Das Brombeerzimmer

 
 
Ullstein Ebooks in Ullstein Buchverlage
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 10. März 2017
  • |
  • 416 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-8437-1420-4 (ISBN)
 
Nostalgie und Romantik vor der traumhaften Kulisse der Vorpommerschen Boddenlandschaft
Nora liebt das Zubereiten von Marmelade - am liebsten für ihren Ehemann Julian. Die beiden sind frisch verheiratet und noch so verliebt wie am ersten Tag. Doch dann erleidet Julian einen Herzinfarkt und stirbt. Noras Welt zerbricht. Eines Tages findet sie einen Brief: Er ist von Julians Großtante Klara. Kurz vor seinem Tod hatte Julian Kontakt zu ihr aufgenommen, um sie nach einem alten Familienrezept für Brombeerkonfitüre zu fragen. Er wollte seine Frau damit überraschen. Nora macht sich auf die Suche nach der Dame, die zurückgezogen in der Vorpommerschen Boddenlandschaft lebt. Sie findet einen verborgenen Marmeladenkeller voller Geheimnisse aus der Kriegszeit, und sie erfährt, wer Klara wirklich ist .
1. Auflage
  • Deutsch
  • Deutschland
  • 1,40 MB
978-3-8437-1420-4 (9783843714204)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Anne Töpfer ist das Pseudonym der Autorin Andrea Russo, die bereits viele erfolgreiche Erwachsenen- und Jugendromane veröffentlicht hat. Bereits als junges Mädchen kochte sie leidenschaftlich gerne mit ihrer Großmutter Marmelade ein. Aus dieser Zeit hat sie noch viele Rezepte aufbewahrt und verzaubert ihre Familie regelmäßig mit verschiedenen Konfitürenkreationen.

2. Kapitel


Wir arbeiten gerade an einer neuen veganen Menüproduktserie«, erzähle ich und schiebe mir etwas lauwarmes Ciabatta in den Mund.

Meine Mutter zieht eine Augenbraue nach oben. Dann zuckt sie mit den Schultern. »Na ja, vielleicht gar keine schlechte Idee. Eingefrorenes Fleisch schmeckt fürchterlich. Bei Gemüse sieht das anders aus. Ich habe immer einen Vorrat an Erbsen, grünen Bohnen und Blattspinat im Gefrierschrank, frisch eingefrostet kann man sie noch sehr gut verwenden.«

»Das stimmt. Außerdem bleiben die Vitamine zum Großteil erhalten. Aber wir testen gerade einige Rezepte mit Seitan aus. Das schmeckt gar nicht schlecht.«

»Was? Noch nie gehört.«

»Das ist ein Produkt aus Weizeneiweiß mit fleischähnlicher Konsistenz«, erkläre ich meiner Mutter. »Es wird aus Mehl gewonnen, das mit Wasser vermischt wird, damit die Stärke ausgespült wird. Bei Veganern und Vegetariern ist es sehr beliebt. Man kann Geschnetzeltes daraus machen, Gulasch, alles, was das Herz begehrt.«

»Klingt nicht gerade appetitlich«, sagt meine Mutter. Sie sticht demonstrativ mit der Gabel in eine Scheibe Schinken und lässt sie auf eine Schnitte Brot gleiten. »Und schmeckt bestimmt nicht so gut wie das hier, oder, Katharina?«

Meine Freundin lächelt. »Ich mag Seitan ehrlich gesagt auch nicht, aber manche schwören darauf. Der Parmaschinken ist allerdings wirklich lecker. Mild, aber trotzdem würzig.«

Meine Mutter sieht mich unschuldig an. »Probier doch mal, Nora.«

Ihr zuliebe greife ich zu. Außerdem häufe ich noch ein paar Oliven und etwas Käse auf meinen Teller. Ich möchte nicht, dass sie sich noch mehr Sorgen macht. Es stimmt zwar, dass ich innerhalb des letzten Jahres zwölf Kilo abgenommen habe, aber zu dünn bin ich deswegen nicht. Als ich Julian damals kennengelernt habe, wog ich ungefähr genauso viel. Aber das behalte ich lieber für mich. Übers Essen zu reden ist mir nur recht. Das Thema ist unverfänglich und lenkt mich ab. Traurig sein und bemitleiden kann ich mich später, wenn die beiden weg sind.

»Du arbeitest viel zu viel«, sagt meine Mutter prompt und macht damit meinen Plan zunichte. »Ich versteh ja, dass du dich damit ablenkst. Und ich weiß, dass dir dein Beruf viel bedeutet .«

Ich arbeite als Produktentwicklerin für Fertiggerichte. Der Job macht mir Spaß, ich habe nette Kollegen. Es stimmt. Meine Arbeit lenkt mich ab. Wenn ich könnte, würde ich vierundzwanzig Stunden am Tag in der Versuchsküche stehen.

». aber du musst auch mal wieder zur Ruhe kommen, Nora. Julian ist jetzt ein Jahr tot, und da wird es langsam Zeit, nach vorne zu schauen.«

Da ist es wieder, das böse Wort - tot -, gefolgt von der Floskel, die ich jetzt schon so oft gehört habe: nach vorne schauen . Ich weiß, dass meine Mutter auch damit recht hat. Das Leben geht weiter, auch ohne Julian. Und schon andere haben ihre große Liebe verloren und sind doch wieder glücklich geworden - irgendwann. Aber momentan steht mir absolut nicht der Sinn danach. »Mama, bitte, nicht ausgerechnet jetzt.« Meine Stimme kippt.

»Ist gut, tut mir leid. Ich wollte nur . Ach, heute ist aber auch wirklich nicht mein Tag.« Meine Mutter schüttelt den Kopf. »Mein Feingefühl ist anscheinend in dem ganzen Bauschutt verlorengegangen.«

»Was macht denn der Umbau, Hanne, kommt ihr gut voran?«, fragt Katharina, und ich lächele sie dankbar an.

Meine Mutter seufzt theatralisch auf. »Hör bloß auf, es ist Chaos pur! Wir hatten ja einen Durchbruch zwischen Küche und Wohnzimmer geplant. Aber da es eine tragende Wand ist, muss dafür ein Stahlträger eingebaut werden. Stell dir vor, die haben ihn zu kurz bestellt .«

Meine Mutter hat vor zwei Jahren wieder geheiratet. Es hat fast 10 Jahre gedauert, bis sie wieder nach vorne schauen konnte und sich noch einmal verliebt hat. Mein Vater ist allerdings nicht gestorben, er hat sie von einem Tag auf den anderen wegen einer jüngeren Frau verlassen. Und das war richtig schlimm für sie, zumal ich ein halbes Jahr zuvor zu Hause ausgezogen war, um in Münster Ökotrophologie zu studieren. Nach der Trennung meiner Eltern bin ich ein Semester lang fast jeden Tag die Strecke von Oberhausen nach Münster und wieder zurück gefahren, um meiner Mutter beizustehen. Dafür ist sie dann im letzten Jahr kurzerhand zu mir gezogen, als es mir richtig schlecht ging. Bei dem Gedanken, dass wir füreinander da sind, wenn wir uns brauchen, wird mir warm ums Herz, auch wenn meine Mutter nicht immer einfach ist. Ich beobachte sie aus den Augenwinkeln. Sie tut zwar so, als sei ihr der ganze Umbau ein Gräuel, aber ich weiß, dass sie es eigentlich genießt. Sie braucht Action, und sie ist gerade dann in ihrem Element, wenn es stressig wird. Armer Konrad! Er hat seiner Frau eine neue Küche versprochen. Ihm war bestimmt nicht klar, dass dafür neue Wände benötigt werden.

»Puh!« Ich stehe am Fenster zur Straßenseite und sehe zu, wie meine Mutter in ihrem roten Polo davonbraust. »Das hätte ich keine Minute länger durchgestanden.«

Katharina schmunzelt. »Komm, immerhin hat sie die Rouladen ohne weitere Diskussionen wieder eingepackt. Ich habe fest damit gerechnet, dass sie sie in den Kühlschrank stellt, in der Hoffnung, du würdest dich vielleicht doch noch überwinden.«

»Der Kühlschrank wäre zu offensichtlich. Wenn überhaupt, hätte sie sie im Hausflur stehen lassen, natürlich aus Versehen. Aber dann hätte Watson die Fleischröllchen längst gewittert.«

»Ich mag deine Mutter.« Katharina sitzt im Schneidersitz auf dem Küchenstuhl. Sie hält eine der großen Milchkaffeeschalen in ihren Händen, die wir einmal gemeinsam in einem Kreativkurs getöpfert haben, und trinkt genüsslich den Schaum ab. »Noch heute denke ich hin und wieder an die leckeren Pausenbrote, die sie dir für mich mitgegeben hat, nachdem sie erfahren hatte, dass ich ständig ohne Verpflegung in die Schule kam.« Sie grinst. »Und immer war auch Obst und etwas Süßes dabei.«

»Sie ist klasse, absolut! Du weißt, wie sehr ich sie liebe. Aber manchmal ist sie eben auch ein bisschen anstrengend. Ich weiß ja, dass sie es immer nur gut meint, aber es ist schwer, sich gegen sie durchzusetzen, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat. Sie vergisst gern, dass ich keine sechs mehr bin, sondern mit großen Schritten auf die dreißig zusteuere.«

»Stimmt, aber das wird sich wahrscheinlich nie ändern. Ich finde gerade das sehr süß an ihr. Sie kümmert sich eben . Im Übrigen bist du ihr da sehr ähnlich, du trägst auch dieses Kümmer-Gen in dir. Du verwöhnst deine Lieben nach Strich und Faden.« Sie lächelt. »Manchmal habe ich Julian richtig beneidet.«

Ich mache es mir neben Katharina gemütlich und knuffe sie in die Seite. »Quatsch! So schlimm bin ich auch nicht.«

»Habe ich was von schlimm gesagt? Du bist großartig!«

»Danke.« Katharina hat recht. Es hat mir Spaß gemacht, Julian zu umsorgen und zu verwöhnen. Aber ich habe auch viel von ihm zurückbekommen. »Weißt du, es kommt mir immer noch so unwirklich vor. Das hört sich jetzt vielleicht komisch an, und eigentlich glaube ich auch nicht daran, aber ich habe oft das Gefühl, dass Julian immer noch da ist. Besonders, wenn ich hier in der Küche bin. Manchmal höre ich ihn sogar reden. Ich weiß, dass die Stimme nur in meinem Kopf ist, aber es fühlt sich so an, als wäre er mir in diesen Momenten ganz nah.«

Katharina schießen Tränen in die Augen. »Ich vermisse ihn auch, Nora. Wenn ich dir nur helfen könnte.«

Ich springe auf und nehme sie in die Arme. Julian war auch Katharinas Freund. Die beiden waren Nachbarskinder und haben schon im Sandkasten miteinander gespielt. Später sind sie auf verschiedene Schulen gegangen. Julian auf die Gesamtschule, Katharina aufs Gymnasium. Dort haben Katharina und ich uns kennengelernt. Sie ging in die Parallelklasse. Im Deutsch-Leistungskurs haben wir uns dann angefreundet. Und etwas später hat sie uns einander vorgestellt. Damals war ich siebzehn, Julian ein knappes Jahr älter. Er war nicht nur meine große, er war auch meine erste und somit einzige Liebe. Aber er war auch Katharina sehr wichtig.

»Es tut mir leid, wenn es um Julian geht, denke ich immer nur an mich«, sage ich, und dann weinen wir beide.

Nach einer Weile schiebt Katharina mich etwas von sich weg und lächelt mich an. »Oh Mann, wenn Julian uns jetzt so sehen könnte.«

Ich schniefe noch ein letztes Mal. »Er würde sagen, dass wir Heulsusen sind, und uns Watson auf den Hals hetzen. Wahrscheinlich würde er ihn irgendein verrücktes Kunststück vorführen lassen und keine Ruhe geben, bis wir wieder lachen.«

Wie auf Kommando steht kurz darauf der braune Riesenteddy schwanzwedelnd in der Küchentür.

»Das gibt es doch nicht!«, entfährt es Katharina. »Wenn er jetzt tatsächlich ein Kunststück vorführt, falle ich auf der Stelle vom Stuhl.«

Ich lache. »Watson hat unheimlich gute Ohren. Er hat seinen Namen gehört. Außerdem weiß er ganz genau, dass es Zeit für seinen Nachmittagsspaziergang ist. Julian hat immer behauptet, dass Watson mal einen Wecker gefressen hat, so wie das Krokodil bei Peter Pan.« Ich zeige auf die Küchenuhr. »Tick tack, tick tack, vier Uhr, Mister Watson möchte ausgehen.«

Wir sind noch nicht ganz zur Tür raus, da bleibt Katharina plötzlich stehen und sagt: »Du kannst Julians Anwesenheit spüren, du hörst ihn, du kochst jede Woche Marmelade für ihn und stapelst sie auf seinem Schreibtisch . Er ist noch...

Dateiformat: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen-DRM (Digital Rights Management)

Systemvoraussetzungen:

Computer (Windows; MacOS X; Linux): Verwenden Sie eine Lese-Software, die das Dateiformat EPUB verarbeiten kann: z.B. Adobe Digital Editions oder FBReader - beide kostenlos (siehe E-Book Hilfe).

Tablet/Smartphone (Android; iOS): Installieren Sie bereits vor dem Download die kostenlose App Adobe Digital Editions (siehe E-Book Hilfe).

E-Book-Reader: Bookeen, Kobo, Pocketbook, Sony, Tolino u.v.a.m. (nicht Kindle)

Das Dateiformat EPUB ist sehr gut für Romane und Sachbücher geeignet - also für "fließenden" Text ohne komplexes Layout. Bei E-Readern oder Smartphones passt sich der Zeilen- und Seitenumbruch automatisch den kleinen Displays an. Mit Wasserzeichen-DRM wird hier ein "weicher" Kopierschutz verwendet. Daher ist technisch zwar alles möglich - sogar eine unzulässige Weitergabe. Aber an sichtbaren und unsichtbaren Stellen wird der Käufer des E-Books als Wasserzeichen hinterlegt, sodass im Falle eines Missbrauchs die Spur zurückverfolgt werden kann.

Weitere Informationen finden Sie in unserer E-Book Hilfe.


Download (sofort verfügbar)

8,99 €
inkl. 19% MwSt.
Download / Einzel-Lizenz
ePUB mit Wasserzeichen-DRM
siehe Systemvoraussetzungen
E-Book bestellen