Aufgeben war nie eine Option

Das Leben des Manfred Lautenschläger
 
 
DVA (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 2. August 2021
  • |
  • 304 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-28722-1 (ISBN)
 
Die beeindruckende Biografie eines Mannes, der stets seinen eigenen Weg ging

Frühe Erinnerungen von MLP-Gründer Manfred Lautenschläger sind geprägt von Bombennächten und Krieg. Während der 1960er-Jahre studiert er in Heidelberg Jura und kommt mit Jazz, der APO und dem politischen Kabarett in Berührung. Nach einem kurzen Ausflug ins Anwaltsleben dann der Sprung ins kalte Wasser: Gemeinsam mit Eicke Marschollek gründet er 1971 MLP, ein Beratungsunternehmen für Versicherungen, das sich gezielt an Akademiker richtet und nur 17 Jahre später an der Börse zum gefeierten Superstar wird. Doch auf den rasanten Aufstieg folgt ein jäher Absturz, dazu kommen schwere persönliche Rückschläge. Aber Lautenschläger kämpft sich zurück ins Leben, richtet sein Unternehmen neu aus und führt es wieder zum Erfolg. Heute engagiert er sich mit seiner Stiftung und weit darüber hinaus für Bildung, Sporterziehung, Kultur, Völkerverständigung und gegen das Vergessen.

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
DVA
16 Seiten farbiger Bildteil
  • 4,37 MB
978-3-641-28722-1 (9783641287221)
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Ingrid Thoms-Hoffmann war bis Ende 2016 verantwortliche Redakteurin der Rhein-Neckar-Zeitung in verschiedenen Ressorts, darunter Landes-und Kommunalpolitik. Bundesweit für Schlagzeilen sorgte die von ihr initiierte Zeitungskampagne »Wir retten unser Theater«. Neben den Schwerpunkten Kultur, Justiz und Medizin schrieb sie Reportagen aus Äthiopien, Israel oder der Krim. Zusammen mit Helmut K. Seitz veröffentlichte sie 2018 im Kösel-Verlag »Die berauschte Gesellschaft«. Thoms-Hoffmann lebt in Heidelberg und arbeitet als Autorin und freie Journalistin. Sie ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

I

»WO IST DEIN HITLER?«


Sein Leben lang wird Manfred Lautenschläger dieses Gebet nicht vergessen: »Heilige Maria, Mutter Gottes, bitt' für uns Sünder, jetzt in der Stunde unseres Todes.« Worte, die sich bis heute in sein Gedächtnis eingebrannt haben, die er Jahrzehnte später noch aufsagen kann, ohne sie je danach noch einmal gesprochen oder gehört zu haben. Eine Frau hatte das Ave Maria voller Angst in den überfüllten Luftschutzkeller geschrien. Die Stimme der Frau, die unweit von ihm auf einer der Holzbänke saß, war ihm durch Mark und Bein gegangen. Er hat sie nie vergessen, erinnert sich an jedes Detail aus dieser Nacht, als die Bomben über Karlsruhe vom Himmel fielen. Als er eingezwängt zwischen all den Menschen saß und fühlte, dass sie Angst hatten, genau wie er und seine sechs Jahre ältere Schwester. Nur seine damals 37 Jahre alte Mutter strahlte eine Ruhe aus, die ihm ein Stück weit Geborgenheit gab.

Es ist 77 Jahre her, dass der Südwesten des Deutschen Reiches in Flammen aufging, Zigtausende im Bombenhagel der Briten und Amerikaner starben. Vor allem jener 4. Dezember 1944 hat sich tief in die Erinnerung der Nordbadener und Württemberger eingegraben. In Heilbronn wurden in jener Nacht in nur rund 37 Minuten etwa 62 Prozent des Stadtgebietes zerstört. 6500 Menschen kamen ums Leben. Die meisten von ihnen erstickten in Luftschutzkellern. Noch schlimmer sollte es acht Wochen später Pforzheim treffen. Von den 80.000 Einwohnern starb fast jeder vierte. Mannheim litt seit 1940 unter gezielten Flächenbombardements, die Royal Air Force erprobte hier den kombinierten Einsatz von Spreng- und Brandbomben. Einer der heftigsten Angriffe wurde in der Nacht vom 5. auf den 6. Dezember 1943 geflogen. Durch die wiederholten Angriffe auf die Kurpfalzmetropole wurden etwa 1700 Menschen getötet. Anders als in manch anderen Städten gab es hier ausreichend Bunker, die den Bomben standhielten. Fast auf den Tag genau ein Jahr später sollte es Karlsruhe schwer treffen. Ob die Deutschen ihrem größenwahnsinnigen Führer noch zugejubelt hätten, hätten sie um das Ende des Krieges gewusst? Adolf Hitler brachte ihnen am Ende den Tod, die Zerstörung, das Elend, die Trauer.

Lediglich Heidelberg blieb im Zweiten Weltkrieg nahezu unversehrt. Zwar waren seit 1940 auch hier immer mal wieder Bomben gefallen, aber der Schaden hielt sich in Grenzen. Warum Heidelberg verschont blieb, darüber kann man nur spekulieren. Kriegswichtige Betriebe gab es kaum, und um die Bevölkerung zu demoralisieren, wurden andere Ziele ausgewählt. Es war sicher eine Portion Glück dabei, und vielleicht hatte nicht nur der Karlsruher Manfred Lautenschläger an die Touristenstadt am Neckar sein Herz verloren. Über seine spätere Wahlheimat sagte er: »Hier kriegen mich keine zehn Pferde mehr weg!«

Lange vor dem Zweiten Weltkrieg gehörte »Old Heidelberg« zu den beliebtesten Zielen der Reisenden aus Übersee. Der amerikanische Schriftsteller Mark Twain war Ende des 19. Jahrhunderts bei seinem »Bummel durch Europa« in Verzückung geraten und hatte so seine Landsleute angeregt, die weite Reise auf sich zu nehmen. Ende der 1920er-Jahre war es der amerikanische Botschafter Jacob Gould Schurman, der eine große Spendenaktion in den USA startete, damit die älteste Universität auf deutschem Boden ein neues Gebäude errichten konnte: Die Einweihung der Neuen Universität wurde live im Radio nach Amerika übertragen.

Und dann gab es ja noch die Operette »The Student Prince« des Komponisten Sigmund Romberg, nach dem Schauspiel »Alt-Heidelberg« von Wilhelm Meyer-Förster, die am Broadway Erfolge feierte, mehrfach verfilmt wurde und so die Werbetrommel fu¨r Heidelberg rührte.

Ob all das allerdings die kühne These stützt, dass die US-Armee schon während des Krieges plante, hier ihr Hauptquartier einzurichten, und deshalb Heidelberg nicht bombardierte? Belegen lässt sich hingegen, dass Heidelberg später Teil der amerikanischen Besatzungszone wurde, Sitz des Nato-Hauptquartiers für Mitteleuropa und der 7. US-Armee war. Auch der Armeerundfunk AFN sendete aus Heidelberg, wo bis 2013 Tausende Soldaten mit ihren Familien lebten. Was sie mitbrachten, war der »American Way of Life«, der Freiheitsgedanke, die Musik, die auch Lautenschläger liebte, als er als Student nach Heidelberg kam und für immer blieb.

Hier erlebte er aber auch den Hass gegen die amerikanischen »Freunde«, den politischen Protest gegen den Vietnamkrieg, die Anschläge der Roten Armee Fraktion (RAF) gegen amerikanische Einrichtungen. Am 24. Mai 1972 tötete ein Sprengstoffanschlag auf das US-Hauptquartier drei amerikanische Soldaten und verletzte fünf weitere. Ein Attentat mit einer Panzerfaust auf den Oberbefehlshaber der US-Landstreitkräfte in Europa, Frederick James Kroesen, scheiterte am 15. September 1981 nur knapp.

All das lag noch in weiter Ferne, als der kleine Manfred im dichten Gedränge im öffentlichen Luftschutzkeller des Gasthauses »Drei Linden« saß und seine Geburtsstadt Karlsruhe in Flammen aufging. Es war nicht der erste und nicht der letzte verheerende Schlag aus der Luft, der die bereits stark zerstörte Stadt in jener Nacht ein weiteres Mal entscheidend traf. Als die französischen Truppen am 4. April 1945 einmarschierten, lebten dort nur noch 60.000 Menschen, 12.000 Karlsruher waren während des Krieges ums Leben gekommen, darunter an die 6000 Soldaten. Tausende wurden vermisst.

Doch nie zuvor waren so viele Todesopfer an einem Tag zu beklagen gewesen wie an diesem. 375 Menschen starben an jenem Montag nach dem 1. Advent, als 535 viermotorige Maschinen der britischen Royal Air Force ihre vernichtende Fracht abwarfen. Der Großangriff am Abend zerstörte auch Mühlburg, den Stadtteil, in dem Lautenschläger aufwuchs. Die Kirche St. Peter und Paul brannte aus, ebenso wie die Karl-Friedrich-Gedächtniskirche, im Luftschutzraum des Pfarrhauses kamen alle ums Leben, die dort Schutz gesucht hatten, darunter auch die Geistlichen. Ein Volltreffer, der das Gasthaus »Drei Linden« in Schutt und Asche legte, löste ein Inferno im darunter liegenden Luftschutzkeller aus. 97 Menschen starben, die meisten von ihnen Frauen und Kinder. Wie durch ein Wunder entkam die Familie Lautenschläger dem Tod.

Fliegeralarm gehörte für den kleinen Manfred zum Alltag. Allein von August 1941 bis zum Dezember 1944 war er 788 Mal ausgelöst worden. »Ich wurde gefühlt jede Nacht aus dem Bett gerissen«, erinnert sich Lautenschläger Jahrzehnte später. »Schon beim Voralarm rannten wir los.« Von der Volkswohnung in der Philippstraße 28 Richtung Kaiserallee, dann in die Rheinstraße zum öffentlichen Luftschutzkeller unter den »Drei Linden«. Etwa 300 Meter im Laufschritt.

An jenem schrecklichen Abend - es war gegen 17 Uhr, als die Sirenen losheulten - kamen sie spät an. Der erste große Raum war schon überfüllt, Platz fanden sie schließlich im kleineren Bereich dahinter. »Es war ein großes Durcheinander, ein wildes Gedränge und Geschreie«, blickt Lautenschläger zurück. Auf der Bank vor den Doppelstock-Betten hielt er seine kleine Umhängetasche fest umklammert. Sie war schon ziemlich ramponiert und mitgenommen, ein Sattler-Lehrling hatte versprochen, es zu reparieren, aber dazu sollte es nicht mehr kommen.

Bomben zerfetzten die sechzig Zentimeter dicken Schutzmauern, dann flogen die Gesteinsbrocken, die Wände der Zwischenmauern stürzten ein, ebenso wie Teile der Decke. Viele der Schutzsuchenden wurden erschlagen und unter dem Schutt begraben. Außerdem herrschte ein unvorstellbarer Luftdruck, ausgelöst durch die zuvor abgeworfenen zentnerschweren Luftminen. Den direkten Opfern von Luftminen zerriss es, infolge der enormen Druckwelle, die Lunge.

Wie auch die deutsche Luftwaffe setzten Amerikaner und Briten diese »Wohnblockknacker« ein, um Brandbomben einen guten Zugang zu den leicht brennbaren Dachböden zu ermöglichen. Das Feuerinferno sollte großflächig, die Straßen durch die entstehenden Trümmer für Rettungskräfte unpassierbar sein. Hilfe für die Opfer kam deshalb oft zu spät.

Der Angriff dauerte endlose 21 Minuten lang. Der freundliche Sattler-Lehrling, der unweit von Lautenschläger saß, wurde von einem herabfallenden Stück Mauerwerk tödlich getroffen. Über ihnen brannte das mehrstöckige Haus lichterloh, und es sollte noch stundenlang brennen. Irgendwann hörte er Kommandos: »Sofort raus, Explosionsgefahr!« Die Rufe galten den Pionieren, die versuchten, zu den Eingeschlossenen vorzudringen. Es war ein unmögliches Unterfangen, eine Brandbombe hatte das Treppenhaus zerstört. Es gab keinen Ausgang mehr. Die Pioniere wurden abgezogen, die Menschen im Keller blieben zurück. Irgendwann schlief Lautenschläger erschöpft ein. Als nach 14 Stunden Helfer endlich die verängstigten Menschen herausholten, kletterte er über Schuttbrocken und Tote dem Ausgangsloch entgegen, durch den Hauptraum, in dem alle Menschen umgekommen waren. Vor dem einstigen Eingang des Gasthauses »Drei Linden« hatte sich ein riesiger Bombentrichter aufgetan, um den herum Tote und Verwundete lagen.

Manfred Lautenschläger erinnert sich noch, wie er zusammen mit seiner Mutter und Schwester Ilse endlich aus dem Kellerloch hinauf ans Tageslicht kam, an die Explosionsgefahr, die von den brennenden Häusern ausging, an die Ruinen, an die Hunderte Stabbrandbomben, die den Teer der Straßen zum Schmelzen gebracht hatten, an die Rheinstraße, die in Flammen stand, und daran, wie sie sich mühsam ihren Weg zurück in die Philippstraße bahnten.

Noch heute versagt dem fünffachen Familienvater die Stimme, wenn er von jenen Erlebnissen im...

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