Die drei von der Risikogruppe

Roman aus Mannheim
 
 
Books on Demand (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 24. März 2021
  • |
  • 320 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7534-6907-2 (ISBN)
 
Was zählt in einer Welt, die aus den Fugen geraten ist? Im Mittelpunkt der Erzählung stehen drei Frauen im Alter zwischen 71 und 78 Jahren und deren Freundschaft, die vor dem Hintergrund der Pandemie an Tiefe gewinnt. Dabei verbindet die Autorin geschickt Fiktion und Realität. So unbekannt und unberechenbar wie das Virus erscheint Brigitte ihr überraschend aufgetauchter Sohn, den sie vor 59 Jahren geboren und danach nie wieder gesehen hat. Billy spürt nach dem Tod ihres Mannes die lebenslang unerfüllte Reiselust fast schmerzhaft. Wird sie Mittel und Wege finden, trotz Corona dem Alltag zu entfliehen?
Den verordneten Stillstand empfindet die kulturaffine Leo als Diebstahl ihrer Lebenszeit, von der ihr vielleicht nur noch wenig bleibt. War es schon vor der Pandemie für die drei alleinlebenden Frauen nicht leicht, der lauernden Einsamkeit zu entkommen, so wird es unter den besonderen Umständen der Pandemie zu einer echten Herausforderung.
1. Auflage
  • Deutsch
  • 0,66 MB
978-3-7534-6907-2 (9783753469072)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Ulrike Thomas, 1956 geboren, wuchs in Frankenthal in der Pfalz auf. Seit 1997 arbeitet die promovierte Diplom-Psychologin als Psychotherapeutin in eigener Praxis in Mannheim.
Schreiben ist für die Autorin Ausgleich und Ventil. Einfühlsam und um die Menschen hinter den Fassaden wissend haucht sie ihren vielschichtigen Charakteren Leben ein. Der vorliegende Roman ist ihr dritter.

Ende Februar - Die Krone


Nebel war aufgezogen. Zunächst nur ein zartes Grau, das die Realität unwesentlich verschleierte, lag nun eine Ahnung in der Luft, die da und dort zur Vorsicht mahnte. Das Phänomen, das seit Dezember letzten Jahres weit entfernt in einer chinesischen Provinz die Menschen das Fürchten lehrte, und zu einer dramatischen Ausgangssperre geführt hatte, die aus der Ferne betrachtet gerne auch dem Geist des dortigen autoritären Regimes zugeschrieben und damit als übertrieben eingeordnet wurde, rückte näher. Schon Ende Januar war die erste Infektion eines Mitarbeiters eines chinesischen Automobilzulieferers in Bayern, der sich bei einer aus China angereisten Kollegin angesteckt hatte, bekannt geworden. Anfang Februar wurden die ersten Deutschen mit einem Bundeswehrflugzeug aus dem chinesischen Wuhan ausgeflogen und mussten sich, wenn sie als infiziert galten, ins Krankenhaus oder symptomlos in einer Bundeswehrkaserne in Quarantäne begeben. Bis dahin kamen die Meldungen fein dosiert und die Erkrankten als gut verpackte Päckchen daher. Doch Mitte Februar hatte sich das Virus bei einer Karnevalsveranstaltung in Nordrhein-Westfalen unkontrolliert verbreitet und auch aus Norditalien wurden dramatisch steigende Infektionszahlen gemeldet.

Angesichts der eigenen Probleme war die neuartige Lungenerkrankung, die die Weltgesundheitsorganisation »Covid-19«, also Coronaviruskrankheit 2019 genannt hatte, für das Trio nur am Rande Thema.

Unabhängig davon also lud Billy - mit 71 Jahren die Jüngste der Gruppe - die anderen beiden zur Lagebesprechung in ihr Haus nach Käfertal ein. Seit dem Tod ihres Mannes wohnte sie alleine in dem großen Anwesen, das früher ein Bauernhof gewesen war. Georg, der Verstorbene und sie hatten in jungen Jahren das Gehöft gekauft und erfolgreich zu einer hoch frequentierten Autowerkstatt umgebaut. Georg war ein guter Kraftfahrzeug-Mechaniker gewesen und Billy schmiss als gelernte Sekretärin das Büro. Zeitweise komplettierten in Büro und Werkstatt bis zu fünf Angestellte das bestens eingespielte Zweierteam.

Für Billy war es eine furchtbare Zeit schon während der Krankheit ihres Mannes gewesen, der langsam und elend an Lungenkrebs gestorben war. Sechs Jahre war das nun her. Die Witwe gab nach seinem Tod zwar das Geschäft auf, aber ihr Zuhause zu verkaufen, in das sie so viel Herzblut und Eigenarbeit gesteckt hatte, konnte sie sich - entgegen entsprechender Ratschläge von vermeintlich Besserwissenden - nicht durchringen. »Du hast doch keine Kinder, was willst du denn mit dem großen Besitz?« »Mache es dir doch leichter und verkaufe das Gelumps« und ähnlich lauteten die Kommentare. Ja, die Beziehung war kinderlos geblieben, das Geschäft war das Kind des Paares gewesen. Und seine Kinder verkauft man schließlich auch nicht.

Die drei Freundinnen saßen an dem großen Küchentisch, in dessen Mitte eine riesige Platte mit belegten Broten eskortiert wurde von zwei Flaschen Wein, einer roten und einer weißen.

»Nehmt euch, nehmt euch«, forderte die Gastgeberin auf.

»In der Zeitung stand absolut nichts«, ereiferte sich Brigitte.

»Du hast nur die hiesige Zeitung gelesen. Das Auto hat Ludwigshafener Kennzeichen, vielleicht stand was in der dortigen Lokalzeitschrift«, mutmaßte Billy.

»Und was machen wir nun?«, fragte Leo in die Runde.

»Fürs erste steht es gut«, versuchte Billy zu beruhigen. »Wollt ihr es sehen?«

Sie führte die Freundinnen in die Autohalle. Da stand es, schwarz und glänzend.

»Es ist schon ein schönes Auto«, bemerkte Brigitte.

»Das Auto sieht nicht nur gut aus, es fährt auch prima«, gab Billy, durch die Arbeit in der Werkstatt selbst in hohem Maße mit der Technik vertraut, das Ergebnis ihrer Überprüfung bekannt. »Sogar der Tank war noch fast voll, nur Autopapiere waren keine drin«, schloss sie ihren Bericht.

Leo, früher eine passionierte Autofahrerin, saß schon hinter dem Steuer. »Schade, dass ich meinen Führerschein abgegeben habe.«

Die drei gingen zurück in die Küche, aßen die Brote und tranken den Wein, nicht ohne immer und immer wieder die dramatischen Ereignisse Revue passieren zu lassen. Die Spekulationen darüber, wieso niemand das Fahrzeug vermisste oder es zumindest nicht offiziell suchte, schossen ins Kraut. War das Auto gestohlen, also schon bevor Billy es sich unter den Nagel gerissen hatte, oder der Fahrer gar in der kurzen Zeit verstorben, gab es andere Gründe für ihn, die Polizei zu meiden, war er ein gesuchter Verbrecher?

Keine Sekunde hatte Billy gezögert und das Auto gezündet. Eigentlich wollte sie nur ein paar Meter fahren und den Wagen um die Ecke verstecken, um dem Besitzer eine Lektion zu erteilen. Doch dann ging alles wie von selbst. Kaum war sie aus der Fußgängerzone raus, folgte das schnurrende Gefährt der Ringstraße und die Freundinnen verschwanden im Rückspiegel. Zunächst wollte sie nach einer Runde wieder zurück an den Ausgangspunkt. Doch mit wachsender Entfernung erschien ihr das zu riskant und sie lenkte den Wagen über die Friedrich-Ebert-Straße nach Käfertal. Ihr Handy summte auf dem Beifahrersitz. Das war bestimmt Leo, Brigitte verweigerte sich diesen Dingern ja.

Sie musste sich konzentrieren. Das Auto ließ sich gut fahren, aber der Geruch des aufdringlichen Männerparfüms irritierte sie. Das hatte einer großzügig auf sich und dem Lenkrad verteilt. Was er damit wohl verdecken wollte? Billy näherte sich ihrem Haus und überlegte kurz, ob sie den Wagen in den Wald fahren und erst nach Einbruch der Dunkelheit holen sollte, entschied sich aber für den bequemen Weg. Sollten die Nachbarn doch denken, was sie wollten.

Leo und Brigitte konnten das Verhalten ihrer Freundin kaum fassen. Um keine Aufmerksamkeit zu erregen, vermieden sie es, sich lauthals darüber zu unterhalten, guckten sich nur staunend an und setzten sich schließlich wartend und die Szenerie beobachtend auf eine der Bänke. Erfolglos versuchte Leo, Klarheit per Telefon zu schaffen. Weder der Besitzer des Autos noch Billy tauchten auf. Passant*innen schienen nichts bemerkt zu haben, alle gingen ihrer Wege. Nachdem mehr als eine halbe Stunde vergangen war, traten die Freundinnen den Heimweg an, das Stück die Augusta-Anlage entlang gingen sie gemeinsam, dann bog Leo nach links zu ihrer Luxuswohnung in der Oststadt ab und Brigitte nach rechts zu ihrer günstigeren Behausung in der Schwetzinger Vorstadt. Auf ihren jeweiligen Festnetzanrufbeantwortern fanden sie dann folgende Nachricht vor: »Hallo, hier Billy, ich bin mit meinem schwarzen Gefährten zuhause angekommen.«

Danach hatten die Telefone nicht still gestanden, zu groß war der Drang, sich auszutauschen über nagende Befürchtungen, gewagte Vermutungen, mögliche Probleme und deren abenteuerliche Lösungsansätze, den individuellen Persönlichkeiten entsprechend. Auch der Austausch von Emails - diese Technik nutzte auch Brigitte - florierte.

Obwohl die drei sich mehr als 15 Jahre kannten, waren Treffen im Privathaushalt die absolute Ausnahme gewesen. Sie wollten »keine Hockerei«, wie es Brigitte einmal formulierte, aber Grund für die Treffen »auf neutralem Boden« waren in erster Linie die häuslichen Hintergründe. Bewusst sollten die Ehemänner herausgehalten werden, schließlich musste auch über sie getratscht werden. Als es keine Ehemänner mehr gab, änderte sich an den Treffen nichts, weder an deren Rhythmus, noch an deren Orten. Sicher spielten dabei die unterschiedlichen Lebensverhältnisse eine Rolle. Brigitte hatte mit Abstand die kleinste Wohnung und das geringste Einkommen. Keine wollte die andere in Verlegenheit bringen. Keine sollte sich genötigt fühlen, die Wohnung herauszuputzen oder ein Gelage zu veranstalten. Am liebsten trafen sie sich in der Innenstadt, die für Billy mit öffentlichen Verkehrsmitteln genauso gut zu erreichen war, wie für Leo und Brigitte per Fahrrad oder zu Fuß. Ein beliebter Treffpunkt war vor allem bei kühlem oder feuchten Wetter das Drei-Etagen-Café, das vor ein paar Jahren den Betrieb einstellte. Dort hatten sie stets einen ruhigen Platz gefunden. Die Kettencafés waren nicht nach ihrem Geschmack, zu laut, zu eng. Bei warmem Wetter hatten die Eisdielen Saison, aber auch andere Lokalitäten mit Außengastronomie. Der Freitagnachmittag war ursprünglich die einzige Zeit, zu der alle drei Frauen frei hatten. Die Grundschullehrerin musste nicht in die Schule, die Geschäftsfrau machte um 14 Uhr Schluss und die Erzieherin nahm sich da ihren freien Nachmittag. Sie hatte es mit ihren unregelmäßigen Arbeitszeiten am schwersten, einen regelmäßigen Termin wahrzunehmen, aber letztlich konnte sie sich bei ihrer Chefin in der Kindertagesstätte - zumindest was den vierzehntägigen Freitagstermin anging - durchsetzen.

Endlich an Billys Küchentisch zusammensitzend, und gestärkt durch Speis und Trank, fühlten sich die drei sicherer und kamen ins Fantasieren.

»Meint ihr nicht, wir könnten...

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