Noch eine Runde auf dem Karussell

Vom Leben und Sterben
 
 
Hoffmann & Campe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 22. Juli 2013
  • |
  • 731 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-455-85088-8 (ISBN)
 
Im Alter von 59 Jahren erkrankte Tiziano Terzani an Krebs. Sein Weg durch den Dschungel von westlichen und fernöstlichen Heilmethoden führte ihn schließlich in eine einfache Hütte im Himalaya - und zu sich selbst.
Westliche High-Tech-Medizin oder fernöstliche Naturheilverfahren? Angesichts einer fortgeschrittenen Krebserkrankung eine Frage auf Leben und Tod. Der Spiegel-Korrespondent und Asien-Experte Tiziano Terzani erzählt von seiner letzten großen Reise auf der Suche nach Heilung. Ihn interessiert das große Ganze: die Frage, was ihn krank gemacht hat, der Zusammenhang zwischen Körper und Geist. Neben der klassischen westlichen Medizin sucht er Hilfe in der mannigfaltigen Welt der alternativen Heilmethoden und der Spiritualität. Als er den Tod näher rücken fühlt, zieht er sich in eine Hütte im Himalaya zurück - und beginnt, dieses Buch zu schreiben.
  • Deutsch
  • Hamburg
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  • Deutschland
  • 2,49 MB
978-3-455-85088-8 (9783455850888)
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Aufbruch


Ein Weg ohne Abkürzungen


Obwohl man weiß, wie vielen Menschen es passiert, denkt man nie, dass es einen auch selbst treffen könnte. So sah auch meine Einstellung immer aus. Daher war ich, als es mich dann traf, so wenig darauf vorbereitet, wie es jeder andere auch gewesen wäre. Ja, im ersten Moment kam es mir sogar so vor, als erlebe es ein anderer. »Signor Terzani, Sie haben Krebs!«, eröffnete mir der Arzt, aber mir war, als rede er gar nicht mit mir, denn – und das nahm ich sogleich mit Verwunderung wahr – ich geriet nicht in Panik, sondern blieb ruhig, so als gehe mich die Sache im Grunde gar nichts an.

Vielleicht war diese anfängliche Gleichgültigkeit bloß ein instinktiver Schutz, um nicht die Fassung zu verlieren, Distanz zu wahren – jedenfalls war sie hilfreich. Es ist immer gut, wenn man es schafft, sich selbst von außen zu betrachten. Eine Übung, die man erlernen kann.

Noch eine weitere Nacht verbrachte ich allein in der Klinik und hatte so Zeit nachzudenken. Ich überlegte, wie viele andere Menschen wohl vor mir in diesen Räumlichkeiten mit ähnlichen Mitteilungen konfrontiert worden waren, und empfand diese Gesellschaft irgendwie als Ermutigung. Ich befand mich in Bologna. Über die übliche Chronologie kleiner Schritte war ich dort gelandet, ein jeder für sich genommen unbedeutend, doch, wie so oft im Leben, im Zusammenspiel entscheidend: ein hartnäckiger Durchfall, der in Kalkutta begann, dann die verschiedensten Untersuchungen im Institut für Tropenkrankheiten in Paris, anschließend weitere Checks, um einer rätselhaften Anämie auf die Spur zu kommen, bis sich schließlich ein gewissenhafter italienischer Arzt nicht mit den naheliegendsten Erklärungen zufrieden gab und der Sache wirklich auf den Grund ging. Mit einem seltsamen Instrument – einer hässlichen Gummischlange mit einem leuchtenden Auge – machte er sich daran, die verborgensten Winkel meines Körpers zu durchleuchten, und erkannte sogleich, was ihn die Erfahrung gelehrt hatte.

Ich war ihm dankbar – für sein ärztliches Können und seine Offenheit. Denn so konnte ich in aller Ruhe, und jetzt einem handfesten Grund, meine persönliche Bilanz ziehen, neue Prioritäten setzen und die notwendigen Entscheidungen treffen. Ich ging auf die sechzig zu, und so lag es für mich nahe, mich umzuschauen, so wie man mit Genugtuung oder auch Stolz auf einen bewältigten Anstieg zurückschaut, wenn der Berggipfel erreicht ist. Mein Leben bis zu diesem Zeitpunkt? Herrlich! Jede Menge Abenteuer, eine große Liebe, nichts, was mir noch fehlte, nichts außerordentlich Wichtiges, was noch zu erledigen war. Wäre ich einst als junger Mensch zu dieser Reise mit jenen Zielen aufgebrochen, die viele Leute wie selbstverständlich für ihr Leben anstreben, nämlich »einen Baum zu pflanzen, ein Kind aufzuziehen und ein Buch zu schreiben«, so war ich praktisch schon angekommen. Und dies fast ohne es zu merken, ohne Anstrengung, während ich es mir auf meinem Weg auch noch gut gehen ließ.

In jener Nacht, in der Stille der Klinik, die nur vom Rauschen von Autoreifen auf dem nassen Asphalt draußen und den gelegentlichen Schritten einer Krankenschwester auf dem Linoleumfußboden im Flur gestört wurde, kam mir eine Metapher meines Lebens in den Sinn, die mich seither begleitet. Ich sah mein Leben als eine Karussellfahrt: Schon gleich zu Beginn hatte ich ein prächtiges weißes Pferd ergattert und seitdem, nach Herzenslust schaukelnd, meine Runden auf ihm gedreht, ohne dass jemals irgendjemand – und das wurde mir in jener Nacht zum ersten Mal klar – auf mich zugekommen und meinen Fahrschein verlangt hätte. Nein. Eigentlich hatte ich gar keinen Fahrschein. Ich war das ganze Leben lang schwarzgefahren. Nun gut: Jetzt kam eben der Schaffner vorbei, ich zahlte, was ich schuldig war, und würde, wenn alles gut ging, vielleicht schon bald wieder aufbrechen können zu einer weiteren Runde auf dem Karussell.

Der nächste Morgen begann wie ein x-beliebiger Tag. Nichts um mich herum hatte sich verändert, und nichts deutete auf jenen Sturm an Gedanken hin, der in meinem Kopf herumwirbelte. In Porretta Terme, wo ich umsteigen musste, um nach Pracchia und von dort nach Orsigna zu gelangen, dachte ich sogar daran, die Wäsche abzuholen, die ich dort einige Tage zuvor abgegeben hatte. Zu Hause angekommen, schlug ich meiner Frau Angela, die auf mich wartete, einen Spaziergang im Wald vor. Nach fast vierzig gemeinsamen Lebensjahren fiel es mir nicht schwer, mit ihr zu reden – und mit ihr zu schweigen. Ich versprach ihr, alles daranzusetzen, um die Sache durchzustehen, es zu schaffen, und dies war, wenn ich mich recht erinnere, der einzige Moment, da mir die Tränen kamen.

Es galt nun, rasch zu entscheiden, was zu tun sei. Mein erster Instinkt glich dem eines verletzten Tieres: Ich wollte mich wie in eine Höhle zurückziehen. Plötzlich hatte ich das Gefühl, nur noch wenige Kräfte zur Verfügung zu haben und diese optimal bündeln zu müssen. Ich beschloss, niemanden einzuweihen, nur die Kinder und jene Freunde, die mein Verschwinden aus der Welt nicht so einfach hingenommen hätten. Ich wollte mich ganz auf das Notwendige konzentrieren und mich von nichts und niemandem ablenken lassen.

Die wichtigste Entscheidung war aber, wo und vor allen Dingen wie ich mich behandeln lassen wollte. Chemotherapie, Bestrahlung, Operation mit all ihren – wie man hört – verheerenden Folgen sind heute nicht mehr die einzigen Möglichkeiten. Ganz im Gegenteil. In einer Zeit, da alles in Frage gestellt und alles Offizielle misstrauisch beäugt wird, jegliche Autorität an Ansehen eingebüßt hat und sich jedermann dazu berechtigt sieht, sich ohne weiteres zu allem ein Urteil zu erlauben, ist es immer mehr in Mode gekommen, die klassische Schulmedizin schlechtzureden und ein Loblied auf alternative Heilmethoden zu singen.

Allein schon die exotischen Namen klingen verlockend: Ayurveda, Prana-Heilen, Akupunktur, Yoga, Homöopathie, chinesische Heilkräuter, Reiki und – warum nicht – Zauberer und Wunderheiler egal welcher Schule. Es sind immer Gerüchte; jemand erzählt von jemandem, von dem er gehört hat, dass er geheilt wurde, oder von einer Genesungsgeschichte, die zu schön ist, um nicht geglaubt zu werden, die die Hoffnung weckt, eine dieser sich immer weiter verbreitenden Behandlungsmethoden könne genau das Richtige sein. Keinen Moment zog ich dies in Betracht.

Allerdings stammen viele dieser Therapien aus Asien, wo ich dreißig Jahre meines Lebens verbracht habe, und einige gar aus Indien, jenem Land, in dem ich jetzt auch zu Hause bin! Ich selbst hatte nie Probleme, mich ihrer zu bedienen: In China brachte ich meinen damals elfjährigen Sohn Folco zu einem Akupunkteur, der erfolgreich sein Asthma behandelte, und nur ein Jahr zuvor hatte ich meinen französischen Freund Leopold zum Leibarzt des Dalai Lama im Medizinisch-Astrologischen Institut (ja, das ist tatsächlich die Kombination) in Dharamsala begleitet, der ihm seine siebzehn Pulse fühlte und – offenbar sehr wirksame – schwarze Pillen, die wie Schafsköttel aussahen, gegen seine Hepatitis verschrieb. Und hatte ich selbst nicht oft genug beklagt, dass der moderne westliche Mensch durch sein Einbiegen auf die Autobahn der Naturwissenschaften allzu leicht die Pfade antiker Weisheit verlassen hat und nun, da sein Modernitätsmodell Asien erobert, auch dort jenem großen, an lokale Traditionen gebundenen Wissen zunehmend das Vergessen droht?

Ich hatte meine Meinung nicht geändert. Aber als es um mein eigenes Überleben ging, zögerte ich keinen Moment: Ich musste mich in jene Hände begeben, die mir am vertrautesten waren, die der westlichen Wissenschaft, der abendländischen Vernunft. Es war nicht nur eine Frage der Dringlichkeit, denn in einem solchen Fall hat man ja wirklich keine Zeit zu vergeuden, und alle so genannten alternativen Heilmethoden wirken nun einmal, wenn überhaupt, eher langfristig. Nein, es war im Grunde so, dass mir das rechte Vertrauen fehlte. Und Vertrauen in die Behandlung sowie die Leute, die sie durchführen, ist nun einmal ein überaus wichtiger, ich würde sogar sagen, der entscheidende Punkt im Heilungsprozess.

Eine Portion Glück gehört auch dazu, und davon hatte ich bis dahin in meinem Leben ohnehin, wie ich glaube, überdurchschnittlich viel abbekommen. Auch jetzt stand es auf meiner Seite, oder jedenfalls empfand ich es so, was im Grunde auf das Gleiche hinausläuft. Unter meinen Kollegen gab es jemanden – ein Journalist mit langer Asienerfahrung, Korrespondent der New York Times und zweimaliger Pulitzer-Preisträger –, mit dem mich eine Freundschaft verband, die über gemeinsame Erlebnisse gewachsen war: Wir waren beide in China verhaftet und des Landes verwiesen worden und hatten uns beide, entgegen jeder logischen Karriereplanung, nach weitaus »wichtigeren« Stationen Indien als jenes Land ausgesucht, mit dem wir uns fortan beschäftigen wollten. Und jetzt verband uns eine weitere Gemeinsamkeit: Einige Jahre zuvor war bei meinem Freund ebenfalls ein Tumor entdeckt worden, und er hatte überlebt. Ich suchte ihn in Delhi auf und bat ihn um Rat.

Die Ärzte, die ihn wiederhergestellt hatten, die fixers, wie er sie nannte, waren seiner Ansicht nach die besten, die zu haben waren. Ich glaubte ihm. Ein paar Anrufe, ein Fax, und im Verlaufe nur weniger Tage fand ich mich in New York wieder, als Achtzehnter auf der Warteliste für eine neue, noch im Experimentierstadium befindliche Therapie an der wahrscheinlich fortschrittlichsten Klinik der modernen westlichen Medizin: dem Memorial Sloan-Kettering Cancer Center oder besser, dem MSKCC, wie...

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