Der Tag, als wir die Erde drehten

Roman
 
 
Piper (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 13. April 2015
  • |
  • 240 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-492-96542-2 (ISBN)
 
Marylou, Sekretärin und alleinerziehende Mutter, ist mit einem Stapel Kopien zu einem wichtigen Meeting unterwegs, als plötzlich die Metro still steht. Die junge Frau ist verzweifelt, doch dieser Unglücksfall bewahrt sie vor dem Tod: Auf das Gebäude ihrer Firma wird ein Anschlag verübt - und Marylou ist dank ihrer Verspätung die einzige Überlebende.
In der Notaufnahme trifft sie auf den Filmproduzenten Tom, der auf dem Weg zu seiner kapriziösen Geliebten schlimm gestürzt ist, weil ihm ein Hund ins Fahrrad lief. Der Hund gehört Clara, einer Juristin, doch diese kämpft mit einer plötzlichen Allergie auf ein Veilchen-Macaron - das ihr in der Patisserie freundlicherweise ein älterer Herr überließ.
Der ältere Herr ist der schwerkranke Albert, der an diesem Tag wegen des Personenschadens in der Metro das Taxi nimmt, um bei seinem Notar die letzten Dinge zu regeln. Er kommt ein paar Minuten zu früh und wird so Zeuge eines Gesprächs, das sein ganzes Leben umkrempelt.
Und die schüchterne Prudence, eine Rechtsanwältin, die an diesem Tag ihre wegen einer Allergie in der Notaufnahme sitzende Chefin vertreten darf, entdeckt hochexplosive Unterlagen - eben jene, die Marylou für das Meeting kopieren sollte ...
  • Deutsch
  • München
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  • Deutschland
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  • 2,60 MB
978-3-492-96542-2 (9783492965422)

Goodbye Marylou

»O nein, nicht in meinem Taxi, meine Liebe. Wer soll denn hinterher die Schweinerei wegmachen?«

Ich spürte, wie sich meine Finger in das Sandwich gruben. In meinem Innern herrschte Aufruhr: Los, Marylou, antworte ihm, mach schon, sag ihm, dass du ein Recht auf Essen hast, ein Recht auf Respekt, frag ihn, ob du ihm vielleicht auf den Geist gehst, diesem Blödmann, weil ihm gerade alles auf den Geist geht.

Seit einigen Minuten war der Verkehr alles andere als fließend. Fast Viertel vor zwei. Wenn das so weiterging, würde ich niemals pünktlich ankommen.

»Verzeihung, Monsieur, ist das normal, dass es so langsam vorwärtsgeht?«

Der Typ seufzte und schüttelte den kahlen Kopf.

»Na, was weiß denn ich 

»Ich meine, wie lange brauchen wir Ihrer Meinung nach noch?«

»Bin ich Hellseher?«

»Nein, natürlich nicht. Ich frage nur, weil ich sehr spät dran bin.«

Er klopfte mit dem Finger auf das Lenkrad.

»Wie alle anderen auch.«

Einen Augenblick lang dachte ich an die schlagfertigen Phantomsätze, die streitbaren Entgegnungen, die zu Tausenden verschluckten postwendenden Erwiderungen, die unsichtbar in der Luft hängengeblieben waren, an die wehrhaften Krallen, die ich nie ausgefahren hatte.

Inzwischen waren wir ganz zum Stillstand gekommen. Vor uns stieg jemand aus und beobachtete den Stau.

Der Taxifahrer ließ das Seitenfenster nach unten gleiten.

»Na, was ist denn da vorn los?«

»Ich kann es nicht richtig erkennen«, sagte der Mann. »Anscheinend versucht ein riesiger Laster in die Fußgängerzone reinzufahren. Aber die Kreuzung ist blockiert, er wird kaum durchkommen.«

»Dieses Quartier regt mich auf!«

Der Taxifahrer stellte den Motor ab. Ringsum flimmerten die Auspuffgase im Sonnenlicht. Dreizehn Uhr fünfzig. Feuchte Hände, beklommenes Herz, dringendes Bedürfnis, zur Toilette zu gehen. Auch ich war keine Hellseherin. Trotzdem sah ich meine unmittelbare Zukunft auf einem Riesenbildschirm vor mir. Monsieur Farkas würde wie ein Irrer aus seinem Büro stürmen, sobald er mich entdeckt hätte. Er würde mir die Tasche entreißen und dann die ganze Etage als Zeugen anrufen. »Jetzt sehen Sie sich diese Komplettversagerin an!«, würde er brüllen. »Diese Vollidiotin, diese Dumpfbacke, diese Nase, die nicht einmal in der Lage ist, fristgerecht Fotokopien anzufertigen!« Dann würde er sich die Akten schnappen, die Tasche wütend auf den Boden pfeffern und mich zum guten Schluss noch demütigen, mit einem Satz wie: »Ach ja, und achten Sie ein bisschen mehr auf sich, Marylou, Sie schwitzen ja wie Butter in der Sonne, so was Ungepflegtes, was sollen eigentlich die Leute von unserer Firma denken?«

Man brauchte kein Hellseher zu sein, um zu wissen, dass sich niemand rühren würde. Sie würden alle den Blick senken, in einer Schublade kramen, so tun, als führten sie gerade ein Telefonat. Heilfroh, dass sie mich als Blitzableiter hatten.

Ich würde es ihnen nicht mal übelnehmen - an ihrer Stelle würde ich mich auch nicht anders verhalten. Ich habe mich schon lange damit abgefunden. Die Klasse der Unterdrückten hat ihre eigene Hierarchie. Und ich befinde mich ganz unten auf der Skala. »Aber immerhin noch in der Lohnskala«, wie Monsieur Farkas betonte, als ich ihn das einzige Mal in zehn Jahren um eine Lohnerhöhung zu bitten wagte. »In welcher Welt leben Sie eigentlich, Marylou? Träumen Sie? Glauben Sie etwa, Sie gehören zu den Benachteiligten? Ich will Ihnen mal was sagen, Sie mit Ihrem Mindestlohn und der Unterstützung für alleinerziehende Mütter kriegen im Monat mehr als ein Facharbeiter! Ich warne Sie, Marylou, ich brauche nur einmal gegen die Wand zu treten, und dann fallen fünfzehn von Ihrer Sorte von der Decke!«

Er macht mir Angst, er tut mir weh, dieser Monsieur Farkas, und er hat recht: Mir geht's ja noch gut. Man braucht nur mal einen Blick nach draußen zu werfen. Zum Beispiel hier an dieser verstopften Verkehrsader mit ihren stinkenden Abgasen. Der Clochard da, der sich kaum auf den Beinen halten kann und die Hand über die Augen gelegt hat, um sich vor der Sonne zu schützen. Er ist vielleicht fünf oder zehn Jahre älter als ich, und trotzdem könnte man ihn für einen Greis halten. Er ist allein. Er achtet nicht mehr auf sich, weil niemand sich für ihn interessiert - und weil er sich für niemanden interessiert. Das ist nämlich meine Theorie: Man muss sich bloß für jemanden verantwortlich fühlen, dann kommt man durch. Der Beweis: mein Paulo und ich. Monsieur Farkas kann sich ruhig neue Schimpfwörter einfallen lassen, um mich zu verletzen, er kann mir ruhig jeden zweiten Tag sagen, ich solle den Kaffee wegschütten, den ich ihm gerade gebracht habe, weil er angeblich zu kalt oder zu stark oder zu schwach sei - ich brauche bloß an Paulos Lächeln zu denken, und schon vergesse ich alle Beschimpfungen.

Oder noch besser an seinen letzten Aufsatz: Beschreibt eine peinliche Situation, die ihr beobachtet habt. Mein Paulo hat von dem Nachmittag erzählt, an dem sein Französischlehrer im Beisein des Schulinspektors unterrichten musste, und dabei klebte ihm ein Stückchen Salat an den Schneidezähnen.

»Paulo«, habe ich ihm gesagt, »das ist eine Kriegserklärung. Lass dir was anderes einfallen!« - »Nein«, hat er erwidert, »ich wüsste nicht, wie ich noch so ein lustiges Thema finden sollte, noch dazu eins, das man sich ausdenken muss.«

Am nächsten Tag gab ihm der Lehrer errötend das Heft zurück und sagte: »Du bist ja ganz schön frech, Paulo.« Und er hatte ihm die beste Note in der Klasse gegeben. Ja, das ist mein Paulo, mein Paradies, mein Schild und Wappen.

»So schnell kommen wir hier nicht raus, das sag ich Ihnen.«

Ich schrak zusammen. Das Taxi war keinen Zentimeter weitergekommen. Der Clochard, die Sonne, die Zeiger meiner Uhr. Fünfzehn von Ihrer Sorte, Marylou.

»Ich steige hier aus.«

»Da haben wir's.« Der Fahrer drehte sich zu mir um. »Hätte mich ja auch gewundert. Und ich sehe zu, wo ich bleibe, ja?«

Am Rückspiegel baumelte ein blinkender Christophorus. Der natürlich nicht so eine Wirkung hatte wie mein Paulo, ist ja klar. Ich erhöhte die Summe auf dem Taxameter um zehn Euro, und zwar aus eigener Tasche und mit dem vage vertrauten Gefühl, feige und blöd zugleich zu sein. Und dann rannte ich im Zickzack zwischen den Autos Richtung Metroeingang. Der Riemen der schweren Tasche schnitt mir tief in die Schulter. Fünf Akten zu je hundertfünfzig Seiten, dazu die Aktendeckel mit den Anhängen, ich hätte besser einen Rucksack genommen - aber auf solche Ideen komme ich typischerweise immer zu spät.

Monsieur Farkas hatte darauf bestanden, dass die Sitzung in unseren Geschäftsräumen stattfinden sollte. Sie war auf fünfzehn Uhr festgesetzt. Ich wusste nicht, worum es ging, ich kannte nur die sibyllinische Tagesordnung, die ich am Vormittag abgetippt hatte, und die Spannung, die seit zwei Tagen im Büro herrschte und die schlimmer war als gewöhnlich. Die leitenden Angestellten flüsterten miteinander und wedelten mit ihren Hochleistungs-Taschenrechnern herum. Monsieur Farkas ging mit geballten Fäusten auf und ab. Er zerriss die Zeitungen, noch bevor er sie aufgeschlagen hatte. Zugegeben, in diesen Zeitungen gab es oft herbe Angriffe auf ihn. Monsieur Farkas wurde als Totengräber beschimpft, als Profiteur und Aasgeier, und das machte ihn wahnsinnig. Seine Gesellschaft kaufte Unternehmen, die kurz vorm Konkurs standen, auf und brachte sie wieder in Schwung, um sie dann mit großem Gewinn zu verkaufen. Es hieß, er verdiene sehr viel Geld damit und habe enorme Summen im Ausland angelegt, um der Steuer zu entgehen. Es war sogar von Geldwäsche und russischer Mafia die Rede - und tatsächlich traf man häufig Russen auf unseren Fluren an. Das war wahrscheinlich auch der Grund dafür, dass in der Woche zuvor vormittags plötzlich eine kleine Dame mit sehr kurz geschnittenem grauem Haar bei Monsieur Farkas aufgetaucht war. Natürlich hatte mir niemand auch nur ansatzweise eine Erklärung für diesen Besuch gegeben, aber so dumm bin ich nun auch wieder nicht: Die kleine Dame war von zwei bis an die Zähne bewaffneten Polizisten begleitet worden und schien äußerst übler Laune gewesen zu sein. Die ganze Zeit, während sie mit Monsieur Farkas sprach, hatten die beiden Polizisten mit gerunzelter Stirn die Etage bewacht, als erwarteten sie einen Terroranschlag. Sie haben mir ganz schön Angst eingejagt, als sie so dastanden, den Finger am Abzug. Dann war die Dame mit ihrer Eskorte wieder abgezogen, anscheinend noch wütender als zuvor. Monsieur Farkas hatte sie zum Aufzug begleitet und dann den Finanzdirektor zu sich ins Büro geholt, wobei er ihm in einer erstaunlich vertraulichen Geste die Hand auf die Schulter legte. Ganz offensichtlich war dies ein guter Tag für Monsieur Farkas gewesen.

Der Metrogang roch nach Schmutz und Schweiß. Ich hörte den Zug einfahren, als ich gerade durch die Sperre gehen wollte. Ein kurzer Gedanke an Paulo, dem ich jeden Tag predige, er solle niemals rennen, um die Metro noch zu kriegen. Aber Paulo arbeitet ja auch nicht für Monsieur Farkas, und ich bezahle den Studenten der École Polytechnique (ja, genau, der Polytechnischen Hochschule), der zwei Mal in der Woche mit ihm die Hausaufgaben durchgeht, eben damit er einmal ein anderes Leben führen kann als ich. Also rannte ich wie eine Wilde los, ich stürmte mit meiner Umhängetasche, die erbarmungslos gegen meine Schulterblätter schlug, die Treppen hinunter, während das Warnsummen ertönte, und warf mich mit dem Kopf voran...

»Ein modernes Märchen über die Macht des Zufalls und des Schicksals. (...) ein gelungener Unterhaltungsroman, den man in einem Zug liest und der sehr berührend ist, ohne je kitschig zu werden.«, Aachener Zeitung/Aachener Nachrichten, 02.05.2015

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