Mensch werden

Eine Theorie der Ontogenese
 
 
Suhrkamp (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 18. Mai 2020
  • |
  • 542 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-518-76497-8 (ISBN)
 

Fast alle Theorien darüber, wie der Mensch zu einer so einzigartigen Spezies geworden ist, konzentrieren sich auf die Evolution. Michael Tomasello legt mit seinem faszinierenden Buch eine komplementäre Theorie vor, die sich auf die kindliche Entwicklung konzentriert. Aufbauend auf den bahnbrechenden Ideen von Lev Vygotskij, erklärt sein empiriegesättigtes Modell, wie sich das, was uns menschlich macht, in den ersten Lebensjahren herausbildet.

Tomasello bietet drei Jahrzehnte experimenteller Arbeit mit Schimpansen, Bonobos und Menschenkindern auf, um einen neuen theoretischen Rahmen für das psychologische Wachstum zwischen Geburt und siebtem Lebensjahr vorzuschlagen. Er identifiziert acht Merkmale, die den Menschen von seinen engsten Verwandten unterscheiden: soziale Kognition, Kommunikation, kulturelles Lernen, kooperatives Denken, Zusammenarbeit, Prosozialität, soziale Normen und moralische Identität. Auch Menschenaffen besitzen diesbezüglich rudimentäre Fähigkeiten. Aber erst die Anlage des Menschen zu geteilter Intentionalität verwandelt diese Fähigkeiten in die einzigartige menschliche Kognition und Sozialität. Mit seiner radikalen Neubewertung der Ontogenese zeigt Tomasello, wie die Biologie die Bedingungen schafft, unter denen die Kultur ihre Arbeit verrichtet.

1. Auflage
  • Deutsch
  • Berlin
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  • Deutschland
Suhrkamp
  • 4,18 MB
978-3-518-76497-8 (9783518764978)
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Michael Tomasello, geboren 1950, ist Professor für Psychologie und Neurowissenschaft an der Duke University. Von 1998 bis 2018 war er Co-Direktor des Max-Planck-Instituts für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Für seine Forschungen wurde er mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Jean-Nicod-Preis, dem Hegel-Preis der Stadt Stuttgart und dem Max-Planck-Forschungspreis. 2015 erhielt er für sein Gesamtwerk den prestigeträchtigen Distinguished Scientific Contribution Award der American Psychological Association .

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Auf der Suche nach der
Einzigartigkeit des Menschen


In seinem Buch Die Abstammung des Menschen von 1871 machte Charles Darwin praktisch den Vorschlag, dass Menschen einfach nur ein weiterer Zweig am Stammbaum der Evolution sind. Die viktorianischen Engländer, von denen viele wissenschaftlich hochgebildet waren, zeigten sich skeptisch. Die engsten lebenden Verwandten der Menschen, die großen Menschenaffen, lebten immer noch »blutrünstig« in Wäldern und Dschungeln, die Menschen jedoch lebten in einer Welt voller Teleskope und Dampfmaschinen, Sinfonieorchestern und dem britischen Parlament sowie morgendlichen Andachten, denen der Nachmittagstee folgte. Es war, gelinde gesagt, ein Rätsel, wie ein bloßer weiterer Zweig des evolutionären Stammbaums ein Leben führen konnte, das so völlig anders war als das Leben anderer Tiere.

Heute ist dieses Rätsel im Wesentlichen gelöst. An einem bestimmten Punkt der Menschheitsgeschichte entstand ein neuer Evolutionsprozess. Ein verräterisches Zeichen für diesen neuen Prozess besteht darin, dass nicht alle Menschen inmitten von Teleskopen, Sinfonieorchestern und dem britischen Parlament leben, sondern stattdessen von ihren eigenen charakteristischen Artefakten, Symbolen und Institutionen umgeben sind. Und da Kinder unabhängig von ihrer genetischen Ausstattung die besonderen Artefakte, Symbole und Institutionen, in die sie hineingeboren werden, annehmen, ist es klar, dass diese gesellschaftliche Variation nicht von den Genen herrühren kann, sondern vielmehr eine gesellschaftliche Schöpfung ist. Das vollständige Rätsel besteht folglich darin, dass Menschen nicht nur eine Spezies mit noch nie dagewesenen kognitiven und sozialen Errungenschaften sind, sondern gleichzeitig auch eine solche, die eine neue Art gesellschaftlich erzeugter Diversität auf der Gruppenebene aufweist.

14Die Lösung des Rätsels - der neue Evolutionsprozess - ist natürlich die menschliche Kultur. Aber die traditionelle Vorstellung von Kultur als etwas, das von der Biologie und Evolution getrennt ist, genügt nicht. Die menschliche Kultur ist diejenige Form sozialer Organisation, die auf der menschlichen Entwicklungslinie als Reaktion auf ganz bestimmte Anpassungsherausforderungen entstand. Ihre hervorstechendste Eigenschaft ist ihr hoher Grad (und sind ihre neuen Formen) von Kooperation. Aus synchroner Perspektive betrachtet, koordinieren die Mitglieder einer Kulturgruppe sich miteinander im Kontext selbstgeschaffener kooperativer Strukturen wie beispielsweise Konventionen (einschließlich sprachlicher Konventionen), Normen und Institutionen, und sie pflegen Umgang miteinander anhand kooperativer Motive wie Vertrauen, Verpflichtung und Fairness. Nennen wir das die Koordinationsdimension der Kultur. Diachron gesehen, geben die Mitglieder einer Kulturgruppe Fertigkeiten und Wissen an die folgenden Generationen durch kooperative Prozesse des kulturellen Lernens weiter, wie beispielsweise aktiven Unterricht und auf Konformität abzielendes Lernen, was eine Art von »Wagenhebereffekt« zur Folge hat, bei dem kulturelle Praktiken und Produkte (darunter Konventionen, Normen und Institutionen) sich über geschichtliche Zeitspannen hinweg entwickeln und vielleicht auch »verbessern«. Bezeichnen wir das als die Weitergabedimension der Kultur. Im Ergebnis beruhen so gut wie alle der bemerkenswertesten menschlichen Errungenschaften - von Dampfmaschinen bis zur höheren Mathematik - darauf, wie sich jeder Einzelne auf einzigartige Weise mit anderen kooperativ koordinieren kann, und zwar sowohl bezogen auf den jeweiligen Augenblick als auch auf kulturgeschichtliche Zeitspannen.

Aber diese Erklärung der Einzigartigkeit des Menschen mittels kultureller Prozesse gibt Anlass zu einem weiteren Rätsel, und dieses ist noch nicht gelöst. In diesem Fall liegt das Augenmerk nicht auf der Ebene der Spezies und ihrer Errungenschaften, sondern vielmehr auf der Ebene des Individuums und seiner Psychologie: Wie kommen Menschen zu den für die Spezies einzigartigen kognitiven und gesellschaftlichen Fähigkeiten, die notwendig sind, um 15sich an kultureller Koordination und Weitergabe zu beteiligen? Um diese Frage zu beantworten, besteht der offensichtliche erste Schritt darin, dass man feststellt, wie genau sich die Psychologie des Menschen von der anderer Primaten unterscheidet - in welchem Sinne genau Menschen als Individuen einzigartig sind. Die Schwierigkeit liegt darin, dass die empirische Forschung im Laufe der letzten Jahrzehnte festgestellt hat, dass die nächsten lebenden Verwandten der Menschen, die großen Menschenaffen, kognitive und soziale Fertigkeiten besitzen, die denen der Menschen sehr ähnlich sind, einschließlich vieler, die anscheinend für Kulturprozesse relevant sind. Beispielsweise gibt es jüngere Forschungen, die nachweisen, dass zumindest manche Menschenaffen 1. Werkzeuge herstellen und gebrauchen, 2. intentional (oder gar »sprachlich«) kommunizieren, 3. eine bestimmte Art von »Theorie des Geistes« haben, 4. manche Verhaltensweisen durch soziales Lernen erwerben (was zur »Kultur« führt), 5. gemeinsam in Gruppen jagen, 6. »Freunde« haben, die sie vorzugsweise lausen und mit denen sie Bündnisse bilden, 7. anderen aktiv helfen und 8. die sozialen Handlungen der anderen bewerten und sich für sie revanchieren.

Aber tun die Menschenaffen diese Dinge genauso wie Menschen? Um dies im Einzelfall zu bestimmen, müssen wir hinter die pauschale Behauptung blicken, dass sowohl Menschenaffen als auch Menschen »x haben« oder »y tun«, auch wenn solche Behauptungen im Allgemeinen richtig sein mögen. Um durch solche Allgemeinheiten hindurch weiter in die Tiefe vorzudringen, müssen wir feinkörnigere Vergleiche anstellen, indem wir vergleichende Experimente durchführen, in denen Menschen und Menschenaffen (insbesondere Schimpansen und Bonobos als die nächsten lebenden Verwandten des Menschen) unter Umständen beobachtet werden, die so ähnlich wie möglich sind. Solche kontrollierten experimentellen Vergleiche ermöglichen es, subtile Verhaltensunterschiede festzustellen und idealerweise ebenso die kognitiven und motivationalen Prozesse, die diesen Unterschieden zugrunde liegen. Auf diese Weise versuchen wir, die Unterschiede auf der individuellen psychologischen Ebene zu identifizieren, die letztlich zu den einzigartigen Formen der kulturellen Koordination und Weitergabe der 16Menschen (und somit auch zu Teleskopen und Parlamenten) führen.

Verfügt man über eine Beschreibung der wichtigsten Unterschiede zwischen Menschen und ihren nächsten Verwandten unter den Menschenaffen, dann besteht die nächste Aufgabe darin, diese Unterschiede zu erklären. In einem evolutionären Rahmen ist die grundsätzliche Erklärung selbstverständlich die natürliche Selektion: Die heute lebenden Menschen sind auf natürliche Weise selektiert worden, um bestimmte für die Spezies einzigartige ökologische oder sozioökologische Herausforderungen zu meistern. Beispielsweise lautet ein Vorschlag, dass Menschen viele ihrer einzigartigen kognitiven und sozialen Fähigkeiten als Reaktion auf ökologische Herausforderungen entwickelten, die sie zuerst zur Zusammenarbeit miteinander bei der Nahrungsbeschaffung zwangen und sie dann später veranlassten, größere Kulturgruppen zu bilden, um ihre Ressourcen gegen andere Gruppen zu verteidigen (Tomasello 2014, 2016). Unter diesen Bedingungen hatten Individuen, die am besten mit anderen kooperieren konnten - Individuen, die sowohl in der Lage als auch motiviert waren, ihre Köpfe mit anderen zusammenzustecken, um zusammenzuarbeiten oder eine Kultur zu bilden -, einen Anpassungsvorteil und vermehrten sich deshalb.

Aber die natürliche Selektion erzeugt nichts. Sie ist nur ein Sieb, das im Nachhinein lebensfähige von nichtlebensfähigen Organismen trennt. Evolutionäre Neuheiten entspringen nicht der natürlichen Selektion, sondern stammen vielmehr aus der anderen Hauptdimension des Evolutionsprozesses: der erblichen Variation. Klassischerweise geht die erbliche Variation in der Evolution aus der genetischen Mutation oder der Rekombination hervor, die durch ontogenetische Prozesse neue Merkmale hervorbringen. Aber jüngere...

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