Hörst du mich, Julia?

Psycho-Krimi
 
 
hey! publishing
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 2. März 2018
  • |
  • 139 Seiten
 
E-Book | ePUB ohne DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-95607-039-6 (ISBN)
 
Mira kommt die junge Frau mit den lila bemalten Lippen und dem Piercing bekannt vor, als sie von ihr angesprochen wird. Aber bevor sie sich wundern kann, wird sie schon mit einem Messer bedroht. Mira wird in eine verlassene Berghütte verschleppt und gefesselt. Die wildfremde Frau entpuppt sich als unberechenbar. Sie quält, schlägt und erniedrigt Mira. Wird Mira jemals die Flucht gelingen?
  • Deutsch
  • München
  • |
  • Deutschland
HEY Publishing GmbH
  • 0,68 MB
978-3-95607-039-6 (9783956070396)

Kapitel 1


Als Mira Oltmann auf die Straße trat, fiel ihr die Sandlerin sofort auf und sie konnte nicht verhindern, dass sich ein eigenartiges Kribbeln in ihren Magen schlich. In etwa so, als habe sie eine Spinne verschluckt, die jetzt panisch in ihren Eingeweiden zappelte. Ganz sicher war es dieselbe Frau wie in der letzten Woche! Auch damals hatte die Frau auf dem Bordstein vor dem roten Haus gesessen, als Mira von der Kosmetikerin kam, den Duft der Aloe-Vera-Maske noch in der Nase hatte und die Brauen frisch gezupft waren. Und wie Mira genau darüber nachdachte, glaubte sie sich zu erinnern, dass ihr die Landstreicherin sogar schon in der vorletzten Woche aufgefallen war, an exakt derselben Stelle! Weshalb hockte sie ausgerechnet hier, in dieser stillen Straße? Falls sie betteln wollte, wäre eine belebtere Gegend hundertmal besser geeignet. Mira hasste es, beobachtet zu werden, egal von wem, und diese wildfremde Frau hielt ihren Blick so stur auf sie gerichtet, als gäbe es nichts Interessanteres auf der Welt. Nur mit Mühe zwang sich Mira zur Vernunft, kämpfte ihre Nervosität nieder. Vielleicht wartete die Fremde bloß auf jemanden, und sah lediglich zu Mira, weil sie sich langweilte?

Die Augen hinter der teuren Brille zusammengekniffen - sie sollte mal wieder zum Optiker gehen, sich die Gläser anpassen lassen - musterte Mira die Fremde verstohlen. Eine Frau in ungefähr ihrem Alter, also knappe dreißig. Aber ihr Aufzug hatte nichts von Miras zurückhaltender Eleganz. Kurz geschnittene, dunkle Haare, mit Gel frech nach oben gestylt, eine riesige Sonnenbrille mit violetten Gläsern über den Augen, ein grünglitzernder Strass-Stein in der Nase, dazu ein grünkariertes Männerhemd über an den Knien abgewetzten, nicht besonders sauberen Jeans. Ihre helle Jacke hatte die Fremde achtlos neben sich auf den Gehsteig geworfen.

Was sie wohl für ein Leben führte, fragte sich Mira. Bei der Vorstellung, die Sandlerin könne nachts heimlich im Oltmann'schen Garten schlafen, rann ihr ein Schauer über den Rücken. Sie zog die dünne Jacke enger zusammen. Wie nie zuvor war ihr bewusst, dass das Haus der Kosmetikerin in einer ausgesprochen einsamen Straße lag, am Ortsende von Bayerisch Gmain, dort, wo die Wanderwege zum Dreisesselberg und Rotofen ihren Ausgangspunkt nahmen. Der Gedanke steigerte ihre Panik. Frauen wie diese Fremde waren absolut nicht Miras Fall, schüchterten sie allein durch ihre Anwesenheit ein. Andrerseits, wenn Mira ehrlich war, fühlte sie sich auch in Gesellschaft anderer Frauen nicht besonders wohl. Wie bei ihrer Schwiegermutter zum Beispiel, zu der sie gerade unterwegs war.

Gertrude Oltmanns strengem Blick entging nicht der kleinste Makel an ihrer Schwiegertochter, und wenn sie ausnahmsweise keinen entdecken konnte, konstruierte sie sich einen. Letzten Donnerstag, beim obligatorischen Nachmittagstee, hatte sie Miras Rock gerügt und Miras vorsichtigen Einwand, sie habe das Kleidungsstück in der von Gertrude empfohlenen neuen Boutique erstanden, rigoros abgeschmettert. "Du hast dich schlecht beraten lassen, warst sicher bei Juliane. Du hättest explizit nach Dorothea fragen sollen, das hatte ich dir doch erklärt!"

Ja, hatte sie. Und Mira ärgerte sich wieder über ihre Schüchternheit, die es ihr unmöglich gemacht hatte, eine Verkäuferin großspurig fortzuschicken und eine andere zu verlangen, wie ihre Schwiegermutter es ohne jeden Skrupel getan hätte.

Vielleicht, dachte Mira, war ihr die Fremde deswegen so wenig sympathisch, weil sie sie mit dem gleichen Blick musterte wie Gertrude, wenn sie etwas an Mira auszusetzen hatte? Mira war damit an zahllose schwierige Nachmittage, an zahllose Übelkeit erregend üppige Sahnetorten, zahllose ungerechtfertigte Rügen und zahllose Demütigungen vor Gertrudes versammelter Clique erinnert. Ja, bestimmt rührte die seltsame Nervosität nur daher. Und Mira tadelte sich für ihre Abneigung gegen die fremde Frau.

Trotzdem ging Mira schneller als sonst und das ungute Gefühl blieb wie ein treuer Schatten ihr Begleiter. Erst, als sie die nächste Häusergruppe erreichte, spähte Mira vorsichtig über die Schulter zurück. Von der Fremden nichts mehr zu sehen. 'Sie ist dir nicht gefolgt, also bilde dir bloß keinen Unfug ein', ermahnte sich Mira. Sie wollte gar nichts von dir, diese Sandlerin. Vermutlich ruht sie sich einfach vom Betteln in der Stadt aus, weiß, dass die Polizei kaum in diese ruhige Wohngegend kommt und sie somit niemand zu vertreiben versucht. Vielleicht ist sie auch gar keine Sandlerin, sondern nur eine exzentrische Wandertouristin. Fahren ja genug Leute in seltsamer Aufmachung in die Berge.

Schon bald war Mira gezwungen, ihr ungewohnt rasches Tempo zu verlangsamen, denn ihre übliche Kurzatmigkeit machte es ihr schwer, über längere Strecken hinweg flott zu marschieren. Da fiel ihr auf, wie warm und sonnig der Tag sich präsentierte, wie geschäftig Meisen und Rotschwänzchen in den Gärten längs der Straße hin- und herflogen, genauso, wie es sich für den Juni gehörte. Ein perfekte Tag, um einen Ausflug zu unternehmen, an einem Badesee im Schatten von Weiden oder Birken ein leichtes Picknick zu genießen und sich anschließend auf der Liegewiese in einen neuen Roman zu vertiefen. Wie lange mochte es her sein, dass Mira sich ein solches simples Vergnügen gegönnt hatte? Wieder drängte sich die fremde Frau in Miras Gedanken. Vielleicht lief sie nach ihrer wie auch immer begründeten Rast am Bordstein zurück in die Stadt, baggerte ohne jede Scheu wildfremde Männer an, die sie ins Café einluden, in der Hoffnung, es könne mehr daraus werden. Sicher gab es Männer, denen solch burschikose Frauen gefielen. Mira spürte einen unerwarteten Stich. Die fremde Frau hatte frei gewirkt, selbstbewusst. Wie schön musste es sein, sich so selbstsicher zu fühlen, dass man sich traute, auf Gehsteigen zu hocken und ungeniert Passanten anzustarren. Ungehobelt schien sie zwar, ein bisschen unverschämt sogar, diese andere, aber trotz allem ein klein wenig beneidenswert.

Als die strichdünne blonde Tussi immer schneller davontrabte, stand Sanne auf und stapfte in der entgegengesetzten Richtung fort. Besser wäre es, nicht zu lang am Haus der Gesichtsrenoviererin rumzulungern. Die Bender könnte was spitzkriegen und sich möglicherweise später erinnern. Den Bullen eine tolle Story aufdrängen. Oder ihre Beobachtungen an irgendwelche Zeitungsschmierer verscherbeln. Also lieber kein Risiko eingehen, nicht jetzt, wo alles perfekt vorbereitet war. Naja, wenigstens fast alles. Sanne blickte auf ihre Plastik-Armbanduhr und stellte fest, dass ihr bis zu dem Treffen mit Ronny beinahe zwei volle Stunden Zeit blieben. Gemächlich wanderte sie über die Hofbauernstraße und den Bergweg von Bayrisch Gmain nach Bad Reichenhall hinein, bummelte durch die Straßen im Zentrum, vorbei an Geschäften mit teuren Dirndln, Wanderstöcken, Bierkrügen, Postkarten und allem, was die Herzen der Touristen begehrten. Und Touris gab es hier massenhaft, mindestens so viele wie die berühmten Tauben am Markusplatz von Venedig. Jetzt im Frühsommer, wo die Wandersaison in den bayrischen Bergen begonnen hatte und auch die letzten Hütten für den Sommerbetrieb öffneten, fielen sie in Scharen im Voralpenland ein. Die Predigtstuhlbahn verhalf sogar den faulsten Säcken zum Eins-a-Bergerlebnis, so dass die Typen ihre Ärsche nicht einmal bewegen mussten.

Sanne fand die Touris mit ihren Sonnenhüten und den umgehängten Fotoapparaten lächerlich. Trotzdem hatte sie bereits vor Jahren erkannt, dass die Touristenschwemme gewisse Vorteile bot: Vor allem am Gedränge in den Läden von Bad Reichenhall erfreute sich Sanne, denn es erleichterte manches.

Hinter einer vergnügt lärmenden Gruppe junger Amerikaner betrat Sanne die Confiserie Candyplanet in der Fußgängerzone. Während die Übersee-Touris angesichts der Vielzahl hausgemachter Pralinen in bewundernde "Fantastic! Marvelous!" und "Look here!"-Rufe ausbrachen und die Verkäuferinnen im Akkordtempo Dutzende Zellophantütchen mit den Köstlichkeiten befüllten, schob Sanne unbemerkt drei Tafeln Schokolade unter ihre dünne Jacke. In überfüllten Tante-Emma-Läden funktionierte so was besser als in den Supermärkten, in denen an den Waren dämliche elektronische Sicherungen befestigt waren und gemietete Ladendetektive kontrollierten. Erfahrene Langfinger wussten das. Ohne Hast wartete Sanne, bis sich die eine Hälfte der Amerikaner mit ihren Tüten um die Kasse drängelte und das ungewohnte Eurogeld abzählte, während der Rest der Gruppe die Kameras wie Waffen schwenkte und den Raum in eine Blitzlichtgewitterzelle verwandelte. Erst dann verließ sie das Geschäft, so unauffällig, wie sie es betreten hatte. Eigentlich hatte sie gar nicht beabsichtigt, die Schokolade zu "besorgen"; die Süßigkeitenvorräte, die sie in ihrem Privatversteck hortete, würden locker für die nächsten paar Tage reichen. Aber man konnte nie wissen, und überhaupt wäre es frevelhaft, eine derart günstige Gelegenheit ungenutzt verstreichen zu lassen.

"Glaubst, dir gehört die Straß'n allein?" Die Bubenstimme ließ Sanne automatisch zur Seite treten. Der Junge, der auf dem Gehweg angeradelt kam, mochte zwölf oder dreizehn Jahre alt sein und zeigte ihr den Stinkefinger. "Bist besoffen, Pennerin, oder was?"

Im nächsten Moment sprang Sanne vor und trat so kräftig gegen die vordere Rahmenstange seines Rads, dass er das Gleichgewicht verlor und auf den Asphalt stürzte. Als er sich hochrappelte, starrte er abwechselnd auf seinen heftig blutenden Unterarm und auf Sanne, die seinen entsetzten Blick ungerührt zurückgab.

"Lass dich morgen von der Mama zum Kindergarten bringen! Zum Allein-Radeln bist noch zu doof." Mit voller Absicht knallte sie ihren Absatz auf sein bis dahin noch intaktes...

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