Zeckenbiss

Thriller
 
 
Heyne (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 23. April 2018
  • |
  • 544 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-641-21557-6 (ISBN)
 

Die Großstadt, ein Moloch, Brutstätte des Verbrechens. Faruk lernt von Kindesbeinen an, dass man als Krimineller am besten fährt. Er ist Mehrfach- und Intensivtäter, kommt aber immer wieder mit geringen Strafen davon. Bis irgendwann etwas Schreckliches geschieht.

Wenig später mordet ein Mann scheinbar wahllos, sucht sich komplett unterschiedliche Opfer. Und erst allmählich wird klar, dass er mit all seinen Taten einen grausamen Plan verfolgt...

  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
Random House
  • 1,66 MB
978-3-641-21557-6 (9783641215576)
weitere Ausgaben werden ermittelt

Sabine Thiesler, geboren und aufgewachsen in Berlin, studierte Germanistik und Theaterwissenschaften. Sie arbeitete einige Jahre als Schauspielerin im Fernsehen und auf der Bühne und schrieb außerdem erfolgreich Theaterstücke und zahlreiche Drehbücher fürs Fernsehen (u.a. Das Haus am Watt, Der Mörder und sein Kind, Stich ins Herz und mehrere Folgen für die Reihen Tatort und Polizeiruf 110). Bereits mit ihrem ersten Roman "Der Kindersammler" stand sie monatelang auf den Bestsellerlisten. Ebenso mit den folgenden Büchern "Hexenkind", "Die Totengräberin", "Der Menschenräuber", "Nachtprinzessin", "Bewusstlos", "Versunken", "Und draußen stirbt ein Vogel" und zuletzt: "Nachts in meinem Haus".

13

Jedes Mal, wenn Wolfgang Bergmann die Treppe zu seiner Wohnung hinaufstieg, kam die Erinnerung wieder hoch. Mit Macht. Niemand erwartete ihn. Karin nicht. Und Jenny nicht. Seine Wohnung war leer. Nach einer Weile gewöhnte er sich daran, aber das Nachhausekommen war schwer.

Im Treppenhaus roch es muffig. Niemand kam auf die Idee, ab und zu mal ein Flurfenster zu öffnen. Wenn er es tat und eine halbe Stunde später noch einmal danach sah, war das Fenster hundertprozentig wieder geschlossen. Als würde ein leiser Luftzug die Pest ins Treppenhaus wehen.

Frau Seesen im ersten Stock hatte wieder ihren Müll vor die Tür gestellt, unsortiert, und er fand es widerlich, Joghurtbecher, gebrauchte Slipeinlagen, leere Büchsen von Katzenfutter und Fischgräten durch die leicht durchsichtige Plastiktüte zu erkennen. So brauchte er nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie Frau Seesen lebte. Noch nicht einmal die Blumen würde er sich von ihr gießen lassen.

Aber zum Glück hatte er keine Blumen, und Frau Seesen war er nur ganz selten auf der Treppe begegnet. Er wusste, dass sie weiße Haare hatte, aber ob sie kurz oder lang waren, konnte er nicht sagen.

Ihm gegenüber im dritten Stock wohnte Giorgio Falerni, ein »pianista«. Er legte Wert auf diese Berufsbezeichnung, dabei war er ein armseliger Alleinunterhalter, den man für Hochzeiten und Feste aller Art buchen konnte. »Die kleine Nachtmusik« spielte er zum Abendessen, mit »Hossa, hossa, hossa« läutete er den Tanz ein.

Wolfgang mochte den Italiener, der vor Heimweh fast verrückt wurde, jedes Jahr zwei Kilo abnahm, mittlerweile ein Schatten seiner selbst war und auf jedem Fest ab dreiundzwanzig Uhr nur noch italienische Sehnsuchtsschnulzen spielte, während ihm die Tränen übers Gesicht liefen.

Giorgio bekochte sich täglich, es war seine Maßnahme gegen das Heimweh. Wenn er aß, ging es ihm besser.

Wolfgang kochte für sich selbst so gut wie nie, aber wann auch immer er bei Giorgio klingelte, tischte der ihm italienische Köstlichkeiten auf. Und Giorgio war glücklich, wenn es Wolfgang schmeckte.

Wolfgang revanchierte sich hin und wieder mit Kinokarten, einem Spaziergang durch den Zoo oder einer Dampferfahrt auf dem Wannsee.

Giorgio bezeichnete Wolfgang, sein Gegenüber auf dem Flur, als »beste amico del mondo«. Für Giorgio war Wolfgang eben »numero uno!«, das hatte er ihm oft genug und immer wieder gesagt.

Falls nötig, wäre Wolfgang für den einsamen, traurigen italienischen Nachbarn durchs Feuer gegangen. Und umgekehrt.

Bei Giorgio war heute alles still. Wolfgang hörte keine Musik, nichts. Auch ansonsten war es ruhig, als wäre das ganze Haus verwaist.

Wolfgang schloss seine Tür auf. Alles okay. Es war wie immer. Er war allein in seiner Bude und konnte sich zum Teufel noch mal nicht damit abfinden.

Im Flur ließ er seine Tasche fallen und ging zur Station des Telefons im Wohnzimmer. Kein Licht blinkte. Niemand hatte versucht, ihn anzurufen, niemand hatte auf den Anrufbeantworter gesprochen.

Als er sich Schuhe und Jacke ausgezogen und ein Bier aufgemacht hatte, rief er Karin an. Sie hob sofort ab, als hätte sie neben dem Telefon gesessen und auf einen Anruf gewartet.

»Hi, hier ist Wolfgang«, sagte er. »Wie geht's?«

»Gut.«

»Geht's dir wirklich gut?«

»Ja, ja, ja. Ich habe heute zu viel Lakritze gegessen, darum geht es mir vielleicht ein bisschen schlecht, weißt du, aber dann war ich am Strand, und dann war es wieder besser.«

»An welchem Strand?«

»Na, am Strand eben.«

»Wo ist ein Strand, zu dem du gehen könntest?«

»Gleich hinter Potsdam. Da waren wir doch auch immer mit ihr. Erinnerst du dich?«

»Ja, ich erinnere mich. Da ist ein See und ein bisschen Ufer. Aber kein Strand.«

»Bist du jetzt böse auf mich?«

»Nein. Gut, dann warst du also am Strand. Und war es schön?«

»Ja. Sehr, sehr schön. Ich bin noch jung, weißt du, ich darf noch bleiben. Aber in meinem Kopf ist so ein Durcheinander. Ich ruf dich wieder an. Ich pass auf mich auf, keine Sorge.«

Sie legte auf.

Irgendwann, Karin, dachte er, irgendwann wird alles wieder gut. Das verspreche ich dir .

Vielleicht war Giorgio ja doch da. Er konnte jetzt nicht allein sein.

Seine Wohnungstür ließ er offen, als er bei Giorgio Sturm klingelte. Bitte, flehte er innerlich, bitte mach auf. Für mich bist du auch die numero uno.

Sekunden - gefühlte Minuten - vergingen, und dann hörte er ein Rumpeln und Poltern hinter der Tür. Wenig später öffnete Giorgio mit verschwollenem Gesicht und zerzaustem Haar. Er wirkte müde und kaputt, aber als er Wolfgang sah, ging sofort ein Strahlen über sein Gesicht.

Er machte die typisch italienische Handbewegung, als würde er etwas über die Schulter hinter sich werfen, was aber in diesem Fall so viel hieß wie: »Komm rein!«

»Hast du Wein?«, fragte Wolfgang.

Giorgio wiederholte die Geste. »Genug. Komm. Freu mich, dich zu sehen.«

Wolfgang ging die drei Schritte zurück in seine Wohnung, nahm den Schlüssel aus der Messingschale, die an einer Kette neben der Lampe hing, und zog hinter sich die Tür ins Schloss.

Dann umarmte er Giorgio, und sie gingen hinein.

»Hab dich lange nicht gesehen«, sagte der Italiener ohne jeden Vorwurf in der Stimme, und Wolfgang nickte.

»Viel zu tun. Ständig auf dem Bock. Richtig übel.«

»Ho capito. Un Chianti?«

»Sehr, sehr gern.«

»Ich hab noch ein bisschen Spaghetti del capo.«

»Benissimo.«

Giorgios Wohnung war sehr spartanisch eingerichtet. Eine hellblaue Couch, ein grüner Sessel, ein brauner Kachelcouchtisch, ein großer Fernseher, keine Teppiche auf dem PVC-Fußboden, aber jede Menge Familienfotos an den Wänden und auf der kleinen Kommode am Fenster. Seine Frau, seine Mutter, seine Kinder.

»Wie geht's?«, fragte Giorgio, während er einschenkte.

»Gut. Und dir?«

»Nicht gut.« Giorgio stand auf, putzte sich die Nase und wischte sich ein paar Tränen aus den Augen. »Meine Frau hatte gestern Geburtstag, und ich war nicht da. Konnte nicht da sein. An ihrem Geburtstag, verstehst du? Ich habe sie seit drei Jahren nicht gesehen, und das ist eine Sünde. Das hat Gott so nicht gewollt, als er Frauen und Männer und Kinder erschaffen hat.«

»Da hast du recht. Warum fährst du nicht einfach mal zwei Wochen hin?«

Giorgio schlug die Hände über dem Kopf zusammen. »Amico, das ist weite Strecke! Weißt du nicht? Bis Carrozziere auf Sizilien, in Süden von Syrakus, wo meine Familie wohnt, sind 2300 Kilometer. Und wenn ich zurückwill, 4600 Kilometer. Viel zu viel, auch viel zu viel Zeit für einen Besuch, wenn Frau oder Kinder haben Geburtstag. Verstehst du? Ich kann sie nicht sehen. Ich immer allein.«

Der arme Kerl, dachte Wolfgang. Er tat ihm leid. »Und wenn wir zusammen fahren? Uns abwechseln?«

Giorgio lächelte gerührt. »Dann ist doch immer noch zu viel Zeit. Nein, Wolfgang, das geht nicht. Ich werde sie nicht sehen, bis ich zurückgehe nach Sizilien, und ob meine Frau mich dann noch liebt, weiß ich nicht. Das ist eine Angst für jede Nacht. Wenn ich das denke, kann nicht mehr schlafen.«

Wolfgang wusste, wie es sich anfühlte, wenn die Frau unerreichbar weit weg war, aber er hatte keine Lust zu sagen: Ja klar, ich weiß, wie du dich fühlst, mir geht es ähnlich und so weiter und so weiter, weil es eigentlich eine Beleidigung für einen Menschen war, der sein Unglück vor einem ausgebreitet hatte. Sieh mal, ich hab das alles schon gehabt, du Dösbaddel, und? Lass ich mich so hängen? Dein Problem hat im Grunde jeder oder hat jeder schon mal gehabt, also stell dich nicht so an.

Darum hielt er den Mund und sagte nur: »Ich denke, wir müssen einen Weg finden, dass du mal Urlaub in Sizilien machst. Ich komme mit, oder ich helf dir dabei. Kein Problem. Aber es gibt sicher einen Weg. Billigflieger zum Beispiel.«

Giorgio nickte, beugte sich vor und drückte Wolfgang einen Kuss auf die Stirn.

»Numero uno«, sagte er. »Grazie. Ti amo.«

Dann legte Giorgio Musik auf, der Wein floss, irgendwann leuchteten seine dunklen Augen wieder, und als er betrunken war, begann er wunderschön zu singen, ein ruhiges Lied von Eros Ramazotti:

Solo ieri c'era lei ., nella vita mia

Solo ieri c'era un sole, che metteva allegria .

Wolfgang ging leise hinaus, hinüber in seine Wohnung.

Giorgio war eine Seele. Wenn Wolfgang nicht wüsste, dass Giorgio da war, hier in Kreuzberg, dritter Stock, zweiter Hinterhof, ihm direkt gegenüber - sein Leben wäre ärmer, noch einsamer und noch...

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