Der kleine Eselhof an der Küste

Roman
 
 
Bastei Lübbe (Verlag)
  • 1. Auflage
  • |
  • erschienen am 30. April 2021
  • |
  • 384 Seiten
 
E-Book | ePUB mit Wasserzeichen-DRM | Systemvoraussetzungen
978-3-7517-0389-5 (ISBN)
 

Voller Träume zog Hattie vor zwei Jahren nach Paris. Nun steht sie vor den Trümmern ihres Lebens: Job weg, Mann weg, kein Geld für eine Wohnung. Geknickt kehrt sie in das verschlafene Dörfchen Gillypuddle in Dorset zurück. Doch Aufgeben ist für Hattie keine Option, ein neuer Job muss her! Und so heuert sie auf dem Gnadenhof für Esel an. Vom ersten Tag an ist sie begeistert. Nicht nur von den Eseln, auch der attraktive Tierarzt Seth hat es ihr angetan. Nur ihre Chefin Jo bleibt ihr gegenüber wortkarg und abweisend. Doch der Hof steckt in Schwierigkeiten, und damit die alten Esel ihr Zuhause behalten, muss Hattie einen Weg finden, zu Jo durchzudringen ...

1. Aufl. 2021
  • Deutsch
  • Köln
  • |
  • Deutschland
  • 2,00 MB
978-3-7517-0389-5 (9783751703895)
weitere Ausgaben werden ermittelt
Tilly Tennant stammt aus Dorset. Nach einigen Jahren trostloser Jobs entschied sie sich für ein Studium in den Fächern Englische Literatur und Kreatives Schreiben, dass sie mit Auszeichnung abschloss. Ihr erstes Buch schrieb sie in den Semesterferien 2007 und hat seitdem über 20 Romane veröffentlicht. Sie lebt mit ihrer Familie in Staffordshire.

Ganz egal, wie widersprüchlich die Gefühle waren, die der Gedanke an die Heimkehr in ihr auslöste - die mit Fingerhut gesäumten Straßen, auf denen das Taxi sie zu ihrem Elternhaus fuhr, die Wiesen mit ihren Wildblumen und die Haine aus uralten Bäumen, die im Vorbeifahren zu verwischten Schemen wurden, hatten doch immer eine besänftigende Wirkung auf sie. Gleiches galt für die bildhübschen Häuser in jenem Dorf in Dorset, wo sie zur Welt gekommen war - jedes Haus mit Reetdach, in Pastelltönen gehaltenen Fassaden und Rosenbüschen im Garten davor. Der Frühsommer war in dieser Region wirklich eine bemerkenswerte Jahreszeit, da die Landschaft jeden Moment vor Leben zu explodieren schien.

Als sie aus Gillypuddle weggegangen war, hatte sie viele ihrer Sorgen dort zurückgelassen, aber auch viele schöne Erinnerungen und Menschen, die ihr wichtig waren. Sie konnte nicht abstreiten, dass es schön sein würde, diese Menschen wiederzusehen, Erinnerungen wiederaufleben zu lassen und vielleicht auch ein paar neue Erinnerungen zu schaffen.

»Schönes Haus«, merkte der Taxifahrer anerkennend an, als er vor der geschwungenen Auffahrt anhielt. Hattie hatte nie ernsthaft darüber nachgedacht, wie das Zuhause ihrer Eltern auf andere Leute wirken mochte. Und doch hatten manche verstohlenen bewundernden Blicke ihr vor Augen geführt, dass Fremde das für bemerkenswert hielten, was für sie etwas ganz Gewöhnliches war. Für sie war es bloß das Haus, in dem sie aufgewachsen war. Doch als sie jetzt aus dem Seitenfenster schaute, wurde ihr zum ersten Mal bewusst, wie beeindruckend und prachtvoll sein Anblick war. Anders als bei den meisten Cottages im Dorf war das Dach nicht mit Reet gedeckt, sondern mit Dachziegeln. Es war auch deutlich größer als die umliegenden Häuser, und der ursprüngliche Teil der Fassade stammte noch aus der Zeit von König George. Im Laufe der Jahre war das Gebäude immer wieder renoviert und erweitert worden.

Auch das Grundstück hatte etwas Beeindruckendes an sich, da es mit ausladenden Büschen und Bäumen mit dichten Kronen übersät war. Dieser Überfluss an Grün war ihrem Vater und seiner Leidenschaft fürs Gärtnern zu verdanken. Das Haus lag gut eine Meile vom Meer entfernt, aber auch wenn der Nebel manchmal von der See bis hierher ins Landesinnere vordrang, konnten sie das Meer von hier aus nicht sehen. Allerdings war es immer noch nahe genug, um zu Fuß hinzugehen. Den Strand in Gehweite zu haben, war mit das Beste daran gewesen, hier aufzuwachsen.

»Danke«. Hattie blickte auf das Taxameter und gab ihm einen ausreichend großen Schein. »Der Rest ist für Sie.«

Der Fahrer tippte an den Schirm seiner imaginären Mütze und stieg aus, um ihr Gepäck aus dem Kofferraum zu holen. Als Hattie bei ihm angekommen war, stand bereits alles am Straßenrand.

»So in Ordnung?«, fragte er.

»Ja, danke«, sie nickte. »Die paar Schritte sind kein Problem.«

»Alles klar.«

Er nickte ihr noch einmal zu, dann stieg er wieder ein und fuhr los. Hattie betrachtete das Haus und atmete tief durch. Ihre Eltern würden sich bestimmt freuen, sie wiederzusehen, oder nicht? Sie nahm ihre Taschen an sich und ging zum Haus. Nicht mehr lange, dann würde sie die Antwort auf ihre Frage erhalten.

»Halloohooo!«

Hattie drückte die Haustür hinter sich zu und ließ alle Taschen auf den Boden fallen. Im Flur herrschte Stille, also rief sie noch einmal: »Haaallooo! Jemand zu Hause?«

Nichts, kein Laut. Ihre Eltern mussten unterwegs sein, aber das hatte sie auch fast schon erwartet . und vielleicht sogar ein klein wenig gehofft. Eines war jedoch sicher: Sie konnte sich nicht darüber beklagen, von niemandem begrüßt zu werden, wenn sie niemandem etwas von ihrer Heimkehr gesagt hatte.

Ihre Eltern hatten wieder einmal umdekoriert. Die Wände des großen Eingangsbereichs, der wirklich nichts anderes war als ein großer Raum mit vielen Türen und einer Treppe zu den oberen Stockwerken, waren bei ihrem letzten Besuch noch von einer dicken Tapete bedeckt gewesen, doch die war inzwischen entfernt worden. Stattdessen waren nun unterschiedliche Kontraste mit den Farben Salbei und Beige erzeugt worden - die neuen Farben ließen den Raum heller und sauberer erscheinen . und optimistischer. Die Fotogalerie war jedoch erhalten geblieben, und mit ihr auch eine alles durchdringende Traurigkeit, da sie an alles erinnerte, was längst verloren war, aber auch an die Unbeweglichkeit der Zeit, die Hattie jahrelang die Luft geraubt hatte, ehe sie von hier weggegangen war. Langsam schlenderte sie durch den Eingangsbereich und blieb vor jedem der aufgehängten Bilder stehen.

Da war ihre ältere Schwester Charlotte, die mit ihrer Auszeichnung für ihr Violinspiel in die Kamera lächelte. Charlotte als Gewinnerin des Reiterfests. Charlotte in ihrer Schuluniform, wie sie stolz ihr Abzeichen als Schülersprecherin präsentiert. Charlotte an ihrem sechzehnten Geburtstag. Charlotte in ihrem Chorgewand. Charlotte, wie sie dem Bürgermeister die Hand schüttelt und in die Kamera strahlt .

Dann, ganz am Ende der Reihe, gleich neben der Treppe, ein Foto von Hattie und Charlotte gemeinsam am Strand, beide blinzeln und lächeln in die Kamera. Die Sonne, die auf dem Foto nicht zu sehen ist, scheint grell und heiß.

Hattie konnte sich selbst jetzt noch daran erinnern, wie die Sonne auf ihren Rücken gebrannt hatte. Sie musste ungefähr sechs oder sieben gewesen sein, Charlotte war fünf Jahre älter. Schon seit Langem vermutete Hattie, dass dieses Foto nur aus einem Grund in der Galerie gelandet war: weil Charlotte darauf so einzigartig engelsgleich aussah. Hattie selbst sah dagegen aus wie ein Mauerblümchen, während es im Fotoalbum ihrer Mutter Bilder gab, auf denen sie viel hübscher wirkte.

Sie musste beim Anblick dieses Fotos seufzen. Ihre Eltern würden niemals aufhören, um Charlotte zu trauern, und das erwartete Hattie auch gar nicht von ihnen. Dennoch kam es ihr manchmal so vor, als wäre das Trauern der einzige Daseinszweck ihrer Eltern. Seit Charlottes Tod hatte es nichts Wichtigeres mehr gegeben, als die Erinnerung an sie aufrechtzuerhalten. Hatties eigene Kindheit war in einem solchen Maß davon geprägt gewesen, dass sie sich manchmal gefragt hatte, ob ihre Eltern wohl vergessen hatten, dass da noch eine zweite Tochter war.

Und dann waren da auch noch die fortwährenden Vergleiche, verbunden mit der ständigen Enttäuschung, dass Hattie nicht so war wie ihre Schwester. Zu Charlottes Lebzeiten hatten sie diese Unterschiede zwischen beiden Töchtern immer wieder feiern können, da es mehr als genug Gelegenheiten dazu gegeben hatte. Damals hatten ihre Eltern die Gewissheit gehabt, dass zumindest eines ihrer Kinder so geraten würde, wie sie es sich ausgemalt hatten. Doch mit dem Tod von Charlotte war es Hattie so vorgekommen, als hätte sie sich in die lebende Grabinschrift von Charlotte verwandelt. Als würden sie nun erwarten, dass Hattie all das erreichte, was ihre Schwester vorgemacht hatte, um so die Lücke zu schließen, die der Tod in ihr Leben gerissen hatte.

Durch den Umstand bedingt, dass sie nicht mehr erwachsen werden konnte, blieb Charlotte davor bewahrt, ihre Eltern zu enttäuschen. Sie würde niemals auf die schiefe Bahn geraten, nie den falschen Mann heiraten, nie zu früh oder zu spät in ihrem Leben Kinder kriegen und niemals Fehler machen. Auf allen Fotos würde sie immer noch da sein: die perfekte Tochter, deren Leistungen und Erfolge in erstarrten Bildern bewundert werden konnten. Hattie dagegen, die noch lebte und die fehlbar war, beging all diese Fehler, indem sie sich über den Wunsch ihrer Eltern hinweggesetzt hatte und nach Paris gezogen war, wo sie dann alles falsch gemacht hatte, was man nur falsch machen konnte.

Hattie ging zu ihren Taschen zurück und betrachtete sie. Als in Paris alles den Bach runtergegangen war, hatte der Gedanke an eine Rückkehr in ihr Elternhaus verlockend gewirkt. Jetzt aber war Hattie sich nicht mehr sicher, ob das wirklich eine so gute Idee gewesen war. Der Flur, in dem sie sich jetzt aufhielt, stand eigentlich für all die Gründe, die sie ursprünglich dazu veranlasst hatten, das alles hinter sich zu lassen. Warum war sie dann so versessen darauf gewesen, ausgerechnet hierher zurückzukehren, nachdem ihr Leben in Paris in die Brüche gegangen war? Hatte sie etwa erwartet, in ihrem alten Leben Trost und Sicherheit zu finden? In finanzieller Hinsicht mochte das ja zutreffen, aber in emotionaler Hinsicht würde ein solcher Trost wohl lange auf sich warten lassen.

Sie atmete tief ein und straffte die Schultern. Ihre Eltern würden sich darüber freuen, sie wiederzusehen, und es würde auch guttun, wieder daheim zu sein. Und selbst wenn nicht, würde das Dorf, in dem sie aufgewachsen war, ihr so viel Vertrautes bieten, dass es die Zeit wert sein würde, die sie hier verbringen wollte. Außerdem hatte sie ja nicht vor, für immer hierzubleiben. Sie brauchte nur eine Verschnaufpause, etwas Zeit, um ihr Leben neu zu ordnen und sich zu überlegen, was sie als Nächstes tun sollte .

Sie schaffte ihr Gepäck in eine Ecke des Flurs und ging weiter bis zur Küche. Die Sonne schien durch das Glasdach und wurde von den marmornen Arbeitsplatten reflektiert. Danach zu urteilen, wie intensiv es noch nach Desinfektionsmittel roch, musste die Reinigungskraft Carmen noch kurz zuvor hier gewesen sein. Hattie ging zum Kühlschrank, der wie üblich randvoll mit Lebensmitteln war. Ihr Flug hatte sich verspätet, dadurch war es ihr nicht möglich gewesen, nach dem Einchecken früh am Morgen noch irgendetwas zu essen.

Bestimmt störte es ihre Eltern nicht, wenn sie die Packung...

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