihre Wangen mit den darauf tanzenden cremigen Flecken vorstellte und dazwischen immer wieder ihr beleidigtes Schmollen wie das eines kleinen Kindes. Es rührte mich, als sie andeutete, Papa sei ein Egoist gewesen, und sich unverhohlen darüber beklagte, dass er ihr »das« angetan habe, er habe sich schon lange auf sie eingeschossen und nie seine Enttäuschung verwunden, eine Tochter mit einem so eigenen Kopf gezeugt zu haben. Nicht anders hätte sie als Vorpubertäre losgewettert, wenn ein verstauchter Knöchel Papa daran gehindert hätte, mit uns ins Sommerhaus zu fahren. Mich wunderte es, wie sie es schaffte, keinerlei Lehre aus ihren Erfahrungen zu ziehen, sobald sie anfing, pseudoerwachsene Moralpredigten zu halten. Mental gesehen war sie auf dem Niveau einer naseweisen Fünfzehnjährigen stehen geblieben.

Jedenfalls konnte ich ihr schon besser helfen, als sie loskeifte, Papas Selbstmord bringe Schande (das Wort stammt von mir, etikettiert aber gut das Bündel ihrer Emotionen) über die Miró-Puigs. Es war noch eine andere Zeit, Michael Jackson hatte man noch nicht zum Mann des Jahres gekürt, weil er daheim geblieben und gestorben war, doch einiges deutete bereits in diese Richtung. Nicht dass ich sie beruhigte, ich schaffte sie mir vom Hals, ich hatte genug. Ich brauchte zwei Monate, um herauszufinden, dass Papas Erbe ein sterbender Stern war - ein Umstand, der mit seinem Entschluss, sich aus dem Staub zu machen, uns seiner Gegenwart und seiner Ratschläge zu berauben, zu tun haben konnte oder auch nicht -, und ein Jahr, bis mir schwante, dass die Negativbilanzen genug Masse angesammelt hatten, um jederzeit zu implodieren wie ein schwarzes Loch. Klar, mitten in diesem ganzen Chaos meinen Namen auf dem Aufkleber zu lesen, dass Papa mich dazu auserkoren hatte, die familiären Finanzen wieder anzuheizen, war etwas, woran ich mich klammern konnte, das mir Halt gab, ich merkte nicht einmal, dass der Mann gar keine andere Wahl gehabt hatte. Es heißt, wenn ein Elternteil stirbt, hebt sich eines der nicht wahrnehmbaren Augenlider, die dich bis dato davor bewahrt haben, dem Nichts ins finstere Angesicht zu blicken. Ich hatte keine Zeit für derlei abgeschmackte Vorstellungen, das aus den Kapillargefäßen sickernde Blut verfärbte die sterbliche Hülle meines Vaters bereits und verwandelte den Mann, der mich soeben mit einem Fußtritt ins Erwachsenenleben befördert hatte, in einen unheimlichen Clown.

Ich versuchte, mit Papa einen Pakt zu schließen, und beschloss mir vorzustellen, ohne einem konkreten Glauben anzuhängen, dass sein Bewusstsein, anstatt sich aufzulösen, weiter auf Erden weilte, mit einem nahezu intakten Geist, empfänglich für jegliche Schallwellen und somit fähig, mich zu hören, wenn ich mit ihm sprach. Es kam mir weniger gelegen, dass er mich damit auch auf Schritt und Tritt beobachtete, nicht dass mich die intimen Momente geschreckt hätten (der Tod hätte ihm schon sehr zusetzen müssen, um nicht hinzuschauen, wenn sein Sohn und Helen halb nackt waren), mich beunruhigte vielmehr der Gedanke, er könnte die Unterhaltungen mit Mama belauschen, die häuslichen Auseinandersetzungen, wenn ich Fehler machte, etwa mit den Passgards. Seine Nähe war ein komplexer Umstand und nicht ohne Schattenseiten, doch ich beschloss zu glauben, er sei nur imstande, mit mir in meiner realen Sphäre in Kontakt zu treten, wenn ich ihn herbeiriefe, ein Pakt, zu willkürlich, um ihn wirklich ernst zu nehmen.

Bevor ich ging und die Tür hinter mir zuzog, durchsuchte ich, weingetränkte Korksporen spuckend, alle Schubfächer, bis ich den Hausmantel fand, in dem ich ihn seit Mamas Bemerkung, er sei jetzt lange genug in diesem alten Lappen herumgelaufen, nicht mehr gesehen hatte, und vergrub meine Nase in den Falten des dicken Stoffs. Er roch nach Tabak und getragener Kleidung, nach ungelüfteten Fasern, nur unterschwellig mischte sich eine persönliche Note darunter, die allein ihm gehörte, und in dem Maße, wie die Nase sie dem Gehirn übermittelte, wurde sein sanftes Naturell wieder lebendig, unfähig, andere zu verletzen, die Art, wie das Feuer in seinen Augen schnell wieder erlosch, wenn einmal Streitsucht in ihnen aufblitzte, so als wollte er einen vulgären Impuls ausschalten, etwas, das ich jahrelang für Gefühlskälte hielt. Jetzt weiß ich, dass er sich die Gefühle lediglich vom Hals hielt, eine Form emotionaler Kontrolle, die ich weder von ihm geerbt noch je erlernt habe oder erlernen werde, Charakterzüge aber, die so sehr zu ihm gehörten wie die Konturen seiner Lippen, die Form seiner Knie oder seine Fingerabdrücke.

Ich nahm den Hausmantel mit.

»Bist du wirklich nicht auf die Idee gekommen, ihn abzuhängen?«

Selbst Helen, die mit den Füßen bis zum Rist im Sand versank, wagte es, mir das zum Vorwurf zu machen, während wir uns die für einen blauen Schein in der Bar erstandene Flasche trüben Weins teilten. Na klar, nicht sie musste sich mit unserer finanziellen Flaute herumschlagen. Zunächst waren die Folgen von Papas unheilvollem Ende noch nicht so stark zu spüren. Ich beglich die Schulden der Bar, vergewisserte mich, dass unser Vermögen in Form von Immobilien ausreichte, um uns keine ernsthaften Sorgen machen zu müssen. Mama würde jedenfalls nicht auf der Straße landen, und meine Schwester konnte in Boston finden, wonach sie suchte. Nun stand mehr auf dem Papier, aber es war immer noch eine Frage, wie man es interpretierte. Die einzige Gesellschaft, die nicht in vergiftetem Kapital schmorte, gestand mir sogar ein Gehalt zu: Ich kaufte mir Anzüge, Hemden, Krawatten und so weiche Schuhe, dass ich sie heute noch vermisse.

Es waren aufreibende Tage. Ich gab mich hart gegenüber Mama und organisierte die Trauerfeierlichkeiten, suchte den Notar auf, unterzeichnete Papiere und Schecks. Ich hatte zwei Unterredungen mit dem Filialleiter der BBVA-Bank, besorgte einen Sarg für Papa und begleitete ihn zur Einäscherung und konzentrierte mich, während seine körperliche Hülle verbrannte, darauf, ihm im Geiste Mut zuzusprechen. Ich war mir nicht sicher, ob die magnetisierenden Aschereste in der Lage waren, meine Gedanken zu hören, aber ein Versuch kostete ja nichts. Jedenfalls kann ich sagen, dass ich ruhig und gefasst war und obendrein äußerst elegant in meinem Dreiteiler, ja selbst die schwarze Krawatte fühlte sich angenehm an. Doch in mir drinnen herrschte emotionales Chaos, mir reichte der Spaß jetzt, der einzig menschliche Ausgang dieser feierlichen Vorführung konnte sein, dass Papa endlich wieder aus dem Sarg stieg, und während eine solche Auferstehung den himmlischen Lenkern vielleicht zu theatralisch schien, gab ich mich damit zufrieden, ihn daheim im Wohnzimmersessel sitzen zu sehen, mit übereinandergeschlagenen Beinen in sein Jahrbuch vertieft.

Dieser sentimentale Aufruhr hatte auch etwas Paranoides, das hervorbrach, als ich die Schwielen an Papas Füßen entdeckte und den Blick nicht von dem traurigen Gelb abwenden konnte, von dem seine Nägel bis zu den weißen Halbkreisen zerfressen waren. Papa mag viele Fehler gehabt haben, aber niemand kann bestreiten, dass er immer wie aus dem Ei gepellt war. Von ihm habe ich gelernt, zwischen modischer und eleganter Kleidung zu unterscheiden oder dass der oberste Hemdenknopf unter der Krawatte offen bleiben, die Manschetten aber immer zugeknöpft sein sollten, wie man einen guten Spencer wählt oder Beige- und Sandtöne kombiniert, er nahm mir den Respekt vor Gelb, lehrte mich, das Design eines Ferragamo zu schätzen oder den Hut mit der rechten Hand zum Gruß zu lüften (eine Fertigkeit, die auf dem Gebiet der Philologie mit dem Studium einer toten Sprache vergleichbar wäre). So nährte der Zustand seiner Fußnägel, diese schamlose Zurschaustellung in der Schwebe, bei mir wochenlang den Verdacht, er sei ermordet worden. Zu einem Gespräch über gute Sitten gehörten nach dem Verständnis meines Vaters auch eine Mundkontrolle und die Erinnerung an die Notwendigkeit, sich vor (nicht nur nach) dem Urinieren die Hände zu waschen. Da mein Vater keiner war, der sich vor anderen genierte, schämten sich Mama und meine Schwester, dass er alle und jeden, selbst wenn er der Familie fernstand, mit Schilderungen seiner Durchblutungs- und Verdauungsstörungen traktierte. Ich kann verstehen, wenn er es nicht lassen konnte, einem fremden Menschen (dem Kassierer, dem Mechaniker, einem der Leute, die den Autos ihren Platz zuweisen) mitzuteilen, wie oft ihn seine heftigen Bauchschmerzen quälten; aber ich verstand auch Mama und meine Schwester, als ich stillschweigend sein persönliches Tagebuch mitnahm, in dem Papa über die Häufigkeit seiner Toilettengänge Buch führte, nebst einer detaillierten moralischen Wertung des Entleerungsvorgangs. Andererseits müssen sie auch akzeptieren, dass ihnen die Schmach solcher Verhöre, denen...

»Dabei ist ein tragikomischer Roman mit viel sprachlichem Witz herausgekommen, den man nicht beiseite legt, vor allem, weil man gern verfolgt, wie Torné einen hemmungslosen Egoisten und Macho so an seine Grenzen stoßen lässt, dass man fast schon wieder Mitleid mit ihm hat.«
 
»Der fulminante Roman erzählt von einer Wirklichkeit gewordenen Farce namens Leben, konkret Liebesleben. ... Tornés erstes Werk in deutscher Übersetzung ist tolle Literatur vom lausigen Leben.«
 
»Bald schon möchte man kein Wort mehr missen. Torné zerlegt mit mal subtilen, mal gallig direktem Zynismus Wesen und Unwesen der Ehe. Ein Männerbuch, das auch Frauen lesen sollten.«
 
»Ein schmerzhaftes Buch über die großen Verluste. Ein aufwühlender Roman über männliche Egoismen und die daraus resultierende Unfähigkeit zur wahren Liebe.«
 
»Torné nimmt uns mit auf eine feinsinnig komponierte Reise zwischen Rausch und Lebensüberdruss. Es ist große Literatur, wenn auch nicht immer erbaulich.«
 
»Das heftigste Plädoyer gegen die Ehe, das in der Geschichte der spanischen Literatur zu finden ist.«
 
»Eine Art >Portnoys Beschwerden< auf Spanisch, auch wenn dieser Roman genausogut von Murakami sein könnte. Intelligent gemacht und oft sehr, sehr lustig. Eine inspirierende Lektüre.«
 
»Das bitterböse Bild einer Ehe, die rein aus Wiedergutmachungssex besteht. Tornés Erzähler ist ein Meister der ehelichen Kriegsführung - und er brennt mit bitterer Energie.«
 
»Mit bissigem Humor erzählt und einem Helden, der einem unweigerlich ans Herz wächst«
 
»>Meine Geschichte ohne dich< ist ein psychologischer Roman, das Porträt eines unsicheren und verunsicherten Individuums - Joan-Marc - und seiner schwierigen Beziehungen zu seinen Eltern, seiner Schwester und seinen Frauen. Interessant ist dabei vor allem die Weltsicht ... alles wird durch den Filter seiner Persönlichkeit geschildert.«
 
»Die Chronik einer Trennung und zugleich eine tiefgreifende Reflexion über den unausweichlichen Lauf der Zeit, über Nostalgie, Familie, Liebe, Missverständnisse und Scheitern.«
 
»Der Roman zeigt kunstvoll die Zerbrechlichkeit der menschlichen Existenz auf ... Aber vor allem nimmt er die Familie unter die Lupe, die - so Torné - der Herzschlag aller Schriftsteller ist.«
 
»In wenigen Jahren ist es Gonzalo Torné gelungen, sich als bedeutendster spanischer Autor seiner Generation zu etablieren.«

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