Erinnere dich ewig

Autobiographie
 
 
Schöffling (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 2. März 2021
  • |
  • 312 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7317-6196-9 (ISBN)
 
Er war der Chronist der Vielvölkerstadt Novi Sad, in der er fast sein ganzes Leben verbrachte, und ein großer europäischer Schriftsteller. In seinen Romanen und Erzählungen erforscht Aleksandar Tisma die menschliche Existenz in ihrer ganzen Tiefe, zeigt die Abgründe der Gewalt und den Irrsinn der Liebe.
"Erinnere dich ewig" erzählt von Aleksandar Tismas eigenem Leben. Davon, wie er, 1924 als Sohn einer ungarischen Jüdin und eines serbischen Kaufmanns geboren, von Beginn an zwischen den Sprachen, Religionen, Kulturen wandelte. Davon, wie seine Jugend in den Wirren des Krieges versank, vom kommunistischen Regime unter Tito und dem Gefühl, in Jugoslawien eingesperrt zu sein. Tisma zeichnet sein Ringen um einen eigenen schriftstellerischen Ausdruck nach, berichtet von schicksalsreichen Bekanntschaften und mit großer Zärtlichkeit von seiner Beziehung zu seiner sterbenden Mutter.
"Erinnere dich ewig" ist das eindrückliche Porträt eines Schriftstellers - und durchmisst zugleich das kurze 20. Jahrhundert, das die Welt so radikal verändert hat. Die erstmals ins Deutsche übersetzte Autobiographie beschließt ein Nachwort von Ilma Rakusa.
  • Deutsch
  • Frankfurt am Main
  • |
  • Deutschland
  • 0,94 MB
978-3-7317-6196-9 (9783731761969)
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Aleksandar Tisma wurde 1924 geboren und wuchs in Novi Sad mehrsprachig auf. Nach dem Krieg war er als Journalist und später als Verlagslektor und Übersetzer tätig, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. Für sein Werk, das in viele Sprachen übersetzt wurde, erhielt Aleksandar Tisma zahlreiche Preise, unter anderem den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung und den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur. Er starb 2003 in Novi Sad.

Mirjana und Klaus Wittmann leben in Bonn und übersetzen aus dem Serbischen, Kroatischen und Bosnischen. Ihre Übersetzungen verstehen sich als Gemeinschaftswerke und entstehen im Tandemprinzip. 2006 erhielten sie für die Übersetzung von David Albaharis "Mutterland" den Brücke-Berlin-Preis, 2011 wurden sie für ihr übersetzerisches Gesamtwerk mit dem Paul-Celan-Preis ausgezeichnet.

Ilma Rakusa lebt als Schriftstellerin, Literaturwissenschaftlerin und Übersetzerin in Zürich. Sie übersetzte Marguerite Duras aus dem Französischen, Marina Zwetajewa aus dem Russischen, Imre Kertész und Péter Nádas aus dem Ungarischen sowie Danilo Kis aus dem Serbokroatischen. Für ihr vielfältiges Werk wurde sie zuletzt mit dem Schweizer Buchpreis, dem Literaturpreis Berlin und dem Kleist-Preis ausgezeichnet.

Aber ich hatte die Langeweile an den Abenden satt, deswegen stahl ich mich nach dem politischen Unterricht fort, irrte durch die Straßen oder suchte eine frühere weibliche Bekanntschaft auf, die noch Bestand hatte, und wenn auch das vorbei war, begab ich mich zum Schlafen nicht in die Kaserne, sondern nach Hause, wo auf mich ein gutes Abendessen wartete und mein Bett, an dessen Kopfende meine Bücher lagen. Am nächsten Morgen stand ich zeitig auf, um mich bei dem sogenannten Appell nicht zu verspäten. Da standen wir in Zweierreihen mitten auf dem Kasernenhof, der kommandierende Unteroffizier zählte uns ab und schickte uns zum Kurierdienst des Tages. Einmal hatte ich mich doch verspätet und der Spieß, der mir schon seit Tagen auflauerte, ohne mich auf frischer Tat ertappt zu haben, rief jetzt zwei Wachposten herbei und befahl ihnen, mich wegen unerlaubten Verlassens der Kaserne für drei Tage in den Arrest zu bringen.

Diese drei Tage und drei Nächte verbrachte ich in einem kleinen Zimmer eines Wohnhauses, das aus unbekannten Gründen leer stand und dem Militär für seine Zwecke diente. Dorthin brachte man mir das Essen, ich konnte sogar ein Buch auftreiben und es lesen, solange es hell war. Im Zimmer befand sich auch eine Turnmatte, auf der ich schlafen konnte. Obwohl der Arrest zu ertragen war, ging ich danach nie mehr zum Schlafen nach Hause. Geduldig stand ich die restlichen Wochen durch, bis mich die Demobilisierung nach Hause zurückbrachte.

Aber zuvor geschah noch etwas. In einer Zeitungsanzeige wurde die Ausschreibung eines Stipendiums zum Studium in Frankreich angekündigt mit Vergünstigungen für jene, die ihr Studium wegen des Krieges hatten unterbrechen müssen, was bei mir der Fall war. Der Bewerbung sollte man Dokumente beifügen, darunter auch eine von der Institution oder der militärischen Einheit, zu der man gehörte, ausgestellte Beurteilung, und man musste an der Philosophischen Fakultät in Belgrad eine Prüfung in französischer Sprache ablegen.

Ich liebte Frankreich aufgrund der Bücher, die ich gelesen hatte. Flaubert und Stendhal sowie die zeitgenössischen Schriftsteller Henry de Montherlant, André Gide, Francis Carco hatten mir die Geographie und die gesellschaftliche Organisation dieses Landes so gründlich und anschaulich vermittelt, dass mir die Orte und die Menschen dort näher waren als die Ortschaften und die Leute in meinem Umkreis. Seit meinem zehnten Lebensjahr lernte ich Französisch, auch hatte ich in Budapest auf das Französischstudium umgesattelt, nachdem ich meiner Familie die Illusion geraubt hatte, aus mir werde ein Kaufmann. Ich hatte außerdem einen besonderen Grund, gerade nach Frankreich gehen zu wollen, denn dort lebte jetzt meine Cousine Györgyi, mit der ich 1943 in Budapest eine kurze Liebesbeziehung hatte, woraus sich später eine Freundschaft entwickelte. In Budapest lebte sie mit ihrer Tante Vica zusammen, die ich noch mehr mochte als Györgyi und die mich wie einen Sohn liebte. Nach dem Niedergang des Faschismus verließen die beiden Ungarn und gingen nach Paris, wo Györgyis Vater, der Bruder von Tante Vica, schon vor dem Krieg mit seiner Frau gelebt hatte. Ich wusste, dass sie mich mit offenen Armen empfangen würden und dass ich bei ihnen ein Zuhause hätte.

Genauer, ein richtiges Zuhause, wie ich damals meinte. Denn was mich nach der Demobilisation in Jugoslawien erwartete, war für mich kein Zuhause. Selbst meine Eltern konnten mir wegen ihrer Verschiedenheit kein richtiges Zuhause geben, weswegen ich zu keinem von ihnen stehen konnte, ich war gegen alle beide. So etwas wie ein Zuhause hatte ich in Budapest bei meiner Majka gehabt, die eine außerordentlich harmonische Person war und auf mich keinerlei Druck ausübte. Aber sie war doch eine alte Frau, und die Zeit, die ich mit ihr verbrachte, war die Kriegszeit, die Okkupationszeit, während der wir bangten, wegen unserer Herkunft umgebracht zu werden. Wir fragten uns, wann und wie der Krieg enden würde, mit unserem Sieg über den Faschismus oder mit seinem Sieg über uns. In letzterem Fall drohte uns der Tod. Wir konnten uns in diesem Ungarn, auch in Budapest inmitten Ungarns, nicht zu Hause fühlen, das ging nicht, obwohl ich den Budapester Glanz genoss, sein Nachtleben, seine Bibliotheken und Theater. Was das Beste an Ungarn, an Budapest war, die Vorträge, die Kaffeehäuser, der Nachrichtenstrom über künstlerische Ereignisse, auch die Nachtbars und Bordelle, mutete nur wie ein Abklatsch Europas an, dessen Mittelpunkt Frankreich war. Und nun bot sich mir die Gelegenheit, direkt zu diesem Mittelpunkt zu gelangen.

Ich bewarb mich und legte die Dokumente dazu. Um meine Beurteilung bat ich den Major Vlada Popovic, meinen Vorgesetzten in der Propagandaabteilung. Mit ihm hatte ich zwar nie gesprochen, aber er schien mir von allen Führungskräften am wenigsten misstrauisch und grob zu sein. Er stellte sie mir aus und gab sie mir ohne Umschlag, sodass ich meine zweite Beurteilung lesen konnte. Sie war kurz und positiv und trug seine Unterschrift und seinen Dienstgrad. Ich dachte, das sei eine ausreichende Empfehlung, was sie offensichtlich nicht war; wahrscheinlich wurde eine Beurteilung des Parteikomitees erwartet, wozu ich ein Mitglied der Kommunistischen Partei hätte sein müssen, was ich nicht war. Es ist auch möglich, dass für manche oder viele oder alle Bewerber persönliche oder politische Beziehungen sprachen, von denen ich keine Ahnung hatte. Etwas muss es doch gewesen sein, denn ich wurde abgelehnt, obwohl ich die Prüfung, eigentlich einen schriftlichen Aufsatz in französischer Sprache zu einem Kriegsthema, mühelos hinbekommen hatte. Auf der Liste der Stipendiumsgewinner, die nach der Prüfung in der Aula der Fakultät ausgehängt war, gab es meinen Namen einfach nicht.

Vier Jahrzehnte später lernte ich im Zug von Paris nach Lausanne, mit dem ich mit meiner Frau Sonja zur Zwanzigjahrfeier des Verlags L'Âge d'Homme fuhr, den Pariser Rechtsanwalt und Französischübersetzer, meinen Altersgenossen Velimir Popovic, kennen. Als wir am selben Abend mit dem Zug zurück nach Paris fuhren, brachte er uns in seinem am Bahnhof geparkten Auto nach Hause, wobei wir uns etwas ausführlicher unterhielten. Es stellte sich heraus, dass er aus Belgrad war, Sohn eines Schneiders, bei dem Aleksandar Rankovic, nach dem Krieg jugoslawischer Innenminister, in die Lehre gegangen war; während seiner Gesellenzeit war er für Velimir Popovic ein älterer Freund. Dieser kam im ersten Jahr nach dem Krieg mit einem Stipendium nach Paris, also zu der Zeit, als mir ein solches Stipendium verwehrt wurde. Er erzählte, dass er, als er sich in Paris allein in einem Hotelzimmer fand, in Tränen ausgebrochen sei. Warum? Vor Heimweh, obwohl er die Heimat gerade erst verlassen habe, antwortete er und zuckte mit den Schultern. Wäre ich damals nach Paris gelangt, hätte ich triumphierend wie Rastignac, denn ich kam wie dieser Held Balzacs aus der Provinz und sehnte mich nach der Großstadt, die ich wie er nur aus der Literatur kannte, gesagt: »Und nun zu uns beiden!«

Aber das sagte ich nicht, denn ich kam nach Paris erst 1956, als ich schon zu alt war für derartige Triumphrufe. Bis dahin hatte ich vergebens, aber hartnäckig versucht, an den symbolischen und tatsächlichen Mittelpunkt meiner Wünsche zu gelangen, zwar nicht mehr als Bewerber um ein Stipendium, das wohl nur 1945 so breit demokratisch angekündigt worden war, sondern als gewöhnlicher Privatmensch, der einen Pass beantragte, als ein junger Mann, der die französische Kultur verehre und sie brauche, weil er Schriftsteller werden wolle; außerdem habe er in Frankreich Verwandte, die für die Kosten seines Aufenthalts aufzukommen bereit seien, worüber er eine entsprechende Erklärung beifüge. So ungefähr beschrieb ich es in allen meinen Anträgen, die ich einen nach dem anderen bei den gleichgültigen Beamten und Beamtinnen am Schalter der Innenpolitischen Abteilung in Novi Sad ausfüllte. Die Antwort war stets eine Ablehnung. Sobald ich eine bekam, bereitete ich schon den nächsten Antrag vor, bei dessen Abgabe ich manchmal fragte, wann ich mit einem Bescheid rechnen könne. Man reagierte mit Schulterzucken oder mit unbestimmtem Murmeln: »Warten Sie ab, Sie werden es sehen.« Die Aufforderung abzuwarten war indes reine Farce, die Antwort war immer dieselbe, sie war wie bei der Bewerbung um das Stipendium im Voraus vorbereitet, denn jemand wie ich, ohne eine Empfehlung und ohne Beziehungen zum Kreis der politischen Entscheidungsträger der Kommunistischen Partei, durfte die Grenzen Jugoslawiens einfach nicht passieren.

Ich musste also in dem Land bleiben, in dem mich sowohl die politische Struktur als auch die herrschende Mentalität, in dem mich fast alles abstieß. Alles außer der Literatur und den Büchern, die zum Glück nicht durch Raum, Zeit, Nation, auch nicht durch die Sprache eingegrenzt wurden, weil die Übersetzungen eine Mittlerrolle übernahmen, sodass es in Novi Sad und Belgrad möglich war, dieselben Bücher wie in Paris und London zu lesen, ja sogar zu schreiben. War das wirklich möglich? Das wollte ich erst ausprobieren. Ich stellte mir jedenfalls vor, dass es möglich und auch nötig war. Anders konnte ich mich einfach nicht verhalten. Hätte ich geglaubt, hier, wo ich gefangen gehalten wurde, wo man mich nicht in die große literarische Welt gehen ließ, könne man nicht dieselben Bücher schreiben wie dort, oder die Bücher, die ich hier las, seien schon dadurch, dass ich es hier tat und nicht dort, anders, wäre ich vor Unglück eingegangen, vor Gram gestorben.

Ich machte mich also zum Gegenstand eines Experiments, das darin bestand, hier ein Schriftsteller zu werden, wo ich nicht sein (und folglich auch nicht schreiben) wollte, und dennoch nach denselben Maßstäben zu schreiben (also auch zu...

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