Brüder

 
 
Hanser Berlin (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 19. August 2019
  • |
  • 416 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-446-26509-7 (ISBN)
 
Zwei Männer. Zwei Möglichkeiten. Zwei Leben. Jackie Thomae stellt die Frage, wie wir zu den Menschen werden, die wir sind.

Mick, ein charmanter Hasardeur, lebt ein Leben auf dem Beifahrersitz, frei von Verbindlichkeiten. Und er hat Glück - bis ihn die Frau verlässt, die er jahrelang betrogen hat. Gabriel, der seine Eltern nie gekannt hat, ist frei, aus sich zu machen, was er will: einen erfolgreichen Architekten, einen eingefleischten Londoner, einen Familienvater. Doch dann verliert er in einer banalen Situation die Nerven und steht plötzlich als Aggressor da - ein prominenter Mann, der tief fällt. Brüder erzählt von zwei deutschen Männern, geboren im gleichen Jahr, Kinder desselben Vaters, der ihnen nur seine dunkle Haut hinterlassen hat. Die Fragen, die sich ihnen stellen, sind dieselben. Ihre Leben könnten nicht unterschiedlicher sein.
  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
  • 2,27 MB
978-3-446-26509-7 (9783446265097)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Jackie Thomae, 1972 in Halle an der Saale geboren, ist Journalistin und Fernsehautorin. 2014 erschien ihr Debütroman Momente der Klarheit. Sie lebt in Berlin.

Die Berliner Innenstadt


wird von einem Bahnring umschlossen, dem Verkehrspolitiker aufgrund seiner prägnanten Form den Namen Hundekopf gegeben haben. Als Micks Mutter verkündete: Wolfgang und ich, wir heiraten, bedeutete das, dass sie vom Treptower Park, am unteren Hinterkopf, nach Halensee an die Spitze der Hundeschnauze ziehen würden. Fünfundzwanzig Minuten würde die S-Bahn brauchen, wenn sie die Unterkieferlinie des Hunds entlangfuhr, doch die Bahn umrundete die Stadt nicht mehr, denn die Stadt war geteilt. Anderthalb Jahre lagen zwischen Antrag und Ausreise. Micks Mutter verlor ihre Arbeitsstelle in einem Wissenschaftsverlag und arbeitete in einem evangelischen Kindergarten. Ein Akt der Barmherzigkeit, für den Monika dankbar sein musste, auch weil offensichtlich war, dass sie an diesem Ort weniger verloren hatte als in einem Wanderzirkus. Unterdessen lebte Mick sein Teenie-Leben, das nach außen hin fast so aussah wie immer. Doch während er zum Rudertraining ging oder sich mit seiner Clique im Plänterwald herumtrieb, verabschiedete er sich innerlich von seinem Revier und seinen Freunden. Sein Trost bestand in den unendlichen materiellen Möglichkeiten, die ihn auf der anderen Seite der Mauer erwarteten, und der Zuversicht, dass es dort schließlich auch Leute gab.

Als sie dann umzogen oder rübermachten, wie man im Osten sagte, hatte er seinen Abschiedsschmerz fast hinter sich. Vorfreude überlagerte das Gefühl, verschleppt zu werden. Er zog nur ein paar Kilometer weiter, er blieb in seiner Stadt. Alles in allem bescheinigte er sich die absolute Kontrolle über die Situation.

Ein Irrtum. Die ersten drei Jahre im Westen verbrachte Mick mit seiner ersten ernsthaften Sucht und deren Bekämpfung. Eine Sucht, von der er noch nie gehört hatte. Nicht einmal in den Aufzählungen der unzähligen Übel des Kapitalismus seitens der Ostpropaganda war sie vorgekommen, und so brauchte er eine Weile, um zu begreifen, was da mit ihm passiert war und was es ausgelöst hatte.

Was jedem klar war: Im Osten gab es weniger Autos, weniger Reklame und Kommerz, keine Penner, keine Junkies und keine Hinweise auf Sex im Stadtbild. Im Osten gab es keine nennenswerte Einwanderercommunity, die sich niederließ und Geschäfte und Restaurants eröffnete, im Osten gab es nur ausländische Vertragsarbeiter und Studenten, die kamen und wieder verschwanden, wie Micks Vater. Im Westen fuhren keine Straßenbahnen, dafür Doppeldeckerbusse, und es gab ein U-Bahn-Netz statt nur zwei mickriger Linien. Um gegen Ostberlin anzuglitzern, brauchte es keine Glitzermetropole. Es brauchte einfach ein bisschen mehr von allem, und das gab es in West-Berlin. Nichts davon traf Mick unerwartet. Bis auf dieses Zeug. Er war fünfzehn, es war die Zeit des großen, wachstumsbedingten Hungers, und weil er den Zusammenhang zwischen Zufuhr und Verbrennung noch nicht begriff, pflegte er die Essgewohnheiten des Leistungssportlers, der er als Kind gewesen war, obwohl er seine Nachmittage nun vor dem Fernseher verbrachte. Alles musste probiert werden, die intensiven Geschmäcker konnten gar nicht artifiziell genug sein. Illusionen von Barbecue, frischem Gebäck oder irgendwelchen Früchten, die die Natur so nicht zustande brachte. Fantasien aus Fett, Zucker und Chemielabor. Er fraß sich durch die Stadt. In jedem U-Bahnhof zog es ihn an den Kiosk, und am Bahnhof Zoo trieb es ihn nicht auf die verruchte Rückseite, sondern auf den Vorplatz, wo das goldene M verheißungsvoll leuchtete. Im Osten hatte alles nach viel weniger geschmeckt, die alchemistischen Suchtformeln fehlten, mit denen man Lebensmittel in Designerdrogen verwandeln konnte. Man verzichtete zwangsläufig auf Raffinesse und war damit unbeabsichtigt der Zeit voraus: Alles schmeckte wie 1946 beziehungsweise wie aus dem Naturkostladen. Ob das besser, schlechter oder gesünder war, interessierte Mick nicht. Ihn interessierte, wie er nach kurzer Zeit aussah: Würde er sich in eine Mannschaft wählen? Würde er sich in den Dschungel lassen? Was würden die Türsteher beim Anblick dieses minderjährigen Mopsgesichts sagen? Woher sollten sie wissen, dass er dorthin gehörte? Denn der wahre Mick gehörte definitiv in die Clubs - und die Betten - der coolen Leute. Was man ihm vorübergehend jedoch leider nicht ansah.

Interessanterweise waren es nicht die anderen, die ihn darauf brachten. Seine Mutter ließ zwar ab und zu ein paar Bemerkungen fallen, sein Aussehen betreffend, schließlich war er ein so schönes Kind gewesen und, ein entscheidender Punkt in diesem Zusammenhang: ihr Sohn. Seine Mitschüler dagegen verfügten über keinerlei Schwarmgrausamkeit, sie plagten sich mit Akne, Zahnspangen, Schweiß- und Talgdrüsen herum und saßen somit selbst im Glashaus. So wie der Osten niemals so grau aussah wie im DEFA-Film oder, schlimmer noch, im Kalter-Krieg-Agentenfilm, so war auch West-Berlin nicht der Inbegriff der Coolness, zumindest nicht an seinem Gymnasium.

Seine Schule im Osten war vor ihrer Ausreise von einer schwarzen Welle überspült worden, die sich durch alle oberen Klassen ausbreitete und sogar die Streber erfasste. Die Erwachsenen standen dieser Epidemie unvorbereitet gegenüber, wobei die Depeche-Mode-Fans auf sie den ordentlicheren Eindruck machten als die Cure-Anhänger mit ihren weiß gepuderten Gesichtern. Was hatte das zu bedeuten? Die jüngeren Lehrer sahen darin vermutlich die Nachfolgeprovokation ihrer früheren Langhaarigkeit. Die Hardliner fanden sicher nicht, dass schwarzer Lippenstift ins Gesicht des Sozialismus passte, trotzdem schienen selbst sie sich irgendwann an das New-Wave-Festival auf den Fluren gewöhnt zu haben. Denn in ideologischen Fragen schien alles weiterhin seinen Gang zu gehen, Kollektivveranstaltungen, Appelle und Spartakiaden wurden so routiniert abgehalten wie die Gottesdienste in einem Jesuiteninternat, und was diese Pubertierenden währenddessen wirklich umtrieb, das war, wie jeder gute Pädagoge wusste, sowieso nicht kontrollierbar. Und so trug man FDJ-Hemd zur Robert-Smith-Frisur, nur Mick, die ewige Ausnahme in puncto Haar, trug einen Mittelstreifen, eine Afro-Version des Iro, und beneidete die Glatthaarigen, die ihrerseits ihn beneideten: Denn sein Haar stand. Alle anderen umgab eine hochentzündliche Wolke aus Haarspray, bis irgendwer irgendwann den ultimativen Festiger in der Hausapotheke seiner Eltern fand: sprühbares Wundpflaster, hurra, endlich Haar wie Beton.

Mick ging davon aus, dass es stylemäßig drüben viel wilder zugehen würde, schon deshalb, weil es viel einfacher war, sich auszustatten, und weil drüben eben keine piefige westdeutsche Mittelstadt war, sondern West-Berlin, die Insel der Irren. Doch nein. Er war nicht am Kottbusser Tor, er war in Wilmersdorf gelandet, wo man sich mit einem Qualitätspulli und seiner Naturhaarfarbe in den Unterricht setzte und wo die Mädchen auf eine nasale, subtextlose Art alles halt irgendwie voll witzig fanden. Dass er aus dem Osten kam, war kein Thema, er sah auch nicht aus, wie man sich einen aus dem Osten vorstellte. Man hielt ihn für ein GI-Kind. Nein, war er nicht. Ach, echt nicht? Auch egal. Lästige Fragen zum Thema drüben blieben ihm auf diese Weise erspart. Lästig deshalb, weil er im ersten Teil seines Lebens bereits so viele blöde Fragen hatte beantworten müssen, dass sie für mehrere Leben reichten. Die Ausländer- und die Ostfrage gleichzeitig, nein danke.

Stattdessen konnte er sich umgeben von liebenswerten Poppern von seinem persönlichen Systemwechsel erholen. Alle schliefen und nuschelten sich durch den Unterricht, schlurften über die Gänge und suchten nach ihrer Persönlichkeit. Mitglieder dieses apathischen Haufens waren außer Mick auch ein paar andere Eingewanderte. Einige erkannte man auf den ersten Blick, andere am Namen, wieder andere nur auf Nachfrage. Doch angenehmerweise wurde kaum nachgefragt. Beiläufig wurde erwähnt, dass man kein Schweinefleisch aß, Weihnachten erst im Januar feierte oder gar nicht und die Ferien in der Heimat der Eltern verbrachte. Sie bildeten keine Minderheitengang, sie mochten sich oder auch nicht, und Mick fühlte sich nach kurzer Zeit wie vorher schon: angeschwemmt von irgendwoher. Aber anpassungsfähig. Die Markencodes hatte er nach ein paar Tagen begriffen und an seine Mutter weitergegeben, die ihm die geforderten Klamotten kaufte, als wären sie seine Schuluniform: Diesel? Stüssy? Chevignon? Aha. Soso. Na gut. Bei den Preisen, beispielsweise für eine Chevignon-Fliegerjacke aus auf alt getrimmtem Leder, hätte Monika Einspruch erheben können, aus pädagogischen Gründen vielleicht sogar müssen. Im Westen benotete man nicht nur bis Fünf, sondern bis Sechs, was Mick neue Möglichkeiten nach unten eröffnete, die er sofort ergriff. Doch erfreulicherweise vermischte Monika diese Themenfelder nicht miteinander. Für sie...

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